Predigt am Ostermontag - 16.4.2001

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Textlesung: Jes. 25, 8 - 9

Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: "Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; laßt uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil."

Liebe Gemeinde!

So ein wenig hören sich diese Worte für mich an wie "Pfeifen im Wald". Eigentlich haben die Menschen, die so sprechen, ja gar keine rechte Hoffnung mehr - gerade darum wird sie hier gleich zweimal beschworen: "...der Herr, auf den wir hofften." Und vielleicht glauben sie den Worten Gottes ja längst nicht mehr, gerade deshalb aber hören wir es hier: "...denn der Herr hat's gesagt!"

Wir kennen das doch auch: Unsere Zuversicht, daß sich unsere Krankheit noch einmal bessert, oder daß wir aus der schrecklichen Einsamkeit unseres Lebens herauskommen, ist im Grunde längst den schlimmsten Erwartungen gewichen. Trotzdem sagen wir zu einem, der sich nach unserem Ergehen erkundigt: "Eigentlich geht es ganz gut. Das braucht halt alles viel Zeit. Wenn erst der Sommer kommt, wird es sicher wieder. Dann kriege ich auch wieder mehr Besuch."

Oder was bestimmte Menschen unserer Umgebung angeht, mit denen wir "nicht so können", wie wir das ausdrücken: Nein, wir glauben nicht, daß sie sich noch ändern werden; wir haben keine Hoffnung, daß unser Verhältnis zu ihnen einmal normal oder auch nur erträglich sein wird. Trotzdem sprechen wir davon, daß "es nunmal nicht so schnell geht" und "noch eine Weile ins Land gehen muß", bis wir uns wieder grüßen können und freundlich begegnen.

Und selbst in unserem Verhältnis zu Gott ist das so: Wenn wir ehrlich sind, hoffen wir lange schon nicht mehr auf die große Wende in unserem Leben, daß wir noch einmal spüren können, wofür wir da sind und welche Aufgaben Gott gerade für uns hat. Wir haben vielmehr große Angst, daß dieser ewig gleiche Trott sich fortsetzt bis zu unserem letzten Tag, daß wir nie mehr das Gefühl haben werden, wichtig für Gott und die Menschen zu sein, nie mehr so etwas wie Erfüllung und Freude empfinden werden. Und doch hören wir uns sagen: "Wie gut, daß ich meinen Glauben habe!" - "Gott erhört Gebete!" - "Wie dankbar bin ich, daß ich ihn kenne!" - Im Grunde ist uns die Verzweiflung näher als die Hoffnung. Im Grunde ist unsere fröhliche Miene nur Schein! Unser Lächeln ist Maske. Unser hoffnungsfrohes Reden soll unsere Angst verdecken. Eben "Pfeifen im Wald".

 

Und jetzt fange ich diese Predigt noch einmal an, denn wir müssen auch an diese Fragen und Gedanken noch einmal ganz anders herangehen!

Liebe Gemeinde!

Wir können das so gut nachfühlen und nachsprechen: "Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften..." Und auch an solchen Sätzen machen wir unsere Hoffnung gerne fest: "...denn der HERR hat's gesagt." Überhaupt sind uns diese Worte sehr nah mit ihren Bildern und ihrer unerschütterlichen Zuversicht: "Gott wird den Tod verschlingen auf ewig...er wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen". Ja, das wünschen wir uns auch. Danach sehnen wir uns - so lange schon!

Haben wir aber auch dieses kleine Wörtchen bemerkt, das sich da in diesen Versen versteckt hat, fast könnten wir es übersehen und überhören: "Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe." Es ist gar nicht so, daß wir alles von Gott erwarten dürfen! Es geht nicht darum, was wir ihm zutrauen. Und wir können nicht sagen, wenn unsere Hoffnungen nicht erfüllt werden, wir hätten wohl zu wenig geglaubt, zu wenig vertraut... Nein, vielleicht haben wir auch zu wenig getan!

Es gibt da eine sehr deftige und deutliche Geschichte, die will ich gern erzählen, denn sie paßt wunderbar an diese Stelle:

Zwei Lastkutscher wollten mit ihren Pferdefuhrwerken durch einen Fluß fahren. Mittendrin im Fluß bleiben beide Wagen stecken. Nichts mehr bewegt sich, weder vor noch zurück. Nun beginnt der eine Kutscher innbrünstig zu beten. Er sagt alle Gebete her, die ihm einfallen und schließt sie sämtlich mit einem Vaterunser. Der andere Kutscher ist von gänzlich anderer Natur. Er schimpft, er flucht sogar, zerrt an den Zügeln, ruft den Pferden immer wieder Kommandos zu und müht sich so auf jede Weise, aus dem Fluß zu kommen.

