Predigt zum 20. So. nach "Trinitatis" - 9.10.2005

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Textlesung: 1. Mos. 8, 18 - 22

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Liebe Gemeinde!

Mir ist das bisher auch nicht aufgefallen, aber dieses Mal ... Wie verstehen sie denn diesen Satz?: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Einleuchtend wäre doch gewesen, wenn es hieße: ... denn das Dichten und Trachten der Menschen ist eigentlich gut und so, dass es mir gefällt! Aber es ist umgekehrt: Gott will die Erde nicht mehr verfluchen, weil die Menschen böse sind von Grund auf. Ist das nicht seltsam? Das klingt doch gerade so, als wollte Gott uns für unsere Bosheit belohnen? Oder aber - und das passt gut in diese Zeit - es bedeutet: Gott will nicht mehr "schlagen, was da lebt, wie er getan" hat, weil wir selbst böse genug sind, uns (und die ganze Menschheit gleich mit) zu schlagen und Not, Verheerung, Elend und Katastrophen auf uns zu ziehen.

Sie ahnen gewiss schon, worauf ich hinaus will: Ich denke an die Kriege dieser Zeit. Aber natürlich denke ich auch an den furchtbaren Wirbelsturm, der aus New Orleans in den USA eine in Sumpf und Unrat versinkende Geisterstadt gemacht hat. Und viele persönliche Erfahrungen mit Schicksalsschlägen, die anderen oder mir selbst widerfahren sind, kommen mir in den Sinn. - Aber sie wie ich zuerst auch, fragen jetzt sicher: Hat denn das alles wirklich etwas damit zu tun, was wir hier hören: ... denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Kommt ein Orkan deshalb, weil die Menschen böse sind? Wird ein persönliches Unglück durch unsere Bosheit verursacht?

Liebe Gemeinde, ganz gewiss ist es nicht so, dass Gott unsere Schlechtigkeit mit Katastrophen oder Unglücksfällen bestraft! Gott will die Erde nicht mehr verfluchen, um der Menschen willen! Er will nicht mehr "schlagen alles, was da lebt"! Also - es bleibt kein anderer Schluss! - tun wir das wohl oft selbst, was uns widerfährt. Wohlgemerkt: Nicht alles, aber manches! So machen wir es selbst, oder sind wenigstens beteiligt, wenn uns die Natur in den letzten Jahrzehnten in ihrer unzähmbaren Gewalt mit Flut, Dürre oder Orkanen heimsucht. Und auch wenn wir von persönlichen Schlägen des Schicksals sprechen, haben wir oft genug - durch unser Denken, Reden und Handeln in der Vergangenheit - der Gegenwart, die uns zum Weinen, Klagen und Hadern mit Gott und manchmal zum Verzweifeln bringt, den Weg bereitet. - Können sie da mitgehen?

Vielleicht stört es uns jetzt immer noch, dass hier von "Bosheit" die Rede ist, die das hervorruft. Ich persönlich wäre da zu einem Zugeständnis bereit: Sagen wir nicht gleich "Bosheit", aber sagen wir menschliche "Dummheit" oder "Trägheit" und oft auch "Gleichgültigkeit". Aber eins ist sicher: Die Grenzen zur Bosheit sind fließend und werden wohl auch immer wieder z.B. von den Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und den Medien, aber auch von uns selbst in unserem persönlichen Leben überschritten. - Aber schauen wir einmal in die Praxis der Folgen menschlichen Handelns:

Nehmen wir den Krieg im Irak. Wem hat er genützt? Wird man je sagen können, jetzt ist er gewonnen und hat etwas zum Besseren gewendet? Und wenn - war das dann die vielen Tausend Opfer auf beiden Seiten wert? Werden all diese Toten und das Leid und die Trauer ihrer Angehörigen dann ein angemessener Preis für den Ausgang des Krieges gewesen sein?

Blicken wir nach Louisiana und darauf, was der Hurrikan in New Orleans und der weiten Umgebung angerichtet hat. Der deutsche Umweltbundesminister hat öffentlich - und völlig richtig! - auf den Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und dem Co²-Ausstoß hingewiesen, der in den USA viermal so hoch ist als etwa in der Bundesrepublik. Er hat sachlich und ohne jede Häme festgestellt, dass jetzt Amerika die Folgen seiner Umweltpolitik im eigenen Land erleben und erleiden muss, weil man bisher nicht bereit war, den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen. Und es ist sicher, dass Wirbelstürme immer verheerender werden, weil sich die Meere erwärmen!

Aber prüfen wir auch die Erfahrungen, die wir selbst in unserem Leben machen mussten - und ich spreche da einmal ganz offen und vielleicht für manche und manchen sehr hart:
Wenn unsere lange volljährige Tochter z.B. "auf einmal", wie wir sagen, aus ihrem bisherigen Leben ausbricht, ihr Wesen verändert, dass wir sie kaum wiedererkennen, ihren Job hinschmeißt und ihre Partnerbeziehung verlässt, dann hat das mit einiger Sicherheit viel mit der Erziehung zu tun, die wir ihr haben angedeihen lassen. Gewiss werden wir entgegnen: Aber sie ist doch schon lang erwachsen und lebt doch gar nicht mehr in unserem Haus! Aber Erziehung wirkt nach. Und volljährig zu sein, heißt noch lange nicht, reif und erwachsen zu sein. Oft wird erst nach vielen Jahren nachgeholt, was man als Jugendlicher gerne getan hätte und die Freiheit ausgelebt, die uns damals niemand zugestanden hat. Und - auch wenn wir es sicher gut gemeint haben - vielleicht waren wir als Eltern doch zu unerbittlich, haben ihr zu wenig eigene Erfahrung gegönnt, die sie heute vermisst?

Ein ganz anderes Beispiel: Wir beklagen vielleicht heute als älterer Mann, ältere Frau, dass wir so wenig Beziehungen zu den anderen Menschen haben. Selbst in der Nachbarschaft und der Kirchengemeinde gelingt es uns kaum, in die Gemeinschaft mit den anderen hineinzukommen. Oft fühlen wir uns zurückgestoßen und wissen gar nicht, wie es kommt. - Wissen wir es wirklich nicht? Wie war das, als wir noch jünger waren, stark und selbstbewusst, mobiler auch und so, dass wir niemanden gebraucht haben? Auch das wirkt nach. Unsere doch eher reservierte Art von damals ist gespeichert in den Köpfen vieler unserer Mitmenschen. Das braucht Zeit, bis sie sich wieder auf uns einlassen können. Die Gründe dafür liegen in der Vergangenheit - und sie liegen an uns!

Liebe Gemeinde, bevor uns das alles nun ganz und gar herunterzieht und wir resignieren - da steht eben noch ein anderer Satz in den Prophetenworten, die uns heute zum Bedenken und zum Besinnen vorgelegt sind: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Gott, der uns ausrichten lässt, dass unser "Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf", blickt also doch gütig, liebevoll auf uns und segnet unser Tun und Lassen. Immer wieder aufs Neue, solange wir atmen, dürfen wir säen und ernten. Und wir müssen dabei sicher nicht nur an die Saat denken, die der Bauer auf seinem Feld ausstreut und an die Ernte, die er dann einbringt. Auch unser Handeln ist Saat. Immer wieder, schenkt Gott uns Anfänge, Möglichkeiten etwas anders, besser zu machen. Das Gespräch mit anderen Menschen zu suchen. Neu auf sie zuzugehen. Die Hand zum Verzeihen auszustrecken. Worte der Entschuldigung zu sagen. Und wir werden dann auch ernten, was wir ausstreuen: Neues Verständnis füreinander vielleicht. Bereichernde Beziehungen. Freude am gemeinsamen Erleben. Geborgenheit in der Gemeinschaft mit anderen. Frieden im Herzen, wo uns Schuld und schwere Gedanken gequält haben.

Und so ist es auch in den großen Zusammenhängen: Es ist noch nicht zu spät, einen Krieg zu beenden, auch wo man nicht von einem Sieg sprechen kann. Und eine neue Ausrichtung in Sachen Umwelt - auch wenn sie erst nach Jahrzehnten greifen wird - kann schlimme Entwicklungen mildern oder verhindern. Wir ernten, was wir säen. Aber - Gott sein Dank! - wir dürfen noch säen und ernten. Gottes Segen ist mit uns: Er wird für Frost und Hitze sorgen, so wie es seit ewigen Zeiten war und sein muss. Gott wird es Sommer und Winter werden lassen, dass unsere Felder Nahrung für uns hervorbringen, aber auch die Ruhe haben, in der sie sich für die neue Saat bereiten. Und immer wieder wird es Tag und Nacht, immer wieder können wir tätig sein und im Schlaf neue Kräfte sammeln. Immer wieder dürfen wir auch umkehren, wo wir in falscher Richtung unterwegs waren, Vergebung schenken und empfangen, uns verändern, wo wir starr auf unserer Haltung beharrt haben. Gott gibt uns die Möglichkeit dazu - und die Zeit. Wir sollten sie nutzen!