Predigt zum Sonntag „Kantate" - 14.5.2006

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Textlesung: Apg. 16, 23 - 34

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Sicher, liebe Gemeinde, man könnte hier über das sprechen, was Paulus und Silas im Gefängnis erdulden mussten: „Hart geschlagen" wurden sie, ins „Gefängnis geworfen", ihre Füße „in den Block" getan ... Oder aber wir denken über dieses Wunder nach: Ein Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnis' wanken, die Türen aufspringen und die Fesseln von den Gefangenen abfallen. Wenn wir das tun, dann fragen wir uns: Ist das wirklich wahr? Wie konnte das geschehen? Wer hat das Wunder getan, die Menschen oder Gott?

Mir ist ein Drittes ins Auge gesprungen, etwas ganz Erstaunliches, für mich genau so wunderbar, wie es die Befreiung der zwei Gefangenen ist. Dieses Dritte beginnt damit: „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott." Warum nur konnten die so geschundenen Gefangenen beten? Wie konnten sie die Worte finden? Und dann auch noch „Gott loben"? Wer bringt denn so viel Glauben und innere Stärke auf, dass er in einer solchen Lage noch singen kann - denn ich bin sicher, Paulus und Silas haben ihr Lob gesungen. (Und hier liegt auch die Antwort auf die Frage, was dieser Predigttext unter den Textvorschlägen für den Sonntag „Kantate" - „Singet" zu suchen hat!)

Aber - wie gesagt - das ist nur der Beginn dieses „Dritten" in dieser Geschichte. Es geht weiter damit, dass die Gefangenen eben nicht, nachdem sie von den Fesseln befreit sind, durch die offen stehenden Türen im Dunkel der Nacht verschwinden. Hören wir uns doch an, was der Aufseher tun wollte: „Er zog das Schwert um sich selbst zu töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen." Niemals hätte er für möglich gehalten, dass die beiden die Gelegenheit zur Flucht nicht nutzen. Aber es kommt sogar noch besser, noch wunderbarer: Die Gefangenen halten ihren Peiniger sogar noch davon ab, dass er sich in sein Schwert stürzt: „Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!" Ich bin ganz sicher, dieser Aufseher hat nicht einen Augenblick darüber nachgedacht, wie es wohl zu dem Erdbeben gekommen war. Das Wunder, das er erlebt hat, war das andere: Zwei Menschen, die hätten in die Freiheit entkommen können, bleiben freiwillig in der Gefangenschaft und sorgen sich auch noch um sein Leben. - Und vielleicht ist das ja auch für uns das eigentliche Wunder in dieser Geschichte? Ich jedenfalls finde, darin liegt sehr viel! Denken wir doch nur daran, wie das ausgeht: „Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war."

Hier hat sich ein Mensch völlig verändert. Aber nicht das Erdbeben, sondern das Verhalten von Christen hat bei ihm das Unterste zuoberst gekehrt. So ist Gottes Wille, der vielleicht das Erdbeben hervorgebracht hat, nur die Tat, die das eigentliche Wunder ermöglicht - und das haben Menschen getan ... und tun können und wohl auch sollen!

Liebe Gemeinde, ich glaube, sie haben jetzt auch angefangen, darüber nachzudenken, ob sie, ob wir heute nicht auch solche Wunder tun könnten und ob unser Gott das nicht vielleicht auch von uns haben möchte? Ich muss sagen, mir sind viele Beispiele dafür eingefallen, wo wir - jede und jeder von uns - solche Wunder in unserer Zeit und in unserer Umgebung wirken können. Und gewiss würden wir die Menschen, die an und mit uns solche Wunder erleben, in ungläubiges Staunen versetzen. Und vielleicht käme dann der eine oder die andere dahin, dass sie auch - wie der Aufseher in der Geschichte - die Überzeugungskraft der Sache Jesu Christi erfahren und zum Glauben finden. - Aber hier sind ein paar Beispiele für solche Wunder aus unseren Tagen:

Schon die Kinder und Jugendlichen in der Schule haben Gelegenheit zu solchen Wundern: Ich denke z.B. daran, wenn ein Neuer in die Klasse kommt. Meist ist das doch so, dass es ihm schwer gemacht wird, seinen Platz und Freunde unter den Mitschülern zu finden: Keiner will sich neben ihn setzen. Man schaut ihn zunächst voller Misstrauen an. Er muss sich erst bewähren - manchmal wochenlang. In der unsichtbaren Rangordnung der Klasse muss er sich hochdienen. Und wehe, wenn er sich zu viel meldet. Dann ist sein Ruf als Streber schnell fertig. - Wenn sich nun einer oder eine seiner annimmt? Einfach deshalb, weil man sich doch ganz gut in seine Lage versetzen kann. Das ist ja nicht schön, wenn man keinen Anschluss findet. Das tut sehr weh, wenn die anderen immer die Stimme senken, wenn man in ihre Nähe kommt - so als hätten sie sich gerade abfällig über einen geäußert. Wenn man da auf den Neuen zuginge, ihm freundliche Worte gönnt, ihn fragt, wo er bisher gelebt und zur Schule gegangen ist, Interesse an ihm zeigt und es ihm so leichter macht, in die Klassengemeinschaft hinein zu finden ... Ich nenne das Wunder. Aber es ist möglich und wir können es tun!

Oder bei den Erwachsenen am Arbeitsplatz: Wenn wir den Fehler eingestehen, den wir gemacht haben. Und eben dann nicht auf den Kollegen neben uns oder gar den kleinen Auszubildenden unter uns weisen. Wir werden so nicht nur den Chef, sondern auch die KollegInnen verblüffen und zum Staunen bringen. Denn „normal" und so wie man es erwartet ist das heute nicht mehr. Schließlich sind die Zeiten hart und man hat schnell den Job verloren. Andererseits: Wahrhaftigkeit ist ein hoher Wert. Und es darf nicht sein, dass der die Folgen tragen muss, der den Fehler nicht verantwortet. Trotzdem: Schnell hat man sich davon gestohlen, so als ginge einen die Sache gar nichts an. Es gehört Mut dazu, sich zu dem zu stellen, was man getan hat. Und ich nenne es in dieser Zeit ein Wunder. Aber es ist möglich. Wir können es tun.

Oder in unserer Kirchengemeinde: Gewiss gehen wir in die Kirche. Wir hören uns die gute Botschaft an, wenn sie auf der Kanzel oder am Grab verkündigt wird. Und wir gehen auch in den einen oder anderen Kreis unserer Gemeinde und nehmen an den Andachten in der Passions- oder Vorweihnachtszeit teil. Aber dass wir von dem reden, was in uns ist, das ist eher selten. Unser Glaube ist verschlossen in unseren Herzen. Er führt kaum einmal unser Wort. Er macht nicht von sich reden. Er bleibt stumm. Was könnte das aber unsere Mitmenschen erstaunen, wenn wir einmal davon sprechen würden, was uns der Kirchgang, das Evangelium, der Herr Jesus Christus bedeutet! Das könnte sie neugierig machen. Am Ende begleiten sie uns demnächst einmal hier zum Gottesdienst. Und die Menschen, die traurig sind über den Tod eines Angehörigen ... Wie gut täte ihnen das, wenn wir einmal nicht nur „herzliches Beileid" sagten, sondern eine Weile mit ihnen redeten, unsere Erfahrungen mit dem Abschied erzählten und auch ansprechen würden, worauf wir hoffen und warum wir die Trauerzeit so gut überstanden haben. Ja, eigentlich ist auch das heute ein Wunder, wenn Menschen vor ihren Mitmenschen von diesen Dingen reden. Aber es ist möglich. Wir können es tun.

„Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war."

Liebe Gemeinde, sicher war das eine andere Zeit damals. Und dasselbe werden wir heute wohl kaum erleben können. Genau so, wie wir ja auch nicht in eine solche Lage kommen werden: „Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!" Aber wir sind zu ähnlichen Wundern fähig und ich glaube beauftragt ...

Und wenn durch uns auch nur einer Hilfe erfährt, in die sonst oft so abweisende Gemeinschaft einer Klasse hineinzukommen ... Und wenn auch nur ein Kollege an uns die Erfahrung macht, dass wir uns zu unseren Fehlern bekennen ... Und wenn durch unseren Glauben, der Worte findet, auch nur eine oder einer in seiner Trauer getröstet wird ... Wäre das nichts? Ich nenne alles das Wunder! Aber sie sind möglich und wir können sie tun!