Predigt zum "Karfreitag" - 14.4.2006

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Textlesung: Hebr. 9, 15. 26b - 28

Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen, sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde!

Das fing etwa vor zwei Wochen an: "Und noch ein schönes Osterfest!" Oder: "Frohe Osterfeiertage wünsche ich ihnen!" In den letzten drei Tagen wurde es dann ständig gesagt: "Gesegnete Ostern! Fröhliches Osterfest!" Mich hat das nachdenklich gemacht. Mir fiel auch so einiges ein, was zu diesen "Osterwünschen" passt: Die Kinder haben Osterferien bekommen. Der Osterreiseverkehr hat begonnen. Die Auslagen der Geschäfte sind auf "Ostern" dekoriert.

Merken sie, worauf ich hinaus will? - Wo bleibt eigentlich der Karfreitag? Warum heißt es nie: Besinnliche Passionstage? Oder: Ein gesegneter Karfreitag? Und warum - wenn die Ferien doch immer so früh vor Ostern beginnen, haben wir eigentlich keine "Passionsferien"? Warum spricht keiner von der ersten "Passionsreisewelle"? Warum sehen wir immer gleich und immer nur das Osterfest?
"Ach, das hat sich halt so eingebürgert!" - Schon, aber ist das ein hinreichender Grund? "Das klingt einfach netter: Frohe Ostern!" - Ist der gute Klang entscheidend? "Na, wer wird denn einen guten Karfreitag wünschen?" - Warum eigentlich nicht? Gäbe es denn ein Osterfest ohne Karfreitag?

Von der Leidensgeschichte unseres Herrn her betrachtet ist alles klar: Keine Osterfreude ohne den seinen unsäglichen Schmerz am und für uns unter dem Kreuz! Kein leeres Grab ohne einen Leichnam, den sie zuvor hineingelegt haben. Keine Auferstehung ohne Tod. Kein Sieg ohne Kampf. Keine Vergebung für alle Menschen ohne Christi Opfer. Kein Ostern ohne Kreuz! - Warum drücken wir uns aber dennoch so gern um den Karfreitag herum? (Und das können wir ja auch in jedem Jahr wieder am Kirchenbesuch heute und in drei Tagen ablesen!)

Warum wollen wir den Todestag unseres Herrn gern übergehen, ausklammern, nicht wahrnehmen? Ich glaube, das hat mit dem Thema zu tun, auf das uns dieser Tag notwendig stößt: Das Leiden. Wir wollen um das Leid einen Bogen machen. Um das fremde, dessen Zeuge wir werden und um das eigene auch. Wir wollen zwar gewinnen, aber ohne zu kämpfen. Wir möchten neu werden, aber ohne schmerzhafte Verwandlung. Wir wollen gesund sein, aber ohne die Krankheit durchzumachen. Wir möchten auferstehen, ohne den Tod zu schmecken. Wir wollen Sieg ohne Kreuz, Ostern ohne Karfreitag. - Aber alles das kann es nicht geben! Ein für allemal steht vor der Freude das Leiden: ... gekreuzigt und begraben ... und am dritten Tage erst auferstanden von den Toten! So ist der Weg. Nur so!
Mir sind bei diesen Gedanken drei Menschen eingefallen. Worüber wir jetzt sprechen ist für mich gerade ihr persönliches Problem: Sie wollen nur Ostern, aber ohne Kreuz. Sie wollen ein neues anderes Leben, aber ohne schmerzhafte Ablösung vom Alten. Ich bin überzeugt davon, dass es heute viele Menschen gibt, deren Entwicklung und Wachstum gerade daran scheitern. Weil sie nicht stark genug für den Karfreitag sind, kann es für sie kein Ostern werden. Darum sollen diese drei Menschen hier einmal ein Beispiel abgeben. Ich will ganz kurz ihre Geschichten erzählen und hoffe, dass sich andere auch in ihnen erkennen:

Der erste ist ein Mann weit über 80 Jahre alt. Er weiß, seine Lebenserwartung ist nicht mehr allzu groß. Irgendwie hat er seine Sache mit Gott immer ausgeklammert, an den Rand geschoben, für "später" aufgehoben. Aber jetzt ist später! Das weiß er. Er hat nun angefangen in der Bibel zu lesen. Alle zwei Wochen besucht er den Gottesdienst seiner Gemeinde. Er macht sich viele Gedanken: über die verflossenen Jahre, über das, was noch kommt, über das Sterben und die Ewigkeit.

Aber das ahnt ja keiner, wie schwer das ist! 1000 Fragen kommen ihm über der Lektüre der Bibel. Das ist eine andere Welt, die mit seiner, die er immer kannte, so wenig zu tun hat. Er begreift das gar nicht, warum Jesus Mensch werden musste. Warum es von ihm heißt, er hätte "durch sein eigenes Opfer die Sünde" aufgehoben. Und was bedeutet das: Erlösung? Wie fühlt sich das an: Sünde? Und seine Familie macht's ihm auch nicht leicht! Sie sind nicht zimperlich: "Der Opa will wohl noch fromm werden auf seine alten Tage?" - "Was, zur Kirche gehst du jetzt auch noch?" Und er kann seinen Kindern und Enkeln nicht einmal böse sein. Von wem haben sie denn ihr eigenes Verhältnis zu Gott und zum Glauben gelernt - oder besser: nicht gelernt? Kurz: Der alte Mann steht das nicht durch! Er wird wieder aufhören mit dem Bibellesen. Auch zum Gottesdienst wird er nicht mehr gehen. Er würde wirklich gern neu anfangen, noch den Weg finden - es ist einfach zu schwer! Die Hürden sind zu hoch! Doch: Er wünscht sich ein Ostern für sein persönliches Leben! Aber der Karfreitag ...

