Predigt zum Sonntag "Rogate" - 21.5.2006

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Textlesung: Kol. 4, 2 - 4 (5 + 6)

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, daß Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muß. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, daß ihr wißt, wie ihr einem jeden antworten sollt.

Liebe Gemeinde!

Diese Worte des Paulus bieten sich geradezu an, dass wir an ihnen Schritt für Schritt entlanggehen, wie an einem Bestellzettel oder Aufgabenkatalog. In Kurzfassung würde sich das dann so anhören:

- Beharrliches Gebet - Danken - Fürbitte - weises Verhalten - Zeit auskaufen - freundliche Rede - Worte mit Salz würzen - Wissen, was wir antworten müssen. Und wozu das alles? Das "Gott eine Tür für das Wort auftue" und wir den Menschen "das Geheimnis Christi sagen können".

Ich könnte jetzt zu jedem Punkt dieses Katalogs von Maßnahmen noch ein paar ergänzende Gedanken sagen - und danach - denn das würde gut 10 Minuten dauern - langsam zum Schluss kommen. Aber, liebe Gemeinde, ich fände das langweilig und sie sicher auch. Darum habe ich mir etwas anderes gedacht: Ich möchte nur über zwei Dinge aus dem Katalog sprechen und über eine Sache, wozu das alles dienen soll. Ich meine das "Gebet", das "Würzen mit Salz" und das "Auftun der Tür für das Wort". Ich glaube, da liegt schon eine Menge darin - genug jedenfalls für einen Sonntag.

Wir wollen dabei - wie es sich am Sonntag Rogate gehört, der uns ja zuruft: "Betet" - mit dem Nachdenken über das Beten anfangen. Beharrlich soll es sein, unser Gebet, Danksagung soll es enthalten und auch die Fürbitte für andere. Ich glaube schon, dass die meisten von uns dem Beten grundsätzlich etwas zutrauen. Sicher wissen wir dabei nicht immer zu sagen, wie das eigentlich gehen soll: Hört Gott wirklich jedes unserer Worte, jede Bitte und jede Klage? Wenn wir uns dabei nur auf die Christen in der Welt beschränken ... können wir uns das vostellen: 500 Millionen Gebete täglich - dabei nehmen wir einmal an, dass nur jede oder jeder Zweite täglich einmal die Hände faltet. Gewiss: Gott ist groß und allmächtig. Aber begreifen können wir das trotzdem nicht.

Manche von uns denken vielleicht: Gott hört nur hin und wieder auf unser Gebet. Vielleicht geht es da nach einer bestimmten Ordnung, dass wir so alle ein oder zwei Jahre einmal dran sind? Das ist allerdings auch eine merkwürdige Vorstellung, nicht wahr. Wenn wir dann wenigstens wüssten, wann unsere Minute ist, in der Gott uns hört!

Wieder andere - und ich gehöre dazu - haben ganz andere Erfahrungen mit dem Beten gemacht, vor denen diese Fragen nach dem Wie von Gottes Zuwendung zu unserem Gebet ganz unbedeutend geworden ist: Im Stillewerden vor Gott, also wohlgemerkt nicht im Plappern und gedankenlosen Hersagen von Gebetsformeln, liegt neben unseren Fragen, Bitten und Klagen auch immer schon Antwort. Weil das ja eine sehr persönliche Sache ist, will ich auch einmal ganz persönlich sprechen:

Wenn ich Gott meine Wünsche vortrage, dann entstehen vor meinem Inneren etwa Bilder von biblischen Gestalten, die ich kenne, oder es tauchen Erfahrungen auf, die ich schon gemacht habe oder auch - und das ist gar nicht so selten - ich "höre" geradezu eine innere Stimme, die mit mir zu reden beginnt. Und jetzt kommt das Besondere solchen Gebets: Diese Stimme, meine Erinnerungen an das, was biblische Figuren erlebt haben oder auch meine eigenen Erfahrungen sagen mir nun keineswegs, wie ich ans Ziel meiner Wünsche komme. Meistens werden meine Bitten vielmehr ganz klein und unbedeutend, weil mir klar wird, wie gut es mir doch schon geht, wie dankbar ich mit dem sein kann, was ich bin und habe und dass anderen Menschen ganz in meiner Nähe ein viel schwereres Schicksal beschieden ist. Vielleicht verstehen sie das ja, wenn ich sage, dass es mir in solchen Augenblicken ganz unwichtig ist, ob Gott selbst nun in mein Gebet gekommen ist oder ob da sein guter Geist in mir wirkt, den er mir vielleicht schon lange ins Herz gegeben hat?

Jedenfalls ist nach oder schon während eines solchen Gebets auch immer eine große Dankbarkeit da und eine ebenso große Bereitschaft zum Gebet für andere Menschen. Ja, ich denke inzwischen überhaupt, dass all unser Beten viel mit unseren Nächsten zu tun hat. Es ist nie nur so ganz persönlich. Immer wird uns beim Beten neben dem eigenen Glück, den eigenen Sorgen doch auch die Not der anderen vor Augen gestellt. Und immer werden uns in der Stille vor Gott auch unsere Aufgaben an den Mitmenschen deutlich. So wächst aus dem Beten Dankbarkeit und Fürbitte.

