Predigt zum 9. So. nach Trin. - 12.8.2001

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Textlesung: Mt. 13, 44 - 46

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Liebe Gemeinde!

Eigentlich sind das zwei so klare Gleichnisse! Zwei verständliche, sinnvolle kleine Geschichten. Und doch versteht sie kaum ein Mensch. Jedenfalls nicht in unserer Zeit. Nicht die Menschen unserer Tage. Das war einmal anders. Jesus, der die beiden Geschichtchen erzählt hat, konnte damit rechnen, daß jedermann sie sofort begreift. "Das Himmelreich ist gleich..." "Himmelreich"...damit fängt es ja schon an. Der Mensch, der davon aus Jesu Mund hörte, der wußte, was er sich darunter vorstellte: Himmelreich...Reich Gottes...da wird der Herr des Himmels und der Erde herrschen, werden seine Gebote gehalten, da wird sein Wille gelten, sein Wort regieren. Himmelreich...das war auch die große Tischgemeinschaft bei Gott, das ewige Fest, die Hochzeit, das Gastmahl für die Auserwählten. Daran wollte jeder Zeitgenosse Jesu teilhaben! Himmelreich...das war nicht zuletzt die Heilung von jedem Gebrechen, das Ende allen Leids, das Ablegen eines kranken Körpers und das Anziehen eines neuen. Himmelreich...das war das Heil, die Freude in der Nähe Gottes, Friede von allem Kampf, Ausruhen von der Mühsal eines Lebens, Getröstet-werden in Abrahams Schoß...

Himmelreich - was ist das heute?

"Du bist für mich der Himmel auf Erden", so säuseln sich Verliebte zu. Himmel ist also, wenn wir die Freude der Liebe erleben. Himmel - das ist ein Mensch, der uns wichtiger wird als sonst alles. Himmel ist demnach auch ein sehr zerbrechliches Ding, sehr gefährdet, daß es mir kaputtgeht...wenn erst die Verliebtheit des Anfangs dem Alltag weicht, wenn die rosa Brille trüb wird, wenn der Engel, dem ich begegnet bin, auch dunkle Züge entwickelt, die mir gar nicht so gefallen. Außerdem liegt dieser Himmel scheinbar nur "auf Erden" und eben nicht...im Himmel!

"Des Menschen Wille, ist sein Himmelreich!" So sagt ein Sprichwort aus neuerer Zeit. Aha, Himmel ist also, daß ich tun und lassen kann, was ich will. Himmel sagt, daß ich auf niemanden und nichts anderes hören muß, als auf die Stimme in meinem Innern. Himmel, das ist unabhängig sein, frei von Befehl und Pflicht, nur mir verantwortlich. Himmel ist also auch für jeden Menschen etwas anderes! Je nach dem, was seine innere Stimme sagt, was sein Wille will, was sein Begriff von Freiheit meint. Gibt es also so viele Himmelreiche wie Menschen?

Ein durch einen Schlaganfall stark behinderter Mensch hat mir einmal gesagt: "Das war mir wie ein Stück vom Himmel, als ich wieder soweit war, daß ich die ersten Schritte gehen konnte! Wieder gehen...aus dem Bett aufstehen...vom Sessel zum Tisch...zur Toilette...dann sogar bald die Wohnung verlassen...in die Sonne kommen...frische Luft atmen, draußen..." Kann der Himmel auch das sein, was uns doch so völlig selbstverständlich ist? Ja, kommt es wohl darauf an, in welcher "Hölle" wir leben müssen, wie geplagt wir sind, wie belastet oder krank? Ist Himmel nur der bessere Zustand, gemessen am Leid oder der Not, durch die ich hindurch muß?

Himmelreich - was ist das heute? Wir könnten gewiß noch einige Erklärungen dafür geben. Vielleicht hat jede und jeder von uns noch etwas anderes dazu zu sagen, was denn der Himmel ist für sie, für ihn... Jedenfalls ist eines deutlich geworden: "Himmelreich" ist alles andere als eindeutig. So stimmt es, was ich am Anfang über die zwei Geschichten Jesu sagte: "Eigentlich sind das zwei so klare Gleichnisse! Zwei verständliche, sinnvolle kleine Geschichten. Und doch versteht sie kaum ein Mensch. Jedenfalls nicht in unserer Zeit. Nicht die Menschen unserer Tage."

Liebe Gemeinde, lassen sie uns einmal versuchen, für uns eine Erklärung zu finden, die dem nahe kommt, was die Menschen in der Zeit Jesu damit verbunden haben, wenn sie vom Himmel hörten oder vom Himmel sprachen. Lassen wir uns dabei von den beiden kleinen Gleichnissen helfen:

(vielleicht eine 2. Textlesung: Mt. 13, 44 - 46)

Wie wäre es damit: Himmel ist das allerwichtigste, um das es im Leben geht! - Die beiden Männer in den Gleichnissen haben nichts anderes mehr im Sinn, als den Schatz zu gewinnen, die Perle zu erwerben! Himmel ist aber auch etwas, für das sich jeder Einsatz lohnt! Was der Mensch da tut, der den Acker mit dem Schatz darin kaufen will, ist ja wirklich "alles auf eine Karte gesetzt"! Genau genommen, ist es auch rechtlich bedenklich: Wäre jemand dahinter gekommen, warum er den Acker unbedingt kaufen wollte, es hätte womöglich einen Prozeß mit dem Vorbesitzer gegeben. Nicht anders bei dem Kaufmann. Sein ganzes Hab und Gut verkauft er um der einen Perle willen. Und man muß sich schon fragen, ob er - als Perlenkenner - wohl dem Verkäufer gesagt hat, was für ein Kleinod er da anbietet. Ob der es dann nicht lieber selbst behalten hätte? - Doch: der Einsatz der Männer in den Geschichten ist gewaltig!

