Predigt zum 20. So. nach Trin. - 28.10.2001

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Textlesung: Mk. 2, 23 - 28

Und es begab sich, daß er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Liebe Gemeinde!

"Manchmal müssen sich die Menschen, die sich am Sonntag unter ihre Kanzel setzen, ja recht harte und deutliche Worte anhören!" Das hat neulich ein Gemeindeglied zu seinem Pfarrer gesagt. Mir hat das zu denken gegeben. Würden sie das wohl auch von mir sagen? Und wenn, müßte ich dann etwas ändern an meinem Predigen, daß ich nicht mehr so deutlich spreche? Könnte ich das überhaupt? Und: Wäre das gut? Denn ist es nicht das Wort der Heiligen Schrift, das auch hart ist, uns einiges zumutet und manches von uns fordert? Und müssen wir Pfarrerinnen und Pfarrer, Lektoren und Prädikanten denn dann nicht weitersagen, was wir in der Schrift lesen - selbst dann, wenn es uns Hörern einmal nicht schmeckt? Und das ist jetzt ja keine Floskel von mir, wenn ich "uns Hörer" sage. Wir PredigerInnen stehen ja nicht über dem Wort. Es ist genauso an uns gerichtet und wir sind ebenso wie sie von ihm in Frage gestellt.

Trotzdem: Predigtarbeit ist immer auch Auslegungssache, Interpretation. Vielleicht war darum in manchen Predigten, die sie schon gehört haben, ja wirklich zuviel Forderung und Mahnung enthalten? Vielleicht kommt hin und wieder dann das "Evangelium", d.h. die "frohe Botschaft" zu kurz. Vielleicht erheben wir PredigerInnen zuzeiten auch zu sehr den moralischen Zeigefinger und sprechen zu wenig Trost zu und predigen weniger die Befreiung als die Strafe für die Sünde?

Ich jedenfalls will heute darauf achten, daß hier wirklich die gute Nachricht von Gottes Liebe laut wird, damit heute jeder von ihnen ein Stück davon mitnehmen kann.

Und da ist heute also die Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat dran. Gleich wieder eine große Versuchung, eine Moralpredigt zu halten. Ich z.B. würde da gern über die Art sprechen, wie so viele Menschen in unserem Dorf (unserer Stadt) ihren Sonntag verbringen und - wie ich finde - vergeuden: Mit Schlaf bis zum Mittagessen, mit Wagenwaschen, während viele andere zur Kirche gehen, mit Arbeit, genau wie an den Werktagen auch... Aber das wäre keine frohe Botschaft. Damit würde ich mich auch ganz in die Nähe der Pharisäer stellen, die Jesus belehren wollen: "Das tut man nicht! Das ist nach dem Gesetz Gottes am Sabbat verboten."

Nein, ich will das Evangelium herausstellen, und das heißt wohl: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat." Wenn ich das für uns übertrage, dann klingt das jetzt so:

Was auch immer ihr am Sonntag tut, wenn es euch Freude gibt und Erholung und ihr damit keinen stört und beschwert, dann ist es gut. Wie auch immer ihr euren Sonntag gestaltet, es ist eure Sache, der siebte Tag gehört allein euch. Womit ihr am Sonntag auch immer eure Zeit verbringt, es geht niemand anderen etwas an, und ihr seid niemandem Rechenschaft schuldig, nicht einmal Gott, denn er hat den Feiertag für euch gemacht.

Das ist doch nun wirklich frohe Botschaft, oder? Ich vermute, das ist für einige hier schon fast wieder zu froh und vor allem zu frei. Darf ich am Sonntag denn wirklich alles machen, was mir einfällt? Und dann, der Kirchgang...wo kam der jetzt vor? Wir sind schließlich zum Gottesdienst gegangen, so viele andere nicht. Wir tun's ja gewiß nicht aus bloßer Pflichterfüllung, aber gehört das nicht auch zum Sonntag, daß ich Gottes Wort höre? Ist das denn wirklich jedem Einzelnen überlassen, ob er Gott die Ehre geben will oder etwa bis mittags schläft oder beim Frühschoppen hockt? Ist es nicht so: Wir möchten selbst gern, daß unser Kirchgang heute morgen, doch wenigstens ein bißchen besser dasteht als die anderen Arten, den Sonntag zu gestalten. Jetzt hätten wir alle gern ein wenig mehr "Gesetz" in den Worten Jesu. Er aber sagt nur: Der Sonntag ist für den Menschen da; und das heißt nunmal: Er gehört dir, du kannst damit machen, was du willst. Da ist uns, wenn wir ganz ehrlich sind, die Freiheit, die Jesus predigt, gar nicht mehr so recht. Öffnet das nicht der Liederlichkeit Tor und Tür? Irgendeine Ordnung muß es doch geben für den Sonntag. Es kann doch nicht alles gleichgültig sein, was ich mache!

Vielleicht hilft uns da jetzt die Geschichte weiter, die Jesus dazu erzählt: Die Leute Davids aßen einmal vom Opferbrot, das Gott geweiht war und nur die Priester essen durften. Diesen Frevel heißt Jesus gut. Warum? Ich glaube, entscheidend ist ein Wörtchen: Sie waren "hungrig", so sagt er. Das bedeutet: Das Opferbrot war den Männern des David "lebensnotwendig". Wenn wir das jetzt in Jesu Wort über den Sabbat hineinbuchstabieren, könnte das so heißen: Der Sabbat ist für den Menschen da, damit er tut, was ihm zum Leben notwendig ist. Wie gefällt uns jetzt das? Ist das jetzt nicht doch eine gewisse Ordnung, ein klarer Maßstab, an den man sich halten kann?! - Ich finde schon!