"Eure Rede sei ... mit Salz gewürzt". Was meint Paulus hier? Nun, mir sind dazu drei Dinge eingefallen: Salz hat Schärfe. - Was wir sagen, und hier sind unsere Worte über und aus dem Glauben gemeint, soll nicht schal und belanglos sein. Unser Gegenüber muss merken, dass uns selbst bewegt und verändert hat, wovon wir reden. Wenn wir einen Menschen z.B. trösten wollen, dann muss er uns das abspüren, dass uns selbst auch Trost aus dem erwachsen ist, was wir ihm da weitersagen. Und wenn wir ihm erklären, woran wir glauben, dann muss er die Freude darüber in unseren Augen blitzen sehen! Wie könnten wir denn etwa von der Vergebung der Sünden, von der Auferstehung und vom ewigen Leben und von der Liebe Gottes zu uns in einem ähnlichen Ton reden, wie vom Fahrplan der Bundesbahn oder unserer letzten Stromrechnung?

Aber Salz hat und macht auch Geschmack! - Unser Nächster soll an dem, was wir ihm sagen, auch Freude haben. Wir sollen unsere Worte so wählen, dass er uns gern zuhört und vielleicht Lust bekommt, es mit der Sache Gottes, mit seinen Geboten, seinem Willen oder auch dem Beten einfach einmal selbst probiert. Jesus hat uns das schon gezeigt, wie das geht: Lust machen am Glauben ... Er hat eben keine Lehrsätze verkündigt, sondern Geschichten erzählt. Er hat Gleichnisse und damit Bilder aus dem wirklichen Leben vor die Augen der Menschen gestellt. Da haben sie sich wiedererkannt. Und er hat sie so über sich und ihr bisheriges Leben hinausgeführt. Gewiss: Jesus war ein Meister dieser Erzählkunst. Aber auch wir sollten eher von dem reden, was wir erfahren haben als von dem, was in unserem Kopf ist und was man müsste und sollte ... Geschichten sind es, die Menschen verändern, Erfahrungen sind es, die Freude machen, es auch mit ihnen zu versuchen.

Schließlich macht Salz auch haltbar! - Das wundert sie jetzt vielleicht in diesem Zusammenhang, dass ich das anspreche. Aber ich meine das so: "Gewürzte" Rede, eigene Erfahrungen den Menschen weitererzählt - das bleibt haften! Denken wir einmal an das, was wir von Jesus wissen. Könnten sie seinen Weg von Nazareth, wo er aufgewachsen ist, nach Jerusalem, wo er am Kreuz stirbt auch nur ansatzweise nachzeichnen? Aber die Geschichten, die von ihm erzählt werden: vom Fischzug des Petrus, von Zachäus oder der Salbung in Bethanien, die sind ihnen im Gedächtnis. Und gar die Gleichnisse, die Jesus selbst erzählt hat: von den Arbeitern im Weinberg, vom barmherzigen Samariter, den 10 Jungfrauen, dem Schatz im Acker und der Perle, für die einer alles andere verkauft ... Das ist ihnen vertraut und sie könnten es mit ihren Worten wiedergeben.

Und gar nicht anders ist es eben mit den Erfahrungen, die wir anderen weitersagen. Auch die bleiben besser "hängen". Auch an diese erinnern sich die Menschen noch Jahre später. Geschichten, Erfahrungen machen unsere Worte "haltbar" wie das Salz die Speisen, beständig gegen das Vergessen.

Alles das - so sieht es Paulus - dient dazu, dass Gott uns die Türen zu den Herzen der Menschen auftun kann. Und ähnlich wie bei unseren Gedanken über das Beten, ist es auch hier: Die Frage, ob Gott denn selbst all die vielen Türen zu den Herzen aller Christen aufschließt, trägt nichts aus. Aber auch hier, davon bin ich fest überzeugt, wirkt Gott im Hintergrund unseres Handelns. In der verborgenen Tiefe unseres Denkens ahnen wir seinen heiligen Geist. Wo wir vor anderen über unseren Glauben sprechen, da sind wir auf einmal noch nie gebrauchter Worte mächtig und können mit ihnen froh machen, trösten, zum Nachdenken bringen oder dazu ermutigen, einmal selbst mit diesem Jesus von Nazareth Kontakt aufzunehmen und sich um ein Leben nach dem Willen Gottes zu bemühen.

Liebe Gemeinde, lassen sie uns von heute diese drei Gedanken mitnehmen: In der Stille unseres Gebets dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott auf seine Weise gegenwärtig ist und uns auch antwortet, uns zur Dankbarkeit und zur Fürbitte führen will. Unsere Rede vor unseren Mitmenschen soll mit Salz gewürzt sein, mit der Schärfe der eigenen Überzeugung und Begeisterung, dem Geschmack der Freude und Lust an der Sache, die sie anderen schenkt und der "Haltbarkeit" der Erinnerungen, die sich durch unser Zeugnis bei den Mitmenschen einprägen. So will und kann Gott durch unser Tun und Reden die Herzen unserer Nächsten erreichen und verändern. AMEN