Predigt zum Sonntag "Misericordias Domini" - 30.4.2006

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Textlesung: 1. Petr. 5, 1 - 4

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Liebe Gemeinde!

Das ist so ein Text, den man gern gleich abtun möchte - und das auch noch mit vermeintlich gutem Recht: „Diese Verse haben nichts mit uns zu tun." - „Eine solche Mahnung habe ich doch nicht nötig!"

Was uns scheinbar dieses Recht gibt, diese Worte weit von uns zu weisen, steht genau in der Mitte: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist ... nicht um schändlichen Gewinns willen." Wer von uns würde denn etwas dafür nehmen, wenn er „die Herde Gottes weidet"? - Aber was ist damit eigentlich gemeint?

Sicher kommen uns da zuerst unsere Pfarrerinnen und Pfarrer, die Prädikantinnen und Prädikanten, die Lektorinnen und Lektoren in den Sinn. Dann die „Ältesten", also die KirchenvorsteherInnen und alle, die uns in der Dekanatssynode vertreten. Wenn wir noch ein bisschen mehr vom Aufbau der Evangelischen Kirche verstehen, denken wir schließlich an die Dekaninnen und Dekane, die Pröpstinnen und Pröpste, die Landessynoden und die Kirchenleitungen. Denn von denen allen würden wir gewiss sagen: Ja, diese Menschen sollen die Sache Gottes in der Welt vertreten und vorantreiben. In Verkündigung, Seelsorge und Verwaltung sollen sie ihren Teil dazu beitragen, dass die „Schafe" aus der „Herde Gottes" auf gute Weide und zu frischem Wasser geführt, vor Gefahren und Irrwegen beschützt und zurückgeholt werden, wenn sie sich verlaufen haben. Und ganz selbstverständlich sollen sie das - auch wo sie ein bezahltes kirchliches Amt bekleiden - nicht darum tun, weil sie dafür Geld bekommen, sondern um der Menschen in der Gemeinde, der Förderung ihres Glaubens, ihrer Wohlfahrt und ihres Seelenheils willen.

Liebe Gemeinde, ich bin nun keineswegs anderer Meinung darüber, dass es so sein soll und dass die eben genannten Amtsträger sich so verhalten sollten. Es fehlt mir aber noch einiges, dass ich sagen könnte: Ja, so werden wir den Worten des Petrus gerecht, so verstehen wir sie richtig.

Da ist zuerst die Sache mit dem „Geld", von dem wir wie selbstverständlich immer zuerst sprechen, wenn wir von „schändlichem Gewinn" hören. Es gibt aber auch ganz andere Dinge, die Menschen - auch in der Kirche - als Gewinn verbuchen würden, da muss kein einziger Euro gezahlt und empfangen werden. Mir fallen dazu mindestens zwei Dinge ein: Da ist zuerst die Macht, die darin liegt oder liegen kann, etwa in einer Kirchengemeinde eine gewisse Position zu haben oder eine Führungsrolle zu spielen. Wir kennen das ja aus Vereinen und von der politischen Bühne: Ohne die oder den gefragt zu haben, läuft überhaupt nichts. Bei allen anstehenden Entscheidungen heißt es: „Vorbehaltlich der Zustimmung von ....." Und so ist auch der Geist innerhalb des Vereins oder der politischen Partei: Eine oder einer beherrscht eigentlich das Ganze. Auch wenn er oder sie abwesend ist, ist er oder sie doch da. Eine Atmosphäre der Unsicherheit ist die Folge. Jeder sucht seinen Platz auf den Rängen unterhalb der Führungsperson. Einer misstraut dem anderen, ob der einen nicht „oben" anschwärzt und man hinten runterfällt. Vor allem geht es eigentlich nicht mehr um die Sache, um die Aufgabe des Vereins oder um das politische Programm der Partei. Die Verteilung der Macht, das Erreichen einer Stellung auf der Stufenleiter und das Behaupten dieser Position bestimmen alles und binden alle Energie.

Und das soll es auch innerhalb der Gemeinde und in der Kirche geben? - Ja, ausdrücklich: Ja! Es gibt Kirchenvorstände, in denen jede Sitzung und jede Diskussion eigentlich nur eine Scheinveranstaltung ist. Wie sie ausgehen wird, steht schon vor Beginn fest. Da ist nämlich der eine, die eine, die im Zentrum der Macht sitzen, die ihre Fäden gezogen und die Entscheidung schon getroffen haben. Und es gibt Leitungsgremien in den Dekanaten, die sich den Teufel darum scheren, was für die Gemeinden gut wäre, für deren Wohlfahrt sie arbeiten sollen. Die Frage heißt: Wer setzt sich mit seiner Ansicht von den Dingen durch. Wer hat hier das Sagen? Und selbstverständlich gibt es das alles auch in den Landessynoden und ihren Ausschüssen, in den unterschiedlichen Gruppierungen, die in den Synoden existieren und schließlich auch in den Kirchenleitungen: Immer geht es um die Personen und ob und wie sie sich durchsetzen - beim Spiel um die Macht, den Einfluss, das Ansehen. Nur um das, was vom Evangelium her getan werden muss, um die Menschen für Jesus Christus, für den Glauben an ihn und für Gottes Sache in der Welt zu gewinnen, darum geht es nicht.

