Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias - 5.2.2006

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Liebe Gemeinde!

Wie sieht es aus in diesem noch jungen Jahr in der Welt, in unserem Land, in der Gesellschaft? Immer noch Krieg im Irak, kein Ende der Feindseligkeiten in Palästina abzusehen, schlimme Ereignisse bei uns, überwiegend düstere Wirtschaftsprognosen trotz Milliardenprogramm zur Arbeitsförderung, Waldbrände auf der einen, Schneechaos und Überschwemmungen auf der anderen Seite des Globus.

Und bei uns persönlich? Da gibt es sie doch auch: Die eher trüben Aussichten, die finsteren Erwartungen, die Ängste und Sorgen, wenn wir ans Morgen denken!

Mir hat in den letzten Tagen zu schaffen gemacht, wie sehr doch der Unglaube und damit verbunden die Resignation und die Furcht nach den Herzen der Menschen greift. Jemand hat mir erzählt, wie eine Gruppe von jungen Aidskranken auf die Frage reagiert hat, ob sie an Gott glauben und eine Hoffnung auf eine jenseitige Welt haben. Alle haben das verneint und weit von sich gewiesen. "Da ist kein Gott!" - "Es kommt nichts danach!"

Wir - wenn wir das hören - sind betroffen. Wir meinen, gerade diese Menschen müssten doch wenigstens noch diesen Halt haben, an den sie sich klammern können! Aber wir sehen, dass gerade die sich abgewandt haben, zu denen Jesus doch zuerst gekommen ist. Dass sie ihn, wie sie auch klar sagen, nicht brauchen. Und natürlich stellt uns das die Frage - und wir sprechen sie heute einmal aus - ob wir nicht vielleicht doch einen Glauben hegen, der überholt ist und ohne rechte Grundlage. Und ob wir einem Gott anhängen, der vielleicht seit langem abgereist ist und nicht mehr nach seinen Menschen sieht, ja der vielleicht von Anbeginn der Welt immer nur das himmlische Spiegelbild unserer Wünsche und Sehnsüchte war.

Ich habe vor Tagen in einer alten Illustrierten geblättert und gelesen, wie sich der Schreiber eines Artikels über das kirchliche Leben in Deutschland fast genussvoll darüber auslässt, wie viele Menschen in jedem Jahr ihrer Kirche den Rücken kehren. Er hat hochgerechnet, wann die katholische und wann die evangelische Kirche ihr letztes Mitglied verloren haben wird. Das wäre - wenn es so weiter geht - noch vor der Mitte dieses Jahrhunderts der Fall. Bei solcher Lektüre kann es nicht trösten, daß der Tag X für die katholische Kirche ein wenig eher erreicht sein wird. Und es schenkt uns hier in Deutschland auch wenig Trost, dass es in den Gemeinden der 3. Welt noch aufwärts geht. Mir nimmt das auch - wenigstens für eine Weile - jeden Mut. Mich bewegt dabei und es schnürt mir geradezu das Herz ab: Wie viele Menschen ihr Leben doch ohne Gott, ohne den Glauben und ohne eine Hoffnung machen wollen - und offensichtlich, wenigstens äußerlich betrachtet - auch können!

Ich will nun heute einmal nicht in die vermeintliche Psyche dieser Leute eindringen und dann behaupten: Genauer betrachtet, wissen sie ja doch, dass ihnen etwas fehlt. Bei Lichte besehen ist ihre Seele leer und sie darben schrecklich. Und eigentlich ist alles, was sie sagen, ja nur ein einziger Aufschrei nach Gott und nach Sinn und nach einer Mitte und einem Halt im Leben ...

Ich will für diesmal auch nicht fragen, wie's denn kommt? Und ich will weder dem großen Wohlstand bei uns noch dem Überangebot an Satellitenprogrammen die Schuld zuschieben. (Wenn das auch unter anderem gewiss bei unserer Suche nach den Ursachen eine Rolle spielen müsste!)

Mir hat sich über dem für heute vorgeschlagenen Predigttext eine ganz andere Sicht eröffnet. Das war für mich direkt überraschend. Und hilfreich war es auch. Zumal ich zuerst gedacht habe, über diesen Text kannst du aber am Sonntag nicht predigen - nach diesen Gedanken, die du in der letzten Zeit bewegt hast. Und dann habe ich entdeckt, wie deutlich diese Verse genau da hineinreden: Hier sind sie. Ich lese aus der Offenbarung des Johannes im 1. Kapitel:

Textlesung: Offb. 1, 9 - 18

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Die ersten Verse dieser Zeilen des Propheten bleiben wohl rätselhaft und dunkel für uns. Ich will ihnen auch nicht nachdenken. Mir ist etwas anderes nahe gegangen. Ja, es ist mir ins Auge gesprungen und ins Herz. Ich meine diese drei Wörter: Fürchte dich nicht! Aber ich meine nicht zuerst ihren Inhalt, sondern die Form der Anrede! Fürchte dich nicht!

Mir ist daran wieder einmal aufgegangen, dass es ja gar nicht darum geht, so hart das jetzt vielleicht klingt, ob dieser oder jener Kranke oder dem Sterben Geweihte zu Gott findet und eine Hoffnung über den Tod hinaus gewinnt. Es geht um mich! Für sie, liebe Gemeinde, gesagt: Es geht um dich! Und das ist doch auch, wenn wir ehrlich sind, unser erstes Anliegen: Wir wollen, daß uns jemand die Angst nimmt. Uns soll Gott helfen, dieses Leben zu bestehen. Es ist mein Glaube, den ich habe oder verliere, und ich weiß doch genau, dass mich niemand darin vertreten kann. Meine Mutter nicht, mein Kind nicht, mein Ehegatte nicht. "Es hilft der Blick zum Nächsten nicht, wenn Gott persönlich mit dir spricht!" So steht's in einer Arbeitsmappe zum Konfirmandenunterricht. Und das ist wahr. Und wir alle wissen, dass es so ist.

Und es ist für mich und dich doch eigentlich völlig unwesentlich, wer oder wie viele Menschen aus den Kirchen austreten. Macht es mir denn etwa meine gute, beglückende Ehe fragwürdig, wenn immer mehr Menschen heute ihre Partner verlassen? Oder würde ich einem Guru nachlaufen oder in einen spiritistischen Zirkel eintreten, nur weil das vielleicht einige in meiner Nachbarschaft so halten? Nein, ich nehme doch an, dass uns persönlich und innerlich etwas mit der Sache Gottes verbindet. Und dass unsere Beziehung zu unserer Gemeinde vor Ort nicht in der Frage aufgeht, ob ich Kirchensteuer zahlen will oder mir das lieber spare.

Und noch dies - und das ist sicher der Gedanke, den wir jetzt am schwersten verdauen können, aber ich spreche auch ihn heute einmal aus: Das mag mir ja noch so weh tun, dass meine Nächsten ohne Gott leben, seine Liebe nicht kennen und seine Hilfe ablehnen. Aber ich darf doch mit ihm leben! Mir hat er - Gott sei Dank - seine Liebe offenbart. Mich erreicht sein Angebot, mein Leben zu bestimmen und zu beschützen. Und ich werde doch wohl nicht von daher kommend nun auf die Mitmenschen weisen und sprechen: Wenn der und die nicht gläubig ist, dann will auch ich meinen Glauben überdenken und vielleicht fahren lassen. - Das ginge doch wohl überhaupt nicht!

Fürchte dich nicht! So heißt es. Nicht von diesem und jenem ist die Rede, sondern von dir und mir. Und es geht genau dazu passend weiter: Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin lebendig, und ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes. Um mich und dich ganz persönlich geht es und um Jesus Christus auf der anderen Seite, der für mich und dich gestorben ist und alles getan hat, dass wir leben und sterben können und einmal die Ewigkeit sehen werden.

Vielleicht denken jetzt manche, ich wollte hier der Ichsucht und dem Eigensinn das Wort reden. Im Gegenteil! Denn ich glaube fest, erst wer begriffen hat, dass er ganz persönlich in der Mitte des Interesses Jesu und der Liebe Gottes steht, nur der kann aus diesem Wissen heraus auch an seinen Nächsten denken und ihm auch diese gewaltige, wunderbare Botschaft weitersagen: "Um dich leidet dieser Christus am Kreuz. Für dich nimmt er das auf sich. Dir will er einen Halt, einen Sinn und eine Zukunft schenken."

Fürchte dich nicht! Und ist nicht das wirklich beglückend und in dieser kalten Zeit die Wärme, die wir doch so nötig brauchen: Nicht für irgendwelche Menschen, nicht für "die Christen" in der Welt oder gar für die Frommen gibt dieser Herr Jesus seinen Himmel auf und sein Leben hin. Für mich tut er das! An mir liegt ihm so viel! Mich will er retten und als seinen Bekenner und Nachfolger haben!

Ich will das aufmerksam hören und beachten! Ich will endlich darüber staunen und ich will mich daran freuen. Ich bin zuallererst Gegenüber dieses Herrn und seiner unermesslichen Liebe! Ich verstehe es nicht, aber ich bekomme es gesagt: Fürchte dich nicht!

Jetzt kann ich hingehen zu den anderen, um deren Seelenheil ich mich gräme. Jetzt kann ich ihnen weitergeben, was ich von Jesus weiß und mit ihm erfahren habe. Jetzt kann ich auch zu ihnen in Vollmacht sprechen: Fürchte dich nicht!

Angst aber und Sorgen um die Kirche, die Christen oder den Glauben werde ich nicht mehr haben. Denn mein Herr ist für mich persönlich gestorben und auferstanden. Und von allen persönlich will er im Glauben angenommen werden.