Predigt am 11. Sonnt. nach Trinitatis - 26.8.01

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Textlesung: Lk. 7, 36 - 50

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, daß er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuß gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde,

wer ist denn nun eigentlich die Hauptperson in dieser Geschichte - außer Jesus? Ist das etwa dieser kleinliche Pharisäer, der die Liebe Jesu so wenig begreift, wie ein Blinder die Farbe Rot oder die Weite einer Sommerlandschaft? Warum hören wir so viel von ihm, von seiner Frage: "Weiß Jesus denn nicht...?", und wie er die Frau einschätzt: "Diese ist doch eine Sünderin!" und von Jesu Geschichte für diesen Menschen: "Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner..." Ja, rechtfertigt sich Jesus nicht fast mit dieser Geschichte, warum er so freundlich zu der Frau ist. Hat er das nötig? Warum erfahren wir nichts darüber, wie die Frau sich gefreut hat, wie sie wahrscheinlich überglücklich nach Hause gegangen ist, wie ihr Leben einen neuen Anfang bekommen hat und sie selbst ein ganz anderer Mensch wurde...

Sie spüren: Ich ärgere mich an diesen Versen. Ich ärgere mich an diesem Denken des Pharisäers, an seinem Verhalten, an seiner engherzigen Sicht. Er hat weiß Gott nichts begriffen. Und ich fürchte, er hat auch Jesus nicht verstanden, wenn der ihm von den zwei Schuldnern erzählt.

Liebe Gemeinde, verstehen wir diese Geschichte?

Gewiß, wir würden wie der Pharisäer Simon antworten: "Am meisten lieben wird ihn der Schuldner, dem er am meisten geschenkt hat!" Aber ziehen wir die Konsequenzen daraus? Beziehen wir das auf die Frau, der Jesus so viele Sünden erlassen hat? Und beziehen wir das auf uns, die wir dem Schuldner im Grunde die Güte des Gläubigers nicht gönnen? Und das wichtigste: Freuen wir uns mit, wenn Jesus dieser Frau so viel Schuld vergibt? - Ich fürchte, wir tun es nicht. Ja, vielleicht werden wir gar am Ende auch zu der Frage kommen, in der das kleinliche Denken der Gäste am Tisch des Pharisäers gipfelt: "Kann dieser Jesus denn überhaupt Sünden vergeben?"

Ja, ich ärgere mich an diesen Versen. Sicher auch darum, weil sie so wahr sind. Und nicht zuletzt deshalb, weil sie auch mir persönlich einen Spiegel vorhalten, der auch meine hochgezogenen Augenbrauen zeigt und mein enges Herz. - Aber ich verstehe jetzt, warum diese Verse den Pharisäer in den Mittelpunkt stellen, auch wenn er eigentlich nicht die Hauptperson ist: Er hat es dennoch in der Hand, ob die Frau zur dauerhaften Freude darüber findet, daß ihr verziehen ist. An seinem abschätzigen oder ermutigenden Blick wird es bald liegen, ob sie nun ein anderer Mensch werden kann. Wenn er sie weiter als Sünderin und von oben herab behandelt, dann wird die Kraft der Vergebung in ihrem Leben nicht lange vorhalten. Und spinnen wir diese Gedanken noch ein wenig weiter: Wenn sie bald wieder in neue Sünde fällt, wird er mit die Schuld daran haben. Auch wenn er dann sicher sagen wird: "Das habe ich doch gleich gewußt. Die ist so und die bleibt so!" Er ist mitschuldig an ihrer neuen Sünde!

Was hat das nun aber mit uns zu tun? - Schuld und Sünde haben wir in unseren Tagen ja in den Winkel gedrängt, den religiösen Winkel. Darüber spricht man nicht. Das sind so Dinge, die sind ein oder zweimal im Jahr dran, wenn wir zum Abendmahl gehen und uns dort Vergebung zusprechen lassen. Aber bitte nur in der großen Gemeinde. So wenig persönlich wie möglich. Die Einzelbeichte, in der die Sünden wirklich beim Namen genannt werden, überlassen wir gern unseren katholischen Schwestern und Brüdern. - Für heute erwähne ich das nur am Rande. Aber es ist gewiß so, daß wir auch in unseren Tagen Zeuge dabei werden, daß einer oder einem vergeben wird von Menschen, aber auch von Gott... Eine sicher verständliche Zurückhaltung legt uns dann auf, daß wir die Sünde, die da vielleicht verziehen wurde, nicht ansprechen. Aber unsere Blicke treffen die Menschen. Unser Denken steht uns auch im Gesicht geschrieben. Und ob wir uns mit ihnen freuen - das merken sie!

