Predigt zum Sonntag "Jubilate" - 17.4.2005

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Textlesung: Jh. 16, 16 - 23

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeu- tet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, daß ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

Liebe Gemeinde!

In diesen Worten Jesu ist ein Geheimnis verborgen! Wir sehen es nicht gleich - ich habe es auch erst beim vierten oder fünften Lesen entdeckt - aber es ist da! Zwischen und in diesen Zeilen, die doch auf den ersten Blick ziemlich unverständlich daherkommen und wir verstehen auch gar nicht so recht, was alle diese Gedanken miteinander zu tun haben: "Ihr werdet mich sehen, dann wieder nicht sehen - ich gehe zum Vater - ihr werdet weinen und klagen, die Welt aber wird sich freuen, eure Trauer aber soll Freude werden - eine Frau, die gebiert hat Schmerzen, wenn sie geboren hat aber, hat sie Freude - auch aus eurer Traurigkeit soll Freude werden - wenn ihr den Vater etwas bittet, wird er's euch geben."

Ohne klaren Zusammenhang, wie gesagt. Aber etwas wird doch deutlich: Die Freude hat in diesen Worten eine ganz besondere Bedeutung. Sie steht im Mittelpunkt oder besser: Sie ist das Ziel, das erreicht werden soll, sie ist das Gefühl, das Jesus bei seinen Jüngern wecken will. Und dann ist da noch das Geheimnis ...

Aber zuvor möchte ich noch einem anderen Gedanken nachgehen: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen ..." Ist nicht das schon traurig und kann uns die Freude gründlich vergällen, dass es leider stimmt: Immer wenn sich der eine freut, dann hat ein anderer etwas zum Weinen. Und umgekehrt - und da ist es eigentlich noch bitterer: Wenn einer gerade die Welt zusammengestürzt ist, dann macht einer anderen das vielleicht große - oft hämische - Freude. Nein, es gehört nicht zu den Sternstunden unseres Lebens, wenn wir uns freuen können, nur weil einem anderen Menschen etwas kaputt gegangen ist oder Schmerzen und Leid zugefügt worden sind. Und es wäre sicher gut, wenn wir uns bei Gelegenheiten solcher "Freude" zurückhalten und daran erinnern, wo zuletzt wir auf der anderen Seite gestanden haben und wie das Gefühl gewesen ist, als andere sich an unserem Schmerz oder unserem Pech geweidet haben. Das könnte uns helfen, zukünftig mehr echtes Mitgefühl und ehrliches Mitleid aufzubringen und das Bemühen darum kommt irgendwann auch wieder zu uns zurück und uns zugute!

Aber wir wollen jetzt das Geheimnis lüften, das sich in diesen Worten Jesus versteckt. Hier liegt es verborgen: Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

Liebe Gemeinde, spüren sie das, wie drängend wir zur Freude gerufen werden? Fast möchte man sagen: Lasst euch um Gottes Willen nicht in eurer Traurigkeit festhalten! Ihr müsst das Gefängnis sprengen, ihr müsst frei werden für die Freude! Und wenn wir sie erst fühlen, dann wird diese Freude so groß sein, dass sie alle unsere Fragen beantwortet. Und das haben wir doch auch schon erfahren: Wenn wir im Leid sind, dann wollen wir vieles wissen: Warum muss ich leiden? Wann wird es mir wieder besser gehen Und wenn wir in Zeiten der Trauer sind, dann suchen wir nach der Antwort, warum wir den Tod des lieben Menschen beklagen, warum gerade wir jetzt allein leben müssen und ob es für uns je wieder hellere Tage geben kann?

Wenn wir dagegen glückliche Zeiten erleben, dann hören die Fragen auf, wie von selbst: Wir haben ja dann auch alles, was wir brauchen, wissen wofür wir da sind und freuen uns an jeder schönen Stunde. (Und hoffentlich sind wir dem auch dankbar, der sie uns schickt!)

Und hier ist er nun, der Kern des Geheimnis': Denen, die in solchem Glück sind, die dem Ruf Jesu gefolgt und bis zur Freude vorgedrungen sind, denen ist es verheißen: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Ganz ausdrücklich: Das gilt nicht den Traurigen, denen, die sich im Leid verzehren, den Klagenden, selbst wo sie allen Grund zur Klage haben - es gilt denen, die sich freuen!

