Predigt am Sonntag "Palmarum" - 8.4.2001

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Liebe Gemeinde!

Heute ist einiges anders als sonst. In den Versen, die wir heute bedenken wollen, werden wir nicht Zeuge eines Geschehens oder einer Geschichte, sondern eines Gebets Jesu. Gehen wir sonst schon mit einiger Hochachtung an biblische Texte heran, so kommt heute fast eine gewisse Befangenheit hinzu. Sehr persönlich sind diese Worte. Fast intim diese Szene, die wir miterleben. Aber wir wollen uns dieses Gebet Jesu erst einmal anhören:

Textverlesung: Joh. 17,1 + 6 - 8

So redete Jesus, und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, daß du mich gesandt hast.

 

Liebe Gemeinde, fragt man sich nicht fast, ob es schicklich ist, dieses Gebet des Herrn sozusagen "mitzuhören"? Ist es denn wirklich für unsere Ohren bestimmt, so persönlich, wie es ist? Es handelt sich ja immerhin um ein vertrautes Gespräch Jesu mit seinem himmlischen Vater! "Die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche!" - Aber wenn wir sie nun schon mit angehört haben, was könnten wir uns aus diesen Versen nehmen? Was sagt uns Jesu Gebet, was fällt für uns ab, daß wir es beherzigen?

Vielleicht sollte uns heute eben dies beschäftigen, daß wir die Worte Jesu hören dürfen, ja hören sollen!? Vielleicht müßte heute einmal der Inhalt dieser Worte im Hintergrund bleiben und wir sollten mehr auf die äußeren Umstände dieses Gebets achten?

Tatsache ist: Jesus spricht hier noch mit seinem Vater! Kurz bevor er sterben muß - sucht er den Kontakt mit dem, der ihn auf diesen Weg geschickt hat. Ist das nicht erstaunlich? Jesus weiß: Mein Weg ist mir von meinem Vater gewiesen, aber er kann das bejahen!

Und wir erfahren hier noch etwas über das Beten: Was Jesus mit seinem Gott zu reden hat, ist kein Geheimnis! Wir dürfen mithören, ja wir sollen es! - In diesen Gedanken ist nun doch eine Menge drin, finde ich!

Der erste Gedanke: "Jesus spricht mit seinem Vater." - War uns das bis heute eigentlich immer so ganz klar, daß wir denselben Vater haben wie dieser Jesus? Sind wir also nicht Jesu Schwestern und Brüder durch diesen einen himmlischen Vater?

Daran liegt mir persönlich viel, daß ich sagen kann: Jesus ist mein Bruder! Denn dann bin ich doch in allem, was mir im Leben begegnet, nicht allein! Wenn ich in schwere Stunden komme, darf ich wissen: Jesus hat auch schwere Stunden gehabt, und er ist jetzt bei mir! Wenn ich einmal leiden muß, kann ich mir sagen: Mein Bruder läßt mich jetzt nicht im Stich, denn er kennt das Leid und hat es sich nicht erspart. Ja, sogar im Tod wird er neben mir bleiben, ganz gewiß; er hat dem Tod ins Auge gesehen und ist mit Gottes Kraft weitergegangen. Das kann auch ich mit diesem Bruder neben mir und dem Vater über mir und seiner Hilfe bei mir...

Der zweite Gedanke: "Kurz vor seinem Tod am Kreuz betet Jesus noch zu Gott!" Deutlicher: Er weiß, daß Schmerzen, Leiden und schändliches Sterben auf ihn warten, und er doch kann vertrauensvoll mit dem reden, der ihm das auferlegt!

Neulich hat mir eine Frau bei einem Gespräch folgendes gesagt: "Ich habe längst mit dem Beten aufgehört, Gott hat ja doch nie getan, was ich wollte!" Ich habe erst auch gedacht, ich höre nicht recht! Ist Beten denn nur Bitten für diese Frau? Und hat es denn "seinen Zweck verfehlt", wenn ich dann nicht bekomme, was ich möchte? - Soweit zu dieser Frau. Jetzt zu uns: Vielleicht würden wir es nicht so ausdrücken, aber ich glaube, so allein steht die Frau gar nicht da mit ihrer Ansicht! Wollen wir nicht auch meist etwas, wenn wir zu Gott gehen? Soll es nicht nach unserem Kopf gehen, wenn wir die Hände falten? Würden wir noch lange das Gebet üben, wenn wir immer wieder spüren müßten: Es geschieht ja doch nie mein Wille? Bei Jesus sehen wir ein ganz anderes Beten: Er weiß ganz genau, daß geschehen wird, was er nicht will, und er bleibt doch an seinem Gott! Er kennt seinen Weg und das schreckliche Schicksal, das vor ihm liegt, und er hält sich doch an seinen Vater, der es ihm verhängt hat. Ja, er weiß, daß alles Bitten keinen Sinn mehr haben kann und sucht doch das Gebet. Er gibt uns damit ein für allemal ein Beispiel, was Beten ist und was nicht: Beten ist, vertrauensvoll den Willen Gottes suchen und nicht das eigene Wollen durchsetzen! Es hat durchaus einen Sinn, nein, es ist der vornehmste Sinn des Gebets, daß wir uns dem Willen Gottes anvertrauen. Und das zeigt uns Jesu Gebet ja auch: Es ist der gute Wille des Vaters, der eine viel weitere Sicht hat als wir, dem es um mein Glück in einem viel tieferen Sinn geht und der mich viel mehr liebt, als ich ahne! Denn es ist seine Liebe, wenn er mir verweigert, was ich will! Es ist seine Liebe, die mich vor den Folgen meines kurzen Willens schützt. Und ich bin gewiß: Auch bei der Frau, von der ich sprach, ist es Gottes Liebe, die ihr nicht gibt, was sie sich wünscht! Das ist sicher schwer zu verstehen. Aber man kann darauf vertrauen, wenn man den Gott Jesu "Vater" nennt. Vielleicht wird auch die Frau einmal begreifen, daß Beten heißt, nach dem Willen Gottes fragen? Ich wünsche es ihr! Dafür wollte uns Jesus ein Vorbild geben: "Vater, wie du willst!"

Und dann der dritte Gedanke: "Daß Jesus mit seinem Gott redet, ist kein Geheimnis und was er redet auch nicht!" Mir ist das gerade in unserer Zeit das wichtigste! Immer wieder ärgere ich mich oder bin doch traurig über die oft so verschämte Art vieler Christen heutzutage. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten die Menschen Angst: Es könnte jemand merken, daß sie Christen sind! Es könnte einer fragen: Du betest? Ja, vielleicht will einer von uns wissen, was wir vom Leben nach dem Tod halten, oder was "Schuld" ist oder vielleicht sogar, wie wir zu Jesus Christus stehen? Das scheint für viele heute direkt peinlich zu sein!

Einmal sind heute die meisten Christen, die sich so nennen, gar nicht mehr informiert über die Inhalte ihres Glaubens. (Das kommt einem so vor, als wenn einer sagt: Ich bin Automechaniker, aber er kann keine Lichtmaschine vom Reserverad unterscheiden.) Aber das nur am Rande. Es gibt nämlich noch die andere Gruppe der wirklich verschämten "Christen". Bei denen geht es nicht darum, daß sie auf bestimmte Fragen keine Antwort wüßten, nein, sie wollen, bitteschön, überhaupt nicht gefragt werden! "Der Christenname ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt!", denken sie. Das braucht niemand zu wissen, ob ich noch in der Kirche bin oder nicht, meinen sie. "Das ist doch meine ganz persönliche Sache, die hat doch mit keinem anderen zu tun, sagen sie. Für diese Leute ist man Christ, wie man "männlich" oder "weiblich" ist. Das ist halt so, aber darüber wird nicht gesprochen - nur hat es, "ein Christ zu heißen", noch weniger Konsequenzen für das Leben als die Tatsache, Mann oder Frau zu sein! Für solche Menschen ist es undenkbar, in der Kirche gesehen zu werden, ohne daß ein Anlaß besteht, der sie sozusagen entschuldigt. Wenn der Nachbar gestorben ist, dann kann man einmal den schwarzen Anzug anziehen und "in die Trauer" (zur Beerdigung) gehen! Wenn halt der Enkel getauft wird...nun, dann ist es ja nicht zu vermeiden. Aber von selbst! Man stelle sich vor, ein solcher "heimlicher Christ" hätte heute morgen sein Gesangbuch ergriffen und hätte sich auf den Weg gemacht...hierher! Das kann er gar nicht! Das heißt, er könnte es schon, aber die Überwindung! Und sicher auch: das Aufsehen! Denn das steht ja fest: Wir anderen machen es diesen Menschen auch nicht leicht. Wir legen sie mit der Zeit mehr und mehr fest auf ihre Rolle: "Die sind halt so Leute...so seltsam, verschroben, unkirchlich..."

Ich finde hier das Beispiel Jesu sehr wichtig - und zwar für beide Seiten! Er faltet seine Hände, spricht mit seinem himmlischen Vater und sagt ihm alles, was ihn jetzt beschäftigt. Und wir dürfen das wissen und dabeisein und zuhören! Es ist offenbar das selbstverständlichste von der Welt, wenn ein Christ mit seinem Gott redet. Davon lebt sein Glaube und sein christliches Handeln. - Sie glauben mir das jetzt gewiß auch! Aber wie können das denn die verschämten, heimlichen Christen erfahren? Die sind ja jetzt sicher nicht hier!

Ich glaube, wir können mithelfen, daß christliche Praxis und Frömmigkeit wieder mehr in das tägliche Leben einziehen! Wir könnten z.B. davon reden, daß wir heute morgen um Gottes Segen für den Tag gebetet haben und für die kommende Woche. Wir können erzählen, wie wir neulich Gottes gute Führung erlebt haben, was uns der Gottesdienst bedeutet, daß wir jeden Abend den 23. Psalm sprechen, das Vaterunser oder wie wir es sonst damit halten in unserer persönlichen Praxis: Warum sagen wir nicht, daß wir ein Losungsbüchlein zu Hause haben? Werben wir doch auch hie und da für die Macht der Fürbitte! Wir haben sie doch gespürt! Noch viele Möglichkeiten haben wir, daß die Atmosphäre in der Gesellschaft oder wenigstens in unserem Dorf (unserer Gemeinde) "christlicher" wird. Dann werden sich auch die heimlichen "Christen" wagen, einmal wenigstens einen Kirchgang zu tun - außer an Weihnachten! Wir könnten wirklich ein wenig un-verschämter sein!

 

Doch, ich glaube in diesen Versen heute, bei denen wir erst fragen, ob sie denn überhaupt für uns bestimmt sind, liegen mindestens drei wichtige Gedanken:

Jesus nennt unseren Gott seinen "Vater", wir sind also seine Geschwister!

Er kann diesem Vater vertrauen, auch wenn er ihn ins Dunkel führt: Sein Wille geschehe!

Und was er Gott zu sagen hat, darf jeder wissen! Zu Zurückhaltung und falscher Scham als Christen ist wirklich kein Grund.