Predigt zum Sonntag "Reminiszere" - 11.3.2001

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Textlesung: Joh. 8, 21 - 30

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, daß er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen? Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden. Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt. Sie verstanden aber nicht, daß er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er läßt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Liebe Gemeinde!

Man hat ja immer bestimmte Ziele, wenn man sich auf eine Kanzel begibt. Jeder, der in der Verkündigungsarbeit steht, möchte etwas Bestimmtes erreichen. Der Prediger bei der Zeltmission will vielleicht "Bekehrung" oder "Wiedergeburt" bei den Menschen bewirken. Der Pfarrer einer Studentengemeinde möchte mit theologischen Argumenten überzeugen. Der Geistliche, der ein Krankenhaus oder Altenheim betreut, wird versuchen, Hoffnung, Trost und Zuversicht zu wecken...und so fort. Was möchte ich? Was soll meine Predigt bei ihnen ausrichten?

Diese Fragen mußte ich mir stellen, als ich die vorgeschlagenen Verse für diesen Sonntag gelesen habe. Besonders dieser Satz ist mir dabei wichtig geworden: "Jesus sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her, ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt."

Wir wissen, woher dieser Jesus ist. Er ist dorthin zurückgekehrt, auferstanden zum Vater. Wenn ich das weiß, dann erschrickt mich, wenn ich nun höre: "Ihr seid von unten her. Ihr seid von dieser Welt." - Wen meint Jesus? Die Gesprächspartner damals? Nur die? Doch nicht uns! Da können doch nicht wir gemeint sein: "Von unten her"!?

Aber wir spüren das jetzt selbst: So ist das zu billig. Er sprach immerhin mit frommen Juden, mit Leuten, die uns mit ihrem Lebenswandel, mit ihrer Frömmigkeit gewiß einiges voraushaben. Denen sagt er: "Ihr seid von unten her!" Ja, warum denn? Sind sie schlecht, böse, frevlerisch... ? Gewiß nicht mehr als wir. Trotzdem: "Ihr seid von dieser Welt!" Was ist ihr Makel? Warum gibt Jesus das Gespräch mit ihnen auf?: "Was rede ich überhaupt noch zu euch?"

Er sagt es selbst. Darin liegt der Grund für Jesu Urteil über sie: "Ihr glaubt nicht, daß ich es bin! Ihr erkennt nicht, daß der Vater mich gesandt hat. Ihr begreift nicht, daß ich der Sohn Gottes bin!" