Predigt zum Sonntag "Invokavit" -  5.3.2006

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Textlesung: 2. Kor. 6, 1 - 10

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): "Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Liebe Gemeinde!

Ich hätte nach dem ersten Lesen dieser Worte des Paulus am liebsten so fortgesetzt: ... als die Lesenden, die doch wenig verstehen, als die Hörer, die kaum etwas begreifen. Denn ganz ehrlich gesprochen: Das geht uns doch alles nicht so ein. Irgendwie fehlt uns der rechte Schlüssel, uns den Sinn dieser Verse aufzuschließen. Jedenfalls nach dem ersten Hören ...

Vielleicht ist ja das ein Zugang zu diesen Worten, dass inzwischen die Passionszeit begonnen hat? Und es ist ja auch wirklich von Dingen die Rede, die für uns in diese Zeit gehören: Mühen, Wachen, Fasten, gezüchtigt werden, traurig sein, arm ... Ob hier der Weg zum Verständnis führt, dass heute der Sonntag Invokavit ist und wir in die Zeit der Passion hineingehen?

Dann wäre der erste Satz dieser Verse so etwas wie der Grundartikel für unser Verhalten als Christinnen und Christen in den nächsten Wochen: Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Als "Mitarbeiter" ... Gewiss meint Paulus zuerst sich selbst damit. Aber will er mit seiner langen Rede über die Aufgaben des Mitarbeiters nicht doch auch uns dafür gewinnen, in der Arbeit an den selben Aufgaben zu stehen? Was sollten uns diese Verse sonst geben, wenn sie nicht auch uns betreffen? Gewiss, wenn wir an "Mitarbeit" denken, dann meinen wir doch meist eine etwas intensivere Tätigkeit für Gott und den Glauben, als wir sie leisten. Und sie wäre doch wohl auch bezahlt? -

Lassen sie uns heute also über die "Mitarbeit" bei Gottes Sache in dieser Welt nachdenken und sie einmal etwas weiter fassen - und ich meine das ernst, wenn ich ihnen jetzt sage: Es ist sehr viel, wenn Menschen in unserer Zeit am Sonntag in ihre Kirche gehen. Es ist sehr viel, wenn sie sich bei ihren alltäglichen Entscheidungen davon leiten lassen, was jetzt wohl Gottes Wille wäre oder wie andere sich fragen: Was hätte Jesus jetzt getan? Und es ist viel, wenn sie mit ihren Kindern oder Enkeln am Abend oder bei anderen Gelegenheiten beten, wenn sie ihnen die biblischen Geschichten nahe bringen und ihnen so helfen, eine Beziehung zu Gott und ein Urvertrauen aufzubauen. Es ist viel, wenn sie sich an ihrem Arbeitsplatz oder dort, wo sie sonst mit Menschen zusammentreffen, um ein freundliches Gesicht bemühen - selbst dann, wenn ihnen nicht danach ist. Es ist viel, sich nicht auf die Seite der Stärkeren zu schlagen, sondern zu den Schwachen zu stellen und da, wo diese verstummen, für sie zu sprechen. Und noch so manches andere, was aus dem Geist Jesu geboren wird und was uns die christliche Nächstenliebe und unser Glaube gebieten, ist viel und eine wichtige Mitarbeit an Gottes Auftrag an und für seine Menschen. Und wirklich: Wir hätten Gottes Gnade vergeblich empfangen, wenn wir nicht an einigen oder wenigstens an einer dieser vielen Aufgaben, die Gott uns stellt, mitarbeiten würden.

Aber lassen sie uns ruhig danach fragen, ob diese Mitarbeit nicht auch bezahlt, oder besser: irgendwie entlohnt wird. Das ist durchaus nicht unangemessen oder unbescheiden! Einige Gleichnisse und Geschichten Jesu sprechen von diesem Lohn, den der erhält, der in "Gottes Weinberg" arbeitet (Mt. 20,1-16). Und Jesus sagt es seinen Jüngern und damit uns ganz klar zu, dass Gott uns einen großen, ewigen Lohn verheißen hat (Mk. 10,28-31). Aber auch hier schon - in diesem Leben - will Gott uns in dem, was er uns gibt, zeigen, dass er sich über unsere Mitarbeit in seinem Reich freut: Denken wir doch nur, wie gut uns das tut, wenn wir uns für einen Mitmenschen wirklich selbstlos eingesetzt haben. Wenn wir dann die Dankbarkeit dieses Menschen empfinden, wie schön ist das doch. Oder wenn wir im Gottesdienst waren - vielleicht an einem Sonntag, an dem uns zuerst gar nicht danach war - wenn wir dann eine gute Predigt gehört haben, die uns vielleicht noch einige Tage begleitet hat ... Wie viel Freude liegt doch darin: Wie viel, was uns tröstet, aufbaut und uns vielleicht sogar zum Besseren führt, kann von einem Kirchgang ausgehen! Und sprechen wir auch noch von unserem Zeugnis für den Glauben, wie wir es vor unseren Kindern, Enkeln oder den anderen Menschen abgeben, denen wir da oder dort begegnen: Wie sinnvoll ist das doch, wie groß die Genugtuung, die sich bei uns einstellt - und oft auch das feste Wissen, so will Gott es haben: Aus Glauben zum Glauben. Durch unser Vorbild und Beispiel kann sich die Welt verändern - auch wo das "nur" im engsten Familienkreis, in unserem Verein oder Betrieb beginnt. Ich glaube fest, es sind weniger die vermeintlich großen Entscheidungen der Politik oder der Wirtschaft, die unsere Welt besser machen oder sie im Sinne Gottes voranbringen. Es sind die vielen Taten einzelner, kleiner Leute, die in unserer Gesellschaft die christlichen Werte hochhalten, weitergeben und damit dafür sorgen, dass sie wenigstens an einigen Stellen christlich bleibt. Ja, es ist in unseren Tagen oft genug geradezu so, dass wir Christen die Aufgabe haben, die Entscheidungen der Politik, die Reformen und Gesetze daraufhin zu prüfen, ob sie vor dem Maßstab Gottes bestehen können: Ob sie nicht die Schwachen schwerer als die Starken belasten, ob sie die Armen nicht mehr heranziehen als die Reichen und ob die Familien gefördert und die Kranken und Behinderten nicht vergessen werden. Und wenn wir das geprüft haben, wird es oft auch nötig sein, dass wir unsere Stimme erheben und das laut anprangern, was vor dem Willen und Gebot Gottes nicht in Ordnung ist.

Alles das, da dürfen wir sicher sein, wird auch seinen Lohn haben. Aber - das wollen wir auch klar aussprechen: Wir können mit dem, was wir für die Sache Gottes tun, diesen Lohn nicht herbeizwingen. Gott ist frei und will frei bleiben, uns zu beschenken!

Aber schauen wir uns jetzt das an, was Paulus neben diesem Grundartikel für unser christliches Verhalten in den Passionswochen sonst noch sagt. Und fragen wir, warum das einen Bezug zu diesem Sonntag "Invokavit" und dem Beginn der Passionszeit hat: ... wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken ... Wenn wir bisher vielleicht ein wenig enthusiastisch gewesen sind in unserem "Amt" der Mitarbeit als Christen und der Erfüllung unserer Aufgaben und der Freude über den verheißenen Lohn, so holen uns diese Worte doch zurück auf den Boden der alltäglichen Wirklichkeit: Ja, wir müssen auch viel Geduld aufbringen, manche Trübsal und Not wird über uns kommen, Angst, Schicksalsschläge, Mühe, Verfolgung durch Menschen, die uns Böses wollen und manche Nacht werden wir wach liegen. Immer wieder aber werden wir dem begegnen können damit, dass wir - wie es hier heißt - fasten, uns also zurücknehmen, auch einmal verzichten, nicht immer gewinnen müssen, dass wir eben nicht die Waffen der Welt ergreifen, die Lüge, die Macht, die körperliche oder geistige Überlegenheit, sondern lauter sind, wahrhaftig, langmütig, freundlich. Dass wir auch wo es uns schwer fällt, im Vertrauen auf den Heiligen Geist stehen, mit der Kraft von oben rechnen, Liebe zu jedermann haben und in allem bei der Wahrheit bleiben und damit Gott und seiner Gerechtigkeit dienen.

Aber noch tiefer tauchen wir in die Gedanken um die Passion in diesen jetzt begonnenen Wochen ein, wenn wir den Schluss dieser Verse lesen: ... als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.
Hier klingt etwas davon an, dass nicht nur über der jetzt begonnenen, sondern auch über den Passionszeiten unseres Lebens immer schon das Licht von Ostern aufgegangen ist: Durch die Passion Jesu Christi, sein Leiden und Sterben für uns, sind wir schon auferstanden. Alles, was uns hier betrifft, ängstigt, schmerzt und Leid bedeutet, ist schon überwunden. Das zu wissen, wird unser von Gott verhängtes Schicksal nicht ändern. Aber wir werden anders damit fertig werden können, denn uns ist verheißen, dass wir am Ende das Leben haben sollen! Darum kann Paulus, darum können wir so sprechen: Wir mögen gezüchtigt werden, das Leben, das uns Gott schenkt, kann uns keiner mehr nehmen. Wir mögen viel Trauer tragen müssen, der Hintergrund all dessen, was uns widerfährt, ist hell! Auch wenn wir arm sind (ja, vielleicht gerade dann!), können wir viele andere Menschen mit unserem Gottvertrauen und unserem Zeugnis für unseren Glauben froh machen! Selbst wo wir im Sinne dieser Welt gar nichts haben, sind wir doch reich an allem, was wirklich wichtig ist und uns einmal von allem, was uns hier noch quält und schwer aufliegt, erlöst und rettet. Selbst wenn wir sterben müssen, ist das doch nicht das Ende, sondern der Anfang des Lebens.

Liebe Gemeinde, auch wenn wir zuerst noch wenig von den Worten des Paulus verstanden haben, vielleicht können sie uns jetzt doch in die kommenden Wochen und in die Passionszeiten unseres Lebens begleiten?

Sie mögen uns zur Mitarbeit in Gottes Weinberg anspornen und sie mögen uns dann Glauben und Zuversicht schenken, wenn wir durch dunkle Tage, Angst, Sorgen und Leid gehen müssen. Gott schenke uns, dass wir niemals das Osterlicht hinter den Trübsalen unseres Lebens aus den Augen verlieren.