Erzählende Predigt am "Gründonnerstag" - 12.4.2001

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(Es gibt eine andere Predigt zum Perikopentext des Gründonnerstag)

Liebe Gemeinde!

Dies ist der Abend der Entscheidungen: Heute gibt es mindestens für drei Menschen kein Zurück mehr: "Was gebt ihr mir, wenn ich ihn euch verrate", sagt Judas zu den Hohenpriestern. Petrus hören wir so sprechen: "Auch wenn ich mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen!" Nur Stunden später kräht der Hahn. "Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!", sagt Jesus im nächtlichen Garten.

Und dann tun alle drei, wozu sie sich entschlossen haben und was ihrem innersten Willen entspricht: Der eine verrät seinen Herrn mit einem Kuß - und richtet sich dann mit eigener Hand, gibt sich selbst den Tod, den sein Tun verdient hat. Der zweite versagt jämmerlich: "Ich kenne diesen Jesus nicht!" Der dritte schließlich stirbt für alle Menschen, bringt sich selbst zum Opfer für das Heil der Welt, erwirbt mit seinem unschuldigen Leiden die Rettung für alle, die an ihn glauben.

Wahrhaftig: Ein Abend der Entscheidungen. Und zwischen dem, was entschieden wird, liegt der Abgrund der Schuld, der Verlorenheit und des Todes. -

Ich glaube fest, auch wir stehen immer wieder - und vielleicht auch einmal zu einer ganz bestimmten Stunde unseres Lebens - in der Entscheidung. Und vielleicht heißt sie dann auch für uns: "Soll ich ihn verraten, verleugnen?", oder "...Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst."

Von einem Schauspieler in Moskau, noch in der Zeit, in der das Christsein gefährlich und dem Fortkommen in Partei, Gesellschaft und Kultur nur hinderlich war, wird uns folgende wahre Geschichte erzählt:

Das Moskauer Staatstheater brachte die Uraufführung der Posse „Christus im Frack". Das Stück sollte während des ganzen Sommers gespielt werden. Alle Schulen und alle Jungarbeiter wurden aufgefordert, dieses Theater zu besuchen. Wenig später aber sprach kein Mensch mehr davon. Gespielt wurde es nie mehr. Verschuldet hatte das der berühmte Schauspieler Alexander Rostowzew. Er sollte den Christus spielen. Bis zur Premiere galt er als großer Star und überzeugter Kommunist. Danach verschwand sein Name. Das kam so: Auf der Bühne stand ein Altar. Er glich eher einer Bartheke. Wein- und Schnapsflaschen waren in Form eines Kreuzes aufeinandergeschichtet. Beleibte Priester und Mönche umtänzelten den Altar. Ihr versoffenes Gegröle ahmte das Gebet der Litanei nach. Hysterischer Augenaufschlag sollte religiöse Gefühle darstellen. Auf dem Boden wälzten sich dicke Klosterfrauen, die sich Wodka in die Kehle gossen und möglichst ordinär zu reden versuchten.

Im zweiten Akt betrat Rostowzew in der Rolle Christi die Bühne. In der Hand hielt er die Bibel. Daraus sollte er die ersten zwei Seligpreisungen der Bergpredigt vorlesen. Dann sollte er das Buch wegschleudern und in den Ruf ausbrechen: „Reicht mir Frack und Zylinder!"

Aber es kam anders. Alexander Rostowzew las würdig und laut: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Wenn er sich an seine Rolle gehalten hätte, mußte er jetzt das Buch wegwerfen. Statt dessen aber las er weiter: "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen."

Rostowzew schwieg plötzlich. Der Souffleur wurde ratlos und erblaßte. Das Publikum spürte, wie in Rostowzew eine tiefe Bewegung vorging, die sicher nicht seiner Rolle entsprach. Jeder hielt den Atem an, und Grabesstille beherrschte das Haus. Nach einer Pause unheimlicher Spannung las der Schauspieler weiter: "Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Voller Ergriffenheit las er schließlich von jenen, die: selig sind, weil sie um des Namens Jesu willen Verfolgung leiden. Im großen Saal des Moskauer Staatstheaters herrschte atemlose Stille. Niemand protestierte. Alle horchten gespannt und warteten, was nun wohl geschehen würde. Das Ende der Szene war ebenso überraschend wie ihr Beginn: Rostowzew schlug das Kreuz über Kopf und Brust und brach in den erschütternden Ruf des Schächers am Kreuz aus: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!"

Es wird wohl so sein: Unsere Entscheidungen heute kosten weniger. Wir müssen nicht befürchten, uns die Karriere zu verbauen. Noch sind wir nicht soweit, daß wir Verfolgung oder größere Nachteile erwarten müssen, wenn wir uns zu Jesus Christus bekennen und offenbaren, daß wir an ihn glauben. Umso trauriger darum, wie leicht wir sagen oder tun, was Jesus verrät. Umso erbärmlicher die Verleugnung unseres Glaubens, wenn wir uns verhalten, als gehörten wir nicht zu ihm.

Mir fällt der Mann ein, der neulich am Stammtisch dem nicht ins Wort gefallen ist, der sich über die eigene Frau lustig gemacht und davon gesprochen hat, "sie übertreibe es mit ihrem frommen Getue und ihrem sonntäglichen Kirchengerenne." Da hat kein Hahn in der Nähe gekräht und ich weiß auch nicht, ob der Mann überhaupt gespürt hat, was da geschehen ist, wozu er geschwiegen und wie er die Gelegenheit verpaßt hat, ein klares Wort über seine eigene innere Haltung zu sagen?

Von einem anderen Menschen weiß ich, daß er sich selbst zwar als Christ bezeichnen würde und auch versucht, sein Leben christlich einzurichten... Aber niemals würde er einer offenkundigen Lüge über jemand anderen entgegentreten, niemals würde er sich zu politischen oder gesellschaftlichen Themen äußern, bei denen das Christliche völlig unbeachtet bleibt, ja, vielleicht mit Füßen getreten wird. Er kann da trennen: Das eine ist allgemein...öffentlich...das andere ist seine persönliche Sache, seine Herzensangelegenheit, wie er gern sagt. Gewiß, es ist schön, daß der Mann seinen Glauben hat. Aber auch der Kuß, mit dem ein Judas seinen Herrn verrät, war zunächst etwas Schönes.

Und an so viele andere Menschen muß ich denken: Zwar Mitglieder der Kirche des Mannes, der die Nächstenliebe predigte, sind sie aber doch nur an sich selbst interessiert und das Leid wie das Glück ihrer Nächsten kümmert sie wenig. Als Elternversäumen sie es, ihre Kinder das Beten zu lehren und nach Kräften zum Glauben der Christen zu führen - und haben die Aufgabe dazu doch bei der Taufe übernommen. Als Konfirmierte sagen sie ihr Ja zur Gemeinde und leben doch von da an jahrelang ihr Nein. Als kirchlich Getraute vergessen sie nach kurzen Jahren, was sie vor dem Altar im Angesicht Gottes versprochen haben und wenden sich ab von dem Menschen, mit dem sie das ganze Leben verbringen wollten.

Aber auch das andere gibt es: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" Da macht einer im entscheidenden Augenblick den Mund auf und sagt: "Das ist nicht gut, wie du da redest! Was du ins Lächerliche ziehst, ist mir wichtig und wertvoll! Ich glaube nämlich an Gott und ich möchte mein Leben so führen, wie er es will."

Ein anderer macht seinen innersten Glauben auch zum Maßstab für die Politik und das Zusammenleben der Menschen. "Wenn dies eine christliche Gesellschaft sein will, dann müssen auch die Liebe, der Wille Gottes und seine Gebote beachtet werden!" Dann kann etwas nicht gut und richtig sein, was eindeutig gegen Gottes Wort verstößt. Und das wird auch ausgesprochen, immer wieder öffentlich gesagt, wo es gesagt werden muß. Weil der Glaube an Jesus Christus eben keine Privatsache ist. Weil der, auf den sich unser Glaube bezieht, immer die anderen Menschen im Blick und in seinem Herzen gehabt hat und weil wir, die wir nach ihm heißen, seine Nachfolger sind.

Und es gibt auch noch solche Eltern, die sich die religiöse Erziehung ihrer Kinder viel Zeit und viele Gedanken kosten lassen. Und manche Konfirmierte scheuen eben nicht die Frage der Kameraden in den Jahren nach der Einsegnung: "Was, du gehst noch zum Gottesdienst?" Und auch in unseren Tagen bemühen sich Eheleute, daß der Segen der Trauung ihr ganzes Leben gestaltet, mühen sich um ein christliches Miteinander, halten sich an das Gebet, kennen auch Worte der Entschuldigung und des Verzeihens.

Liebe Gemeinde, nein, ich habe es jetzt durchaus nicht ängstlich vermieden, davon zu reden, daß ein solches Verhalten auch seinen Preis hat. Es ist nicht so, daß Verrat und Verleugnung böse Folgen nach sich ziehen, die Treue zum Glauben und zum Herrn der Christen dagegen nur Freude und Wohlergehen. So kann es ja wohl auch gar nicht sein und so ist es nicht, weder bei unserem Herrn, nachdem er gesagt hat: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe", noch bei dem russischen Schauspieler am Moskauer Staatstheater der bis zu jener Aufführung ein großer Star war und dann für immer von der Bühne verschwand.

Auch für uns wird es immer Folgen geben. Allerdings in jedem Fall, ob wir uns nun so oder so entscheiden. Der Verräter oder Verleugner wird es irgendwann einmal spüren müssen, daß er dem Herrn der Christen keinen Dienst erwiesen, ihn vielmehr verlassen, verhöhnt oder verkauft hat. Und das wird eine schwere Stunde sein voller Scham, voller Angst, Schuld und vielleicht Verzweiflung.

Auch alle, die standhaft bleiben, werden Anfechtungen haben. Sie werden weinen, voller Furcht sein - wie Jesus im nächtlichen Garten. Und sie werden Nachteile in Kauf nehmen müssen, der Verachtung preisgegeben, das Ende ihre Karriere riskieren... - Aber sie wählen damit ein für alle Mal die richtige Seite. Jesus gewinnt das Leben. Seine NachfolgerInnen mit ihm.

Der Schauspieler verliert sein Renommée, seine Zukunft in seinem Beruf, sein Ansehen und sein Publikum. Aber er gewinnt, was ungleich wertvoller ist: Das Wissen, wer sein Herr ist. Einen Glauben, der geläutert und geprüft künftig allem widerstehen kann. Und die Zufriedenheit und Geborgenheit der Menschen, die für Zeit und Ewigkeit ihren Halt und ihr Ziel gefunden haben.

Wäre die Geschichte im Moskauer Staatstheater damals so verlaufen, wie es Regie und Drehbuch vorgesehen hatte, sie wäre nicht auf uns gekommen. Lassen wir uns das Erstaunen und unsere Hochachtung vor der letzten Rolle des Schauspielers als Hinweis dienen: Er hat die schwere, aber gerade darum die richtige Entscheidung getroffen.