Predigt am "Gründonnerstag" - 12.4.2001

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(Hier gibt es eine zweite erzählende Predigt zum Gründonnerstag!)

Liebe Gemeinde am Gründonnerstagabend!

Wenn ich ihnen jetzt gleich den Predigttext für diesen Gottesdienst vorlese, werden sie sich fragen, was das denn wohl mit diesem Tag und seiner Geschichte, mit dem letzten Abendmahl Jesu, mit seiner Not in Gethsemane, mit Brot und Wein, mit der Verleugnung des Petrus, der Gefangennahme unseres Herrn und mit dem Verrat des Judas zu tun haben soll. Ich lese aber wirklich den vorgeschlagenen Text für diesen Abend.

Textlesung: 2. Mose 12,1.3-4.6-7.11-14

Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, daß sie das Lamm aufessen können, und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen.

So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

 

Es ist wohl besonders das Blut, das diese Verse mit der Geschichte dieses Abends verbindet. Wie die Israeliten durch das Blut eines Lamms geschützt waren vor dem Verderben, so sind wir geschützt und bewahrt durch das Blut Jesu Christi. Damals hieß es: Bestreicht die Türpfosten eurer Häuser mit dem Blut eines Lamms, daß ihr dem Strafgericht entgeht. Heute heißt es für uns: Haltet das Mahl meines Sohnes Jesus Christus, genießt die Frucht seines Todes, seinen Leib, sein Blut - so habt ihr Vergebung und volles Leben.

Und damals wie heute geht die Geschichte Gottes mit seinen Menschen so weiter, daß Gott zu seinem Versprechen steht, daß er tut, was er verheißen hat, daß er vergibt, verschont und einen neuen Anfang schenkt. Die Menschen aber verlassen ihn, verlieren schnell aus ihrer Erinnerung, wem sie Heil und Rettung verdanken. Damals haben die Israeliten nur Tage später mit ihrem Murren begonnen: "Ach, wären wir doch in Ägypten geblieben! Jetzt müssen wir hier in der Wüste Hungers sterben!" Und nur Wochen werden vergehen, bis sie um das Goldene Kalb tanzen, ihren Gott kränken und verlassen.

Und heute? Auch die Menschen unserer Tage verlassen Gott, suchen ihr Heil ohne Christus. Im Besitz zum Beispiel, in dem was sie selbst können und vermögen, in Werten und Zielen, die sie sich selbst setzen oder von der Werbung, der Konsumgesellschaft, den Massenmedien oder ihren tausend Bedürfnissen setzen lassen. Und damals wie heute bringt es den Tod, sein Heil ohne Gott machen zu wollen: Keiner, der um das Kalb getanzt hat, wird das schöne Land sehen, das Gott verheißen hat. Keiner der heute Gott verläßt, wird das Leben gewinnen - es sei denn, er läßt sich durch Christus frei machen von seiner Schuld und fängt mit ihm neu an.

Denn eines ist heute ganz anders als damals: Die Israeliten haben das Blut eines Lamms an die Türpfosten gestrichen. Für uns aber ging Jesus Christus ans Kreuz, der geliebte, einzige Sohn Gottes. Im Glauben an ihn liegt die Vergebung. Im Hoffen auf ihn kommen wir mit Gott in Beziehung. Durch sein Blut werden wir rein von aller Schuld.

Liebe Gemeinde, bis hierhin konnten sie das ja sicher ganz gut anhören. Das ging zwar nicht unter die Haut. Aber es waren doch verständliche, einleuchtende Gedanken. Nur fragen wir uns sicher jetzt: Was gehen sie uns an? Was haben sie zu tun mit uns an diesem Abend, mit Verrat und Gethsemane, Verleugnung und Gefangennahme und mit dem Tisch Jesu, an den wir nachher treten wollen?

Da muß ich jetzt gar nicht zu weit ausholen: Sind wir nicht auch mit dem Blut des Lamms besprengt? Hat Jesus nicht auch für uns den Tod erlitten? Ist es nicht auch das Kreuz unserer Schuld, an das sie ihn geschlagen haben? Und haben Gott nicht auch verlassen, mit unserem Eigensinn wieder und wieder gekränkt und beleidigt? Haben wir uns nicht auch - oft genug und immer wieder - von Gott abgewendet, seinen Willen mißachtet und so Schuld auf uns geladen? Und fühlen wir diese Schuld nicht auch, ja wissen wir es nicht in unserem Kopf, in unserem Herzen, daß wir nicht im Reinen sind mit unserem Gott? Ich glaube fest, daß uns dieses Wissen heute abend hierher geführt und hierher begleitet hat. - Aber ich glaube auch, daß wir hier frei werden können von Schuld und allen belastenden Gefühlen und wieder neu anfangen können.

Hier will ich jetzt die alten Geschichten verlassen und etwas aus unserem Leben erzählen, unsere Geschichten, deine und meine und die anderer Menschen unserer Tage.

Ich denke an eine noch junge Frau, die auch einmal als Jugendliche zu Jesus gehören wollte. Ihr Leben ist dann aber so ganz anders verlaufen, als sie sich das vorgestellt hat. In den Lebenskreisen, in die sie hineingewachsen ist, galt der Name Christus nicht sehr viel. Von ihm zu reden, zu ihm zu beten, sich im Glauben und Vertrauen auf ihn zu berufen, wurde bloß mitleidig belächelt. Da hat die junge Frau, von der ich erzähle, ihn nach und nach verloren. Oder sagen wir es deutlicher: Sie hat ihn verlassen, aufgegeben wie eine Meinung, die sie einmal geteilt hat, die aber heute bei den Leuten nicht mehr so ankommt. Jesus hatte in der Welt, in der sie lebte, einfach keinen Platz mehr. - So ein wenig war das wie in einer der Geschichten dieses Abends, die wir ja alle kennen, wie bei Petrus, der seinen Herrn verleugnet: "Nein, ich kenne diesen Menschen nicht."

Und an einen Mann denke ich heute abend, der einmal auch ganz in Jesu Nähe gelebt hat. Es ist ein Mann, der einmal genau wußte, von wem die Kraft seines Lebens herkommt, wer ihm all die guten Gaben schenkt, die er genießen darf, wer seinen Verstand so scharf und seine Hände so geschickt gemacht hat. Es gab Zeiten im Leben dieses Mannes, die waren recht einfach, da hatte er nichts weiter vorzuzeigen. Es gab an ihm nichts zu rühmen oder zu bewundern. Das waren auch Zeiten, in denen er dankbar war und auch noch die Adresse für seinen Dank kannte. Heute allerdings ist er reich! Er hat es zu etwas gebracht in dieser Welt, wie man so sagt. Und heute glaubt er eben auch, daß er das war, der das alles gemacht, geschafft und sich hart erarbeitet hat. So ist die frühere Verbindung zu Jesus abgebrochen. Es geht kein Dank mehr zu ihm. Auch kein Gebet. - Es ist bei ihm ähnlich wie bei einer anderen Geschichte dieses Abends: Judas verrät seinen Herrn. Einer läßt seinen Freund, den er geliebt hat und dem er doch alles verdankt, schmählich fallen.

Und ich denke an andere Menschen unserer Tage, die uns mehr oder weniger gleichen mögen: An die Lauen, denen nur von Zeit zu Zeit einfällt, daß sie einen Gott haben und Christen heißen. An die Äußerlichen, die gar nicht mehr merken, wie restlos ihr Leben in Arbeit, Freizeit und Konsumieren aufgeht. An die Blender, denen es genug ist, wenn nur alle anderen glauben, sie hätten noch ein religiöses Leben in ihrem Innern. An die Gleichgültigen, die vielleicht wieder einmal einen Wink des Schicksals bekommen müßten, daß sie die Welt des Glaubens neu entdecken, die Sache Gottes in der Welt neu erfahren und auch wirklich für sie eintreten. Und schließlich denke ich an die vielen Menschen, die sich ja ehrlich bemühen, daß sie christlich leben, daß sie in der Spur Jesu bleiben und sich nicht dem anpassen, wie heute doch alle leben und dem nicht nachgeben, was heute doch alle tun... Aber auch sie fallen in Sünde. Auch sie erliegen der Lust am Bösen, auch sie versäumen, was wesentlich und gut wäre, auch sie fördern das schlechte Geschwätz und werden ihren Mitmenschen zur Last. Auch sie sind nur Menschen und bleiben angewiesen auf Gottes Erbarmen und darauf, daß Schuld auch vergeben werden kann. - Und bei allen, an die ich denke, ist es so wie in den Geschichten dieses Abends: Sie verlassen Jesus, sie halten nicht aus bei ihm, sie verleugnen und verraten, sie beschweren ihn, lassen ihn im Stich und wollen nichts mit ihm zu schaffen haben.

Aber - und da kehre ich zurück zu diesen alten Versen und zum Bild, das sie uns malen: Sie alle sind besprengt mit dem Blut des Lammes! Für alle ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. Für alle ist er zum Opfer für die Sünde und Schuld geworden. Alle können also heute getröstet, befreit und mit guten Gedanken zu seinem Tisch gehen. Dort wird es uns ganz deutlich - in den Zeichen des Weines und des Brotes: Sein Blut ist für uns vergossen. Sein Leib ist für uns gebrochen und in den Tod gegeben. Damit wir Frieden hätten. Daß wir neu beginnen können.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, heute ist unserem Leben ein neuer Anfang geschenkt! Der jungen Frau, die Christus verlassen, dem Mann, der ihn verraten hat, den Lauen, den Äußerlichen, den Blendern, den Gleichgültigen und allen anderen, die wir so sehr den Personen dieses Abends gleichen, dem Petrus, den schlafenden Jüngern, dem Judas...

Wir alle sind besprengt mit dem Blut des Lamms. Gottes Engel, der Unheil bringt, wird an uns vorübergehen! Christus ist für uns gestorben. Uns sind alle Schulden vergeben. - Denken wir daran, wenn wir nachher zu Jesu Tisch gehen und seinen Leib und sein Blut empfangen.