Predigt zum 13. So. nach "Trinitatis" - 21.8.2005

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Textlesung: Mk. 3, 31 - 35

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Liebe Gemeinde!

Das wird heute ein bisschen heikel über diese harten Worte zu sprechen! Denn so hart und abweisend Jesus hier auch erscheint, ich glaube, ich verstehe, was er sagen will. Und das ist nicht angenehm. - Aber ganz klar und deutlich: Nur leibliche Verwandtschaft genügt nicht, dass einer zu Jesus gehört! Nicht einmal seine Mutter kann sagen: Dieser Jesus ist mein Sohn. Und die Brüder und Schwestern sind ihm auch nicht näher, nur weil er unter ihnen aufgewachsen ist. Wer Gottes Willen tut, wer ihn seinen Vater nennt und in seinem Leben wirklich sein lässt, der ist Jesu Bruder, Schwester und Mutter ... - Aber es bleiben mindestens zwei Fragen offen: Warum stößt Jesus seine Leute so vor den Kopf? Und was hat das alles mit uns zu tun?

Ich will ihnen einmal von zwei Menschen unserer Tage erzählen:

Der erste ist ein Mann, 35 Jahre alt. Er arbeitet in einem gut bezahlten, leider aber ungeliebten Beruf. Er wäre so gern Förster geworden. Er sitzt heute aber an der Rezeption eines Hotels, nimmt am Telefon Buchungen entgegen, begrüßt die Gäste, hört sich ihre Wünsche und Klagen an und versucht ihnen den Aufenthalt im Haus angenehm zu machen. Dabei aber wäre er viel lieber draußen in der Natur, beschäftigte sich mit der Pflege des Waldes und der Hege des Wildes. Draußen aber ist er nur noch selten. Der Schichtdienst ist aufreibend und gibt ihm kaum noch Gelegenheit dazu.

Wie das gekommen ist? Als er damals nach dem Abitur Forstwirtschaft studieren wollte, hatte sich sein Onkel, wie er sagte, vorgenommen, "etwas für ihn zu tun". Der Onkel stand damals an der Rezeption des Hotels und hatte vor, in einigen Jahren in den Ruhestand zu treten. Er wollte bei der Hotelleitung "ein gutes Wort" für seinen Neffen einlegen, wie er es ausdrückte, auch wenn ihn der wirklich nicht darum gebeten hatte. Dem jungen Mann "läge - als sein Verwandter! - doch sicher die Arbeit im Hotel im Blut". - Er hatte Erfolg: Unter zahlreichen Bewerbern für die Nachfolge fiel die Wahl auf den Neffen. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Ausbildung im Hotelfach, Abschluss kurz vor des Onkels Eintritt in den Ruhestand. Alles schien zu passen. Heute steht der Neffe an der Stelle, an der schon sein Onkel über 30 Jahre gestanden hat. Manchmal aber graut es ihm, wenn er an die 30 Jahre denkt, die er noch vor sich hat. Und immer wieder träumt er davon, wie anders sein Leben hätte verlaufen sollen.

Liebe Gemeinde, das ist ein Beispiel dafür, wie "Verwandtschaft" sich sozusagen selbständig macht, Menschen und Entscheidungen beeinflussen kann. Hier leider nicht - obwohl es zuerst so gedacht war - zum Gefallen des Neffen! Im Gegenteil: Die leibliche Beziehung zum Onkel hat ihn geknebelt, sein Leben klein und ihn selbst unglücklich gemacht.

Aber ich habe noch eine zweite kleine Geschichte, sie handelt von einer Frau von 72 Jahren: Sie war immer sehr stark. Nach der Scheidung von ihrem Mann vor über 40 Jahren hat sie die damals siebenjährige Tochter, die ihr vom Gericht zugesprochen worden war, sehr streng erzogen. So streng, unerbittlich und ohne spürbare Liebe, dass die Tochter nie das Gefühl hatte, sie lebte im Haus ihrer Mutter. Jetzt ist die alte Frau krank geworden, schwach und pflegebedürftig. Aber sie ist immer noch stark genug, ihre heute 49-jährige Tochter massiv unter Druck zu setzen: "Du hast mich - als meine Tochter! - bei dir aufzunehmen und mich zu pflegen." Da auch die Kinder der Tochter inzwischen aus dem Haus sind und die Wohnung groß genug wäre, könnte die alte Frau auch Platz bei ihr finden. Die Tochter aber ist im Zwiespalt. Die Beziehung zur Mutter war, seit sie geheiratet hatte, nie besonders gut oder auch nur normal zu nennen. Sie fürchtet, wenn die Mutter bei ihr einzieht, dass die schlechten Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend alle wieder aufstehen, die Pflegebeziehung und auch das Verhältnis zu ihrem Ehemann belasten. Außerdem kann sie, die ihre Mutter nie als solche erlebt hat, kein Recht der alten Frau ihr gegenüber erkennen - nur weil sie die leibliche Tochter ist.

Und ich könnte noch von vielen anderen Menschen erzählen, die aus einer verwandtschaftlichen Beziehung auf irgendeine Weise Kapital schlagen wollen: Von dem Bruder, der solange es ihm gut ging, keinen Kontakt mit den Geschwistern suchte, jetzt aber, da er sein Vermögen an der Börse verspekuliert hat, möchte er wieder anknüpfen an die "gemeinsamen Erfahrungen der Kindheit" und er führt oft die Worte "Schwester" und "Bruder" im Mund.

Und mir fallen die vielen Gelegenheiten ein, bei denen Menschen sich irgendwo vorstellen müssen und damit beeindrucken wollen, der Sohn, die Tochter oder auch nur die Nichte von diesem und jenem zu sein, weil dieser oder jener bekannt ist, sich als fachlich kompetent ausgewiesen hat oder auch nur darum, weil er durch Beziehungen oder glückliche Umstände in eine gewisse gesellschaftliche oder politische Position gelangt ist.

In manchen Beispielen soll die Tatsache, dass man Mutter, Sohn, Neffe oder Tochter ist einen Anspruch begründen, der von einem Nachweis der persönlichen Eignung, Fähigkeit oder auch Leistungsbereitschaft weit entfernt ist. Da wird es wie ein persönliches Verdienst angesehen, dass man "dasselbe Blut in den Adern" hat, dieselben Gene und von daher doch auch wie selbstverständlich dieselben Talente mitbringt, wie man meint.

In anderen Fällen wird eine nur leibliche Verwandtschaft höher bewertet als die Beziehung, die auf der Liebe beruht, wie sie zwischen Menschen hin- und hergeht oder auf der Treue, die man sich gegenseitig erweist. Dabei werden nur zu oft Jahre oder Jahrzehnte übersprungen, so als hätte es sie nie gegeben und damit böse Erfahrungen für unbedeutend oder nichtig erklärt, die den neu entdeckten Verwandten viel Leid und manche dunkle Stunde bereitet haben.

Zu alledem sagt Jesus: Nein! Es bedeutet nichts, ob ihr meine Verwandten seid, meine Schwester, mein Bruder ... nicht einmal meine Mutter! Und wir verstehen jetzt vielleicht, warum er so unmissverständlich deutlich spricht: Geschwister sein, das ist nicht zuerst eine Sache des Blutes, sondern eine Frage, ob man - einer dem anderen - in geschwisterlicher Zuneigung verbunden ist. Mutter sein, das ist nicht dadurch bestimmt, dass eine Frau dieses oder jenes Kind geboren hat, sondern es lebt davon, dass sie ihr Kind mit mütterlicher Liebe umgibt, es fürsorglich bis zur Selbständigkeit begleitet und für ihr Kind nicht nur das Beste will, sondern ihm auch nach Kräften das Beste bereitet und wenn es sein muss, erstreitet. Und Vater schließlich werde ich nicht durch den Akt der Zeugung und nicht durch die Weitergabe meiner genetischen Eigenschaften, sondern dadurch, dass ich bei meinem Kind bin, wenn es mich braucht, dass ich es beschütze, es liebevoll und seinen Gaben und Neigungen entsprechend erziehe, ihm Halt und Stütze in schweren Zeiten bin und mein Rat und meine Hilfe ihm das ganze Leben lang immer erreichbar ist.

In diesem Sinn trifft es vielleicht oft eher die Wahrheit, wenn ein Adoptivkind zu seinen Pflegeeltern Mutter und Vater sagt, als wenn der Sohn oder die Tochter eines von Terminen gehetzten Managers oder Politikers mitteilt, der Vater wäre gerade bei einer Aufsichtsratssitzung in New York oder Toronto. Und eine Tatsache ist auch, dass viele Kinder, die ohne ihren leiblichen Vater oder ihre Mutter aufgewachsen sind, diese durchaus nicht entbehren mussten: In anderen Menschen, die für sie da waren und ihnen Zuneigung entgegen gebracht haben, oft in fremden, nicht verwandten Menschen, haben sie doch Väter oder Mütter gefunden, die ihnen keine besseren Eltern hätten sein können.

Das ist die "Verwandtschaft", die Jesus meint. Und gewiss nicht ohne Grund hat er nie von seinem Vater Josef, wohl aber stets von seinem himmlischen Vater gesprochen. Es ist bei unseren Eltern oder Geschwistern nicht anders als im Verhältnis zu Gott: Die leibliche Verwandtschaft ist unbedeutend gegenüber der Beziehung der Liebe und der Treue, die zwischen uns besteht.

Die Zurückweisung der Mutter und der Geschwister durch Jesus, von der wir hier hören, mag uns barsch und vielleicht verletzend vorkommen. Aber anders würden wir vielleicht nicht begreifen, worauf es zwischen unserem himmlischen Vater, aber auch unseren menschlichen Verwandten und uns eigentlich ankommt: Dass wir einander herzlich und ehrlich zugetan sind. Dass wir uns achten, es gut miteinander meinen und immer selbstlos das Beste für einander wollen und tun.

Bei Gott, der unser aller Vater ist, kommt noch das hinzu: Dass wir auf sein Wort hören und seinen Willen tun, weil wir wissen: Er liebt uns und will uns in unserem Leben durch unseren Bruder Jesus Christus zu seinem ewigen Ziel führen.

In diesem Sinn lasst uns Geschwister Jesu werden und bleiben.