Predigt zum Reformationsfest - 31.10. oder 6.11.2005

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Textlesung: Mt. 10, 26 - 33

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Liebe Gemeinde!

Es gibt hier einige Gedanken, über die es sich nachzudenken lohnt - z.B. dieser: Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird. Alles wird einmal ans Licht kommen. Am Ende aller Tage bleibt kein Rätsel ungelöst und keine Frage ohne Antwort. Oder dieser: Was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Wir sollen also Jesu Botschaft nicht für uns behalten, sondern vor die Menschen bringen. Oder dieser: Ihr seid besser als viele Sperlinge. Jeder Mensch ist für Gott von unendlichem Wert. Und schließlich gibt es - neben anderen - auch noch diesen Gedanken ganz am Ende der Verse: Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater. Wir sollen uns unseres Herrn nicht schämen, sondern uns immer und überall zu ihm bekennen - in der Öffentlichkeit!

Aber worüber nun reden? - Über all das? So viel Zeit haben wir nicht in einem Gottesdienst. Über eines der Themen? Das ginge. Nur über welches? Gibt es eine Hilfe für die Entscheidung?

Ich glaube, ja! Heute ist Reformationsfest (-tag). Worum geht es an diesem Tag? Um Martin Luther. Um die Wiederentdeckung des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben. Und - damit kommen wir zu uns und dem, woran uns das Reformationsgedenken in jedem Jahr erinnern soll - es geht um unser "Bekenntnis" zu diesem Evangelium, also um unsere "evangelische Konfession", "Konfession" nämlich heißt nichts anderes als "Bekenntnis".

Ja, da glaube ich jetzt, dass wir unser Thema gefunden haben. Es ist das, was in den Versen, die wir vorhin gelesen haben, ganz am Ende steht: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Aber es ist auch wirklich unser Thema und nicht nur das der Menschen damals, denen Jesus diese Worte zuerst gesagt hat! Denn wir scheuen das klare Bekenntnis. Wir schweigen, wo wir reden müssten und reden oft leichtfertig daher, wo wir besser nichts sagen sollten. Und nicht nur ich, wir alle kennen dafür viele Beispiele:

- Da ist einer, der weiß ganz genau, dass zu seiner christlichen Überzeugung, die er doch innen im Herzen trägt, auch ein christlicher Lebenswandel gehörte. Er weiß, er sollte über den täglichen Gaben, mit denen Gott ihm den Tisch deckt, still werden und danken. Aber er bringt es nicht fertig, nicht einmal in seiner Familie, geschweige denn in der Betriebskantine, das Tischgebet zu halten.

Und er weiß auch, dass ein Christ am Sonntag in den Gottesdienst seiner Gemeinde gehört und nicht nur in das Konzert in der Vorweihnachtszeit, wenn der Besuch in der Kirche nur Geld, aber keine christliche Courage kostet. Aber es ist an jedem Sonntagmorgen dasselbe, womit er sich selbst beruhigt: "Ich muss unbedingt noch die Akten durchsehen, die ich mir aus der Firma mitgebracht habe!" - "Bestimmt gehe ich nächsten oder übernächsten Sonntag einmal!"

- Und da ist eine, die wird in der Nachbarschaft ihrer Straße immer wieder mit lästigen Fragen und manchmal heftigen Angriffen konfrontiert: "Dass du dich immer noch zur Kirche hältst, bei deinem schweren Schicksal!" - "Meinst du wirklich, es gibt einen Gott im Himmel, nach all dem, was du erlebt hast?"

Sie weiß, sie müsste etwas davon sagen, dass sie bei manchem Schicksalsschlag, der sie getroffen hat, hinterher erfahren hat, dass auch Gutes darin lag, nicht nur Böses. Und sie sollte gewiss auch die vielen guten Tage, die unzähligen glücklichen Stunden und die Geschenke Gottes in ihrem Leben ansprechen. So manches Leid wurde ihr davon wett gemacht. Wenn sie heute einen Strich unter ihre Lebensjahre ziehen würde, könnte man es sehen: Das Glück ihrer Tage würde den Kummer bei weitem überwiegen. Aber sie antwortet nicht auf die Fragen, die ihr immer wieder gestellt werden. Sie spricht nicht davon, dass sie eigentlich ganz zufrieden sein kann, so wie es bei ihr war und ist.

Und noch einen gibt es, der möchte überhaupt verbergen, dass ihm in letzter Zeit immer wieder und immer mehr die Frage nach dem Woher und Wohin seines Lebens durch den Kopf geht. Er hat die Gedanken um Gott und Jesus Christus immer gern als unbedeutend, ja, als Schwäche abgetan. Das passte einfach nicht zu seinem Bemühen, sich als starker Typ, der mitten im Leben steht, darzustellen. Wie hätte er denn auch mit einer christlichen Überzeugung Karriere machen sollen?
Mit den Jahren hat sich da bei ihm etwas verändert. Heute weiß er, die Leiter zum Erfolg hinaufzusteigen ist nicht alles. Wenn man auch im Augenblick Befriedigung dabei erfährt, wieder ein Bisschen weiter oder höher gekommen zu sein, so richtig froh wird man dabei nicht. Heute hat er auf einmal Schwierigkeiten, die Ellenbogen einzusetzen. Ob er jetzt alt und sentimental wird? Jedenfalls genügt ihm alles, was er erreicht hat, nicht mehr. Es muss einer doch für mehr auf der Welt sein, als dafür, ein Haus zu bauen, sich alles leisten zu können und Vermögen anzuhäufen. Irgendwie fragt er inzwischen auch nach den Mitmenschen. Und er fragt sich selbst, wozu er eigentlich da ist, wo der Sinn seines Lebens liegt und wer ihm eigentlich wirklich etwas verdankt ... Aber er fragt sich das noch selbst und nicht laut! Er ist noch nicht so weit, dass er sich mit anderen, die auch diese Frage haben, zusammentut - etwa in seiner Kirchengemeinde. Aber er weiß schon, dass er nicht mehr so weitermachen kann, allein und mit eigenen Kräften ...

Und wir haben es längst gemerkt: Wir alle haben auch solche Erfahrungen bei uns selbst gemacht. Vielleicht, dass wir die Sache mit unserem Glauben für unsere Privatangelegenheit halten, die niemand anderen etwas angeht. Oder dass wir uns mit allem schwer tun, woran unsere Mitmenschen erkennen könnten, dass wir an Gott glauben und zu Jesus Christus gehören wollen.

Vor diesem Hintergrund ist das ein hartes Wort: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Aber es ist auch ein Wort, das uns zurecht bringen will. Wenn wir doch schon erkannt haben, dass es nicht richtig ist, alles, was mit unserem Glauben zu tun hat, im Verborgenen zu halten, ängstlich darauf bedacht, dass keiner etwas davon wahrnimmt, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, es an dieser oder jener Stelle einfach einmal damit zu versuchen: Vielleicht dass wir wenigstens vor unseren Freunden einmal davon zu reden anfangen, wo uns das Gottvertrauen schon geholfen hat und warum wir gern in den Gottesdienst gehen. Und vielleicht wenden wir uns einmal an einen Kirchenvorsteher unserer Gemeinde, fragen ihn, ob es ein Angebot für solche Menschen gibt, die noch auf der Suche sind. Und wer weiß, vielleicht gelingt es uns doch - zunächst in der Familie - dass wir mit einem kleinen Tischgebet - es gibt sehr schöne im Gesangbuch! - unser gemeinsames Essen beginnen?

In alledem liegt ein ganzes Stück "Bekenntnis" zu unserem Glauben und zu unserem Herrn und damit etwas vom wichtigsten Gedanken, warum wir Reformationsfest feiern.

Was mir noch aufgefallen ist: Eigentlich haben alle Worte, die wir vorhin gehört haben, doch miteinander zu tun und damit, dass zum Glauben auch Bekennen gehört:
Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird. Die Wahrheit dessen, was und wozu wir uns in unserem Leben bekennen, wird einmal offenbar werden. Darauf dürfen wir uns verlassen.

Was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Unser Bekenntnis ist niemals nur etwas für uns allein oder vielleicht noch für unsere Familie - es gehört vor die Leute, denn es will auch sie für das Evangelium gewinnen und ihnen das Leben aus dem Evangelium nahe bringen.

Ihr seid besser als viele Sperlinge. Der Grund für das Evangelium, zu dem wir uns bekennen, ist Jesus Christus. Sein Tod am Kreuz - Rettung für uns. Seine Auferstehung - Verheißung, dass auch wir leben sollen. Wahrhaftig; Wir sind für Gott von unendlichem Wert.

Liebe Gemeinde, wir wollen das, was wir glauben und bekennen allen Menschen weitersagen. Vielleicht werden wir darüber nicht gerade auf den Dächern predigen (das war vor 2000 Jahren noch möglich), aber wir werden es in unserem Leben aufscheinen lassen und die Menschen werden es sehen und aufmerksam werden: Dass es auch heute noch für den Glauben einen Halt und eine Mitte im Leben gibt, die fest ist und die Kraft gibt, Schönes und Schweres, Freude und Leid, Glück und Trauer anzunehmen, ohne die Hand unseres Herrn zu verlieren.

Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht!