Predigt am 13. So. nach Trin. - 9.9.2001

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Textlesung: Mt. 6, 1 - 4

Habt acht auf eure Frömmigkeit, daß ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

Liebe Gemeinde!

Dreimal ist hier von "Almosen" die Rede. Wir sagen heute meist Opfer oder Spende dazu. Ich möchte aber einmal ganz bewußt dieses alte, ungebräuchliche Wort benutzen: Almosen. Denn es heißt, wenn wir seinen Wortursprung im Griechischen suchen: "Barmherzigkeit, Erbarmen". Und ich finde, damit sind wir dem Sinn dieser Worte aus der Bergpredigt schon sehr nah! Es geht eben nicht um unser frommes Selbstbewußtsein, das gern "opfern" möchte, vielleicht gar, um Gottes Wohlgefallen dafür zurückzuerhalten. Und es geht nicht um die Haltung des Kaufmanns, der eine Spende gibt, um sie dann dem Steuerberater anzugeben, daß der sie - natürlich mit einer Spendenquittung belegt - von der Steuer absetzt. Nein: "Wenn du aber Almosen gibst...", sagt Jesus. Und indem er das sagt, meint er ein Herz, das um des anderen Willen schenkt, ohne jede Berechnung, nicht um irgendetwas für sich selbst damit zu gewinnen, sondern nur, daß ein anderer etwas davon hat, sich freut, glücklicher wird und besser leben kann.

Mir kam dazu eine Geschichte in den Sinn, die ganz wunderbar zeigt, wie das ist, wie es sein soll, wenn wir anderen geben, mit ihnen teilen. Sie zeigt auch, was der Unterschied ist zwischen Opfer oder Spende und einem echten "Almosen".

Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleichgroße Stöße: für jeden einen Stoß Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht. Er stand auf und nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.

In der gleichen Nacht nun, eine geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er mußte an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen? Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoß des Älteren.

Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und jeder war erstaunt, daß die Garbenstöße die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte darüber zum anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!

Nicht wahr, eine schöne Geschichte? Sie kann unser Herz rühren - und das soll sie ja auch, denn es geht heute um "Almosen" - "Barm-herzig-keit", das "Erbarmen unseres Herzens" eben.

Und es ist wirklich alles darin, was uns Jesus empfiehlt: "Habt acht auf eure Frömmigkeit, daß ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden..." Heimlich, in der Nacht machen sich die Brüder daran, einer des anderen Garben zu vermehren. Niemand soll es sehen, der Bruder nicht, die Leute schon gar nicht. "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun... damit sie von den Leuten gepriesen werden..." Nein, sie sprechen auch nicht darüber. Es liegt ihnen nicht daran, daß sie gelobt werden, daß öffentlich bekannt wird, wie gut sie es mit ihrem Bruder meinen, denn diese "...haben ihren Lohn schon gehabt."

Ich glaube, wir können da mitgehen. Wir kennen gewiß alle Menschen, deren wichtigstes Anliegen es ist, daß man doch auch gebührend würdigt, wenn sie sich engagieren, wie sie sich in der Gemeinde, dem Verein oder auch in ihrer Nachbarschaft, ihrer Familie einsetzen. Sie tun, was sie tun, damit man ihnen dann aber auch dankt. Und wenn gar etwas über sie in der Zeitung steht, dann sind sie am Ziel ihrer Wünsche. Und wirklich: Das scheint uns dann aber auch Lohn genug zu sein!

Trotzdem, wir wollen nicht zu gering von diesen Menschen denken: Sie tun wenigstens überhaupt etwas. Durch sie wird anderen Menschen geholfen - und denen, die Hilfe erfahren wird es wohl oft gar nicht wichtig sein, was die Motive dafür sind. Und es gibt ja wahrhaftig auch genug Zeitgenossen - und es sind auch Christen darunter - die sich nicht übernehmen, ja, sehr zurückhalten, wenn es um Beistand und Nächstenliebe geht.

Wie gesagt, soweit können sie sicher mitgehen. Aber stimmt denn auch das?: "Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten."

Was war denn etwa bei den zwei Brüdern die "Vergeltung" ihrer guten Taten, einer am anderen? - Vielleicht würden wir hier antworten, was wir - so weltlich diese Zeit auch sein mag - immer (noch) zuerst denken: Sie werden ihren Lohn wohl einmal im Himmel bekommen!

Aber ich glaube, auch von einem anderen Lohn, einem in dieser Welt, erzählt uns die Geschichte: "... jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe."

Liebe Gemeinde, denken wir nicht zu gering davon! Das ist vielmehr das Schönste, das Größte, was uns widerfahren kann, wenn wir uns füreinander in herzlicher Liebe öffnen! Wenn wir dann sehen dürfen, wie unser Mitmensch sich freut, wie dankbar er ist, wie sein Gesicht zu glänzen beginnt und es in seinen Augen glitzert... Das ist ein großer, ein reicher Lohn! Da wird uns gut vergolten. Das ist mehr, als wenn wir beim Vereinsabend den Beifall der Menge erhalten, oder unsere Spende für die Diakoniestation in der Zeitung erwähnt wird. Und ich behaupte: Wir sehnen uns tief in unserem Herzen viel mehr nach einer solchen "Vergeltung" unserer Liebe, als der kurzen öffentlichen Beachtung, die doch morgen schon wieder vergessen ist. Denn die Liebe, die wir gern, nicht des Lohnes wegen, einem Mitmenschen schenken, die bleibt, die kommt auch zurück und die wächst sogar noch im hin und her der Liebe, sie verdoppelt und vervielfältigt sich in allen Herzen, die an ihr beteiligt sind und von ihr entfacht werden.

"...sie umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe." Vielleicht wird Gott ja auch noch einmal in seiner Ewigkeit unsere Taten der Liebe belohnen. Aber diese Momente der Freude, des Dankes und der innigen Zuneigung sind allemal schon ein Stück Himmel auf Erden und wer sie einmal erleben durfte, wird das Gefühl, das er da empfunden hat, sein Leben lang nicht mehr vergessen. Und er wird immer wieder gern so handeln, daß aus Liebe geschwisterliche Hilfe entsteht, herzliche Zuneigung und innige Verbundenheit.

Aber es gibt sogar eine weitere "Vergeltung", davon spricht die Geschichte am Ende: "Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!" Ich glaube fest, daß wir im Geben von echten "Almosen", wenn wir einander wirklich unsere "Barm-herzig-keit" schenken und unsere geschwisterliche Liebe zuwenden, schon in dieser Welt ein Stück des Reiches Gottes bauen. Denn wo diese Liebe ist, da ist Gott. Und ich glaube auch, daß einmal in Gottes Himmel nur dieses eine Gesetz gelten wird: Die herzliche, geschwisterliche Liebe! Wo wir diesem Gesetz schon hier und heute zur Geltung verhelfen, da wird auch Gott selbst sein.

Laßt uns Gottes Gesetz der Liebe, laßt uns dem Reich Gottes mitten in dieser Welt auf die Spur kommen, indem wir einander gern und von Herzen echte "Almosen" schenken: "Barm-herzig-keit" und Liebe, die bei unseren Nächsten wieder Erbarmen und Liebe wecken will und ein Stück des Himmels auf die Erde holt.

(Liedvorschlag nach der Predigt: Wenn das Brot, das wir teilen...EG 632)