Predigt zum Buß- und Bettag - 21.11.2001

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Textlesung: Lk. 13, 22 - 30

Und er ging durch Städte und Dörfer und lehrte und nahm seinen Weg nach Jerusalem. Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, daß nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: Ringt darum, daß ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden's nicht können. Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat, und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken, und auf unsern Straßen hast du gelehrt. Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

Liebe Gemeinde,

das sind deutliche Worte! Die lassen sich nur sehr schwer entschärfen. Aber ich will das gar nicht versuchen. Kann man sich am Buß- und Bettag nicht auch einmal harte Worte anhören? Buße heißt ja Umkehr. Und was soll uns denn dazu führen, umzukehren, in eine andere Richtung zu gehen, wenn nicht Worte, die uns zurechtweisen? Und selbst das Beten, das wir meist üben, ist ja eher ein Bitten. Wenn wir zum Beten finden sollen, das diesem Tag entspricht, dann werden uns mahnende, deutliche Worte sicher eher dazu dienen, als solche, die uns nur bestätigen.

Er aber sprach zu ihnen: Ringt darum, daß ihr durch die enge Pforte hineingeht...

"Enge Pforte...", was ist das für uns? - Ich stelle mir bei diesem Bild einen Menschen vor, der links und rechts in der Hand einiges an Gepäck schleppt. Und über dem Rücken, da hat er auch noch einen Sack mit Sachen. Jetzt kann er versuchen, von vorn und geradeaus durch die Tür zu gehen, es wird nicht gelingen. Und wenn er sich zur Seite dreht, dann geht es auch nicht, weil der sperrige Rucksack ihn hindert. Er müßte die Gepäckstücke ablegen. Er müßte sich von dem, was er da schleppt, trennen. Dann käme er durch die Pforte hindurch. - Aber was sind das für Lasten, die er da in Händen und auf dem Rücken trägt?

In der rechten Hand hält er vielleicht all sein Hab und Gut, sein Geld, das Giro- und das Sparkonto. Auch die Versicherungspolicen sind da verwahrt und sein Anrechtsschein auf die Betriebsrente. Alles wichtige Dinge, gewiß! Nur müßte er sie jetzt loslassen können, denn hinter der Tür, zu der die enge Pforte führt, braucht man nichts davon.

In der Linken hat er alles beisammen, was sein Ansehen in der Welt ausmacht. Da sind die beruflichen Erfolge, die der Mensch gesammelt hat. Da sind alle Stationen seiner Karriere, die anerkennenden und oft neidvollen Blicke der anderen Menschen, was er sich aufgebaut hat, wieviel sein Wort gilt und auch, wer ihn fürchtet. Warum läßt er es aber nicht los? So kommt er nicht hindurch. Die Pforte ist gerade nur so breit wie ein Mensch, der leere Hände hat. Und wo dieser Weg hinführt, da gilt alles nicht, was ihm so wichtig ist.

Und da ist noch der Rücken und der mächtige Sack, der auf ihm liegt... Das ist die Schuld dieses Lebens. Die Bosheit, die dieser Mensch getan hat, die Lüge, die er gesprochen und die Gemeinheit, wegen der andere geweint haben. Aber da ist auch sein selbstgerechtes Denken und Dünken. Da ist seine Meinung, daß er doch kein Sünder ist und allemal mit seiner Schuld alleine zurechtkommt. Und darum gerade ist der Sack auch so schwer, darum zieht er ihn so nach hinten und hebt seinen Kopf und seine Nase empor... So kann er nicht durch die Pforte gehen, so sehr er sich auch müht.

Ich glaube, wir begreifen, was uns dieses Bild sagen will. Vielleicht meinen wir jetzt auch, daß es doch eigentlich so leicht wäre für diesen Menschen. Warum nur bringt er nicht fertig, die Sicherheit, sein Ansehen und seine Schuld fahrenzulassen? Warum scheitert er an der engen Pforte - wo es doch so einfach ist? Warum legt er nicht ab, was er hinter der Schwelle ja doch nicht mehr braucht...dieser Mensch... - Wahrhaftig: "...viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden's nicht können." Wie steht es mit uns? Schaffen wir das, mit leeren Händen und freiem Rücken an die Pforte zu treten...und dann hindurch?

Immerhin, es ist nicht unbedeutend, ob wir durch die enge Pforte kommen oder nicht: "Wenn ihr anfangt, draußen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her?"