Ich glaube jetzt allerdings, das können wir auch nicht so ganz fraglos hinnehmen: Sieht das nicht so aus, als wäre Gott den Fröhlichen näher als den Trauernden? Müssen wir jetzt nicht denken, Gott hielte es mit denen, die im leichten Glück sind, lieber, als mit den Bedrückten, den Geplagten und von Schmerz und Krankheit Belasteten? Ja, so sieht es aus - auf den ersten Blick jedenfalls. Wenn wir aber genauer hinsehen, dann erkennen wir, dass es hier ja nicht um Gottes Hilfe im Leid geht, nicht um seinen Beistand in dunklen Stunden, nicht um seine Hand, die uns sehr wohl in Not und Bedrängnis hält und nicht loslässt ... Hier geht es um die Freude! Und um eine Freude, die auch den Bedrängten, Leidenden, Traurigen erreichbar ist - mitten in ihrer schweren Zeit!

Das Geheimnis in seinem tiefsten Kern ist also dies: Wir sollen zur Freude finden, obwohl wir Trauer haben, trotz allen Leids und in aller Bedrängnis unseres Lebens. Dann werden alle Fragen vergehen und Gott, wenn wir ihn in Jesu Namen bitten, wird uns geben, was uns nötig ist - auch die Hilfe in unseren Nöten, auch die Heilung unserer Ängste, auch die Linderung unseres Leids. (Kommt uns über diesen Gedanken nicht wie von selbst das schöne Lied in den Sinn: "In dir ist Freude in allem Leide..."?, das wir nachher auch singen wollen?)

Und das schöne Bild aus Jesu Worten bestätigt doch die Sicht, dass auch mitten in der Bedrängnis Freude in uns sein kann: Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist. Die Angst ist nicht vergangen, aber die Freude hilft, nicht mehr an sie zu denken und sie nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und auch das ist ein Hinweis in die selbe Richtung: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Nie wird sie ganz vergessen sein, die Traurigkeit, dass Jesus nicht mehr bei den Jüngern ist, aber über ihr, aus ihr wird die Freude über den Auferstandenen, die Auferstehung und das neue Leben emporwachsen.

Und hier sind wir nun endlich auch beim eigentlichen Grund, bei der Mitte und dem Kern der Freude, die wir finden und empfinden sollen: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen ... Jesus spricht von seinem Tod. Er wird sterben und ins Grab gesenkt werden. Und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen ... Ich gehe zum Vater! Aber Jesus wird auferstehen und zu seinem himmlischen Vater zurückkehren, dorthin, wo er auch für uns eine ewige Wohnung bereiten will. Liebe Gemeinde, wenn das keine Freude ist! Ach, was sage ich, wenn das nicht die Freude ist, die sich als stärker erweisen wird als alle Trauer, alle Angst, alle Sorgen und alles Leid dieser Welt!? Wenn am Ende noch des schwersten Lebens, am Ende der dunkelsten Zeit und nach den schwärzesten Befürchtungen immer die Auferstehung und die Herrlichkeit in Gottes Nähe auf uns wartet, dann wird nichts und niemand unser Herz in Sorge, Not, Beschwerden und Traurigkeit halten können!

Eine Frage bleibt noch: Wie gelingt uns der befreiende Schritt aus dem Kerker unserer Ängste und Leiden? Ich glaube, hier ist die Antwort einfach: Er muss gewagt werden, ähnlich wie der Sprung in den Glauben riskiert werden muss oder das Vertrauen, dass wir im Wasser nicht untergehen, sondern schwimmen können. - Ich wünsche uns Mut dazu, den Ruf Jesu zur Freude höher zu achten als alle Traurigkeit, die unser Herz gefangen hält und ihm zu folgen: In die Geborgenheit, wie sie erlöste Menschen erfahren, in das Glück, wie es Christen schon heute glauben: Dass am Ende das Eigentliche beginnt, dass der Tod der Anfang des Lebens sein wird, seit Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist. - Wahrhaftig, an dem Tag, an dem wir das glaubend wissen, werden wir nichts mehr fragen.