Predigt zum Sonntag "Misericordias Domini" - 10.4.2005

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Textlesung: Hes. 34,1-2 (3-9) 10-16.31

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weis- sage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst wei- den! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet. Dar- um hört, ihr Hirten, des HERRN Wort! So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Liebe Gemeinde!

Das wird heute sicher gar nicht einfach, diese Prophetenworte für uns und in unsere Zeit hineinzusagen! Das liegt schon einmal daran, dass gut 2 ½ Tausend Jahre vergangen sind, seit Hesekiel diese Worte Gottes ausgerichtet hat. Dann aber ist da noch die Sache mit den "Schafen" ... Ich persönlich habe da ja keine Probleme, wenn ich von der Gemeinde Jesu Christi auf Erden spreche, an SEINE Schafe zu denken! Aber wie oft habe ich das schon gehört: "Wir sind doch keine dummen Schafe!" Oder: "Auch ein Gemeindeglied hat doch seine eigenen Gedanken und seinen eigenen Willen - passt denn da das Bild vom Schaf und der Herde noch?"

Nicht viel besser ergeht es da dem "Hirten". Das will doch auch keiner mehr sein, heute. Wenn wir ehrlich sind, haben wir sowieso bei diesem Wort gleich an die Pfarrer gedacht oder die anderen, die in der Leitung der Gemeinde Verantwortung tragen. Aber doch nicht an uns "einfache" Christenmenschen.

Wenn wir nun aber in den Worten des Hesekiel lesen, dass er sich eigentlich von Anfang bis Ende mit Gottes Herde, mit Schafen und Hirten beschäftigt, dann müssen wir jetzt eine Entscheidung treffen: Wollen wir uns auf diese Worte denn überhaupt noch einlassen, auch wenn sie so gar nicht mehr in unserer Sprache und den Bilder unserer Welt geschrieben sind, oder legen wir sie nicht besser beiseite und sagen: Leider nicht mehr für uns geeignet! Lasst uns einen anderen schönen Text für diesen Sonntag suchen und bedenken!?

Ich glaube, es gibt noch einen dritten Weg und den möchte ich jetzt gern mit ihnen gehen:

Im Grunde brauchen wir doch diese Bilder, diese Bezeichnungen gar nicht: Schaf, Herde, Hirte ... Wissen wir denn nicht, was gemeint ist? Um den Umgang miteinander geht es! Ob ein Mensch im anderen die Schwester, den Bruder erkennt. Ob er um des anderen willen handelt, auch einmal zurücksteckt und verzichtet. Ob die Liebe uns antreibt, das Vertrauen uns ermutigt, die Treue unsere Taten bestimmt und die Güte uns nachsichtig sein lässt. So nämlich soll es in der Herde, oder sagen wir besser, der Gemeinde Gottes zugehen! Und mit "dumm" hat das nun gar nichts zu tun!

Und das müssen doch keine Hirten sein, die sich auf Kosten anderer mästen! In dieser Versuchung steht doch jeder Mensch, gleich welchen Beruf oder welche gesellschaftliche Stellung er hat. Auch hier ist die Frage: Wie gehen wir miteinander um? Interessiert mich angesichts meiner Mitmenschen nur, was sie mir bringen, wie sie meine Habe, mein Geld, meinen Einfluss oder meine Macht steigern können (- dann gleiche ich dem Hirten, der nur sich selbst weidet!), oder kann ich meinem Nächsten auch einmal etwas gönnen, ihre Sache fördern, ihre Freude mehren ... Ja, macht mir das vielleicht sogar selbst Freude, wenn ein anderer auch einmal etwas hat, wenn ihm Liebe und Zuneigung widerfährt oder ein unverhofftes Glück. - So soll es sein, liebe Gemeinde, unter uns, zwischen uns.

Aber wir wollen jetzt auch das harte Urteil hören, das der Prophet spricht. Er hat es ja nicht aus sich selbst: Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Ist das nicht so!? Schauen wir doch hin! Ins Gesundheitswesen ... Längst haben wir die Zwei-Klassen-Medizin! Natürlich sollst du zur Krebsvorsorge gehen! Aber wenn du in der falschen Kasse bist, wird sie dir nicht mehr erstattet. Und gewiss kannst du jedes Medikament auf dem Markt bekommen - nur wenn du es selbst bezahlst allerdings. Und die Hüftoperation wird schon gemacht, aber nicht, wenn du über 70 bist!

