Predigt am Sonntag "Jubilate" - 6.5.2001

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Textlesung: 1. Mose 1, 1 - 4a. 26 - 31; 2, 1 - 4

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

Liebe Gemeinde!

Am Namen dieses Sonntags kommen wir ja nur schwer vorbei: "Jubilate" heißt er, und er ruft uns zu: "jubelt!". Jetzt haben wir diese Geschichte von der Schöpfung gelesen und wir fragen: Was gibt es da zu jubeln? Sollen wir jauchzen und fröhlich sein darüber, daß Gott die Welt gemacht hat? - Irgendwie fällt es uns doch schwer, uns vorzustellen, daß er sie nicht geschaffen hätte... Was wäre denn sonst und wo wären wir? Oder geht es um die Freude daran, daß Gott uns einen Ruhetag geschenkt hat - der ist in unseren Tagen ja auch nicht mehr, was er einmal war! Wem dient der Sonntag denn wirklich in erster Linie zum Ausruhen und dazu, sich auf Gott zu besinnen? Wer erledigt sonntags nicht, was die Woche über liegen geblieben ist oder jagt dem Erlebnis nach oder dem Nervenkitzel, dem Kick, wie die jungen Leute das heute nennen - nach einer meist langweiligen Woche, in der wir uns nicht mehr so recht zu Hause fühlen und die uns meist wenig Freude macht?

Oder ist es vielleicht das, woran wir uns jubelnd freuen sollen: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Können wir das mit dem Namen dieses Sonntags zusammenbringen: Jubilate?

Aber was heißt das überhaupt: Gott schuf uns Menschen zu seinem Bilde? - Darüber haben viele kluge Köpfe nachgedacht. Darüber wurden viele theologische Streitgespräche geführt. Und in sicher einigen hundert Büchern können wir sehr tiefe Gedanken darüber lesen. Ich will einmal eine ganz einfache Erklärung versuchen, die sicher nicht herankommt an die ganze Größe dieser Frage. Aber vielleicht ist sie ja doch für uns alle bedenkenswert und bringt uns ein bißchen weiter auf dem Weg zu einer Antwort, woran wir uns heute freuen, ja, worüber wir jubeln sollen?

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde... Ob unser Gott nicht ein Gegenüber haben wollte? Ja, ob er nicht einfach einsam und allein war in der schönen Welt, die er gemacht hat? Stellen wir uns doch nur einmal vor, wir haben uns ein Haus gebaut, wir haben uns mit der Auswahl der Tapeten und Möbel sehr viel Zeit gelassen und Mühe gegeben. Die schönsten Gardinen hängen nun vor den Fenstern und die flauschigsten Teppiche liegen auf den Böden. - Und nun sind wir allein in unserem wunderschönen Haus, in dem es an nichts mehr fehlt. Würde uns das gefallen? Könnten wir uns lange daran freuen, in diesem schönen, aber doch so leeren Haus herumzuwandeln, immer nur allein die herrliche Einrichtung zu betrachten, die erlesenen Vorhänge, die Muster der Tapeten, die weiche Couchgarnitur? Wünschten wir uns nicht einen Menschen, der mit uns all die Herrlichkeit teilt, der sich mit uns an allem freut und mit uns in unserem Haus lebt, mit uns spricht, lacht und vor allem, der uns liebt? Ich kann mir das gut vorstellen, daß unser Schöpfer nicht allein bleiben wollte mit seiner Schöpfung. Daß er dazu den Menschen geschaffen hat, sich mit ihm zu freuen an allem, was er gemacht hat. Und daß er den Menschen darum mit dem gleichen Drang zum Schönen, dem selben Gefühl für das Gute und derselben Möglichkeit zu lieben ausstatten wollte, wie er selbst sie hat.

In diesem Sinn sind wir das Bild, das Ebenbild Gottes, daß wir auch Freude an der Schönheit der Welt empfinden, daß wir auch ein Gegenüber brauchen, auch lieben wollen und lieben können.

Und es ist sicher kein Zufall, vielmehr ein klarer Hinweis Gottes darauf, was es heißt, sein Ebenbild zu sein, wenn er uns Menschen als Mann und Frau schafft, als Partner, die sich zueinander hingezogen fühlen, die zueinander passen und in ihrer Beziehung das Schönste erleben können, was Gott uns seit Schöpfungstagen mitgegeben hat: Die Liebe. - Wenn wir nun also diesen Gedanken bedenken, daß wir Gottes Gegenüber sein dürfen, wie wir einander als Mann und Frau gegenüber sind, uns ergänzen und helfen, uns erfreuen und liebhaben, miteinander alles teilen und gemeinsam erleben... Liegt hierin nicht wirklich ein Anlaß, ja, der schönste und tiefste Grund dafür, wozu uns dieser Sonntag mit seinem Namen einlädt: Jubilate - jubelt!?

