Predigt zum 23. So. nach "Trinitatis" - 30.10.2005

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Textlesung: Jh. 15, 18 - 21

Wenn euch die Welt haßt, so wißt, daß sie mich vor euch gehaßt hat.

Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.

Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

Liebe Gemeinde!

Ist das eine Einladung zu einem Leben als Christin, als Christ?: Wir ziehen den Hass der Welt auf uns, wenn wir zu Jesus gehören? Man wird uns verfolgen um seinetwillen? Wir sind nur Knechte und Mägde unseres Herrn, darum kann es uns nicht besser ergehen als ihm?

Harte Worte. Düstere Aussichten. Da kann einem schon die Lust vergehen, IHM nachzufolgen. Aber hat Nachfolge etwas mit Lust zu tun?

Wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir immer gedacht, ein christliches Denken und ein entsprechendes Leben in der Spur Jesu wären doch Sachen, die sich - ja, nicht gerade auszahlen - aber doch irgendwie eine gute, eine schöne Zeit verheißen. Dabei wird uns doch sicher das Gefühl geschenkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass wir es besser machen als so viele andere "aus der Welt" und dass am Ende das ewige Leben in der Nähe Gottes auf uns wartet.

Liebe Gemeinde, ich glaube, alles eben Gesagte ist richtig - bis auf eins: Eine im Sinne der Welt "schöne" Zeit wird es für Christen und Christinnen in diesem Leben eher selten geben. - Warum ist das so?

Für mich hat das zwei Gründe: Zum einen ist die Vorstellung von dem, was denn "schön" ist, bei den Menschen unserer Tage sehr unterschiedlich. Der eine findet schön, wenn er ein leichtes und eher oberflächliches Leben führen kann. Ein anderer sucht mehr nach Tiefe in seinen Tagen und freut sich daran, wenn es auch Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Wieder andere gehen ganz in dem auf, was sie im Dienst für andere tun können. Und schließlich gibt es auch die ganz in sich Gekehrten, die sind am liebsten mit sich selbst und vielleicht einem guten Buch allein. Und daneben muss man auch noch sagen, dass "schön" zur Zeit Jesu gewiss etwas ganz anderes war als heute. Was hatten die einfachen Menschen in Palästina schon für Möglichkeiten, ihr Leben reicher oder kurzweiliger zu gestalten?

Der zweite Grund, warum das Leben von uns Christen oft nicht "schön" sein kann, hat damit zu tun, dass wir nicht die Herren unseres Lebens sind. Jedenfalls nicht, wenn wir den Namen "Christ", "Christin" mit Recht tragen wollen. Wir können eigentlich nie sagen: So und so richte ich mein Leben ein. Unser Herr will uns zeigen, wofür wir da sind und wo unsere Aufgaben liegen. Und es ist auch nicht angemessen, wenn wir umgekehrt im Rückblick davon sprechen, was wir in unserem Leben alles erreicht haben. Erstens haben nicht wir es erreicht - wenn es etwas Gutes ist. Und zweitens ist es oft gar nicht rühmlich, wenn es nämlich nicht das ist, wohin Jesus uns führen wollte.

In jedem Fall aber bleibt es dabei: Das Leben von Christen in der Nachfolge Jesu ist über weite Strecken nicht schön, nicht leicht und es bedeutet eher Arbeit und Mühsal, Leid und Verfolgung, Kummer und Sorge (und das auch noch um andere Menschen), als dass es unser Herz fröhlich und unsere Tage hell machte. Wir werden es merken, Jesu Verheißung stimmt: Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.

Liebe Gemeinde, was sollte uns nun dazu bringen, dass wir uns doch in die Nachfolge unseres Herrn begeben - gegen den Hass der Welt, gegen unseren eigenen Wunsch, doch lieber selbst Herren und nicht Knecht und Mägde zu sein und gegen die Aussicht, von den Menschen angefeindet und verfolgt zu werden?

Für mich führt hier nur ein Gedanke heraus. Es gibt nur einen Weg, nur eine Entscheidung, nur ein Ziel. Aber ich will nicht in Rätseln sprechen. Der "Gedanke" heißt: Dieses Leben ist nicht alles. Der "Weg" heißt: Liebe zu Gott und den Menschen und ihnen helfen und dienen. Die "Entscheidung" ist die zur Nachfolge: Hinter Jesus hergehen, in alle Erfahrungen hinein, die auf uns warten und durch alles hindurch - mit unserem Herrn und in seiner Spur. Und das "Ziel" schließlich ist Gottes Ewigkeit, wo uns schon eine Wohnung bereitet ist.

Gerade von diesem letzten Satz her, werden manche uns, die es predigen, vorwerfen, wir vertrösten aufs Jenseits. Und denen, die sich auf die Ewigkeit freuen, wird man vorhalten, sie flüchten aus der Welt. - Wir können es nicht ändern. Immer war das so, seit Christen auf dieser Erde wohnen. Aber ich bin überzeugt, es gibt kein anderes Ziel für uns als diese Verheißung: Auferstehen wie unser Herr, die Ewigkeit Gottes, ein herrliches Leben in seiner Nähe ...

Und ich kann es nicht verstehen, dass dieses wunderbare Ziel unseres Lebens - auch in christlichen Kreisen - immer wieder und wie es scheint immer mehr verschwiegen wird. Wir sagen unseren Kindern und Enkeln nichts mehr davon, dass wir daran glauben, dass Gott mehr mit uns vor hat als dieses Bisschen Leben zwischen Wiege und Bahre. Das ist nicht mehr in unseren Gesprächen mit Freunden und Nachbarn oder gar mit den Kolleginnen und Kollegen, wenn es überhaupt einmal um tiefere Probleme geht als das Wetter und seine Kapriolen. Und das ist selbst bei "christlichen" Beerdigungen nicht mehr wie selbstverständlich das Thema der Trauerrede. Nein, da hören wir oft genug nur noch etwas vom Leiden des Verstorbenen zuletzt - und nicht, dass er jetzt alle Krankheit eingetauscht hat gegen eine unbeschreibliche ewige Freude. Wenn überhaupt noch von einem Leben nach dem Sterben gesprochen wird, dann von dem der Hinterbliebenen, in deren "Erinnerung der Verblichene nun für immer einen Platz haben wird". Wer aber bringt in die Erinnerung der Menschen unserer Tage (- wie sie an einem Grab doch meist recht zahlreich versammelt sind!), dass auf den Verstorbenen jetzt im Tod um Jesu Christi Willen ein Platz in Gottes ewigem Reich wartet?

Was steht dahinter, wenn die Mitte unserer christlichen Botschaft nicht mehr angesprochen und verkündigt wird? Ist das Scham - dass uns nur keiner über unseren Glauben befragt, weil wir doch auch nicht so fest und so sicher sind in dem, was wir erhoffen? Ist das der Ausdruck dessen, dass der Glaube an die Auferstehung und das Ewige Leben (- Dinge immerhin, zu denen wir uns bei jedem Sprechen des Glaubensbekenntnis' neu bekennen!) eigentlich doch nicht mehr in unserem Herzen wohnt? Oder zeigt sich da die Meinung, die ja heute viele Menschen (auch Christen!) haben, dass diese Dinge Privatsache sind und nicht in die Öffentlichkeit gehören? Ich glaube, dass alles dies - und wohl noch einige andere Gründe - daran beteiligt sind, wenn heute die wichtigste Botschaft unseres christlichen Glaubens aus der Mitte an den Rand gedrängt wird - und manchmal noch darüber hinaus.

Aber ich glaube eben, dass unser Herr uns "aus der Welt erwählt hat", wie wir vorhin gehört haben, und das im doppelten Sinn: Wir sollen nicht so denken, reden und handeln, wie es Menschen tun, die nichts von IHM wissen, und die nicht an IHN und seine Auferstehung glauben. Und wir sind auch so "aus der Welt" genommen, dass wir schon hier und heute unsere wahre Heimat in Gottes Ewigkeit haben. Paulus spricht vom Bürgerrecht im Himmel (Phil. 3,20) und davon, dass wir nicht nur Kinder Gottes sind, sondern einmal auch Erben seiner Herrlichkeit (Gal. 4,7/Kol. 3,24). Es ist kein Grund, das ängstlich oder schamhaft zu verschweigen. Wir glichen dann Menschen, die Nüsse mit hohlen Schalen ohne Kern sammeln und aufbewahren. Unser Glaube aber hat einen Kern und der ist unendlich wertvoll und er heißt: Jesus Christus ist für uns ans Kreuz gegangen; alle Schuld unseres Lebens, alles, was uns zu Kindern dieser Welt macht, ist vergeben. Wir gehen auf die Auferstehung zu, wie unser Herr auferstanden ist. Wir werden um seinetwillen erben und haben schon heute Heimatrecht in Gottes Reich.

Darum werden wir auch alles bestehen können, was in dieser Welt nicht schön, nicht gefällig, vielmehr ernst, schwer und oft auch leidvoll ist. Wir können es, weil uns die Kraft dazu immer wieder, täglich neu, von unserem Glauben an die herrliche Zukunft herkommt, die uns bereitet ist. Aber es bleibt dabei: Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Dem "Hass der Menschen aus der Welt", der "Verfolgung" um Christi willen, die uns nicht erspart bleiben werden, können wir nur damit begegnen, dass wir von dem reden und das bezeugen, was wir glauben: Dass Jesus Christus gelitten hat für unsere Schuld. Dass er gestorben ist und auferstanden am dritten Tag. Dass er uns das Leben in Gottes Ewigkeit verdient hat und wir nun nicht den Tod, sondern das Leben vor Augen haben.

Vor dieser Aussicht und mit dieser Hoffnung und einem solchen Glauben im Herzen wird nun doch jedes Leben "schön", so arm, so hart und so mühselig es auch immer sein mag.