Predigt zum Sonntag "Sexagesimä" - 19.2.2006

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Textlesung: 2. Kor. 12, 1 - 10

Gerühmt muß werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Liebe Gemeinde!

Das sind sehr persönliche Worte, die Paulus da ausspricht. Leicht könnten wir sie darum abtun: Nicht für uns gesagt. Wir sind nicht gemeint. Zumal diese Gedanken auch nur sehr schwer zu begreifen sind: Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit! Selbst wenn der Apostel jetzt noch Christus selbst bemüht, wird es nicht leichter, dass wir verstehen: Und (der Herr) hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Die andere Seite dieser Sache ist die: Das sind nicht irgendwelche Gedanken, von denen wir hier hören: Dass der Christen Stärke ihre Schwäche ist. Das geht vielmehr mitten hinein in den Kern der Botschaft, die uns von unserem Herrn anvertraut ist. Und wenn man das begreift, dann wird man eine ungeahnte Wirkung dieses Wortes erfahren: Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Und wenn Paulus hier "persönlich" spricht, dann ist das kein Fehler, sondern eine Notwendigkeit. Denn anders als "persönlich" kann man die Wahrheit dieser Gedanken nicht in sich aufnehmen. - Was können wir also tun?

Paulus hat vor bald 2000 Jahren gelebt und seine Erfahrungen gemacht. Das ist doch schon ein gewaltiger Abstand. Es gibt aber auch heute viele Menschen, die - genau so persönlich wie Paulus - davon berichten können, was sie mit ihrer eigenen Schwäche und der Stärke Jesu Christi erlebt haben. Darum will ich einmal Menschen aus unserer Zeit zu Wort kommen lassen und ihr ganz persönliches Zeugnis:

Da ist zuerst eine Frau, die nach einer schweren Operation langsam auf dem Weg der Besserung ist. Hören wir, was sie uns zu erzählen hat: "Das ist vor genau acht Wochen gewesen, dass ich hier ins Krankenhaus kam. Die Diagnose, die mich hierher geführt hat, hatte ich gerade eine Woche vorher erfahren. Ich glaube, ich hatte sie aber noch gar nicht richtig verstanden. Jedenfalls war ich in den ersten Tagen, in denen man mich auf die Operation vorbereitet hat, innerlich noch ziemlich stark. Ich wollte das schaffen, mit der Betonung auf "ich".
Dann aber kam die Angst - und sie wurde täglich größer. Aber mit der Angst kam noch etwas anderes: Ich habe mich selbst immer mehr losgelassen. Ich bin nie ein besonders frommer Mensch gewesen, aber ich habe in diesen Tagen viel gebetet, mehr vielleicht als sonst in einem ganzen Monat. Und - das war seltsam und ganz unerwartet - ich bin nach und nach ruhiger geworden, gefasster - und meine Furcht wurde kleiner. Es kam mir fast so vor, als würde ich in meinen Gebeten immer mehr von meiner eigenen Stärke abgeben und dafür immer mehr Kraft von oben bekommen. Und wie dabei mein Selbstvertrauen wich, so wuchs das Vertrauen in Gott. Am Morgen vor der Operation war ich so ruhig, dass nicht nur die Ärzte und das Pflegeteam gestaunt haben, sondern auch ich selbst. Als ich nach dem Eingriff aufgewacht bin, war nur ein Gedanke in mir: Ich bin hindurch und es wird alles gut. Und so war es auch.
In ein paar Tagen werde ich entlassen und ich weiß, Gott wird mir noch ein paar Jahre schenken. Und noch eins weiß ich: Erst wenn wir uns selbst loslassen und nicht mehr der eigenen Kraft vertrauen, dann kann, dann will Gott unser Leben in seine Hand nehmen und dann sind wir bei ihm geborgen."

Hier ist, was ein alter Mann von 85 aus seinem Leben zu erzählen hat: "Ich habe eine schwere Kindheit und Jugend gehabt, an die ich mich nur ungern erinnere. Aber ich bin aus meinen ersten Lebensjahren als ein Mann hervorgegangen, der sehr viel von sich selbst und von den anderen verlangt hat. Und ich konnte hart arbeiten und ich habe mir und meiner Familie etwas aufgebaut, das sich sehen lassen konnte. Mit dem Glauben habe ich es in den ersten 40 Jahren meines Lebens nicht so gehalten. Was brauche ich einen Gott, ich kann mit doch gut selbst helfen, waren immer meine Gedanken.

Bis dieser schreckliche Unfall geschah: Einen Moment lang nicht aufgepasst ... Sie mussten mich mit zerschmetterten Knochen aus meinem Auto schneiden. Ich habe überlebt, aber ein Bein hatte ich verloren. Kann man das ermessen, was das für mich hieß? Kein vollwertiger Mensch mehr sein. Immer wieder auf Hilfe anderer angewiesen. Ich habe damals unter Tränen und Schmerzen eine bittere Lektion lernen müssen: Die eigene Kraft kann uns von einem Tag auf den anderen ausgehen. Wir sind auf andere Menschen angewiesen - und auf Gott! Ja, Gott! In den Wochen, in denen ich damals in der Reha eine Prothese angepasst bekam und ich die ersten Schritte mit ihr gemacht habe, hat mich der Klinikseelsorger mit täglichen Besuchen und vielen Gesprächen begleitet - unaufdringlich und hilfreich. Durch ihn ist mir nach und nach etwas deutlich geworden: Erst wenn wir uns fallenlassen, kann Gott uns auffangen. Wer sein Leben selbst in den Händen behalten will, dem wird es früher oder später zwischen den Fingern zerrinnen.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das damals lernen durfte, musste ... Die besten Erfahrungen meines Lebens verdanke ich diesem Wissen: Dass Gott uns, je mehr wir uns im Glauben ihm anvertrauen, um so besser bewahren und führen kann, dorthin, wo er uns das Ziel gesetzt hat."

Wenn das nun noch nicht persönlich genug war, liebe Gemeinde, weil es nicht ihre Erfahrungen gewesen sind, dann will ich noch etwas anderes ansprechen:

Manche von ihnen haben gewiss noch die schwersten Tage oder Wochen ihres Lebens vor Augen. Als ein Schicksalsschlag ihre ganzen Hoffnungen und Planungen über den Haufen geworfen hat und sie dachten, jetzt ist alles aus, das wird nicht wieder und ich will auch nicht mehr ... Einige aber, da bin ich ganz sicher, sind gerade aus diesen schweren, leidvollen Zeiten nur gestärkt hervorgegangen. Und - man hätte es vorher nie geglaubt - man mochte hinterher auch diese Zeit nicht missen, und das, was wir durch sie entdeckt haben, nicht aus unserem Leben streichen. Und was haben wir entdeckt? Vielleicht dies: Wenn ich schwach bin, bin ich stark! Oder das: Gott will gerade da in unser Leben eingreifen, wo wir es verloren glauben.

Und noch etwas Wichtiges fällt mir ein: Das müssen doch gar nicht immer die großen Weichenstellungen und so genannten Schläge des Schicksals gewesen sein, nach denen wir erst verzweifelt waren, hilflos und schwach und später dann doch stark und mit neuem Mut ausgerüstet und sogar mit Dankbarkeit im Herzen: Bei den jungen Leuten ist das vielleicht die verhauene Klassenarbeit gewesen, nach der man endlich angefangen hat, den Stoff wirklich zu lernen und nach und nach zu begreifen. Bei den Menschen in den mittleren Jahren kann das der lange gehegte Wunsch sein, den wir uns dann aber aus irgend welchen Gründen versagen mussten. Erst war das ganz schwer zu ertragen, später aber kam der Tag, an dem wir gewusst haben, warum es für uns so besser gewesen ist. Und die Alten schließlich, die kennen sicher besonders viele solcher Gelegenheiten, bei denen das eigene Wollen enttäuscht wurde und wir uns ganz klein und schwach gefühlt haben. Aber sie haben auch das erfahren - und sicher mehr als einmal im Leben: Je mehr wir unser Wollen und Wünschen zurücknehmen und Gottes Willen und seiner Kraft Raum geben, um so besser für uns. Ich glaube, das meint Paulus, wenn er uns heute so persönlich anspricht: Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit! Und (der Herr) hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.