Auch mit diesem Maßstab bleibt jeder frei, das zu tun, was er selbst möchte: Jawohl, ich darf am Sonntag ausschlafen. Jawohl, ich darf Gott in meinem Kämmerlein oder beim Spaziergang im Wald suchen. Ich kann in die Kirche gehen. Ich darf sogar mein Bier beim Frühschoppen trinken. Allerdings: Ich soll mich bei alledem fragen, ob es mir wirklich zum Leben nötig ist, was ich tue. Diese Frage soll und muß sich jeder selbst beantworten, denn keiner weiß, was dem anderen nötig ist.

Ich darf am Sonntag ausschlafen. - Vielleicht wird sich einer, der am Sonntag gern die Ruhe sucht, dann fragen: Ist der Schlaf für mich nicht vielleicht ein Mittel, die Zeit totzuschlagen an einem Tag, an dem ich sonst mit mir nichts anzufangen weiß. Und dann: Wäre anderes für mich nicht wichtiger, als Schlafen, und vor allem: zum Leben nötiger? Könnte ich aus dem Sonntag nicht mehr machen, als einen Tag, um versäumten Schlaf nachzuholen?

Ich darf Gott in meinen Kämmerlein oder beim Spaziergang im Wald suchen. - Einer, dem dieser Satz entspricht, könnte sich einmal Gedanken darüber machen, ob er in Kammer oder Wald Gott je wirklich gefunden hat? Die Ruhe in meinen Zimmer ist noch nicht Gottes Stimme. Das Säuseln der Blätter spricht noch lange nicht seine Worte! Und Leben ist für den Menschen ja wohl auch mehr als die Stille eines Kämmerleins oder die Schönheit einer lauschigen Waldlichtung. Ein armes Leben, das sich nur aus Schweigen und Blätterrauschen ernährt. Meine Seele braucht nahrhaftere Kost und deutlichere Weisung. (Aber, halt, ich hebe wieder den Finger!)

Ich kann in die Kirche gehen. - Wem das zum Sonntag gehört, der mag sich fragen, warum er geht. Aber er frage sich ehrlich. Denn es könnte dann auch herauskommen: Es ist auch viel Zwang dabei, viel "Muß" und der Gedanke an Pflicht. "Was mir lebensnotwendig ist", das war der Maßstab. Dieser Maßstab ist erfüllt, wenn ich aus freien Stücken komme, nicht weil "halt aus unserem Haus jeden Sonntag einer geht, und ich heute dran war", und nicht, "weil mein Kind zurzeit im Konfirmandenunterricht ist", auch wenn ich mir bei einigen Konfirmandeneltern hin und wieder wenigstens diesen Gedanken wünschte. Nein, ich soll gern kommen. Denn nur dann wird mir Gott auch etwas sagen können. Wer hier gezwungenermaßen sitzt, den kann sein Wort nicht erreichen. Allerdings kann ich auch etwas dafür tun, daß mir die Kirche am Sonntag etwas gibt: Ich muß nur eine Woche lang einmal ganz bewußt christlich zu leben versuchen, bei meinen Entscheidungen im Alltag fragen, was hätte Jesus getan, wie hätte er jetzt geantwortet, wie ginge seine Liebe jetzt vor, und schon werde ich nach kurzer Zeit das Angebot des Gottesdienstes gern annehmen. Denn wo als dort, gibt es in unserer Zeit noch Denkanstöße für Menschen, die Christen sein wollen, wo als dort, finden wir Anregung zu wachsen und uns zu entwickeln, wo als dort, hören wir auch einmal eine Antwort auf unsere Fragen?

Ja, und ich darf sogar mein Bier beim Frühschoppen trinken. - Aber ich muß mich fragen und einmal fragen lassen: Muß ich es jeden Sonntag haben, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr? Wäre nicht anderes hin und wieder wichtiger? Und die schmerzlichste Anfrage an mich selbst wäre vielleicht: Was ist das eigentlich für ein Leben, das sich am Sonntag im Frühschoppen erschöpft?

Liebe Gemeinde, der Sonntag ist für den Menschen da, damit er tue, was ihm zum Leben notwendig ist. Ich möchte das Evangelium dieses Sonntags so hören:

Jede Woche neu, schenkt dir dein Gott einen Feiertag. Dieser Tag soll dir zum Leben helfen, dir Freude, Ruhe, Erholung und Kraft geben. Darum hole aus diesem Tag heraus, was nur immer für dich an Kraft und Schönem darin liegt. Vergeude ihn nicht, denn du mußt wieder sechs Tage davon leben und zwar dein ganzer Mensch, Leib und Seele!

Liebe Gemeinde!

Vielleicht war auch diese Predigt heute wieder hart, mindestens aber deutlich. Ich glaube allerdings, daß es ihr, wie schon dem Wort Gottes, das sie auslegen wollte, nicht darum ging, sie zu ärgern oder klein zu machen, sondern darum, sie zum Kern dieser Geschichte vom Ährenraufen zu führen, und der will uns befreien, verändern und froh machen: Der Sonntag ist für den Menschen da, damit er tue, was ihm zum Leben notwendig ist.