Predigt am Sonntag "Judika" - 1.4.2001

[Predigten, Texte, Lieder, Gedichte...] [Neues Buch v. Manfred Günther mit 365 Gedichten] [Diskussionsforum zur Kirchenreform] [Unser Klingelbeutel]

Textverlesung: Joh. 11, 47 - 53

Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wißt nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, daß sie ihn töteten.

Liebe Gemeinde!

Was soll ich hier predigen? Welcher Gedanke aus diesen Versen hat mit uns zu tun, so daß wir spüren, hier sind wir gemeint, da liegt eine Anregung für unser Denken und Handeln darin?

Sicher: Das Sterben Jesu "für das Volk" ist auch für uns geschehen! Gewiß: Sein Opfer am Kreuz hat er auch für uns gebracht. Und trotzdem, irgendwo fehlt hier der klare Hinweis: Dies oder das sollt ihr tun. So verhalten sich Nachfolger Jesu. Dieses Handeln, solches Reden entspricht den Menschen, die nach diesem Christus heißen. Wir hören hier so gar nichts davon, wie wir selbst sein oder werden sollen, wie uns diese Verse haben und verändern wollen. Oder doch?

Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben... So sagen die Männer vom Hohen Rat. Mir ging dabei durch den Kopf, ob die frommen Männer, die Hohenpriester und Pharisäer, Jesus hier wohl richtig verstanden haben? Hat er denn wirklich "Zeichen" getan...die sie für Zeichen ansehen? Sie haben doch an Taten gedacht, die den ins Rampenlicht rücken, der sie tut! Sie fürchten Jesus, den Wundermann! Aber das war er doch gar nicht.

Da können wir alle "Wunder"-geschichten durchgehen, die von ihm erzählt werden. Immer lesen wir oder spüren wir: Er hat seine Macht über Krankheit und Tod nicht gebraucht, um sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Es lag ihm nichts an den aufgerissenen Augen und aufgesperrten Mündern der Leute. Schon gar nicht wollte er ihre Huldigung dafür oder ihre Anbetung.

Wie sagt Jesus zu der Frau, die seit 12 Jahren am Blutfluß litt: "Dein Glaube hat dir geholfen!" Und dasselbe hört auch der eine von den zehn Aussätzigen, der - nachdem er gesund geworden ist - zu Jesus zurückkehrt, um ihm zu danken. Und immer wieder spricht Jesus so zu denen, die er geheilt hat: "Sage niemandem davon, sondern geh hin, zeige dich den Priestern und opfere Gott, was recht ist." Hätten die Leute vom Hohen Rat Jesus also richtig gekannt, dann müßte ihnen eins klar geworden sein: Er hat keine Zeichen getan um mit ihnen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er tat seine Wunder aus Liebe zu den Menschen, aus Erbarmen, weil ihn das Leid, die Not, das Gebrechen und die Krankheit der Menschen dauerte.

Aber noch einmal; das sagen die frommen Juden: Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben... Die anderen, so wird uns hier deutlich, die anderen scheinen auch nicht begriffen zu haben, warum Jesus auch Wunder getan hat. Sicher wollte Jesus nicht, daß sie um seiner Taten willen an ihn glaubten! Auch das einfache Volk aber hat bei ihm die Zeichen gesucht, die Sensation, das Zauberkunststück... Denn nicht alle, die zu ihm kamen, waren ja selbst seiner Wunder bedürftig. Ich denke, man ging auch zu ihm, um seine Macht über die Krankheit zu sehen. Viele wollten sicher nur in seiner Nähe sein, damit ein wenig vom Glanz seiner außerordentlichen Fähigkeiten in ihren sonst langweiligen Tag fiel.

Und hier finde ich nun doch eine Antwort auf die Frage, wo diese Verse auch uns ansprechen und anregen und vielleicht auch uns verändern wollen. Denn sind wir nicht genau so? Suchen wir nicht auch die Sensation, die Nähe der Stars und der Prominenten, auf die sich die Kameras und die Mikrofone der Presse- und Fernsehleute richten? Hinterher erzählen wir dann unseren Freunden: "Stell dir vor, ich habe den Filmschauspieler soundso gesehen!" Oder: "Gestern habe ich doch wirklich neben diesem berühmten Modell am selben Tisch gesessen!"

