Predigt zum Ostersonntag - 27.3.2005

Liebe Gemeinde!

Was bringen wir nicht alles mit in die Kirche - am Ostermorgen! Die Sehnsucht nach einem anderen, freieren Leben. Die Hoffnung auf Antwort auf die bedrängenden Fragen, die unsere Tage begleiten: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn? Und Wünsche haben wir: Nach Geborgenheit, Glück, guten Beziehungen, Liebe, Frieden ... Aber da sind auch die Mächte, die uns immer lähmen: Die Gewohnheiten, aus denen wir kaum ausbrechen können. Der gleichmäßige Trott unseres Lebens, der uns so verhasst und doch auch vertraut ist. Die eingefahrenen Geleise, die uns keine neue Richtung gestatten. Was bringen wir nicht alles mit in die Kirche - am Ostermorgen!

Und was suchen wir hier? Endlich den Ausweg aus den sich ständig wiederholenden Irrwegen. Nur ein bisschen Erinnerung an unseren Kinderglauben? Ein gutes Gewissen, wenn wir nachher in die alten Verhältnisse des gewohnten Alltags zurückkehren? Die Freude an einem Leben, das nicht mehr verstellt ist durch die Angst vor dem Tod?

Wohin führt unser Weg, den wir heute morgen hierher zum Ostergottesdienst gegangen sind? Wohin kann er uns führen, wenn nicht wieder zurück in das Leben, wie es war? - Mit diesen Gedanken lesen wir die biblische Geschichte zum Ostersonntag. Als eine Geschichte, in der wir uns wiedererkennen können mit unseren Fragen und Hoffnungen, unseren Wünschen und unserer Sehnsucht. Als eine Geschichte von den gewohnten Wegen unseres Lebens, die an irgendeinem Grab enden. Vor allem aber als die Geschichte von einem überraschenden Anfang. Unsere Geschichte??? Wir wollen sehen. Aber zunächst wollen wir hören, was uns da erzählt wird:

Textlesung: Mt. 28, 1 - 10

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Mag- dala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, daß er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

Was bringen die drei Frauen mit - am Ostermorgen, als sie zum Grab Jesu gehen? Eine Salbe, um den Leichnam damit zu bestreichen. Die Sehnsucht, den toten Herrn noch einmal zu sehen. Den Wunsch, sich ein letztes Mal neben diesem Toten zu erinnern, wie er war, was er für sie tat und was noch hätte sein sollen ... Und Fragen: Warum musste er sterben? Warum dieses Leiden? Warum er? Und die Macht des Gewohnten bringen sie auch mit: Wir werden ihm dies letzte Liebeswerk tun; wir werden ihn salben wie es Brauch ist und dann zurückkehren in unser Leben - wie es immer war, wie wir es kennen und wie es wohl bis zuletzt bleiben wird. Nur: Hoffnung bringen die Frauen keine mit, dass etwa wahr geworden ist, was der Herr ihnen voraussagte. Nein, Hoffnung nicht!

Aber sein Grab ist offen und leer. Der Weg der drei Frauen am Ostermorgen endet nicht an einem Grab, sondern an einer leeren Felsenhöhle. Und dort gibt es kein Verweilen, dort ist nichts zu sehen. Sie werden weitergeschickt, gesandt, es zu verkünden unter den Jüngern. "Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude ..." Mit "Furcht" ... So ganz können sie noch nicht begreifen, was da geschehen sein soll! Der Leichnam ist nicht da, gut, aber "auferstanden", der Tod besiegt, der Herr lebt? Die Zumutung an das gewohnte Denken ist zu groß! Was immer so war, soll nicht mehr gelten? Das Gefängnis des "Immer-so-weiter" gesprengt: Ein Toter ist lebendig geworden? Wer begreift das? So schnell geht es nicht: Und sie gingen weg vom Grab mit Furcht und großer Freude ...