Das erscheint uns hart, aber ist es denn nicht zu verstehen? Wissen wir es denn nicht, daß die Güter, unser Geld und alles was wir besitzen unser Leben nicht ausmacht und unsere Gesundheit nicht erhalten kann? Zudem ist ja alles, was wir haben, nicht aus unserem Vermögen entstanden, sondern es sind Geschenke Gottes. Sollen wir nun stolz auf etwas sein, was wir doch nicht uns selbst verdanken? Und welche Sicherheit können denn Policen und Rentenansprüche geben? - Wie sicher, wie geborgen sind wir dagegen bei Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Ursprung allen - auch unseren - Lebens, dem Erhalter und Vollender der Welt?

Und wissen wir denn nicht, daß bei unserem Gott nur das Ansehen zählt, das wir bei ihm haben - und das heißt: Geliebt, begnadet, Kind und Erbe. Und es heißt nicht, daß wir in unserem Verein oder im Beruf nach oben müßten, daß wir uns etwas aufbauen oder unser Name bei den Leuten einen ehrfurchtgebietenden Klang hat. Bei Gott haben wir einen Namen - schon bevor wir unseren ersten Atemzug getan haben und in alle Ewigkeit. Ist das nicht genug für uns?

Und schließlich die Schuld... Wir können sie uns selbst nicht vergeben, nur vergeben lassen. Und dazu ist am Kreuz von Golgatha alles geschehen. Warum also nicht endlich alle Selbstgerechtigkeit abtun, allen Hochmut, allen Stolz auf uns selbst. Wir brauchen es nicht und wir können es nicht brauchen. Durch die enge Tür treten wir nur, wo wir um Vergebung bitten, unseren Kopf senken und uns die Lasten abnehmen lassen.

Es ist nicht genug, wenn wir sprechen: "Wir haben vor dir gegessen und getrunken, und auf unsern Straßen hast du gelehrt." Gott fragt uns nicht, ob wir ihn kennen, ob wir seinen Namen wissen oder einmal von seinem Willen gehört haben. Gott will, daß wir tun, was er will. Er will, daß wir "Vater" zu ihm sagen, aber dann auch wie seine Kinder vor ihm leben. Und ihn kennen heißt noch lange nicht, ihn den Herrn meines Lebens sein lassen, ihm Macht über mich zuzugestehen und ihn mitsprechen zu lassen bei allem, was ich plane, denke und tue.

Solange wir ihn noch behandeln wie einen sehr fernen Verwandten, dürfen wir uns nicht wundern, wenn er uns so anspricht: "Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!" Denn es ist "übel getan", wenn der Mensch ohne Gott lebt, wenn er den nicht mehr sieht, von dem all sein Leben und alle Gaben herkommen, wenn er handelt, als gäbe es keine Güte, der er Dank schuldet und keine Verantwortung, die ihn bindet.

Aber es wird sie geben, die Menschen, die durch die enge Pforte hindurch zu Gott gehen. "Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." Das werden die Menschen sein, die nichts in Händen halten und nichts auf dem Rücken tragen, was sie beschwert und hindert, die Pforte zu durchschreiten. Sie haben ihre Siebensachen, alles, was sie wirklich brauchen in ihrem Herzen: Den Glauben, daß Gott ihnen alles schenkt, was zum wirklichen Leben nötig ist. Das Wissen, daß nichts von ihnen selbst, vielmehr alles von ihrem himmlischen Vater kommt. Das Vertrauen, daß es Gott gut mit ihnen meint und sie als Kinder in seiner Nähe haben will. Die Freude darüber, daß sie schon hier und einmal ewig in Gottes Gemeinschaft leben sollen. Die Demut, daß sie selbst nichts dazu beitragen können, daß Gott sie so liebhat. Die Bereitschaft, sich nicht durch eigene Verdienste, sondern um Christi willen alle Schuld vergeben zu lassen. Und die Dankbarkeit, daß nicht wir uns um unser Heil kümmern müssen, sondern, daß Gott selbst sich für und um uns sorgt, daß wir ihm nicht verloren gehen.

"Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein." Gewiß, es sind nach menschlichem Ermessen und nach dem Maßstab, der vor der Welt gilt, nicht die Angesehenen, nicht die Mächtigen, die Einflußreichen, die durch die enge Pforte gehen, sondern die Menschen mit leeren Händen und leerem Rücken, die sich allein auf Gott verlassen. Aber sie treten hindurch und treten ein bei Gott. Sie sind ihm bekannt. Sie sehen das Leben. - Lohnt es sich da nicht, Jesu harten Worten zu folgen?