Predigt zum Sonntag "Rogate" - 1.5.2005

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Textlesung: Lk. 11, 5 - 13

Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitter- nacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir ge- kommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde!

Nicht nur bei dieser Geschichte, aber hier ganz besonders wird aufgeräumt mit einem Bild, das wir von Gott in unseren Köpfen haben: Denken wir uns den Gott, zu dem wir beten, denn nicht als ordentlichen, gerechten Verwalter der Bitten seiner Menschenkinder? Stellen wir uns das nicht etwa so vor, wie wenn wir zu einem Amt unserer Gemeinde, unserer Stadt oder des Landkreises gehen, um einen Antrag auf Unterstützung einzureichen: Wer zuerst da war, der wird auch zuerst bedient. Wer das Formular unvollständig ausfüllt, kann nicht mit Hilfe rechnen. Drängler müssen sich wieder hinten anstellen. Wer der Amtsperson frech kommt, wird übergangen und muss unverrichteter Dinge nach Hause gehen.

Wenn wir dagegen der Geschichte, die Jesus hier erzählt, entnehmen, wie es in Gottes "Amtsstube" zugeht, wenn wir uns betend an ihn wenden, dann scheint dort von uns ein völlig anderes Verhalten gefordert: Unverschämt sein sollen wir, auf die Nerven fallen und drängen, nicht nachgeben und sich nicht abweisen lassen. Nicht wahr, wenn man das einmal so sieht und sagt, fragt man sich schon, ob man die Anweisung Jesu zum erfolgreichen Beten so ganz ernst nehmen darf. Und ob wir solche "Gebete" wirklich sprechen dürfen und ob wir das angesichts unseres bis heute doch immer eher achtungsvollen Umgangs mit Gott überhaupt können, ist auch sehr die Frage! Schließlich macht uns schon das Probleme, wie menschlich - und das nicht im besten Sinn! - Gott hier gesehen wird: Dass er auf Drängelei reagiert, die lautesten Schreier zuerst drannimmt und sich Unverschämtheiten gefallen lässt. -

Andererseits: Jesus wollte uns Gott ja immer als seinen und unseren himmlischen "Vater" nahe bringen! Und zu einem Vater passt seine Anleitung für rechtes Beten auch wirklich nicht schlecht! (Darum tritt Gott in Jesu Geschichte wohl auch als Vater auf, noch dazu mit Kindern im Haus.) Und wenn es unserem Gottesbild jetzt immer noch Abbruch tut, wie wenig dieser Vater dem entspricht, wie wir uns bis heute den vorgestellt haben, zu dem wir beten, dann sollten wir uns auch noch das vor Augen halten: Für die Juden, für die Zuhörer also, denen Jesus damals diese Geschichte zum Beten erzählt hat, war Gott noch der ganz und gar weltenferne Schöpfer, der Herrscher und Gesetzgeber, der mit menschlichen, irdischen Dingen nur insoweit zu tun hatte, dass die Welt, der Erdball, auf dem wir leben, der Schemel seiner Füße war. Wenn Jesus gegen ein solches Bild Gott als unseren Vater stellen will, muss er schon drastisch reden!

Also, lassen wir es stehen: Unser himmlischer Vater thront nicht von unseren Bitten und Gebeten unerreichbar irgendwo hoch über dem Himmelblau! Er kann bewegt werden, wenn wir nur beharrlich genug sind. Er verschließt sich nicht unserem Drängeln; er versteht sogar, wenn wir einmal unangemessen und unverschämt zu ihm sprechen.

Liebe Gemeinde, prüfen wir jetzt einmal unser Beten bis zum heutigen Tag. Ich bin gewiss, die meisten von uns werden bekennen müssen, dass sie es so noch nie gesehen und schon gar nicht geübt haben, das Beten. Im Gegenteil: Vielleicht haben wir unserem Gott ein-, zweimal unseren persönlichen Herzenswunsch vorgetragen. Dann aber, als keine Antwort und schon gar keine Erfüllung kam, haben wir uns zurückgezogen. Manche von uns für lange.

Und als wir damals für die Nachbarsfamilie gebetet haben, die das Schicksal so hart geschlagen hatte, sind wir eins ganz gewiss nicht geworden: ausfallend und unverschämt, dass wir's in unserem Gebet dringend und eilig gemacht hätten. Es hat allerdings auch viele Monate gedauert, bis es den geschundenen Menschen wieder ein bisschen besser ging.

