Predigt zum 2. So. nach Trinitatis - 24.6.2001

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Liebe Gemeinde!

Sie müssen endlich wieder einmal das Evangelium predigen, einmal nur "frohe Botschaft" und nicht immer so ernst und mahnend! - So hat mich einmal ein Gemeindeglied angesprochen. Ich habe dann zurückgegeben: "Nur" Evangelium - das geht einfach nicht! Die gute Nachricht Gottes, daß er uns aus lauter Barmherzigkeit den Himmel schenken will, hat immer auch die andere Seite: Wir dürfen es - um Gottes Willen - nicht ablehnen oder die Zeit verstreichen lassen, wenn Gott uns besucht und beschenkt ! Der begnadigte Mensch kann auch verstockt sein! Und so viele sind es heutzutage!

Das hat mein Gegenüber allerdings nicht überzeugt: Herr Pfarrer, wieder einmal nur eine frohmachende Predigt, bitte!

Mit solchen Gedanken und mit dem festen Willen, ihnen zu entsprechen, habe ich vor Tagen dann den Predigttext für diesen Sonntag vorgenommen. Ausgerechnet einer aus dem Alten Testament! Ich soll und will also jetzt "Evangelium" mit einem Wort aus dem Propheten Jesaja verkündigen. Ob das wohl geht? Hören Sie die Verse aus dem Prophetenbuch:

Textlesung: Jes. 55, 1 - 5

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

Sie haben das jetzt sicher gemerkt: Es ist schon erstaunlich, wie froh, ja, wie "evangelisch" diese Verse sind! "Die ihr kein Geld habt, nehmt und eßt! Hier bekommt ihr Milch und Wein umsonst! Warum Geld geben und Verdienst für das, was ihr auch so haben könnt?" Wirklich: Man möchte diese Worte auf Jesus Christus hin deuten! Man meint, er wäre angesprochen, sein Leben und Sterben für uns, das Heil, das er uns erworben hat. Und ich denke jetzt an die Kritik von neulich und will die Jesajaverse wirklich einmal "evangelisch" deuten. Ich will sie auf Jesus Christus hin auslegen, auf die frohe Botschaft von Gottes Gnade durch sein Verdienst... Und ich will das ganz wörtlich tun, mit den Worten des Jesaja. So hätte er vielleicht von Christus gesprochen, wenn er ihn gekannt hätte:

Wohlan, alle, die ihr durstig seid nach erfülltem Leben, kommt zu Christus! Auch wenn ihr nichts vorzuweisen habt als eure Schuld und eure befleckten Hände - nehmt und laßt euch beschenken. Kommt her, ihr kriegt umsonst Vergebung, Sinn und Freude! Warum wollt ihr euch mühen und quälen, warum Geld ausgeben für Kram, der nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr volles Leben haben und zufrieden sein, jetzt und ewig! Macht doch eure Ohren auf und kommt zu mir! Höret, so werdet ihr leben!

So etwa hätte Jesaja das Evangelium von Jesus Christus verkündet! Und ich will - treu zu meinem heutigen Vorhaben! - die frohe Botschaft noch weiter auslegen, hinein ins praktische Leben, in deinen und meinen Alltag: Du kannst wirklich die Schuld loswerden, die dich schon seit langem drückt! Sprich sie doch im Gebet vor Gott an, sei gewiß, er nimmt sie dir ab. Sag' ihm, daß sie dir von Herzen leid ist und bitte ihn, daß er dich davon frei macht. Er wird's tun! Und wenn du einem Menschen unrecht getan hast? Wenn dich reut, was du deinem Nächsten schuldig geblieben bist? Dann gibt es auch da einen Weg heraus: Geh hin zu ihm und sprich die Sache an. Doch, du wirst die Kraft dazu bekommen! Wie wirst du aufatmen können, wenn das endlich vergeben und vergessen ist! Aber ansprechen mußt du es! Das kann dir keiner ersparen! - Und noch etwas: Gib doch auch denen eine Chance, die dir Böses getan haben. Gib ihnen die Gelegenheit, mit dir ein Wort zu wechseln, dich aufzusuchen und die Last loszuwerden. Du weißt doch: "...wie wir vergeben unsern Schuldigern!"

Und laß dich beschenken! Gib doch endlich das Rechnen und Bewerten auf! Die Welt, wie sie heute ist, mag uns das ja wirklich schwermachen, etwas "geschenkt" anzunehmen. Wir sind ja so stolz: Auf unsere Kräfte, auf unsere Talente, auf das, was wir am Monatsende heimbringen, auf das Häuschen, das wir gebaut haben, auf das Auto, die Reise nach Spanien... Und die anderen haben es ja immerhin nicht so weit gebracht! Vielleicht gehen wir den Dingen einmal auf den Grund: Viel haben wir geerbt, tatsächlich von unseren Eltern oder Großeltern oder sonst jemand. Oder wir können wenigstens zugeben, daß wir Glück hatten, zur richtigen Zeit die rechte Idee oder das nötige Geld.

Ich gehe noch viel weiter: Aller kommt von Gott! Unsere Gaben und Kräfte sowieso, aber auch, was wir geerbt haben und sogar die gute Idee und die Mittel, sie zu verwirklichen. Rein alles ist Geschenk! Denken wir nur, wir wären nicht auf dieser Seite des Erdballs zur Welt gekommen. Uns hätte Geburt und Herkunft ein Leben in Indien oder in Äthiopien verordnet. Was wären wir heute?

Wirklich: Es fing schon mit einem Geschenk an in deinem und meinem Leben; im Wohlstand aufwachsen und sein dürfen, ein Haus haben, ein Dach über dem Kopf, satt zu essen und meist jeden Luxus... Wenn wir das einmal so sehen können, warum dann nicht auch das begreifen: Wenigstens das will mein Gott von mir haben, daß ich alles als seine Geschenke verstehe, mich drüber freue und ihm danke. Auch beim Glauben ist das so: Nichts kann verdient werden. Niemand kann auf seine religiöse Leistung pochen und sprechen: Sieh her, mein Gott, was ich so gut bin und dir so ergeben diene! Einer ist der Grund geworden, warum Gott uns so gnädig ist: Jesus Christus. Gestorben für alle Menschen, ein Opfer für die Sünde der Welt, das Leben und die Auferstehung - der eine, der für uns alles verdient hat. Wer jetzt noch auf seine guten Werke weist, der verweigert Christus die Ehre; wer jetzt noch rechnet und auf seiner Leistung beharrt, der kränkt Gott, den gütigen Geber...

Aber ich wollte ja bei der "frohen Botschaft" bleiben: Der Glaube an die Güte Gottes selbst ist ein Geschenk! Wenn wir zu rechnen aufhören, wenn wir unseren Hochmut aufgeben, dann bereiten wir Gottes Schenken den Weg in unser Herz. Wer sich klar macht, daß er nur von Geschenken lebt, der wird auch noch den Glauben und das Vertrauen zu Gott hinzugefügt bekommen. Ganz gewiß! So ist also alles Gottes Gabe, selbst noch der Glaube, der alles als Gottes Gabe begreift. - Fangen wir damit an, unser Dünken und unseren Hochmut abzutun!

Und dieser Glaube verändert wirklich unser Leben: Wenn unser Geld und Gut von Gott geschenkt ist - nicht von unserer Kraft erworben! - dann können wir gewiß anders damit umgehen: Wir müssen nicht mehr so krampfhaft festhalten, was wir zum Teilen bekommen haben. Wir werden Freude machen und Lebensmöglichkeit weitergeben mit dem, was uns verliehen ist. Und wir werden sehen, daß uns das Teilen nicht ärmer macht, sondern reicher. Ganz gewiß! Reicher an Freude und Glück!

Und in unserem Glauben liegt ja auch Hoffnung: Gott, der mich schon in diesem Leben so reich beschenkt und mich wie ein Vater behandelt, der will, daß ich ihm in alle Ewigkeit nahe bin! Selbst wenn ich einmal sterbe, bleibe ich bei ihm. Wenn es für mich am Ende meiner Zeit dunkel wird und sich meine Augen schließen, dann wird es hernach wieder hell - um Christi willen! Wie er auferstanden ist, so werde ich auch auferstehen! Der Vater hat's versprochen. Ich werde sehen, was ich geglaubt habe!

Und ein volles Leben liegt in diesem Glauben: Erfüllte Jahre, Freude, Glück... Nicht immer nur leichte Zeit, gewiß nicht! Aber ich darf immer wissen, was auch mit mir geschieht, mit dem letzten herrlichen Ziel meines Lebens hat es nicht zu tun, was ich erfahre! Wenn ich krank werde - einmal werde ich für immer genesen! Wenn ich leiden muß - einmal wird es kein Leid mehr geben! Wenn ich weinen muß und in Trauer bin - die Freude wird das letzte Wort haben! Selbst wenn mein ganzes Erdenleben ein einziges Jammertal ist - eine Ewigkeit, von der ich nicht einmal träumen kann, wird einmal die Spanne zwischen Geburt und Tod zur Sekunde schrumpfen lassen.

Das alles finden wir bei Christus, ohne Verdienst und umsonst! Nehmt und eßt, füllt euch die Hände und die Herzen, werdet satt an Glück und Glauben... Hört doch auf mich, so werdet ihr volles Leben haben und zufrieden sein, jetzt und ewig! Macht doch eure Ohren auf und kommt zu mir!

Nicht auszudenken, wenn einer seine Ohren verstopft und sein Herz verstockt! Nicht auszudenken, wenn wir anderswo als bei Christus satt werden wollen! Wir werden uns mühen und quälen, werden uns vergeblich sättigen wollen mit Kram und Ersatz und am Ende werden wir mit leeren Händen dastehen und nichts mitnehmen. Und wohin führt dann unser Weg? -

Aber ich wollte heute einmal "nur" beim Evangelium bleiben, nur bei der "frohen Botschaft". Die habe ich heute mit Worten des Jesaja ausgerichtet. Ich will auch mit einem Wort von ihm schließen: "Höret, so werdet ihr leben!"