Predigt zum Pfingstsonntag - 15.5.2005

[Alternative Predigt zu dieser hier] [Predigten, Texte, Gedichte...] [Neues Buch: Heiterer Ertrag aus 25 Jahren] [Mein Klingelbeutel] [Liturgieentwurf zur akt. Predigt]

Mein besonderes Angebot: die aktuellen Predigten mindestens vier Wochen im Voraus bei Dike! Für jede aktuelle Predigt bitte ich Sie ab sofort um eine Klingelbeutelspende von 0,50 €! Für die Liturgie, die in der aktuellen Woche spätestens Mittwoch erscheint, bitte ich um 0,30 €. Alle weiteren Tarife hier.

Textlesung: Jh. 16, 5 - 15

Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Gemeinde!

Ein Satz aus dieser Abschiedsrede Jesu ist es, der mich ganz besonders angesprochen hat: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Mich hat das daran erinnert, wie es uns als Mütter und Väter mit unseren Kindern geht und ihnen mit uns, wenn die Zeit kommt, dass sie ihr eigenes Leben beginnen, unser Haus verlassen und sich selbständig machen. Zwar ist das da ja sozusagen umgekehrt, denn hier ist es Jesus, der sich von seinen Jüngern löst, aber am Ende bleibt es sich doch gleich, wer die Schritte tut, die uns voneinander trennen: Alle müssen es verarbeiten, nun allein zu sein, ohne die Hilfe, ohne den Zuspruch oder auch ohne die Gesellschaft des anderen. - Und das soll gut sein?

Die Älteren unter uns, die schon vom liebsten Menschen, den sie hatten, haben Abschied nehmen müssen, werden jetzt gewiss daran denken: Wie grausam hart das war in den ersten Wochen danach, und wie schwer das noch heute ist, ohne ihn, ohne sie ... Da ist alles leer auf einmal. Minuten werden zu Stunden; so ein Tag allein dehnt sich zur Ewigkeit. Vielleicht wird es mit der Zeit besser, wir lernen die Einsamkeit zu ertragen - ganz darüber hinweg kommen wir nie. Es fehlt der Gefährte, die Gefährtin, die Liebe, der Austausch, der Rat, die Berührung ... Und darin soll etwas Gutes liegen?

Den Jüngern gefällt die Aussicht nicht, bald ohne Jesus zu sein: Ihr Herz ist voll Trauer. Bald werden sie ihren Herrn nicht mehr sehen. Sein Wort, sein Trost, sein Verständnis und seine Nähe ... Und es soll nie wieder so sein. - Nein, es wundert uns nicht, wenn sie traurig sind.

Denn wenn ich nicht weggehe, sagt Jesus, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Wir wissen, dass Jesus Wort gehalten hat und wir lesen davon in der Pfingstgeschichte: Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist. (Apg. 2,1-4a)

Liebe Gemeinde, ich glaube fest, dass die Jünger am Pfingstmorgen nicht mehr getrauert haben! Dazu war in ihren geisterfüllten Herzen einfach kein Platz mehr. Und mit dem Heiligen Geist ist bei ihnen auch wieder Lebensmut und Freude eingezogen. Jetzt wussten sie wieder, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, bevor er aufgefahren war zu seinem Vater im Himmel: Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. (Mt. 28,19-20a) Und jetzt verstanden sie auch den letzten Satz, den ihnen ihr Herr gesagt hatte: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt. 28,20b) Jesu Geist würde immer bei ihnen sein von nun an, er würde sie nie verlassen, ihnen in allem beistehen, sie trösten und beraten, stärken und vorantreiben, dass sie ihr Leben in seinem Sinn führen und seinen Auftrag erfüllen können. Und dass sie das konnten, liebe Gemeinde, liegt heute vor Augen: Wir säßen hier nicht zusammen und feierten Pfingsten, wenn der versprochene Tröster damals nicht gekommen wäre und die Jünger ergriffen und begeistert hätte. Und gewiss können wir heute - im Nachhinein sagen - es war sehr gut so. Auf sich gestellt, beseelt vom Heiligen Geist haben die Jünger damals und die Christen aller Zeiten ein Werk vollbracht, wie es die ersten Zeugen am ersten Pfingsttag niemals für möglich gehalten hätten: Das Evangelium von Jesus Christus ist wahrhaftig in "alle Welt gegangen". Zwar hat es nicht "alle Völker zu Jüngern gemacht", aber weit über eine Milliarde Menschen rings um die Erde haben die Taufe empfangen und glauben an den, der auch unser Herr ist: Jesus Christus. Das hat der Heilige Geist getan. Durch die Menschen, die er für die Sache Jesu begeistert hat. Denn wenn ich nicht weggehe, hat Jesus gesagt, kommt der Tröster nicht zu euch. Wirklich: Nicht auszudenken, der Heilige Geist wäre nicht in der Welt! -

