Predigt zum Pfingstmontag - 5.6.2006

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Textlesung: Eph. 4, 11 - 15

Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.

Liebe Gemeinde!

Wenn ich einmal ganz offen spreche, muss ich sagen, was sie vielleicht auch gedacht haben, eben beim Hören dieser Worte des Paulus: Das ist arg schwierig, was der Apostel uns da zumutet. Man weiß am Ende gar nicht mehr so recht, worum es geht. Und besonders pfingstlich ist uns dieser schwierige Abschnitt des Epheserbriefs auch nicht vorgekommen.

Was ich nach mehrmaligem Lesen behalten habe (vielleicht auch behalten wollte?) ist dies: Wir Christen sind der Leib unseres Herrn! Wir sollen hingelangen zur Einheit des Glaubens, davon sollen wir uns nicht von fremder Lehre und Verführung abbringen lassen. Unsere Liebe zueinander soll wahrhaftig sein, dass wir mehr und mehr zu unserem Haupt Jesus Christus hinwachsen. Am Leib Christi hängt ein Glied am anderen und eines unterstützt das andere so gut es kann. So wächst der Leib Christi und wird erbaut durch die Liebe.

Was soll man da noch hinzufügen oder erklären? Wir haben keine Einwände. So soll es sein, so müsste es sein. Was mir und ich denke uns allen jetzt noch fehlt, ist ein wenig Anschauung, ein Beispiel aus dem Leben vielleicht, das uns verdeutlicht, was das heißen kann: Wenn wir einander nach Kräften unterstützen und so jeder von uns und unsere Gemeinde, also der Leib Christi hier im Ort, zu Jesus Christus hinwächst durch die Liebe?

Mit diesen Gedanken bin ich auf die Suche gegangen und wollte eine Geschichte oder ein Beispiel aus dem Leben finden, das ich hier in meine Predigt einfügen kann. Und wirklich, es hat gar nicht lang gedauert, ich habe etwas gefunden. Und so ein bisschen hatte ich das Gefühl, Gottes Heiliger Geist, den wir ja an Pfingsten feiern, hat mir dabei geholfen. Hören sie auf eine kleine Geschichte aus unseren Tagen:

Das Dorf in den Bergen ist sehr arm.
Einmal hatte im Dorf eine kleine Kirche aus Holz gestanden. Eine Kerze, die nicht gelöscht worden war, steckte sie in Brand. Seither ist dort, wo die Kirche stand, ein leerer Platz und die Leute halten im kleinen Schulzimmer Gottesdienst.
Natürlich hätten die Leute gern wieder eine Kirche, aber zuerst müssen sie sparen. Eine Kirche kostet Geld!
Eine alte Frau stirbt. Alles ersparte Geld schenkt sie dem Dorf - für eine neue Kirche.
Da hören die Leute gerade vom großen Erdbeben in Italien.
Sie sehen schreckliche Bilder, lauter eingefallene Häuser.
"Wir wollen eine Kirche bauen und dort ist solche Not?" sagen sie. Und rasch entschlossen schicken sie das ganze Geld ins Erdbebengebiet.
Die eigene Kirche haben die Leute im Dorf aber nicht vergessen. Sie sparen weiter und langsam ist genug Geld beisammen gekommen, damit sie mit dem Bau beginnen können.
"Große Not der Flüchtlinge", steht in der Zeitung, "Niemand will die Boot-Flüchtlinge  aus Asien aufnehmen."
"Können wir eine Kirche bauen, wenn Flüchtlinge keine Heimat haben?"
Und ohne Zögern nehmen sie das ganze Geld, setzen drei alte Häuser in Stand, um in ihnen Flüchtlinge aufzunehmen. Und erneut beginnen sie mit dem Sparen.
Aber jedes Mal, wenn sie Geld haben, hören sie bestimmt wieder von einer Not und die Bauern im Dorf helfen jedes Mal mit ihrem ganzen Geld.
"Wir haben keine Kirche", sagen sie, "aber es gefällt uns doch in unserem Dorf. Wir sind wie eine große Familie." Auf dem Platz, wo einmal die Kirche stehen soll, spielen die kleinen Kinder.
("Dorf ohne Kirche",
von Josef Osterwalder - gekürzt)

