Predigt zum Ostermontag - 17.4.2006

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Textlesung: 1. Kor. 15, 50 - 58

Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus! Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wißt, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

Liebe Gemeinde!

Es ist ein alter Traum der Menschen, auch der Christen, zu wissen, wie es einmal sein wird: Nach dem Tod, im Himmel, in der Ewigkeit, oder wie wir die uns von unserem Herrn versprochene Zukunft sonst noch nennen. Ich bin auch ganz sicher, dass sich jede und jeder von uns hier diese Frage auch selbst schon gestellt hat: Was kommt nach dem Sterben, wie ist dieses Leben „drüben", ist es ähnlich diesem hier oder ganz anders? Vielleicht - wenn wir schon von lieben Angehörigen haben Abschied nehmen müssen - hat sich diese Frage für uns auch schon so angehört: Werden wir uns wiedersehen, wenn wir in Gottes neuer Welt sind? Werden wir unsere Lieben wieder erkennen? Wie sehen wir, wie sehen sie dann aus?

Wir können das verstehen, wenn die Bibel darüber nur Andeutungen macht. Es ist ja doch noch niemand zurückgekommen. Und das sagen wir heute ja auch, wenn jemand fragt, wie wir uns das Jenseits vorstellen. Notgedrungen haben wir uns zufrieden gegeben damit, dass es ein neues Leben bei Gott geben wird. Ein Theologe hat sogar einmal vom „nackten Dass" der Auferstehung gesprochen und wollte damit sagen, dass wir wirklich keinen biblischen Hinweis darauf haben, wie es in der Ewigkeit Gottes sein wird.

Heute erfahren wir von Paulus auch nicht viel mehr: „... es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen". Aber dann wagt er sich doch noch etwas weiter vor: „Wir werden ... alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick ... und die Toten werden auferstehen unverweslich". Wenn wir diese Worte aber einmal genauer prüfen, dann merken wir schnell: Der Apostel sagt eigentlich auch nicht viel mehr als das, was wir schon wussten. Nein, wir hören auch heute nichts entscheidend Neues. Viel mehr als das „nackte Dass" des neuen Lebens bei Gott kann uns auch Paulus nicht bieten. - Und trotzdem bringt er uns bei unseren Fragen weiter ... ich meine am Ende ... diese unbändige Freude, die da durchscheint, wenn er sagt: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?"

Aber bevor wir weiter über diese Freude des Paulus sprechen, möchte ich eine sehr schöne kleine Geschichte erzählen, die auf ganz ungewöhnliche und seltsame Weise unsere Fragen an das Leben, das Sterben und das Danach aufnimmt - und zu einem wunderbaren Ende führt, oder sagen wir besser: zu einem neuen Anfang. Aber hören sie die Geschichte von den zwei Knaben:

Es geschah, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen, und die Knaben wuchsen heran. In dem Maß, in dem ihr Bewusstsein wuchs, stieg die Freude: „Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?!" Die Zwillinge begannen, ihre Welt zu entdecken. Als sie aber die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: „Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!"

Als aber die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten.

„Was soll das heißen?" fragte der eine.

„Das heißt", antwortete der andere, „dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht."

„Aber ich will gar nicht gehen", erwiderte der eine, „ich möchte für immer hier bleiben."

„Wir haben keine andere Wahl", entgegnete der andere, „aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt!"

„Wie könnte dies sein?" fragte zweifelnd der erste, „wir werden unsere Lebensschnur verlieren, und wie sollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere vor uns diesen Schoß hier verlassen, und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, die Geburt ist das Ende!"

So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte: „Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß? Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem."

„Aber sie muss doch existieren", protestierte der andere, „wie sollten wir sonst hier hergekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben?"

„Hast du je unsere Mutter gesehen?" fragte der eine. „Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können."

Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst. Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen. Sie schrieen. Was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume. (Leben „danach"? – Die Geschichte von den zwei Knaben, von Klaus Berger)

Liebe Gemeinde, sehr viel ist jetzt nicht mehr zu sagen, finde ich. Ganz leicht sind doch die Fragen der Knaben aus dieser Geschichte mit unseren zusammengekommen: „Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß?" sagt einer der beiden. Bei uns heißt das so: Wenn dieses Leben mit dem Tod endet, welchen Sinn hat dann das Leben in dieser Welt? Und das andere: „Hast du je unsere Mutter gesehen?" fragte der eine. „Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können." Das klingt bei uns vielleicht so: Hat einer denn Gott je gesehen? Vielleicht bilden wir uns nur ein, dass es ihn gäbe, weil wir sonst keinen Sinn im Leben finden könnten?

Aber genau an dieser Stelle unserer Gedanken hat uns die Geschichte von den zwei Knaben das alles Entscheidende zu sagen: „... ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?!" ... Als sie aber die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: „Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!"

Das ist es, was die Knaben wenig später schon und wir immer wieder im Laufe unseres Lebens vergessen: Dass unser Leben selbst ein wunderbares Geschenk ist, dass Gottes Liebe und nicht wir selbst es uns gegeben haben und dass es eine Freude ist, leben zu dürfen! Um die Worte des Theologen, von dem ich vorhin gesprochen habe, aufzunehmen: Das Leben ist kein „nacktes Dass"! Das Leben ist reich, bunt und eine Herrlichkeit. Und das im doppelten Sinn: Schön und herrlich ist es. Aber es kommt uns auch von unserem Herrn, unserem Gott. Und hinter ihm steht seine Liebe. Und von der Liebe - selbst von unserer menschlichen Liebe - wissen wir, dass sie „nimmer aufhört", kein Ende hat so wie unser Gott keinen Anfang und kein Ende hat - und Gott ist die Liebe. Und wie nach dem kurzen Leben im Mutterleib das Leben in dieser Welt kommt, so wird nach diesen 70 oder 80 Jahren, die wir hier haben, ein ewiges Leben für uns kommen. Denn: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" Und: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!"

Aber trotzdem bleibt es in der Geschichte von den zwei Knaben und bei Paulus auch dabei: Die Fragen, wie es nach dem Tod sein wird und wo wir dann sein werden, bekommen keine Antwort. Aber je mehr ich darüber nachdenke, umso unwichtiger erscheint es mir, das auch nur wissen zu wollen. Und auf der anderen Seite wird mir die versprochene Freude an und in Gottes neuer Welt immer wichtiger. Warum sollten wir denn daran zweifeln, dass Gott uns in Jesus Christus ein neues Leben geben will, gegen das dieses - bei aller Herrlichkeit und allem Schönen, das es doch auch enthält - nur einen kleinen Vorgeschmack auf Gottes Liebe schenkt, wie wir sie in Ewigkeit erfahren sollen.

Und auf einmal verstehe ich den letzten Satz der Geschichte von den Knaben, als hätten sie vorweg genommen, wie es auch uns einmal ergehen wird: „Sie schrieen. Was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume."