Predigt zum 17. So. nach "Trinitatis" - 18.9.2005

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Textlesung: Mk. 9, 17 - 27

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.

Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.

Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, daß ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, daß er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, daß das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riß ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so daß die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

"Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt." Liebe Gemeinde, wie muss es da um unseren Glauben bestellt sein! Wenn wir ehrlich sind, gelingt es uns oft doch nicht einmal, im Glauben eine schwere Stunde zu überstehen. Nein, wir fragen dann: "Warum muss mir das passieren?" Und vielleicht fügen wir noch in Gedanken oder gar ausgesprochen hinzu: "Ich glaube doch an Gott, wieso hat er mich jetzt verlassen?" Oder wenn uns ein Unglück trifft, dann kann man von uns hören: "Wie konnte das geschehen? Und ausgerechnet mir? Ich bemühe mich doch um ein christliches Leben - und dann so etwas. Man könnte wirklich ins Zweifeln kommen."

Aber es gibt auch den umgekehrten Schluss. Das klingt so: "Da rennt die Frau Nachbarin doch jeden Sonntag in die Kirche, aber in letzter Zeit trifft sie ein Schicksalsschlag nach dem anderen."

Es scheint so, als wäre für uns der Glaube an Gott ganz klar mit einem guten, erfolgreichen Leben verbunden. So als belohnte Gott den Menschen, der an ihn glaubt. Wenn es dann ganz offensichtlich anders ist, dann bringt uns das in Schwierigkeiten: Wie kann ich Not und Krankheit mit einer guten Beziehung zu Gott reimen? Und schon in den Büchern des Alten Testaments wird gefragt: Warum geht es den Gottlosen so gut und der Gottesfürchtige muss leiden? Und Gott muss sich dafür sogar den Vorwurf der Ungerechtigkeit gefallen lassen. (Hi.9,24; Ps.10,2)

Aber die Geschichte geht ja noch weit darüber hinaus: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt." Sollten wir also nicht sogar Wunder tun können, wenn wir nur "richtig" glauben!? Denn darum geht es doch, wenn der Vater seinen Sohn mit dem "sprachlosen Geist" zu Jesus bringt. Was anderes wollte er denn haben als dies: Dass der "besessene" Junge wieder gesund und frei wird? Wie müssen wir da über die Kraft unseres Glaubens denken?

Bevor wir jetzt zu uns selbst sprechen: Was für eine unmögliche Geschichte? Wie soll ich das verstehen, ja, ist sie überhaupt an uns, an mich gerichtet mit diesem Anspruch, den sie hat ... Bevor wir uns also vielleicht von dieser Geschichte und von Jesus abwenden, schauen und hören wir auch auf das, was an ihr eigentlich viel Mut geben und unseren Glauben stärken kann. Da sind ja auch ganz andere Worte, die nicht fordern und uns klein machen, sondern aufbauen:

"Ich glaube; hilf meinem Unglauben!", sagt der Vater des Jungen (- der nach unserem heutigen Wissen wohl an Epilepsie gelitten hat). Hier bekennt sich einer dazu, dass er eigentlich wenig oder keinen Glauben hat, jedenfalls nicht genug davon! Und Jesus sagt eben nicht: Dann kann ich dir nicht helfen, denn ohne Glauben geht es nicht! Nein, Jesus heilt den Knaben: "Jesus bedrohte den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus."

Wenn wir angesichts dieses Wunders nun noch einmal an dieses Wort denken: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt", geht uns da jetzt nicht etwas auf, was sehr wichtig und sehr tröstlich ist?: Das Wunder sollen wir ja gar nicht selbst tun. Unser Glaube ist dazu nicht imstande, so groß er auch sein mag. Aber unser Glaube kann - wie es doch sogar der Unglaube des Vaters in der Geschichte tut! - durchaus zu Jesus "gehen" und ihn bitten: Heile mein Kind! ... Mach mich gesund! Hilf mir, mein Leid tragen! Lindere die Not, in die ich gekommen bin! Lass das Unglück vorbei gehen! Gib deine Kraft, dass ich mit dieser Behinderung leben kann! ...

Und es gibt ja in dieser Richtung noch einen Hinweis in der Geschichte. Wie sagt der Vater zu Jesus?: "Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie den sprachlosen Geist austreiben sollen, und sie konnten's nicht." Selbst die Jünger, die Vertrauten Jesu konnten es nicht. Und das, obwohl ihnen ihr Meister doch ausdrücklich die Macht über Krankheit und "unreine Geister" gegeben hatte (Mk. 6,7). Es ist also keine Schande, wenn wir mit unserem Glauben nicht alles vermögen. Jesu Jünger haben es auch nicht immer vermocht. Aber immerhin: Sie tun und raten das Richtige, wenn sie den Vater des besessenen Jungen zu Jesus schicken.

Liebe Gemeinde, das wollen wir uns auch raten lassen. Wenn wir auch nicht - wie es die Menschen damals noch konnten - buchstäblich zu Jesus gehen können, wir haben doch im Gebet eine offene Tür zu ihm. Und das immer und an jedem Ort. Wir können ihm alles sagen, was uns quält, belastet und Sorgen macht. Und unser Gebet bleibt niemals ohne Antwort. Wenn unser Herr das will, dann wird in Ordnung kommen, was wir beklagen, dann wird die Krankheit von uns genommen, dann wird dem, für den wir bitten, geholfen werden.

Aber es liegen oft noch ganz andere Hilfen im Gebet: Einmal ist es sehr entlastend, es Jesus anvertrauen zu können, was uns bedrückt. Manchmal spüren wir dann diese große Geborgenheit, diesen inneren Frieden ... Wir haben es IHM gesagt. Wir sind jetzt nicht mehr allein mit der Last, die uns schwer auf der Schulter liegt. Er weiß jetzt, was wir für uns und vielleicht für andere erbitten.

Aber es Jesus im Gebet vorzutragen kann auch oft schon der Beginn der Besserung, ja, der Heilung sein. Erfahrene Beter wissen das: Wenn wir unsere Bitten oder Fürbitten in Worte und Gedanken fassen, geht uns oft dabei auf, dass die Lasten und Beschwerden unseres Lebens doch auch eine ganz andere Seite haben. Sie sind ja gar nicht nur schwer, nur hart und belastend. Oft begreifen wir das auch erst nach einer gewissen Zeit, in der wir uns mit einer Sorge oder einer Krankheit herumgeschlagen haben: Es liegt ja auch ein Gewinn darin, wenn nicht immer alles glatt geht für uns. Eine Sorge kann uns vielleicht davor bewahren, eine allzu rasche Entscheidung zu fällen, die wir dann nicht mehr rückgängig machen können. Selbst eine Krankheit führt manchmal dazu, dass wir zu einem ruhigeren und erfüllteren Leben finden. Vielleicht weil sie unsere Beweglichkeit fesselt, unsere Hektik dämpft und unsere Sinne darauf richtet, was es außer Konsumieren und dem oft so oberflächlichen Alltag sonst noch gibt, wenn wir einmal mehr in die Tiefe der uns geschenkten Zeit vordringen. Und, da bin ich ganz sicher, jede und jeder von uns hat das schon erlebt: Dass sich ein Unglück, ein Kummer, eine ganz schlimme Sache, über die wir vielleicht nächtelang geweint haben, als die Fügung erwiesen hat, als dankenswerte Führung Gottes, der eben nicht das geschenkt hat, worum wir ihn gebeten hatten, sondern das, was für uns in seinem viel höheren Sinn gut war.

Jesus aber sprach zu dem Vater des Jungen: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Liebe Gemeinde, wir haben keinen Grund von unserem Glauben gering zu denken, nur weil wir nicht alle Sorge und alles Schwere damit von uns fernhalten und keine großen Taten oder gar Wunder vollbringen können. Zu Jesus hinzugehen, wird aber auch unser Glaube genügen - und wäre er nur ganz klein und schwach. Wir werden bei Jesus niemals vergeblich bitten. Immer hilft uns schon das bloße Händefalten dazu, dass wir Geborgenheit und inneren Frieden finden. Es mag sein, dass Jesus anders hilft, als wir uns das wünschen. Vielleicht dauert es auch eine Weile bis das geschieht, worum wir gebeten haben. Kein Gebet aber bleibt unerhört! Und kein Ruf zu diesem Herrn bleibt ohne jede Antwort.