Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias - 22.1.2006

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Textlesung: 2. Kön. 5, (1-8).9-15.(16-18).19a

Naaman kam mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so daß ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein. Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, daß kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht. Elisa aber sprach: Zieh hin mit Frieden!

Liebe Gemeinde!

Dieser Naaman war ein Krieger, der Feldhauptmann eines fremden Königs, unkundig des Gottes Israels. Ein trefflicher Soldat, den aber der Aussatz befallen hatte. Nun war der Ruf des Propheten Elisa zu ihm gedrungen und er hatte sich an den Wohnsitz des Gottesmannes nach Samaria aufgemacht. Hier beginnt die Geschichte, die wir eben gehört haben: Naaman ist das zu einfach, sich nur siebenmal im Jordan zu waschen. Da hätte er auch gut zu Hause bleiben können und nicht die beschwerliche Reise auf sich nehmen müssen, meint er. Seine Diener überreden ihn, die für ihn viel zu leichte Prozedur auf sich zu nehmen - und er wird gesund und preist den Gott Elisas, den Gott Israels.

Liebe Gemeinde, ich finde, selten war uns eine eigentlich so alte und ferne Geschichte so nah! Wenn wir sie einmal als eine Geschichte darüber verstehen, wie ein Mensch zum Glauben an Gott kommt, dann werden sie mir Recht geben. Jedenfalls ist dieses siebenmalige Waschen dem Naaman einfach zu wenig. Das kann doch nicht sein, dass man so heil wird und gesund und wie wir hinterher sehen, auch noch Gott findet und an ihn glauben kann.

Und bei uns? - Sollte das wirklich genügen, wenn wir irgendwann im Leben den Kontakt zu Gott suchen, dass wir zu ihm beten und ihm sagen: Ich will nicht mehr allein durch mein Leben gehen, ich möchte, dass du mich führst und mir das Ziel zeigst, zu dem du mich bringen willst. Oder dass wir zu Jesus Christus sprechen: Hier ist meine Schuld, nimm du sie mir ab und mach' mein Leben neu. - Aber schauen wir einmal wirklich hinein in das Leben von Menschen, so wie es war und wie es ist ... Ein Mann von heute 35 Jahren - wir nennen ihn einmal Bernd - hat seit er 16 war so ziemlich alles ausprobiert, was es an falschen Wegen gibt und womit man seine Gesundheit und seine Seele gefährden und zerstören kann: Alkohol, Drogen, dunkle Geschäfte, aber auch große Gemeinheiten denen gegenüber, die ihn doch lieb hatten. Mit 25 war Bernd so tief unten, dass er eigentlich nicht mehr weiter hätte absteigen können. Und man muss schon an den Verlorenen Sohn aus dem Evangelium denken, wenn man hört, was damals geschehen ist: Es war zwar nicht der „Vater", zu dem er in seiner letzten Not gegangen ist, es war der Pfarrer, der ihn einmal konfirmiert hat. Was er dem Mann nie vergessen wird, ist dies gewesen: Keine Vorwürfe, keine Auflagen wie: du musst in dich gehen, Gott um Vergebung bitten, wieder zu beten anfangen ... Nein, konkret war die Hilfe - und für Bernd eigentlich darum - sicher nicht leicht - aber doch auch nicht so schwer, wie er befürchtet hatte: Einweisung in einen Entzug, körperliche Arbeit in einer ökologisch-landwirtschaftlichen Rehabilitation über mehr als drei Jahre. Dabei hat er eine Lehre als Gärtner abschließen können. Heute - sieben Jahre später - führt er einen eigenen kleinen Betrieb, fühlt sich gesund, hat Freude an seinem Beruf und eine Frau und eine kleine Tochter hat er auch. Und heute kann er auch wieder beten. Er hat erfahren, dass nicht er lange und mühevoll nach Gott suchen musste, sondern dass Gott ihn wieder in seine Nähe geholt hat. Er hatte es nur zugelassen, das war alles. Manchmal fragt sich Bernd heute, wo er mit seinem Dank nur hin sollte, wenn ihn nicht der Gott seiner Kindheit wiedergefunden hätte.

Hören wir noch von einer Frau, Mitte Fünfzig. Wir wollen sie Sonja nennen. Eine ganz andere Geschichte. Wohlbehütet bei gut situierten Eltern aufgewachsen. Jeden Wunsch hat man ihr von den Augen abgelesen. Materielle Güter waren immer vorhanden, Geld spielte nie eine Rolle. Nur: ein christliches Elternhaus war es nicht. Gott kam nicht vor. Sonja erinnert sich an den Religionslehrer in der Grundschule. Aber später wurde sie vom Unterricht befreit und ihr war es recht so.

Nach der Heirat mit einem leitenden Angestellten einer großen Autofirma war sie über zwei Jahrzehnte zufrieden mit der Rolle als Hausfrau und Mutter zweier Söhne. Als sie 45 war und die Söhne das Haus einer nach dem anderen verließen, fing es an. Zunächst ganz leise, dann immer lauter und vernehmlicher hörte Sonja in ihrem Innern die Fragen: Was kommt jetzt noch? War das mein Leben? Wie geht es weiter? Wofür bin ich noch da? In diese Zeit fiel auch die Begegnung mit Barbara, einer Christin aus der örtlichen Kirchengemeinde. Sie hatten sich zufällig einmal beim Einkaufen getroffen und waren ins Gespräch gekommen. Daraus hatte sich rasch eine Freundschaft entwickelt und bald war auch der Glaube der Christen Gegenstand ihres Austauschs. Was Sonja niemals mehr für möglich gehalten hatte, geschah: Sie fand zu Jesus Christus als ihrem Herrn. Barbara konnte aber auch zu gut erzählen. Und sie hatte so viel mit ihrem Glauben erlebt und mit der Kraft und den Aufgaben von Gott her. Sehr bald engagierten sich beide Frauen gemeinsam in ihrer Kirchengemeinde. Sonja ließ sich sogar noch taufen, was sie nur Jahre zuvor für völlig ausgeschlossen gehalten hätte. Überhaupt staunt sie, dass es für sie noch möglich gewesen ist, ein solch wunderbares Leben im Dienst an anderen Menschen zu entdecken. Und es war doch gar nicht ihre Anstrengung und Mühe. Ja, eigentlich ging das alles wie von selbst, so als hätte nur die Zeit erreicht werden müssen. Heute ist jeder Tag mit seinem Sinn, seinem Auftrag und der Freude, die sie daraus zieht, wie ein Geschenk für Sonja. Es war nicht schwer für sie. Gott sei Dank ist sie Barbara begegnet. Genau zur rechten Zeit - und noch rechtzeitig.

Liebe Gemeinde, gewiss sind unsere Geschichten mit Gott alle unterschiedlich und auch ganz anders als die beiden, von denen wir eben gehört haben. Ich glaube aber, dass wir uns alle heute doch in einem gleichen: Wir würden auch denken und vielleicht sagen, was Naaman über den Weg zu seiner Heilung gedacht und gesagt hat: So einfach kann das doch nicht sein. Nur siebenmal im Jordan untertauchen, das ist zu wenig, das ist nicht schwierig genug. Und warum denken wir so? Weil eine so große Sache wie der Glaube, das Heilwerden eines Menschen, die gelungene Beziehung zu Gott doch Mühe machen muss, Beschwerden, Leiden vielleicht auch und viele menschliche Anstrengungen erfordert. Und ein Bisschen, so glaube ich, wollen wir uns ja auch bemühen, uns anstrengen und quälen ...

Aber schauen wir doch jetzt einmal in unser eigenes Leben. Wie war es denn wirklich? Vielleicht sind wir doch schon von Kind an in Gottes Nähe, schon seit unsere Mutter am Abend mit uns die Hände gefaltet hat. Oder es war in der Konfirmandenzeit, dass uns Gottes Sache eingeleuchtet ist und wir spüren durften, dass unsere Gebete ein Gegenüber haben. Und auch solche Erfahrungen gibt es unter uns: Ein ganz schlimmes Ereignis in unserem Leben, ein Unglück, von dem wir meinten, wir könnten uns von ihm nie mehr erholen ... Aber nach ein paar Monaten, vielleicht Jahren ist uns doch der Sinn aufgegangen. Was uns erst von Gott getrennt hat, jetzt hatte es uns nur um so fester an seine Hand gebracht.

Nein, sehr mühsam war es eigentlich nicht. Eine ganz große Anstrengung hat Gott von uns nicht verlangt. - Und trotzdem: Immer wieder sehen wir es anders, denken wir andere Gedanken und stellen wir es anders dar. Was sagt Elisa zu Naaman: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Und der Fremde wird zornig, denn so gering kann der Aufwand doch wohl nicht sein. Er will und wir wollen schließlich etwas dafür leisten, dass wir zu Gott gehören dürfen. Dabei haben wir das Wort Jesu ganz vergessen: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." (Mt. 11,30)

Liebe Gemeinde, Gott will nicht, dass wir uns mühen und plagen für ihn, um den Glauben, um unsere Schuld los und heil zu werden. Selbst Bernd und Sonja, die es gewiss schwerer damit hatten als wir, würden sagen: Es war ganz einfach. Vor allem: Gott hat sich zu uns aufgemacht, nicht wir uns zu ihm. Wir mussten sein Handeln an uns eigentlich nur geschehen lassen.

Vielleicht sprechen wir vor anderen auch einmal über unsere Erfahrungen. Wie wir zum Glauben gekommen sind, wie Gott uns aufgesucht hat, schon in unserer Kindheit, unserer Jugend oder später. Nur bauen wir nicht diese großen Hürden auf, diese Berge aus Mühe, Leid und Qual ... So ist es meist gar nicht. Wir entmutigen damit nur die, deren Weg noch kein Weg mit Gott ist und mit seiner Kraft und wir verhindern vielleicht, dass Gott sie gewinnen kann: auf seine - für uns meist nicht schwere - Art.

Ich bin überzeugt, Gott hat mit jedem Menschen seine Geschichte, wie er sein Herz für sich aufschließt und den Glauben gerade dieses Menschen findet. Und am Ende wird keiner und keine sagen müssen, es war zu mühsam. Am Ende werden wir nur danken können und in das Lob Gottes einstimmen, wie Naaman: Siehe, nun weiß ich, daß kein anderer Gott ist in allen Landen!