Wie gehen wir weg aus diesem Gottesdienst am Ostermorgen? Auch unser Weg heute führt uns nicht an das Grab des Herrn: Die Gruft ist offen und leer! Wir hören die Worte "Auferstehung" und "der Herr ist lebendig" ... Aber verstehen wir's auch? Neues Leben aus dem Tod? Der ewig gleiche Trott - kein Verhängnis mehr. Die Gewohnheiten, die uns fesseln - sie können überwunden werden! Der Ausbruch aus unseren toten Verhältnissen und all den Zwängen, die uns im Griff halten - ist möglich? Das Grab ist leer!? Der Tod hat nicht das letzte Wort!? Wer kann es glauben? Wir werden weggehen aus diesem Gottesdienst mit "Furcht" und Freude...? Furcht: Bleibt nicht doch alles beim alten? Die Sehnsucht ungestillt. Die Fragen unbeantwortet. Die Wünsche offen. Die Hoffnung unerfüllt.

"Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen."

Auch uns - wenn wir von diesem Ostergottesdienst weggehen - wird Jesus begegnen! Hier ist nur eine leere Felsenhöhle ... und Worte, die wir nicht begreifen: Der Herr ist auferstanden ... Aber hier ist der Weg nicht zu Ende: Wir werden fortgeschickt von hier "um ihn zu sehen!" Das neue Leben wird uns begegnen und er wird uns ansprechen: Seid gegrüßt! Fürchtet euch nicht! Noch heute kann das sein: Wenn einer ausbricht aus allem, was er und andere immer von ihm dachten. Wenn er mit einem freundlichen Gesicht auf ihre bösen Mienen antwortet. Wenn er das gute Wort findet, wo sie belanglos reden. Wenn er lächelt und sich freut, wo sie neidisch blicken. Da ist neues Leben aus dem Tod! Da spricht der Herr: Fürchte dich nicht!

Das kann morgen geschehen: Wenn ich meinen Partner mit neuen Augen wahrnehme. Wenn ich ihm sage, was seit Jahren nicht mehr über meine Lippen gekommen ist, wenn meine Hände zärtlich sein können und mein Herz frei von Eigensucht. Da sprengt das neue Leben mein Gefängnis! Da höre ich ihn: Fürchte dich nicht!

Das wirst du erleben: Wenn du stark wirst und dich gegen die Zwänge behauptest, die dich knebeln. Das Laster, das dich seit Jahren versklavt. Die Sucht, nichts auszulassen und kein Vergnügen zu versäumen. Die Gier, alles haben zu müssen, was modern ist und was andere schon besitzen. Das neue Leben beginnt! Er spricht zu dir: Fürchte dich nicht!

Dahin führt unser Weg: Aus der Langeweile des ewig gleichen Alltags in neue Versuche, wirklich zu leben: Die Verbindungen zu Freunden pflegen, einen Besuch machen, einen Anfang setzen und dabeibleiben ... Dahin führt unser Weg: Aus verhärteten Beziehungen, in denen nur noch die Gewohnheit herrscht, aufbrechen zu neuem Umgang miteinander, zu Gespräch, zum aufmerksamen Hinhorchen auf den anderen, zu Rücksicht und Vertrauen. Dahin führt unser Weg: Aus dem Erkennen, wie viel Zeit wir schon mit nichtigem Tun vergeudet haben, auferstehen in ein Leben für Gott, mit Fülle und mit Sinn. Am Anfang des Wegs begegnet uns der Herr uns spricht: Sei gegrüßt! Fürchte dich nicht!

Liebe Gemeinde am Ostermorgen, suchen wir den Herrn nicht länger im Grab! Suchen wir ihn nicht länger in bloßen Worten: In "Auferstehung" oder "der Herr ist lebendig". Suchen wir ihn auch nicht in allem, was wir heute hierher mitgebracht haben in diesen Gottesdienst. Hören wir doch: Das Grab ist leer! Die Worte, die Ostern ausdrücken wollen, sind leer. Auch unsere Gewohnheiten, alles, was immer war, der Trott unseres Alltags ist leer. Der Herr aber ist lebendig! Er ist uns schon vorausgegangen. Wir werden ihm begegnen. Er wird uns ansprechen: Seid gegrüßt! Fürchtet euch nicht! Denn der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Was nehmen wir mit aus diesem Gottesdienst am Ostermorgen? - Die gewisse Hoffnung, der Herr lebt und wird sich von uns sehen lassen! Er wird zu uns sprechen in neuem Leben, in Glück, in Geborgenheit, in Liebe und Frieden. Dann werden wir wissen, dass der Tod wirklich besiegt ist. Dann ist Ostern! - Fürchte dich nicht!