Es heißt nun am Ende der Geschichte, Gott hätte einen Engel zu den Lastkutschern geschickt, daß er ihnen helfe. Sicher sind wir jetzt gespannt, welchem der beiden der Engel geholfen hat. Wahrscheinlich doch dem, der so fleißig gebetet und Vaterunser gesprochen hat! Aber nein, der Engel schiebt den Wagen des anderen an, der sich zwar fluchend aber doch mit all seiner Kraft selbst bemüht hat!

Liebe Gemeinde, nicht wahr, ein unerwarteter Ausgang einer eindrücklichen Geschichte! Aber ich glaube, es liegt viel Wahrheit in ihr. Gott will sicher auch unser Gebet. Er freut sich, wenn wir ihm zutrauen, daß er uns helfen kann. Er wird damit geehrt, daß wir viel von ihm erwarten... Aber alles will er uns nicht geben! Er will uns helfen, aber er wird nicht alles allein machen.

Anders gesagt: Unser Glaube soll nicht träge abwarten, bis Gott alles richtet und ins Werk setzt. Unser Glaube selbst soll tätig werden, soll sich sogar anstrengen und mühen, dann wird Gott helfen, dann wird er ergänzen, was wir nicht fertigbringen können.

Aber zurück zum Anfang: Ja, wir wünschten uns, daß unsere Krankheit sich bessern möge und wir gesund werden. Und ja, wir können es uns inzwischen kaum noch vorstellen, daß es geschieht. Aber das andere stimmt auch: Wir sind müde geworden, wir haben lange aufgehört, in unserer Krankheit noch irgendetwas Gutes zu suchen und entdecken darum nicht mehr, welche Chancen auch in jeder Krankheit liegen und wie das Leid doch auch bereichern und das Leben tiefer und voller machen kann. Außerdem haben wir längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, daß wir von Ärzten oder durch eine andere Lebensführung Linderung erfahren!

Und unsere Einsamkeit? Sie ist groß und dunkel und sie lastet auf uns! Wir hätten gerne mehr Nähe zu Menschen, mehr Begegnungen mit ihnen! Aber kaum halten wir für möglich, daß wir noch einmal in engere, häufigere Beziehungen zu Nachbarn und Freunden kommen. Doch auch hier ist es so: Wir tun nicht sehr viel dafür, daß sich etwas ändert! Wie oft sind wir schon eingeladen worden - zum Seniorenkreis unserer Gemeinde vielleicht, zu einer Tagesfahrt oder zum Plauderstündchen beim Nachbarn. Immer haben wir nicht gewollt, haben uns entschuldigt und Gründe vorgeschoben, warum wir jetzt oder überhaupt nicht der Einladung folgen können. So ist vielleicht auch Gottes Hilfe, die in diesen Kontakten gelegen hätte, an unserer Ablehnung gescheitert.

Und was unsere Hoffnung angeht, daß sich die Nachbarn und Mitmenschen ändern, mit denen wir in ungeklärten Verhältnissen leben: Da mag es auch an uns gelegen haben, daß alles immer so unerfreulich und so schwierig war, ist und bleibt! Wo ist denn unser erster Schritt auf die anderen zu? Haben wir je die Hand hingestreckt? Und waren wir es, die den Mund zum Gruß zuerst aufbekommen haben? Wer weiß, ob uns Gott nicht geholfen hätte, daß es nach unserem ersten Schritt auf den anderen zu, dann auch weitergeht?

Und schließlich unser Verhältnis zu Gott... Er hat Aufgaben für uns - aber wollten wir sie wirklich wissen? Er kann die Wende in unserem Leben schenken - aber haben wir uns nicht auch in unserem Tageslauf, in unseren Gewohnheiten eingerichtet, so gut, daß wir uns eine Veränderung eigentlich gar nicht mehr denken, geschweige denn wünschen möchten? Und gewiß fehlen uns darum Erfüllung und Freude - aber stehen wir dem nicht auch selbst im Wege mit unserem Wollen, daß sich nur ja nichts ändert an dem, was uns doch auch so vertraut ist?

Ich glaube fest, daß unser Mangel an Hoffnung und Zuversicht weniger damit zu tun hat, daß wir zu wenig beten oder zu geringes Gottvertrauen haben. Ganz gewiß aber könnte uns das Vorbild des Fuhrknechts weiterbringen, der nicht locker läßt, der alles tut, was er kann, bis er erreicht hat, was er wollte - oder besser, richtiger und für uns verheißungsvoller: bis Gott ihm den Engel schickt, der ihm hilft.

Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen; denn der HERR hat's gesagt. Liebe Gemeinde, Gott hält, was er verspricht. Er wartet aber auf uns, daß wir uns ehrlich auch selbst um das bemühen, was wir uns von Gott wünschen. Daß wir nach Kräften dafür arbeiten, worauf wir hoffen. Daß wir mit allen Mitteln, die wir haben, fördern und schaffen, was Gott uns tun soll. So müssen wir keine Angst haben, können fröhlich sein und werden immer wieder in unserem Leben sagen können: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Und hinzufügen dürfen wir: Und er hat uns geholfen!