Predigt zum Sonntag "Reminiscere"   -   12.3.2006

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Liebe Gemeinde!

Meinen sie, uns Predigern macht das Spaß, wenn uns immer wieder für den Sonntag so niederdrückende Predigttexte verordnet sind? Heute wird's sogar besonders schlimm! So schlimm, dass es einem schon den Mut nehmen kann. Da bleibt am Ende wenig übrig, was uns Trost und Kraft für die kommende Woche geben könnte - und dafür gehen wir doch in die Kirche, oder? Allerdings: Ich könnte mir auch Gottesdienstbesucher denken, die sich hier - heute morgen - in Frage stellen lassen wollen. Menschen, die genau merken, dass bei ihnen und in dieser Zeit einiges nicht in Ordnung ist. Vielleicht sind hier sogar solche, die spüren, dass wir in eine Katastrophe treiben, wenn, ja wenn wir die Kräfte und Entwicklungen nicht in den Griff bekommen, mit denen wir uns selbst zerstören. Zu diesen Leuten will der Predigttext sprechen. Er steht bei Jesaja im 5. Kapitel:

Textverlesung: Jes. 5, 1 - 7

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, daß er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Liebe Gemeinde!

Bitte, versuchen sie jetzt nicht gleich, diese Worte zu entschärfen! Bitte denken sie nicht: So eine alte Geschichte! Die wurde ja vor zweieinhalbtausend Jahren schon aufgeschrieben - und bis heute ist nichts geschehen. Die Drohung war alles. Das Unheil ist ja doch ausgeblieben. Das wäre nicht richtig! Die Bürger Jerusalems, die Menschen im alten Israel haben das schreckliche Verhängnis erleben müssen! Ihre Städte wurden verwüstet. Sie selbst verschleppt und in die Verbannung geführt. Nur ganz wenige durften nach Jahrzehnten zurückkehren. Sie mussten erfahren: Gott droht nicht nur an, er tut's auch, hart und unerbittlich. Es kommt einmal die Zeit, da wird nicht mehr nur gemahnt und gewarnt - dann handelt Gott.

Wenn wir diese Verse jetzt einmal auf uns beziehen: "Mein Freund hatte einen Weinberg ... er grub ihn um, entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben ..." Ich kann mich da erkennen! Hat nicht "der Freund" viel für mich getan? Hat Gott mir nicht Gesundheit, einen Beruf, eine Familie, gutes Auskommen, Freude und Anerkennung gegeben? Und wie viel könnte ich noch nennen! Und mit dir, hat er's da nicht genauso gehalten? Bist nicht auch du beschenkt durch ihn? Sind nicht auch deine Anlagen, deine Voraussetzungen "Frucht zu bringen" bestens?

Und wir dürfen hier ruhig auch einmal an unser ganzes Volk denken und unsere jüngere Geschichte: 1945 Schutt und Asche. In wenigen Jahren wieder erstes Blühen, erste Frucht, keiner musste mehr hungern, jeder hatte sein Dach über dem Kopf. Und immer weiter aufwärts ging es: Die Schlote rauchten. Man war wieder wer. Vollbeschäftigung, Aufschwung, ja "Wirtschaftswunder". Ich finde, es reicht nicht, nun zu sagen: Wir waren halt fleißig! Die Deutschen sind halt strebsam! Wir haben das alles aufgebaut! Da gefällt mir dieses alte Lied besser: "Singen will ich von meinen lieben Freunde. Mein Freund hatte einen Weinberg auf fetter Höhe ..."

Nun ist das aber nicht bloß ein Lied von dem, was war und was ist! "Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde!" Das muss ich mir auch sagen lassen, auch wenn ich davor erschrecke. Aber wirklich: Was wird denn aus meinen Gaben und Anlagen - für andere? Wie wenige "Früchte" erwachsen aus dem, was Gott für mich tut - für die Mitmenschen? Und steht's bei dir denn besser? Ein Kreisen um den eigenen Nabel ist das Leben. Gerade noch unsere Familie ist im Blick, aber nicht mehr die Tür des Nachbarn. Und schließlich: Deutschland: Außer Rüstung und Sicherung ist uns nach 1945 zum Thema "Frieden" wenig eingefallen. Der Kampf, den persönlichen Wohlstand zu mehren und zu erhalten, tobt mit großer Gewalt. Ein Lebensstandard, von dem wir nach dem Krieg niemals auch nur geträumt hätten, kommt uns heute normal vor. Über den Hunger und das Elend auf der anderen Seite des Globus gehen wir hinweg. Die Wirtschaft, das Arbeitsleben ist vielerorts zum Dschungel geworden, in dem einer den anderen aufrisst. Überall - schon in den Schulen! - herrscht das seelenlose Gesetz der Leistung, und das wird in Zeiten des Geldmangels nicht besser, sondern immer härter! Der "Weinberg" treibt neue, furchtbare Blüten: Ausländerhass, die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auf, Angst um den Arbeitsplatz, dabei aber auch die Verachtung und Verächtlichmachung von wirklich arbeitsunfähigen Menschen, die viele heute mit solchen in einen Topf werfen, die Arbeit scheuen und sich vor jeder Tätigkeit drücken, das soziale Netz bekommt immer größere Löcher ... Und das sind beileibe nicht die einzigen Folgen des Geistes, der bei uns sein Regiment führt! Aber was ist das eigentlich für ein "Geist"? Wir lesen davon in den Versen, die auf das Lied vom Weinberg folgen:

Textverlesung: Jesaja 5, 8 - 23

Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen! Es ist in meinen Ohren das Wort des HERRN Zebaoth: Fürwahr, die vielen Häuser sollen veröden und die großen und feinen leer stehen.

Denn zehn Morgen Weinberg sollen nur einen Eimer geben und zehn Scheffel Saat nur einen Scheffel. Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt, und haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, aber sehen nicht auf das Werk des HERRN und schauen nicht auf das Tun seiner Hände! Darum wird mein Volk weggeführt werden unversehens, und seine Vornehmen müssen Hunger leiden und die lärmende Menge Durst.

Daher hat das Totenreich den Schlund weit aufgesperrt und den Rachen aufgetan ohne Maß, daß hinunterfährt, was da prangt und lärmt, alle Übermütigen und Fröhlichen. So wird gebeugt der Mensch und gedemütigt der Mann, und die Augen der Hoffärtigen werden erniedrigt, aber der HERR Zebaoth wird hoch sein im Gericht und Gott, der Heilige, sich heilig erweisen in Gerechtigkeit. Da werden dann Lämmer weiden wie auf ihrer Trift und Ziegen sich nähren in den Trümmerstätten der Hinweggerafften. Weh denen, die das Unrecht herbeiziehen mit Stricken der Lüge und die Sünde mit Wagenseilen und sprechen: Er lasse eilends und bald kommen sein Werk, daß wir's sehen; es nahe und treffe ein der Ratschluß des Heiligen Israels, daß wir ihn kennenlernen!

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!

Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und wackere Männer, Rauschtrank zu mischen,

die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind!

Beschreiben diese Worte nicht auch unsere Zeit?: Geiz, Eigennutz, Ichsucht, Korruption, Verdrehung der Wahrheit, Beugung des Rechts, Unterdrückung der Schwachen ... Ist das nicht der "Geist", der heute regiert? Und hat er uns nicht auch am Wickel? Aber auch hier wird nicht nur beschrieben - wir dürfen auch schon wissen, wo das hinführt: "Daher hat das Totenreich den Schlund weit aufgesperrt und den Rachen aufgetan ohne Maß, daß hinunterfährt, was da prangt und lärmt ..." Für Israel ist das eingetroffen! Kein Stein blieb auf dem anderen. Wo einst Paläste und Tempel prunkten, blieben nur Ruinen und Trümmer. Sie selbst gingen in die Verbannung. - Was wird uns blühen?

Es ist wirklich wenig in diesen alten Versen, was uns Mut machen könnte. Sie sind schon einmal eingetroffen und sie werden wohl wieder eintreffen? So denken heute schon Menschen, die ansonsten nichts von den Worten der Bibel halten. Ich will diese unheilvollen Aussichten jetzt auch nicht krampfhaft heller erscheinen lassen. Ich denke, ich darf das auch nicht, auch wenn uns das diesen schrecklichen Druck von der Seele nähme, der inzwischen auf uns lastet. -

Einen Hoffnungsschimmer aber sehe ich - und der liegt schon über diesem uralten Lied vom Weinberg: "Singen will ich von meinem Freunde ..." Der Gott, der uns so liebevoll angelegt hat, der uns schon ein Leben lang hegt und pflegt, ist unser Freund! Ob uns das nicht sagen will: Gott mag den Zaun nicht entfernen! Er mag die Mauer nicht einreißen! Er will nicht, dass wir verkommen und wüste werden! Er ist unser Freund. Noch. An dem "Freund" möchte ich mich festhalten!

Ich möchte von daher den Mut und die Kraft bekommen, noch heute anzufangen: Meine Gaben und Fähigkeiten endlich den Mitmenschen ganz zur Verfügung zu stellen. Ich möchte die ewige Frage aus meinem Denken verbannen: Was bringt mir das? Der "Freund", der mir in meinem Leben schon so viel Gutes getan hat, möchte Frucht sehen - für sich und seine Sache. Hat er denn kein Recht darauf?

Vielleicht hilft dir das nun auch, das Kreisen um dich selbst aufzugeben: Nicht mehr länger "mein" Geld, "mein" Eigentum, "mein" Weiterkommen, "meine" Karriere... Gott hat dir's gegeben! Er hat es dir geliehen; er kann dir's auch wieder nehmen. Er kann den Weinberg verwüsten, der die Früchte verweigert. Vielleicht hat er die Hand schon gehoben?

Der Hinweis auf die, denen Gott ganz gleichgültig ist, nützt uns auch nichts. Es schützt sie nicht, wenn sie sich nicht um ihn scheren. Und wir müssen die nicht beneiden, die ahnungslos ins Unheil laufen. Wir dürfen dem "Freund" danken, wenn er uns warnt. Wir dürfen die Frist nutzen, die er uns lässt, ihm doch noch "Früchte" abzuliefern. Auch unser Volk - und das ist schließlich jeder von uns - mag sich wieder einmal erinnern, wo und wie wir vor 60 Jahren aufgebrochen sind, was wir mit Gottes "freund"-licher Hilfe erreicht haben. Wie mag der "Freund" auf seinen Weinberg schauen? Wie mag unseren Gott berühren: Dass wir jährlich viele Milliarden für die Rüstung verpulvern und für die Hungernden nur ein paar Millionen haben? Dass wir die Ausländer, die wir vor Jahren ins Land geholt haben, nun am liebsten wieder loswürden? Dass wir unser Herz nun an Konsum und Luxus hängen. Dass wir einander oft nur nach der Leistung beurteilen, die wir bringen. Dass wir übereinander herfallen und einer des anderen Teufel ist. Dass wir schließlich den immer mehr vergessen, der uns alles geschenkt hat: Gott, den "Freund".

Wie gesagt: Spaß macht das nicht, diese Botschaft auszurichten. Trost und Kraft für uns liegen auch nicht darin. Vielleicht aber halten wir uns daran fest, dass Gott unser "Freund" ist. Und vielleicht machen wir heute einen Neuanfang mit ihm!? Er schenke uns noch die Zeit, Früchte zu bringen! AMEN