Aber denken wir jetzt noch einmal daran, wenn die Kinder aus dem Haus gehen und sich ihr eigenes Leben aufbauen. Das tut oft den Eltern weh und es ist auch für die Kinder nicht leicht und eine große Umstellung. Aber es muss doch sein - und nicht nur, weil es natürlich ist und weil schon in der Bibel steht: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen ..." (1. Mos.2,24a). Demnach könnte man ja immer noch sagen, dass wir uns nur trennen müssten, wenn die Kinder heiraten. Aber es ist auch so gut, wenn die Kinder ohne den Rückhalt und die Hilfe der Eltern auskommen müssen. Es weckt ihre eigenen Ideen, es entfaltet ihre bisher vielleicht wenig genutzten Talente, es zeigt ihnen, was sie können und wo ihre Grenzen liegen. Mit einem Wort: Erst so können sie richtig erwachsen werden!

Und für die Eltern liegen auch Chancen darin, wenn die Kinder nicht mehr im Haus sind: Vielleicht kommen die Eheleute ganz neu ins Gespräch? Vielleicht - wo sie früher immer zuerst an die Kinder gedacht haben - denken sie jetzt wieder mehr aneinander? Und sie entdecken sich ganz neu, haben mehr Zeit füreinander ... Ja, bei allem Kummer, vielleicht auch manchen Sorgen um die Kinder und ob sie allein zurecht kommen, oft beginnen für die Eltern noch einmal sehr glückliche Jahre ihrer Ehe und Partnerschaft. Und als Christen dürfen wir unsere Kinder ja doch auch Gott anvertrauen und dem Heiligen Geist zutrauen, dass er sie führt und ihnen beisteht. Sie sind ja nicht wirklich allein, wie wir als Eltern nicht allein sind!

Und wenn das jetzt auch ganz heikel ist und ich damit Erfahrungen anspreche, die noch lange nicht verarbeitet und vielleicht Wunden berühre, die längst nicht vernarbt sind, ich will es doch tun - weil es auch helfen kann, sogar heilen kann, darüber zu reden, zu hören: Ja, ich meine, dass selbst der Abschied von einem Menschen, auch dem liebsten, nicht nur Schmerz und Leid enthält. Gewiss: Wir sagen meist, wenn es geschehen ist, das war viel zu früh, wir hatten doch noch so viele Pläne, er wollte doch noch dies erleben, sie hatte doch immer noch das vor ... Und immer ist es zuerst ein ganz tiefes, dunkles Loch, in das wir fallen. Und dort unten dringt kein Lichtstrahl hinein. Und es dauert lang, und es muss getrauert sein ... Aber es kommt auch wieder ein Morgen, an dem wir eine lange nicht mehr gekannte Freude empfinden. Ganz zart ist sie am Anfang und sehr zerbrechlich. Aber sie wächst und will wachsen ... Das Leben meldet sich zurück, unser Leben.

Vielleicht können wir uns das eigene Leben dann gar nicht erlauben, vielleicht meinen wir, es stünde uns doch - nachdem der geliebte Mensch nicht mehr bei uns ist - gar nicht mehr zu. Aber es ist da, dieses Leben, und wir sollten es ergreifen! Denn es ist Gott, der es uns gegeben hat und es ist der Heilige Geist, der es uns jetzt neu gestalten hilft: Und manchmal entwickeln Menschen, die nach einem Abschied allein leben müssen, ganz neue, ungeahnte Energien, übernehmen Aufgaben an ihren Mitmenschen, die wichtig sind, Hilfe für beide Seiten bedeuten, Freude machen und Erfüllung schenken. Überhaupt: Wie ein Geschenk ist oft dieses neue Leben allein, vor dem uns vielleicht zuerst nur bange war. Aber warum sollen wir, wenn uns ein geliebter Mensch verlassen hat, nur noch trauern und Trübsal blasen? Es ist der Heilige Geist, der uns gewiss macht, dass für den Verstorbenen in Ewigkeit gesorgt ist. Warum sich also um ihn sorgen? Und es ist der Heilige Geist, der uns tröstet, uns wieder zum eigenen Leben zurückführt, uns noch einmal neue Gedanken und Pläne eingibt und Erfahrungen machen lässt, die Freude und Glück in unsere Tage zurückbringen.
Denn wenn ich nicht weggehe,
sagt Jesus, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Im Abschied Jesu von seinen Jüngern lag neben der Trauer auch große Kraft verborgen, aus der durch seinen Heiligen Geist der Glaube an ihn in alle Welt ging.

Seitdem gilt für jeden Abschied die Verheißung: Der Heilige Geist hilft uns, Schmerz, Trauer und Einsamkeit zu überwinden, uns auf die eigenen Fähigkeiten zu besinnen, neue Anfänge zu wagen und mit seinem Trost und Beistand auch wieder neue Freude und Glück zu empfinden.

Ein solches Pfingsten wünsche ich uns allen.