Ein Zweites - ganz eng mit dem Streben nach Macht verwandt - ist der Wunsch, Karriere zu machen, ein höheres Amt zu erreichen, eine bessere Position als die, auf der man im Augenblick sitzen muss. Und auch hier ist der Antrieb nicht zuerst das Geld, auch wenn man weiter oben vielleicht auch die Gehaltsgruppe wechselt. Es ist das scheinbar gute Gefühl, einen höheren Platz einzunehmen, weiter oben zu sitzen als die anderen. Und oft genug fehlt dazu eigentlich jede persönliche und fachliche Eignung. Jedenfalls gibt es auch das überall, wo Menschen in Vereinen, Gruppen, gesellschaftlichen Gruppierungen oder Parteien arbeiten. Und - ich will es jetzt auch einmal deutlich sagen - wir müssen hier ebenso von „schändlichem Gewinn" sprechen, wie wir es nennen, wenn Menschen mit Geld dafür bezahlt werden, was sie tun oder nicht tun.

Aber mir fehlt noch etwas, um sagen zu können, dass wir die Worte des Petrus recht begriffen haben: Auch in unseren Familien gibt es solches Gerangel um Macht und das Erreichen einer besseren Position. Wir sollten uns da einmal nichts vormachen. Manche Anweisung, die wir unseren Kindern als Väter oder Mütter geben, haben nicht zuerst ihr Wohl im Blick, sondern dienen eher dazu, unsere Stellung in der Hausgemeinschaft zu befestigen. Und nicht umsonst sprechen wir ja auch gern von einem „Macht"-wort, das wir gesprochen haben.

Hören wir jetzt noch einmal auf die Worte des Petrusbriefs, die uns für heute zu bedenken vorgelegt sind: "Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde."

„Weiden" ist etwas anderes als Herrschen und Macht ausüben. Da steht ja wie von selbst das Bild vom guten Hirten vor unserer Seele (um den sich ja an diesem Sonntag „Misericordias Domini" sowieso alles dreht!) und von Jesus Christus, der für uns das Urbild dieses guten Hirten darstellt: Wenn wir überall dort, wo wir leben und arbeiten, die Hirten für unsere Mitmenschen sein wollen, dann werden wir alle Gedanken um persönliche Macht und den Aufstieg irgendwo hin „nach oben" aus unseren Köpfen und Herzen vertreiben. Der Mitmensch, der uns „anbefohlen" ist von Gott, wird unser Denken, Reden und Handeln bestimmen. Dann werden wir als Mütter und Väter fragen, was braucht mein Kind jetzt, was wird ihm gerecht und wie kann es seine Gaben am Besten entfalten - an unsere Machtposition in der Familie aber werden wir nicht denken. Und als Kirchenvorsteher werden wir dafür arbeiten und darum ringen, dass in der Gemeinde ein Geist gegenseitigen Vertrauens entsteht, dass Glaube wachsen und die gute Botschaft von der Vergebung der Sünden um Christi willen und von seinem Sieg über den Tod die Menschen befreien und froh machen kann - unsere Stellung unter den „Ältesten" oder in der Gemeinde auszubauen wird nicht das Ziel unserer Arbeit sein. Und überall in den leitenden Ämtern und Gremien in unserer Kirche wird uns allein der Auftrag von Gott her leiten und uns anspornen, dass wir den Gliedern der Gemeinden und allen, die in ihnen in der selben Aufgabe stehen, dienen und den Weg für eine lebendige Glaubensgemeinschaft ebnen, in der jede und jeder die Freiheit der Kinder Gottes und die von ihm gewirkte gegenseitige Liebe - schon hier und heute - erfahren kann - unser Schielen auf das angestrebte höhere Amt wird uns nicht mehr von unserem Engagement für diese Sache ablenken.

Und in allen Gemeinschaften, Gruppen und Bezügen, in denen wir stehen werden wir von innerem Antrieb beseelt, eben von „Herzensgrund" in diesen Aufgaben stehen, nicht als „Herren" sondern als Diener und so als „Vorbilder" für andere, als ein Beispiel, das ihnen Lust und Freude daran macht, es uns gleich zu tun.

Ein letztes muss freilich auch noch gesagt werden, denn die meisten stehen ja selbst nur in ein oder zwei der genannten Gruppen und Beziehungen. Aber auch als Außenstehende werden wir die anderen Menschen etwa in Kirchenvorstand und -leitung, im Dekanat oder auch in den Familien der Verwandten und Freunde immer wieder daran erinnern, was für Christen allein der Grund und der Auftrag all ihres Handelns in der Fürsorge und im Zusammenleben mit ihren Nächsten sein kann: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde."

Und wir wollen uns auch noch das sagen und uns davon ermutigen lassen, womit Petrus seinen Brief beschließt: „So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen."