Predigt zum 12. So. nach "Trinitatis" - 14.8.2005

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Textlesung: Jes. 29, 17 - 24

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde!

"Tyrannen", "Spötter", "Leute, die Unheil anrichten und das Recht beugen", "Lügner und solche, die denen nachstellen, die ihnen die Wahrheit sagen ..." Da ist ja ein ganzer Haufen böser Menschen zusammen! Aber bei dem einen oder der anderen von uns melden sich doch Zweifel, ob es von diesen bösen Leuten heute wirklich so viele gibt?

Diese Zweifel können - und da müssen sie schon entschuldigen - zum einen davon herkommen, dass wir vielleicht selbst auf der Seite derer stehen, die den Mitmenschen auf diese oder ähnliche Weise das Leben schwer machen. Zum anderen aber kann es auch daran liegen, dass wir einfach bisher Glück hatten und noch haben, dass uns niemand mit seiner Bosheit verfolgt und zu Fall gebracht hat.

Meiner eigenen und der Erfahrung mit vielen anderen Menschen nach muss ich sagen: Es sind wohl ganz wenige, in deren Leben die Willkür, der Spott und die bösen Nachstellungen anderer Leute nicht schon die Lebensfreude getrübt, schlaflose Nächte bereitet und oft auch schon den Glauben an die Gerechtigkeit und die Liebe Gottes beeinträchtigt oder gar zerstört haben. Und immer wieder muss ich staunen, wegen welch nichtigen Vorteilen und für wie geringen Gewinn Menschen bereit sind, die Wahrheit zu verdrehen, Gerüchte in die Welt zu setzen, anderen Schlechtes nachzureden und ihnen auf alle mögliche Art das Leben zu vergällen. Manchmal scheint es so, als wäre schon die Lüge oder die Bosheit selbst Lohn genug, dass man zu den gemeinsten Mitteln greift und die übelsten Intrigen inszeniert. - Soviel zu dieser Seite der Worte des Propheten Jesaja.

Es geht aber mehr um die andere Seite: "... die Tauben werden die Worte des Buches hören, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein!"

Darum geht es zuerst! Es wird nicht so bleiben, wie es ist! Gott hat alle Bosheit, die Menschen anderen antun, gesehen. Und er hat sein Urteil schon gefällt, auch wenn er es noch nicht vollstreckt. Er hat sein "schuldig!" schon gesprochen, auch wo er die Bösen noch nicht heimsucht. Gott hält sich schon zu den Tauben, Blinden und Kranken, den Elenden und Armen, den Geschundenen, Geschlagenen und Schwachen ... und er gibt doch denen, die ihr Elend verantworten, sich an ihrem Unglück freuen und ihre Schwäche ausnutzen noch Zeit. Zeit wozu?

Zur Umkehr, mir fällt dazu nur dieses altmodische Wort ein. Aber spricht dieses Wort nicht sehr deutlich und sagt es nicht klar, was zu tun ist? - Da ist einer vielleicht jahrelang auf bösen Wegen gegangen. Immer nur hat er an den eigenen Vorteil gedacht und jeden Skrupel anderer ausgenutzt und über die Schwachheit der Leute, die nicht wie er über Leichen gehen können, hat er gelacht ... Jetzt wird er stehen bleiben auf seinem Weg, wird sich besinnen und zurückgehen, eben umkehren. - Wohin? Bis zu dem Punkt in seinem Leben, an dem er noch an die anderen gedacht und gute Gemeinschaft mit ihnen gehabt hat, an dem ihm nicht genug war, dass er selbst Freude und Glück empfindet, sondern auch die Menschen in seiner Nähe. Er wird wieder dort anfangen, wo sein Weg nicht mehr von anderen begleitet war, er vielmehr einsam und allein, mit immer mehr Hab und Gut, aber mit immer weniger Freunden weitergegangen ist.

Eine andere ist vielleicht schon immer auf solchen einsamen Pfaden gegangen. Immer hat sie ein großes Misstrauen anderen Menschen gegenüber empfunden. So als müsste sie alles, was ihr gehört, verteidigen, weil man es ihr sonst wegnehmen könnte. Ob das mit ihrer behüteten Kindheit zu tun hat und dass sie keine Geschwister hatte? - Jetzt wird sie noch einmal von vorn anfangen, denn sie spürt es schon lange: Es liegt keine Erfüllung in so einem Leben nur für sich selbst. Es ist fad und langweilig, immer nur um das Eigene zu kreisen. Es kommt am Ende kein Sinn heraus, wenn man nur für sich geschafft und gerafft hat, wenn andere Menschen einem so gar nicht zu danken haben.

Liebe Gemeinde, welche Chance für solche Menschen, dass Gott ihnen die Zeit dazu gibt, noch umzukehren! Ist das nicht wunderbar, dass sie, solange sie noch atmen und am Leben sind, noch einmal alles ändern und einen ganz neuen Pfad beschreiten können? Oder ärgert uns das, wenn Gott so gnädig mit ihnen ist, so barmherzig und gütig ... mit ihnen ... mit uns ...?

Wir sollten es nicht leichtfertig abtun, dass vielleicht auch wir Umkehr nötig haben! Ich kann nicht glauben, dass immer nur die anderen unsere Schwäche ausnutzen, uns schwere Zeiten bereiten und sich auf unsere Kosten bereichern. Ich kann nicht glauben, dass die Worte des Jesaja uns nur Trost und Hoffnung geben sollen und nicht auch den Ruf ausrichten, umzukehren und unser Leben zu verändern und die Mahnung, die Umkehr nicht immer und immer weiter aufzuschieben. "... die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten ..." Ja, noch ist Zeit, noch dürfen wir den Weg zurückgehen. Aber es gibt auch ein "Zu spät".

Wem diese Worte nun doch zu hart sind, dem will ich nicht sagen, dass ihre Mahnung ja vielleicht für ihn oder sie gar nicht zutrifft, eher für andere ... Was nützt es denn, wenn dann bei dem einen oder anderen von uns herauskommt, dass man also wohl doch nicht gemeint ist und diese harte Weisung zur Umkehr nicht nötig hat. Ist es nicht allemal besser, auch wo wir es vielleicht wirklich nicht brauchen, uns zu besinnen, das Prophetenwort zu prüfen, ob es nicht doch gerade uns etwas sagen will? Schaden werden wir eher nehmen, wenn wir vorschnell alles abtun und uns von Gottes zurechtweisendem Wort nicht betroffen fühlen.

Martin Luther hat in der 92. und 93. seiner 95 Thesen gegen den Ablass geschrieben: Fort mit allen Propheten, die dem Volk Christi zurufen: Friede, Friede - und ist doch kein Friede. Wohl all den Propheten, die dem Volk Christi zurufen: Kreuz, Kreuz - und ist doch kein Kreuz!

Wenn wir das einmal auf die Worte des Jesaja beziehen, dann sagt uns das vielleicht dies: Wir wären schlechte Propheten und Prediger, wenn wir den Menschen nur verkündigen würden: Ihr seid mit Gott in Ordnung und ihr tut niemandem etwas Böses, darum sind die harten Worte nicht an euch gerichtet und ihr habt keine Veranlassung umzukehren.

Wir wären erst dann gute Prediger und Propheten, wenn wir die Härte der Mahnung Gottes auch weitersagen an alle, selbst wo wirklich ein paar Hörer dabei sein sollten, die wirklich von der Weisung Gottes nicht gemeint sind.

Zuletzt will uns Gott ja nie - auch nicht mit deutlichen Worten, die uns gar nicht gefallen - verletzen oder herabsetzen. Seine Zurechtweisung, seine Erziehung will uns immer zu besseren Menschen machen, zu Leuten, die in ihrer Beziehung zu ihm und den anderen Menschen weiterkommen und sich entwickeln. Darum ist es gut, wenn wir nicht verstockt sind gegenüber den Weisungen Gottes und wenn wir nicht gleich fragen, wer anderes denn damit wohl gemeint sein könnte. Es ist gut, wenn auch wir selbst in uns gehen und uns prüfen und wo es nötig ist, umkehren und ablassen von allem, was nicht der Wahrheit und nicht der Liebe zu Gott und den anderen Menschen entspricht, damit geschieht, was die letzten Worte des Jesaja sagen: Dass die, welche irren in ihrem Geist, Verstand annehmen, und die, welche murren, sich belehren lassen.