Gewiß, liebe Gemeinde, einige von uns haben nicht diesen Menschen, den sie als Partner/in lieben und mit dem sie ihr Leben teilen dürfen. Manche hatten ihn nie, manche haben ihn nicht mehr. Aber ich glaube fest, auch andere Beziehungen als die zwischen Mann und Frau können uns Sinn und Glück schenken und unser Leben so froh und reich machen, daß wir nichts entbehren. Solche Beziehungen sind uns allen möglich, wenn wir sie nur suchen und wollen. Und schließlich schenkt Gott uns allen ja auch die Gabe und Ehre, ihm Gegenüber zu sein oder doch zu werden: Daß wir mit ihm sprechen im Gebet, ihn loben im Lied, ihm Danken in unseren Herzen und ihn lieben mit all unserem Fühlen, Denken und Tun. Auch das kann uns mit Freude und Jubel erfüllen!

Manchmal entdeckt man den Wert einer Sache ja erst dann so richtig, wenn man sie nicht - nicht mehr - haben und genießen darf. Stellen wir uns doch nur einen Augenblick vor, wir wären allein in dieser Welt, kein Gott wohnte bei uns, der uns versorgt, uns alle Gaben des Lebens schenkt, uns Erfolg und Glück beschert und so viel Schönes erfahren läßt. Und stellen wir uns vor, wir lebten nicht unter seinen Augen, seiner Gnade und er hätte uns durch Jesus Christus nicht gezeigt, wie sehr er uns liebt und daß er mehr mit uns vorhat als dieses Leben. Und wenn es uns schwerfällt, uns diesen Gedanken vorzustellen, dann probieren wir es doch einmal damit: Wir hätten keinen Menschen, der nach uns schaut, hätten keine Seele, die sich um uns sorgt, kein Herz, das uns liebt, niemanden, der uns braucht und dem wir fehlten, wenn wir nicht mehr wären. - Sie können es sich nicht vorstellen? Auch das nicht? Liebe Gemeinde, wir müssen es ja auch nicht, denn Gott hat uns zu seinem Gegenüber geschaffen, als sein Ebenbild, zur Liebe fähig, zur Güte eingeladen, aus Gnade zur ewigen Gemeinschaft mit ihm bestimmt. Welch wunderbare Sache! Wie groß ist dieses Geschenk Gottes an seine Menschen! Wissen wir immer noch nicht, worüber wir jubeln sollen - an diesem Sonntag und an jedem Tag!?

Aber sehen wir jetzt doch noch einmal nach den anderen Dingen, bei denen wir uns gefragt haben, ob wir über sie jubilieren sollen: Daß Gott die Welt gemacht hat, daß es nun all die Herrlichkeit gibt, die er geschaffen hat... Spüren wir jetzt, wie viel das doch miteinander zu tun hat: Die Liebe zu Gott, zu einem Menschen und die Welt, in der wir leben dürfen? Ach, es ist ja gar nicht wahr, daß diese Welt nur noch häßlich ist, aus den Fugen und durch Zerstörung gefährdet. Gewiß gibt es auch das - und wir wollen die Gefahr aufmerksam beobachten und uns einsetzen in der Pflege und Erhaltung unserer Erde. Aber eine einzige Blüte, ein einziger Schmetterling und das lachende Gesicht unseres liebsten Menschen können uns die Freude an dieser Welt neu wecken und zurückschenken! Auch diese Erde hat uns Gott gegeben, damit wir uns an ihr freuen, über ihre Schönheit in Andacht und Staunen geraten und vor allem, um in uns Liebe zu wecken, Anbetung seiner Schöpfermacht und Jubel in unseren Herzen.

Und der Sonntag? Bei aller Mühe unseres Alltags, aller Entfremdung an einem Arbeitsplatz, den wir uns vielleicht nie gewünscht hätten und der keine Freude schenkt, nur den nötigen Lebensunterhalt... Aber kann nicht gerade darum der Sonntag wieder mehr werden als nur dies: Einmal etwas anderes machen, oder Liegengebliebenes aufarbeiten? Kann dieser Tag nicht auch zur Besinnung darüber führen, daß es mehr gibt als Arbeit, mehr als Broterwerb und mehr als Geld auch, um die Stunden der Freizeit mit Sachen und Kurzweil zu füllen? Der Sonntag - als der 7. Tag der Schöpfung - will mehr sein, mehr werden als eine willkommene Unterbrechung der Woche, die uns meist nur Mühe abverlangt, fremde Arbeit, die uns wenig erfreut, Mißvergnügen und Langeweile. Der Sonntag kann auch dem Leben dienen, dem richtigen, dem prallen Leben! Am Sonntag können wir Gottes schöne Welt neu erfahren. Am Sonntag können wir die Liebe Gottes zu uns spüren und in der Liebe zu ihm und den Menschen üben und zurückgeben. So werden wir auch den Sonntag - nicht nur den heutigen! - als einen Tag neu entdecken, an dem wir nicht nur einen Grund, sondern tausend Gründe zum Jubeln haben.

Die größte Freude aber soll uns der Gedanke schenken, daß wir Gottes Bilder, seine Ebenbilder sein dürfen. Gott will uns zum Gegenüber haben, mit uns zu reden, sein Leben - sogar das in Ewigkeit - mit uns zu teilen, Freude an der Welt und allem zu empfinden, was er geschaffen hat und vor allem, seine Liebe zu empfangen und an unsere Partner und Nächsten weiterzugeben. Laßt uns darüber zu einer Freude finden, die dann tut, was der Name des Sonntags heute meint: "Jubilate" - jubelt!