Eine sehr schöne Geschichte, nicht wahr? - Das ist ja nun bei uns, in unserer Gemeinde, ganz anders. Wir sind nicht arm. Wir haben auch eine Kirche (einen Ort,) wo wir uns versammeln können, um zu beten, zu singen und Gottes Wort zu hören. Was wir aber nicht haben - jedenfalls nicht in dem Maß wie die Leute des Dorfs aus der Geschichte - ist dieser Sinn für die Not anderer und die Bereitschaft ihnen zu helfen. Darum aber geht es - in der Geschichte und in unserem Leben als Christen. Und darum geht es auch an Pfingsten.

Ist ihnen das eigentlich aufgefallen, dass die kleine Erzählung damit beginnt, dass "eine Kerze, die nicht gelöscht worden war", die alte Kirche in Brand gesetzt hat. Die Freude dieser Menschen am Teilen und Geben ist also eigentlich von einem Feuer ausgegangen. - Feuer, Flammen - die stehen in der Pfingstgeschichte schon seit dem ersten Pfingstfest für den Heiligen Geist! Gewiss ist das sozusagen eine sehr drastische Methode, wenn der Heilige Geist erst ein Kirche niederbrennt, um die Menschen dahin zu führen, dass sie einander wahrnehmen in ihrer Not, dass sie sich gegenseitig helfen und so zum wahren Leib Christi werden. Aber so wird uns das deutlich: Alle äußeren Sachen, selbst ein Kirchengebäude ist nicht so wichtig wie die Liebe und Fürsorge, die wir einander schenken! - Mir kommen da einige Beispiele in den Sinn, wie man sie in Kreisen unserer Kirche häufig beobachten kann:

- Da wird der Jugendraum im Gemeindehaus mit wunderbaren neuen Möbeln ausgestattet, aber am Ende ist er so schön, dass der Kirchenvorstand die Jugendlichen nicht mehr hineinlassen will. Die jungen Leute erfahren in ihrer Gemeinde, was sie oft genug auch dort erleben, wo sie "zu Hause" sind: Dass sie nämlich in bestimmten Bereichen des Hauses oder der Wohnung nichts zu suchen haben, schon gar nicht, wenn sie ihre Freunde mitbringen.

- Da wird ein riesiges "Haus der Kirche" errichtet mit einem großen Saal für 150 Menschen, wie sie die Synoden der heutigen Großdekanate brauchen, wenn sie ein- oder zweimal im Jahr zusammentreten. Ansonsten aber ist kaum etwas los in diesen Häusern. Sie sind am Bedarf der Kirchengemeinden, in deren Bereich sie stehen, vorbei gebaut. Das Geld für die Gebäude (und die Folgekosten!) hätte an vielen anderen Stellen dem Leben der Gemeinde dienen können oder dazu, echte Not zu lindern.

- Da wird in vielen Familien zur Konfirmation ein enormer finanzieller Aufwand getrieben: Eine riesige Feier, teure Kleidung für die jungen Leute, die sie wahrscheinlich hinterher kaum noch anziehen und große Geldgeschenke, die den Jugendlichen noch die langweiligste Konfirmandenzeit nachträglich lohnend erscheinen lassen. Für die geistliche Entwicklung der Jungen und Mädchen wäre allerdings ein wenig Begleitung durch die Eltern oder Paten im Konfirmandenjahr wichtiger gewesen. Und wer hat gar mit seinen Kindern einmal über die Themen aus dem Unterricht gesprochen oder sich auch nur danach erkundigt? Leider ist auch die "Konfirmandengabe" für einen guten Zweck, wie sie früher während der Konfirmationsfeier im Hause der Konfirmierten eingesammelt wurde, in vielen Gemeinden lange abgeschafft und damit eine - oft letzte - Erinnerung daran, dass Christen nicht nur für sich selbst, sondern für ihre Mitmenschen da sein sollen.

Die Menschen aus der Geschichte, deren Kirche in "dem armen Dorf" durch das Feuer zerstört worden ist, haben verstanden, was uns Paulus heute nahe bringen will: Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe. - Ich wünsche Ihnen gute Gedanken und ein gesegnetes Pfingstfest!