Predigt zum Sonntag "Palmarum" - 9.4.2006

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Textlesung: Jes. 50, 4-9

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Liebe Gemeinde!

Wir können uns über den, der hier spricht, nur wundern: Woher kommt diese unglaubliche Beharrlichkeit als "Jünger" in einem Leben, dass wahrhaftig nicht leicht ist? Ich weiche nicht zurück! Gott hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Gott ist auf meiner Seite, wer will mich verdammen? Und woher kommt diese Bereitschaft zum Leiden? Ich biete meine Wange und meinen Rücken dar, dass sie mich schlagen! Mein Angesicht verberge ich nicht vor Schmach und Speichel? - Hat da einer Freude daran, von anderen geschunden zu werden? Bereitet es ihm Vergnügen, sich selbst zu quälen?

Es gibt ja doch Menschen, denen es innere Genugtuung verschafft, immer den unteren Weg zu gehen, sich zu kasteien und zu plagen, immer nur an die anderen zu denken und an sich selbst gar nicht - oder zuletzt. Und ein kleines Stück weit gehört das ja sicher auch zu einem menschlichen, zumal einem christlichen Leben. Ich bin überzeugt, es könnte z.B. in der Pflege kranker oder alter Menschen keiner Dienst tun, wenn er nicht ein wenig von diesem Denken und Wesen hätte. Und die Liebe zu einem Menschen befreit uns immer auch vom allzu starken Kreisen um uns selbst und unseren Vorteil oder unser Befinden. Schließlich kann ich mir auch keinen politischen Mandatsträger vorstellen, der unseres Vertrauens würdig wäre, der nicht das Wohl und die Zukunft der Menschen im Auge hätte, die ihn ins Amt gewählt haben. Aber das wird doch mehr oder weniger immer in einem gewissen gesunden Maß bleiben und sich nicht so ausdrücken wie hier: "Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel." Hier fragt man sich schon: Ist das noch im rechten Maß? Ist das noch gesund?

Denn dass es ungesund wird, gibt es ja auch: Eine Frau in den mittleren Jahren fällt mir ein, die hat sich wahrhaftig noch niemals etwas gegönnt: ein Vergnügen, einen Urlaub oder etwas besonders Schönes zum Anziehen. Warum ist sie so? Nun, es gab Zeiten in ihrem Leben, da hat sie die Pflege zweier alter Menschen aus ihrer Familie zu leisten gehabt und dabei nie geklagt. Und es war oft sehr schwierig und sie hat wohl auch manchmal heimlich geweint. Von ihrer Schwester aber wollte sie sich auch nie helfen lassen, obwohl sie das mehrfach angeboten hat. "Nein, ich kann das ganz gut tragen", hat sie gesagt und dann wieder für lange die Zähne zusammengebissen. Heute sind diese Zeiten lange vorbei! Die beiden Alten sind gestorben. Die Frau könnte inzwischen auch einmal einen guten Tag haben: Einen Einkaufsbummel hin und wieder. Einmal auswärts Essen gehen. Und auch einmal für ein paar Wochen wegfahren. - Sie kann es einfach nicht mehr. Sie schafft es nicht, einmal an sich selbst zu denken und etwas nur für sich zu tun.

Männer, die so sind, gibt es sicher weniger. Aber ganz fremd ist ihnen diese Haltung auch nicht: Sie haben dann vor lauter Selbstverachtung nur noch den Dienst am Mitmenschen im Blick. Oder sie spüren gar nicht mehr, wie klein sie sich machen und für wie unbedeutend und unwichtig sie sich selbst halten. - Ausdrücklich: So soll es auch nicht sein. Und als Christen wissen wir: Gott liebt uns alle gleich und will, dass wir nicht im Schatten, sondern im Licht seiner Sonne leben, Freude haben und auch ein wenig Lust und Vergnügen ...

Da hören wir heute: "Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meine Wangen denen, die mich rauften." Und wir fragen noch einmal: Ist das nicht auch eine eher ungesunde Haltung Gott und den Menschen gegenüber? Sollen wir uns etwa eine solche Haltung zu eigen machen?

Hören wir noch weiter: "Gott ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten?" Gehen wir jetzt doch einmal von der anderen Seite an diese Gedanken heran: Da hat einer ein schier unglaubliches Vertrauen in Gott! Er weiß eines ganz sicher: Gott ist mir nah! Ich bin im Recht, auch wenn ihr mich behandelt, als wenn ich im Unrecht wäre.

Hier geht es also anscheinend nicht so sehr um einen Mangel an Selbstwertgefühl oder eine zu stark ausgeprägte Leidenssehnsucht. Das Vertrauen zu Gott steht im Mittelpunkt der Worte dieses "Jüngers", wie er sich selbst bezeichnet: "Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?" Felsenfest ist der Glaube dieses Menschen! Was auch immer geschieht, wie auch immer ihr mir zusetzt, durch was alles ich noch hindurch muss ... Gott steht mir zur Seite! Er kämpft für mich. Er verteidigt mich gegen alle Angriffe - wenn auch nicht immer im Augenblick, am Ende siegt Gott und mit ihm und durch ihn der Mensch, der sich auf ihn verlässt. Fast ein bisschen triumphierend hört es sich da an, wenn dieses Vertrauen sogar noch Gottes letztes Ureil über die Widersacher vorwegnimmt: "Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen."

Was mir dabei in den Sinn kommt, ist einmal dies: Was wünschte ich mir und uns allen ein solches Vertrauen: Mir kann in dieser Welt und in diesem Leben nichts geschehen! Gott steht mir bei! Alles, was mir widerfährt, muss erst an ihm vorbei. Wer mir Böses will, bekommt es mit Gott zu tun. Und schließlich wird immer alles gut für mich ausgehen. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, dass wir unser Leben auch so einrichten, wie es nach Gottes Willen sein soll. Zur Zeit des Schreibers dieser Worte war das völlig klar: Gott, der mich gerecht spricht, ist mir nah! Diese Gerechtigkeit vor Gott war und ist den Juden ja das wichtigste Anliegen überhaupt! Darum war und ist es vor dem Hintergrund dieser Zeilen aus dem Jesajabuch klar: Wenn wir gerecht sind vor Gott, wenn wir sein Gebot und seinen Willen tun, dann lässt Gott uns nicht fallen. Er hilft uns vielmehr durch alle Schwierigkeiten, alle Anfeindungen und alles Leid hindurch.

Aber ein Zweites gibt mir zu denken: Der "Jünger" der hier spricht, hat viele Hundert Jahre vor der Geburt Jesu Christi gelebt. Wenn er schon ein solches Vertrauen in Gott aufbringen kann, um wie viel mehr müssten wir solchen festen Glauben haben!? Was hatte dieser Jünger denn schon als Bekräftigung seines Vertrauens: Eine alte Geschichte von der Rettung Israels vor der Streitmacht des Pharao am Schilfmehr. Aber die war damals auch schon einige Jahrhunderte alt! Ansonsten musste er sich auf die Verheißungen der Propheten (z.B. des Jesaja) verlassen, dass die Juden, die damals in Babylon gefangen saßen und auch er selbst einmal wieder in Freiheit und in der Heimat sein und ihrem Gott einen neuen Tempel bauen würden.

Wie viel mehr ist uns geschenkt, um unseren Glauben darauf zu gründen und daran fest zu machen: Jesus Christus, der Sohn Gottes, war in der Welt. Er hat gelebt, um uns zu zeigen, wie die Gerechtigkeit vor Gott aussieht. Er hat von Sünde gesprochen, aber auch von neuem Anfang, von Schuld, aber auch von Vergebung. Und dann hat er alles, was er gesagt hat, mit seinem Leiden und Sterben für uns bekräftigt. Aber noch nicht genug: Er ist auferstanden am dritten Tag und ist heimgekehrt zu Gott. Auf ihm ruht unser Glaube, dass wir durch alle Anfechtungen und alle Leiden und schließlich durch den Tod hindurch zu Gott gehen werden, dorthin, wohin er uns vorausgegangen ist.

Liebe Gemeinde, einen solchen Glauben dürfen wir fassen! Darauf dürfen wir vertrauen! Dann - und nicht aus Mangel an Selbstwertgefühl oder weil wir es gern hätten, dass es uns schlecht geht - können wir heute auch so denken und reden, wie es der "Jünger" damals tat:

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR öffnet mir das Ohr. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich biete meinen Rücken dar denen, die mich schlagen, und meine Wangen denen, die mich raufen. Mein Angesicht verberge ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Wer will mein Recht anfechten? Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?

Aus einem solchen Glauben kommt eine große Gelassenheit, die durch schwere Zeiten hindurchgeht wie durch leichte. Aus einem solchen Vertrauen erwächst uns eine Kraft, die noch die dunkelsten Stunden bestehen kann und am Ende sogar die Schwelle des Todes zum Leben überschreitet.