Dann möchte ich von einer Frau erzählen: Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie wollte immer so gern ein gutes Familienleben haben. Der Mann sollte in ihr die beste Partnerin finden. Den Kindern wollte sie Mutter und Freundin sein. Über alles sollten sie mit ihr reden können. Dann hat sie irgendwann gemerkt: Da sind ja noch eigene Interessen. Man kann ja nicht nur in seinen Aufgaben als Ehefrau und Mutter aufgehen. Sie konnte es jedenfalls nicht. So hat sie sich eine Beschäftigung gesucht und gefunden. Einen eigenen Bereich, der nur ihr gehört. Hier kann sie zeigen, dass noch mehr in ihr steckt als Kochen, Putzen und Waschen ...

Aber die andere Arbeit wurde nicht weniger! Alles kann sie nicht unter einen Hut bringen. Der Mann ist unzufrieden, das merkt sie. Die Kinder fühlen sich nicht mehr so wohl wie früher - sie selbst im Grunde auch nicht. Wie soll sie alles vereinbaren?

Sie hätte reden müssen! Man hätte im Gespräch eine Lösung suchen müssen! Leicht wäre es nicht gewesen! Wo anfangen? Wer soll nachgeben? Wahrscheinlich doch wieder sie!? - So aber kann es auch nicht mehr weitergehen. Sie muss eine Lösung finden, bevor zu viel in der Familie kaputtgeht! Aber die Kämpfe! Die Zeit! Der Ausgang der Gespräche - wahrscheinlich zu ihren Ungunsten. Die Wunden! - Wie gern würde sie verändern, was sie selbst nicht mehr ertragen kann! Wie wünscht sie sich Ostern! Aber der Karfreitag ...
Und über einen ganz jungen Menschen möchte ich sprechen. Er soll bald konfirmiert werden. Und er nimmt es ernst! Das ist ihm wirklich wichtig: Die Einsegnung, das Leben mit Christus, der Weg mit ihm, die guten Gedanken aus der Konfirmandenzeit ... Er möchte wirklich dabei bleiben, bei Christus und seiner Sache. Gottesdienst und Abendmahl, vielleicht Bibelkreis oder Mitarbeit in einer Jungschar oder im Kindergottesdienst.

Aber es wird alles anders sein, wenn der Tag der Konfirmation erst vorüber ist! Da gibt es diese dummen und doch mächtigen Gesetze: "Wenn du konfirmiert bist, musst du doch nicht mehr in die Kirche!" Da gibt es die blöden Sprüche der Altersgenossen, die man doch so schwer überhören kann: "Was, du gehst noch zum Pfarrer? Du bist doch eingesegnet!" Da sind auch die eigenen - ganz neuen - Interessen: Man ist ja schließlich konfirmiert, da darf man doch mal abends länger weg, auch mal zur Disko, und da bleibt man doch morgens gern mal länger im Bett ... Und man "braucht" ja nicht mehr zum Gottesdienst ... jedenfalls nicht jeden Sonntag ... Einmal im Monat reicht doch schließlich auch ... an Heiligabend, bei der Trauung wieder! O ja, der junge Mensch möchte es anders machen als die meisten! Nicht aufgehen im Durchschnitt! Wirklich mal etwas Neues beginnen: Ein junger Mensch sein, der in seiner Gemeinde ein Zeichen setzt, an dem sich der Pfarrer freuen kann, ein Beispiel für die Altersgenossen, eine Hoffnung für seine Eltern und Mitchristen. - Schwer wird es werden, sehr schwer! Wenn ihm die Leute nur nicht allzu viel in den Weg legen würden. Welche Hindernisse wird er noch überspringen können? Doch, mit ihm soll es Ostern werden. Aber der Karfreitag ...
Liebe Gemeinde!

Ich muss vor diesem Hintergrund an unseren Herrn denken. Was macht mich das so dankbar: Er hat den Karfreitag ausgehalten! "So ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen". Im Garten Gethsemane heißt es bei ihm nicht: Vater, ich kann das nicht tragen. Dein Wille ist eine Zumutung und zu schwer für mich. Nein: "Wenn 's möglich ist, dann lass den Kelch an mir vorbeigehen, ohne dass ich ihn trinke. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" Er nimmt das auf sich, was ihm so unendlich schwer geworden ist. Er geht unter das Kreuz und bleibt drunter. Er stirbt am Leiden. Er opfert sich - für dich und mich - und war doch unschuldig! So kann es Ostern werden. Nur so!

Und - sie verstehen das jetzt sicher - das würde ich gern dem alten Mann sagen: Nur durch eine schmerzhafte Veränderung hindurch kannst du neu werden! Und der Frau möchte ich das zurufen: Wenn du jetzt das Leid scheust, wenn du dich jetzt vor der Aussprache drückst und vor der Auseinandersetzung, auch wenn sie wehtut, dann werden die Probleme nur noch größer und eine Lösung gelingt vielleicht nie mehr! Und dem jungen Menschen möchte ich vor Augen stellen: Der Pfad hinter diesem Herrn Jesus Christus her ist immer eng, keine Prachtstraße. Die Masse geht in der anderen Richtung, wo sich bequemer schreitet. Christi Spur zu folgen, kostet was! Man hat so manche Leute dann nicht zu Freunden. Aber man hat den richtigen Weg und ist beim richtigen Herrn. Und ein Ziel hat man auch!

Nein, es gibt kein Ostern ohne Karfreitag! Darum wünsche ich heute uns allen einen gesegneten Karfreitag - nicht den auf dem Kalender meine ich, sondern den in unserem Leben! Und dann - dann erst - möchte ich ihnen frohe Ostern wünschen!