Ein Unterschied ist allerdings, ein sehr bedeutender: Der Filmschauspieler, das Modell, die bekannte Fernsehmoderatorin, der Fußball- oder der Tennisstar haben alles, was sie je getan haben, wirklich nur für sich, ihr Ansehen, ihre Popularität, ihre Karriere - und nicht zuletzt für ihr Bankkonto getan! Seltene, ganz seltene Ausnahmen bestätigen die Regel. Was sie tun, sind also wirklich "Zeichen", Taten, die nur auf sie selbst deuten und sie selbst verherrlichen sollen. Aber - und hier rede ich jetzt einmal ganz hart - was ist besonderes an dem Filmschauspieler, der - im günstigsten Fall - durch sein Talent eine gute Rolle bekommen hat in einem Film, der dann die Massen fasziniert und Millionen einspielt? Und verdankt das Modell seine gute Figur sich selbst oder hat es sich seine schönen Züge selbst geschenkt? Die Fernsehmoderatorin macht auch nur - wie viele andere - ihre Arbeit. Und sie macht dabei Fehler wie andere oder eine Sendung gelingt ihr. Was also ist es, was uns an ihr so fasziniert? Und schließlich die Fußballer und Tennisspieler - ich gebe zu, da bin ich voreingenommen! - aber warum huldigen wir solchen, weiß Gott!, nicht irgendwie verehrungswürdigen Menschen? Warum heben wir einen Mann wer weiß wie hoch, nur weil er hin und wieder den Fuß an der rechten Stelle gehabt und in den paar Jahren seiner "wunderbaren Wirksamkeit" ein paar Millionen scheffelt? Und warum interessiert uns ein ehemaliger Tennisprofi überhaupt noch, der dem aktiven Sport längst verloren ist und nur eine Blitzscheidung, einige Affären und ein uneheliches Kind vorzuweisen hat?

Wahrhaftig, alles Ansehen, alle Wertschätzung hat sich heute verschoben. Wir haben sie von den wirklich wichtigen, wesentlichen Menschen und Dingen abgezogen und bringen sie nun denen entgegen, die nichts davon wirklich verdient haben, ja, die oft von uns und unserer Verehrung in ihrem fragwürdigen Verhalten und Charakter bestätigt werden.

Und ich muß hier an die ganz einfachen Menschen denken, die wirklich entscheidende Taten für ihre Mitmenschen tun. Besonders kommt mir hier die Frau in den Sinn, die seit vielen Jahren ohne Bezahlung und ohne Dankeschön ihre alte verwirrte Nachbarin, mit der sie nicht verwandt ist, pflegt, ihr aufwartet und oft stundenlang an ihrem Bett sitzt. Bei ihr hat sich noch nie ein Fernsehteam angemeldet und auch sonst will niemand etwas davon hören oder wissen, was sie dabei so erlebt und fühlt. Und an den alten Mann muß ich denken, der im Laufe seines Lebens weit über 100.000 DM für Brot für die Welt und für Kinder in Not gespendet hat. Allerdings von einem bescheidenen Lohn und heute von einer noch bescheideneren Rente. Aber auch ihn rückt nie jemand ins Scheinwerferlicht. Seine vom Mund abgesparten Spenden verblassen gegenüber der Gage des Popstars, der mit einem einzigen Auftritt das doppelte und dreifache "verdient".

Aber zurück zu diesen Versen - wir haben sie eigentlich keinen Augenblick verlassen: Auch Jesus, so glaubten die Hohenpriester und das Volk, tat Zeichen, nur um die Blicke und die Herzen zu fangen. Ein anderer Gedanke konnte und wollte den Menschen - schon damals - nicht einfallen. Jesus aber war für ein anderes Zeichen in die Welt gekommen: Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

Liebe Gemeinde, das könnte wohl die Anregung, der Anstoß dieser Verse sein: Daß wir begreifen, wo auch wir Menschen huldigen und verherrlichen, die nichts davon verdienen und rechtfertigen können. Daß wir erkennen, wo wir auf Zeichen hereinfallen, die im Grunde doch nichts, aber auch gar nichts besonderes darstellen. Daß wir vielmehr zu fragen lernen, wo denn die Taten der Großen, der Reichen und Berühmten den Mitmenschen dienen, ihre Not lindern und ihren Mangel ausfüllen. Ich fürchte, da werden wir nicht viel finden, was irgendeine Beachtung wert ist.

Und dann wollen wir auf Jesus sehen, wollen seine Zeichen und Wunder verstehen als Beistand, als Erbarmen und als Hilfe für die Leidenden, die Armen und die Kranken. Und wir wollen die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu in unserer Zeit entdecken, wollen über ihre selbstlose Liebe staunen, ihre Beharrlichkeit im Tun des Guten, ihr treues Aushalten bei denen, die sonst einsam, hilflos und unversorgt wären. Und vielleicht danken wenigstens wir ihnen einmal mit einem ermutigenden Wort oder einem anerkennenden Blick.

Am tiefsten hätten wir diese Verse wohl dann verstanden, wenn wir schließlich noch das größte Zeichen und Wunder sehen und begreifen, wie es der Hohepriester selbst, nicht aus sich, sondern aus Gott, weissagen muß: Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Dies ist ein für allemal das größte, das bedeutendste Zeichen Jesu, schon damals und für heute und für alle Zeit, die noch Menschen auf Erden wohnen.

Und zumal für uns Christen ist es das Wunder Gottes, das zuerst und allein anbetungswürdig ist und vor allen anderen Zeichen - selbst denen, die Jesus getan hat! - unser Erstaunen, unsere Huldigung und unserere Dankbarkeit wert ist.