Aber noch ein drittes beschreibt uns den "Himmel" in Jesu Sinn: Wenn du den Himmel hast, dann brauchst du nichts anderes mehr. Sowohl der Mann auf dem Acker als auch der Kaufmann haben ja alles veräußert, was sie besaßen. Jetzt halten sie nur noch den Schatz, die Perle in ihrer Hand.

Liebe Gemeinde, so ist das also mit dem Himmel: Das allerwichtigste, jeder Einsatz lohnt sich, nichts anderes mehr brauchst du... Aber was könnte denn das sein - für uns? Bisher wissen wir sozusagen nur etwas über die äußere Form. Was aber ist der Inhalt des Himmels? Was sind seine Eigenschaften. - Und es müßten Eigenschaften sein, die wir alle wichtig finden und wert, sie zu besitzen. Fragen wir also, woraus der "Schatz" besteht? Beschreiben wir den Glanz der "Perle".

Wenden wir uns dazu doch an den, der die beiden Geschichten erzählt hat. Er muß es doch wissen! Und er speist uns auch nicht mit bloßen Worten ab: "Der Himmel ist so und so..." Er hat uns ja den Himmel selbst gebracht. In eigener Person stellt er ihn dar. Ja, er hat für ihn gelebt und ist für ihn gestorben. Wenn wir ihn fragen, wenn wir auf ihn sehen, erfahren wir über den Himmel dies:

Himmel ist, daß du einen Vater hast, der dich liebt. Diese Liebe brauchst du dir nicht zu verdienen. Sie umgibt dich seit du geboren wurdest wie die Luft zum Atmen. Diese Liebe kannst du nicht verlieren. Tu was du willst. Lehne dich auf gegen Gott, leugne ihn, kränke ihn, verlaß ihn... Wenn du zurückkehrst nimmt er dich auf mit offenen Armen. Du bist ihm unendlich wertvoll, sein ein und alles. Sein geliebtes Kind.

Himmel ist, daß ich, Jesus Christus, dein Bruder geworden bin. Ich zeige dir den richtigen Weg. Ich bin die Tür, durch die du eintrittst. Ich bin dein Hirte, der die rechte Weide weiß und das frische, lebendige Wasser. An mir kannst du den Willen des Vaters erkennen, der allemal besser ist als dein eigener. Ich bin sein Wort, sein Ruf. Folgst du mir, dann hat dein Leben ein Ziel. Folgst du nicht, dann gehst du in die Irre. Trotzdem mußt du das Ziel nicht für immer verfehlen. An jeder Weggabelung stehe ich. Immer wieder kannst du dich neu entscheiden. Mach kehrt, geh in die andere Richtung und ich bin wieder an deiner Seite. Und die Schuld für deine falschen Wege? Die will ich dir abnehmen. Ich habe das Gesetz erfüllt, das dir die Strafe zumißt. Vertraue dich mir an und du gehst ins Leben, von diesem in dieser Welt ins ewige Leben.

Himmel ist, daß du nicht allein und verlassen bist in dieser Zeit und dieser Welt. Gottes heiliger Geist ist bei dir. Er führt dich, gibt dir gute Gedanken ein, tröstet, schenkt dir Hoffnung und die Aussicht auf eine ewige Zukunft. Aber er mahnt dich auch, wenn du dich zufrieden geben willst mit dem kurzen Glück dieser Erde. Immer wieder treibt er dich auch an, daß du mehr willst als diese Spanne zwischen Geburt und Tod. Er ist es auch, der die Sehnsucht in dich pflanzt: Daß du nach Sinn suchst, nach Erfüllung und einem Leben, daß sich wahrhaft lohnt. Und schließlich warnt er dich auch, wenn du stille stehst und nicht mehr wächst und dich veränderst. Wenn dein Leben nicht mehr lebendig ist und in Bewegung, wenn du nur noch bist wie tot... Immer wieder geht dich dieser gute Geist Gottes dann an, mit allen Mitteln, mit mancherlei Winken und Botschaften, sogar mit den Dingen, die dir begegnen... Bis du wieder fragst, wieder suchst, wieder lebst...

Liebe Gemeinde, "Himmel ist...", auch hierzu wäre noch viel zu sagen. Aber für heute ist es ja vielleicht genug, wenn wir soviel über den Himmel erfahren. Vielleicht verstehen wir die beiden kleinen Gleichnisse jetzt besser? Vielleicht begreifen wir, wenn sie uns das nahebringen wollen: Der Himmel ist das allerwichtigste, jeder Einsatz lohnt sich, du brauchst nichts anderes mehr...?