Aber konkret: Ich habe schon einige Male erlebt, erleben dürfen, daß Menschen zu Gott gefunden haben. Wir können sagen: Da ist ihnen die Schuld eines gottlosen Lebens geschenkt worden. Sie durften neu mit Gott anfangen. Er hat sie angenommen und ihnen gesagt, daß er sie liebhat. Es ist genau das geschehen, was in den Predigtversen heute und in eigentlich allen Predigten die wir hören den Menschen als das Evangelium nahe gebracht wird. Vielleicht spricht solch ein Mensch nun auch von dem, was er mit Gott erlebt hat? Vielleicht sehen wir ihn im Gottesdienst hier in der Kirche, wo er doch früher nie zu sehen war? Vielleicht traut er sich auch in den Bibelkreis der Gemeinde oder er fährt auf der Gemeindefahrt mit? Und da wird es auch für uns interessant: Wie begegnen wir diesem Menschen? Wie nehmen wir ihn auf? Was muß er in unseren Augen lesen? Wie kritisch oder wie freundlich schauen wir ihn an? Ist uns die Freude oder der Hochmut ins Gesicht geschrieben? Geben unsere Stirnfalten Zeugnis von unserer Skepsis? Kann unser Lächeln ermutigen?

Es ist doch sicher nicht schwer für uns einzusehen, daß von unserem Denken, Reden und Verhalten viel abhängt. Vielleicht findet ein Mensch durch uns auch den Anschluß an die Leute des Herrn, der ihm vergeben hat. Dann wird es ihm gewiß leichter fallen, auch fest auf der Spur Jesu zu bleiben und den neu eingeschlagenen Weg und die neue Richtung einzuhalten. Oder es stößt ihn ab, was er an uns und mit uns erleben muß. Dann wird er vielleicht das gerade neu begonnene Leben wieder aufgeben. Gerade am Anfang ist einer ja dabei noch unsicher und braucht Hilfe und Ermutigung.

Und natürlich - längst haben wir das ja gemerkt - hat die Sache noch eine andere Seite, die betrifft uns fast noch mehr: Jesus hat dem Pharisäer ja mit seiner Geschichte bestimmt auch deutlich machen wollen; daß auch sein Leben nicht frei von Schuld ist, daß auch er Gottes Güte und Vergebung braucht und auch er allen Grund hätte, sich über Gottes Liebe zu ihm zu freuen. Ob er das sehen kann? Liebe Gemeinde, ob wir das sehen können? Wahrscheinlich wird es uns noch schwerer fallen, die eigene Sünde zu erkennen und uns über ihre Vergebung zu freuen, als mit anderen über den Erlaß ihrer Schuld. Darum führt gerade von hier aus der einzige Weg dahin, daß der Pharisäer die Rolle in der Geschichte Jesu bekommt, die ihm zusteht: Er muß wahrnehmen, wieviel er selbst täglich an Schuld und Sünde aufhäuft. Er muß begreifen, daß er nicht weniger als die Frau, die Bezeichnung "Sünder" verdient hat. Und da wir diesem Pharisäer so sehr gleichen, will ich es für uns noch einmal sagen: Wer immer wir sind, ob wir nun lange schon an Gottes Hand gehen oder erst kürzer, wir haben denen nichts voraus, die dazu vielleicht gerade jetzt erst zu ihm gekommen sind! Sünde ist Sünde. Schuld ist Schuld. Und selbst der, dem vielleicht wirklich nur wenig erlassen ist, braucht doch die Vergebung Gottes. Und immer - unser ganzes Leben lang - täglich neu, muß uns vergeben werden. Denn wir sind Sünder, das ist wahr. Und wir bleiben es, solange wir atmen.

Der Pharisäer muß die Hauptrolle abgeben! Es ist in dieser Geschichte und in der Nähe Jesu kein Platz für sein Denken und Dünken. Da ist nur Raum für die Freude! Die Freude der Sünderin über ihren neuen Anfang im Leben. Die Freude aller Menschen, denen Gott Schuld geschenkt hat. Und da soll auch Raum sein für die Mitfreude: Eine Frau ist zu Gott gekommen. Ein Mensch ist losgeworden, was ihn gequält hat. Ein Mensch hat die frohe Botschaft Jesu gehört und aufgenommen.

Wollen wir nun wirklich - wie der Pharisäer - mit Fingern zeigen, andere Sünder nennen und hochmütigen Gedanken nachhängen? - Ich wünsche uns, daß wir über Gottes Güte gegenüber uns selbst von Herzen froh sind und uns auch mit anderen freuen und so mithelfen, daß noch immer mehr Menschen zu Gott finden und bei ihm von ihrer Schuld frei werden.

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