Und schauen wir in die Wirtschaft und auf den Arbeitsmarkt: Vom Fordern und Fördern war da die Rede - vor der Reform. Übrig geblieben ist nur das Fordern.
Die größten Unternehmen Deutschlands zahlen minimale oder gar keine Gewerbesteuer. Der kleine Handwerksbetrieb weiß vor lauter Abgaben nicht mehr, wie er seine Angestellten über den Winter halten soll!
Inkompetente Manager, die an ihren Aufgaben versagt haben, werden beim Konkurs fürstlich abgefunden. Die einfachen Arbeiter werden freigesetzt und kriegen nie wieder einen Job.

Und blicken wir auch noch in die Politik: Wieso reicht dem Parlamentarier die wirklich gute Bezahlung seiner Arbeit nicht, dass er sich der - oft zahlreichen! - Nebentätigkeiten enthält?

Warum halten zahlreiche deutsche Landtage an Privilegien fest (zum Beispiel dem Sterbegeld), die sie den Normalsterblichen längst per Gesetz gestrichen haben?

Wie kommt es, dass wir Wähler - nach der Wahl! - immer wieder und immer mehr den Eindruck gewinnen, es interessiere sich eigentlich keiner der von uns Gewählten wirklich für unsere Sorgen?

Und wir wollen jetzt nicht so tun, als gäbe es dergleichen in der Kirche nicht auch: Warum ist immer zuerst und meistens nur vom Geld die Rede und vom Sparen? Warum gelingt es uns Christen nicht, einmal von der anderen Seite her zu kommen: Was müssen wir als Kirche, als Gemeinde unbedingt anbieten und beibehalten? Wo dürfen wir - um Christi und des Evangeliums willen - um keinen Preis Abstriche machen, weil wir sonst unser Gesicht, unser Profil verlieren? Und gibt es nicht auch in der Gemeinde Menschen, die leiten und für ihre Mitchristen sorgen sollen, die im Grunde nicht das Wohl der anderen im Blick haben, sondern nur das eigene Ansehen und die eigene Ehre?

Jetzt können wir so manches entgegensetzen. Wir können sagen: Die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt waren noch nie gerecht oder sozial. Und wir können sagen: Auch in der Politik und sogar in der Kirche gibt es Menschen, die eigentlich alles zuerst für sich selbst tun und nie den eigenen Vorteil aus den Augen verlieren. Und dann zucken wir vielleicht mit den Schultern und fügen noch hinzu: Aber da kann man halt nichts machen. - Und genau hier kommen wir dann eben nie weiter. Das, was ist, wird festgeschrieben: So ist es und so bleibt es. Dann erkennen wir das, was der Prophet im Auftrag Gottes anprangert, im Grunde als unverrückbar und unveränderbar an: Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Gott aber ist das nicht genug! Er bleibt hier nicht stehen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen.

Das heißt einmal, dass wir endlich aufhören, alles immer nur hinzunehmen. (Da verhalten wir uns dann nämlich auch wie "Schafe"!) Gott will das nicht, dass wir einander ausnutzen und ausnehmen. Wir sind für einander zur Hilfe, zum Beistand, zur Erbauung, zur Freude gemacht! Darum fangen wir endlich an, diesen Auftrag Gottes aneinander ernst zu nehmen! Wenigstens wir wollen einander nicht darauf hin befragen, was es uns bringt, mit diesem oder jenem Mitmenschen zu tun zu haben. Dass er uns braucht, das ist unser Maßstab und unser Beginn! Und fragen wir auch jene, die so ganz offensichtlich nicht für die anderen, sondern nur für sich, den eigenen Bauch und den eigenen Geldbeutel arbeiten, warum sie immer nur sich selbst im Blick haben!

Vor allem aber vergessen wir nie, was Gott selbst uns verheißt: Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.

Alles, was wir für einander tun, wird von Gott gesegnet sein. Er ist ein für alle Mal Feind denen, die sich auf Kosten anderer mästen. Gott ist auf der Seite derer, die sich in Liebe und Treue, in Fürsorge und Verantwortung für einander zusammenfinden. Er schenke uns, dass in unserer Gemeinde der Geist der gegenseitigen Liebe herrscht, dass wir einander das gute Gefühl schenken, wir sind nicht allein, einer steht für den anderen ein, eine ist für die andere da - in Gottes Namen und in seinem Segen.