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Predigt zur Jahreslosung 2002 - 1.1.2002

Textlesung: Jes. 12,2
Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Das ist eine ungewöhnliche Jahreslosung! Sie ist besonders persönlich. Wurde uns in früheren Jahren vielleicht etwas zugesagt: In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (2001), oder hat Gott zu uns gesprochen: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen (2000), so sprechen in diesem Wort eigentlich wir selbst: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Und ist das nicht wie eine Antwort? "Ja, Gott ist meine Rettung..." Aber welche Frage wurde uns gestellt?

Dem einen unter uns ist im gerade zuende gegangenen Jahr vielleicht diese Frage vorgelegt worden: Auf wen willst du dich denn verlassen, jetzt, da du älter wirst, deine Kräfte schwinden und du dir nicht mehr in allem - so wie früher - selbst helfen kannst? Das stand, das steht ja uns allen bevor, wenn wir in den Herbst und dann den Winter unseres Lebens treten. Auf einmal ist sie da, diese Frage - und wir haben vielleicht einmal nicht für möglich gehalten, daß auch wir sie einmal beantworten müssen. Und wir wollen auch das aussprechen: Sehr schmerzlich ist diese Frage! Sie macht uns allzu deutlich, daß wir nun dort angelangt sind, wo unsere eigene Kraft nicht mehr reicht, wo wir Menschen in unserer Nähe brauchen, die uns eine Handreichung machen, einen Gang abnehmen, vielleicht für uns putzen oder einkaufen. Aber da ist ja noch mehr! Wir brauchen auf einmal auch Zuspruch. Es ist uns zu wenig, wenn nur immer ein Tag dem anderen folgt. Es genügt nicht, daß nach dem Winter wieder Frühling wird - und irgendwie wissen wir das ja auch nicht mehr so sicher. Sprechen wir es aus: Wir wollen wissen, was denn wird, wenn es für uns Winter bleibt. Wir suchen nach einem Halt, der uns nicht nur in unserem Leben stützt und trägt - sondern auch im Sterben. Auf solche Gedanken und Fragen antwortet diese Losung: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Könnten wir sie aus ehrlichem Herzen mitsprechen?

Einer anderen hat sich vor einiger Zeit oder schon vor Jahren die Frage so gestellt: Werde ich wohl den Rest meines Lebens allein bleiben? Muß ich mich abfinden damit, daß ich keinen Partner mehr an meiner Seite habe? Auch diese Frage kann uns sehr beschäftigen und ihr Hintergrund sehr weh tun. Es ist nicht leicht mit der Einsamkeit fertig zu werden. Und gerade, wenn man die Zuneigung eines Menschen lange hat spüren dürfen..., wie sehr fehlt uns doch dann die Wärme einer innigen Beziehung, die Zuwendung, die Liebe, die zärtliche Geste... Da ist die Mitte unseres Lebens verloren gegangen. Der Mensch, um den sich unser Denken und viel von unserer Zeit gedreht hat, ist nicht mehr. Die dunklen Stunden! Diese trüben Tage, deren Zeit so zäh ist und nicht vergehen will.

Auch auf diese Fragen, auch in solche Gefühle hinein gibt die Losung ihre Antwort: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Können wir sie nachsprechen?

Es gibt auch die Menschen unter uns, deren Gesundheit angeschlagen ist. Sie fühlen sich schmerzlich und bedrängend so gefragt: Wenn ich nun nicht mehr gesund werde? Wenn alle ärztliche Kunst versagt? Wenn die Therapie, die ich nun schon seit Wochen über mich ergehen lasse, nicht anschlägt? Wenn mein Zustand schlechter wird. Wenn ich in diesem gerade begonnenen Jahr...?

Und wir können davon ja ganz offen und ehrlich sprechen - und wir sollten es tun!: Unsere Beziehung zu Gott ist nicht so eng, daß wir nun leicht und aus gläubigstem Herzen in das Lied einstimmen könnten, das wir nachher singen wollen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag...? (EG 65) Nein, wir sind weder getrost, noch fühlen wir uns geborgen. Wir haben Angst und wissen nicht, wer sie uns nehmen soll? Und da hinein hören wir nun dieses Wort: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Wir können nicht einstimmen, wenn wir ehrlich sind.

Aber es sind jetzt hier auch Menschen, die ganz andere Lebenserfahrungen gemacht haben. Ein Kind, ein Enkel wurde ihnen geboren. Vor Kurzem hat sich ein lange gehegter Wunsch erfüllt. Sie haben große Freude geschenkt bekommen, sind einem schweren Unfall knapp entgangen. Oder sie durften den Menschen treffen, der sie liebt und jetzt ein Leben lang bei ihnen bleiben will.

Auch das Schöne, das Beglückende erfüllt ja unser Herz! Auch erfahrener Segen, frohe Erlebnisse und die Liebe anderer Menschen stellt uns Fragen. Vielleicht solche: Wirst du dein Glück nun für dich behalten und in dir verschließen? Wirst du den Segen teilen, daß auch andere ein Stück davon abbekommen? Wird dich die Freude zur Dankbarkeit führen?

Ich kann mir vorstellen, daß heute der eine oder die andere sogar darum in diesen Gottesdienst gekommen ist. Er oder sie möchte gern danken - und nicht irgendwem, sondern Gott, von dem unser Geschick herkommt. Diesen Menschen stellt sich die Frage dieser Stunde vielleicht so: Wird es bei diesem kleinen, einmaligen Dank heute bleiben? Wirst du dir dein dankbares Herz bewahren können und lange - vielleicht dieses ganze Jahr - aus der Dankbarkeit leben, Freude und Glück mit anderen teilen können? Auch zu solchen Fragen kann man solche Worte finden: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Liebe Gemeinde, was könnte uns dazu helfen, daß wir dieser Antwort treu sein können, daß es also wirklich unsere Antwort wird, unser ehrliches, gelebtes Bekenntnis?

Die erste Hilfe ist diese Losung selbst. Anders als andere Bibelworte ist sie ja über diesem ganzen Jahr ausgerufen. Sie wird uns begleiten, wir werden sie immer wieder einmal lesen, auf unserem Wandkalender vielleicht, im Losungsbüchlein... (oder auf der kleinen Kachel, die sie heute aus diesem Gottesdienst mitnehmen können.) Immer wieder einmal wird uns also die Frage in den Sinn kommen, die uns persönlich heute ganz besonders angesprochen hat. Und wir werden dann die Antwort lesen und uns fragen, ob sie denn für uns (noch) stimmt: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Eine andere Hilfe ist das Gebet. Wir wollen jetzt nicht darüber grübeln oder gar streiten, ob Gott alle Gebete erhört und erfüllt. Wir wollen den Segen des Betens wahrnehmen, der darin liegt, ein Ohr zu haben, vor das wir alle unsere Anliegen bringen können, vor Gott alles ausbreiten zu dürfen, was uns bedrückt, was uns Sorgen macht, aber auch erfreut. Das ist ein so großes Versprechen Gottes, daß er auf unsere Bitten achthaben will, daß er wie ein Vater auf unsere Wünsche hört und selbst auch zu uns sprechen will - zu seiner Zeit und zu unserem Besten. Wenn wir beim Beten bleiben - in diesem Jahr vielleicht noch mehr und ein wenig zuversichtlicher als früher - dann wird dieses Wort dadurch vielleicht bei uns einen unverhofften Nachdruck bekommen: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Eine dritte Hilfe ist unsere Gemeinde. Sie wissen ja selbst, wie stark es uns manchmal in unserem Glauben herunterziehen kann, wenn wir das harte Geschick unserer Mitmenschen sehen müssen. Mancher bekommt wahrhaftig viel auferlegt! Und wir sagen dann: Wie kann Gott nur... Aber auch das gibt es: Ein anderer, der sich sein Leben lang nicht um Gott und seine Kirche geschert hat, erfährt ein Glück nach dem anderen. Was sagen wir dazu?: Wie ungerecht ist Gott doch! Oder wir gehen noch weiter: Waltet nicht vielleicht doch nur ein blindes Schicksal?

Aber da gibt es auch die andere Seite: Wie stärkt das doch unsere Hoffnung, wenn wir erfahren, meine Nachbarin betet auch, ja, sie betet sogar für mich! Und wie gut tut uns das doch immer wieder, wenn hier in der Kirche die Bänke gut gefüllt sind, wenn die Lieder voll und schön klingen und nicht mager und kläglich und wenn das Wort der Predigt von vielen gehört und weitergetragen wird. Das macht Mut! Das schenkt neue Kraft und läßt uns Zuversicht ins Leben und die Zukunft fassen.

Aber diese Hilfe ist nur zu haben, wenn alle mitmachen! Ich kann nicht die meiste Zeit sonntags zu Hause bleiben und wenn ich dann einmal zum Gottesdienst gehe, erwarten, daß hier reichlich Besuch ist und mir die große Gemeinschaft der anderen den Trost und die Hilfe vermitteln, die ich gerade brauche. Und ich kann auch nicht erwarten, daß gerade an dem Sonntag, an dem ich einmal erscheine, der Pfarrer in der Predigt gerade die Bibelstelle bespricht, die für mich und meine Probleme pa├čt. Auch der Gottesdienst ist Nehmen und Geben! Und er ist manchmal mehr das eine oder das andere. Gott will uns dienen, ja, aber es braucht auch uns, daß wir dabei sind und mit unserem Besuch zeigen, daß uns Gemeinde und Gemeinschaft wichtig sind. Es hilft sehr, Antwort auf die Fragen unseres Lebens zu finden, wenn wir spüren und hören, andere sprechen genau wie wir: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. So tragen und stützen wir einander!

Liebe Gemeinde, konkrete Antworten oder gar Anweisungen, zu den Fragen, die wir vorhin gestellt haben, sind das keine. Wir erfahren heute nicht, wie wir uns verhalten müssen, wenn wir langsam älter werden, wenn uns der Partner fehlt und wir uns heraussehnen aus unserer Einsamkeit, wenn wir krank sind und es sich nicht mehr bessern will mit uns... Wir bekommen auch kein Rezept, wie wir lange bei der Dankbarkeit bleiben können, von der wir heute erfüllt sind: Man nehme, man gebe dreimal täglich...

Wir hören heute nur eine Losung, die uns begleiten möchte - begleiten lassen, müssen wir uns. Wir hören von der Macht des Gebets und von der Kraft, die darin liegen kann, daß wir Gemeinde sind und einander immer mehr zur Gemeinde werden - treu im Gebet und bei der Gemeinde müssen wir sein.
Schenke uns Gott, daß uns aus diesen Hilfen durch unsere lebendige Übung mehr erwächst als gute Worte, die wir uns heute anhören. Schenke uns Gott, daß dieses Losungswort für das begonnene Jahr in gelebtem Glauben und aus ehrlichem Herzen unsere persönliche Antwort auf unsere Lebensfragen wird und bleibt: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.