Schließlich kommt uns sicher auch unser gemeinsames Beten hier in der Kirche in den Sinn. Wer käme denn darauf, solche Worte dafür zu wählen, die Gott auf die Nerven gehen und bedrängen? Wir beten lieber gesittet und demutsvoll. - Aber geht es nicht um so wichtige Bitten wie den Frieden überall, wo Krieg herrscht? Wollen wir nicht erreichen, dass Gott den Hunger aus der Welt vertreibt? Und sollen nicht die Christen überall unbehindert und ohne Verfolgung ihren Glauben leben dürfen. Ist in all diesen Gebetsanliegen wirklich Zurückhaltung angebracht?

Heute jedenfalls haben wir es von Jesus erfahren: Gott erlaubt uns durchaus ein wenig mehr Nachdruck in unseren Gebeten! Der "Vater" will von seinen Kindern auch einmal angegangen werden, so dass sie ihn nicht mehr in Ruhe lassen, bis er ihnen gibt, was sie wollen! Dabei wissen wir, dass er uns nichts geben wird, was uns schädlich ist. Aber bei solchen Dingen würden wir ja auch wohl nicht lange bei unserem Drängeln bleiben.

Aber bei dem, was wir uns sehnsüchtig wünschen, bei dem, was unser Leben erfüllen und bereichern würde, sollen wir nicht nachlassen, nicht zurückweichen und nicht den Mut verlieren, bis ... Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Der Vater wird uns schenken, was wir von ihm erbitten! Wir müssen beharrlich sein, dranbleiben, auch einmal unverschämt werden.

So sollen wir also nicht nach zweimaligem Beten in einer Sache zurückstecken und denken: Nun, es soll halt nicht sein. Doch: Es soll sein! Du musst aber immer und immer wieder damit vor Gott treten! Er muss es spüren, dir ist das wichtig. Du willst das haben! Und der Tag wird kommen, da erfüllt Gott deinen Wunsch.

Und wenn du das nächste Mal in deinem Gebet für die Nachbarn eintrittst, dann gib dich nicht zufrieden, bevor du nicht siehst, dass Gott sich der Menschen angenommen hat, die du ihm ans Herz legst. Der Vater muss es merken, wie viel dir daran liegt, dass er hilft und heilt und rettet.

Selbst unsere Gebete in der Kirche dürfen an Nachdruck gewinnen: Wir sind alle Gottes Kinder und wir wollen etwas für unsere Geschwister erreichen - in der Welt und hier bei uns. Es ist so viel Not und Elend überall! Und Gott kann mit seinem heiligen Geist die Verhältnisse und die Herzen der Menschen verändern. Zeigen wir ihm, wie sehr wir das von ihm haben wollen. (Und gleich heute am Ende dieses Gottesdienstes fangen wir damit an!)

Mindestens eine Frage bleibt und ich glaube, sie macht nicht nur mir Gedanken: Warum nur liegt unserem himmlischen Vater selbst so daran, dass wir treu und ausdauernd, beharrlich und vielleicht sogar einmal unverschämt bei unserem Gebet bleiben?

Ich meine, dass die Antwort auch hier damit zu tun hat, dass Gott unser "Vater" sein will. Wie könnten wir als die Kinder Gottes besser zeigen, dass wir Vertrauen zu ihm haben, als dass wir uns eben nicht gleich wieder abwenden und aufgeben, wenn unserem Gebet die Erfüllung nicht auf dem Fuße folgt? Menschen, die wissen, sie sind ein Kind Gottes, die nehmen sich auch das Recht, zu quengeln wie Kinder und sich nicht zurückzuziehen, wenn der Vater einmal nicht gleich hören will. Bittet, so wird euch gegeben ... Dranbleiben sollen wir mit unserem Gebet! Suchet, so werdet ihr finden ... Beharrlich und ausdauernd soll unsere Suche sein. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Wenn wir dazu nur den kleinen Finger nehmen, dann ist das zu leise. Wir dürfen auch einmal mit der Faust klopfen.

Zeigen wir dem Vater, dass wir ihn brauchen und ihm vertrauen. Er wird helfen!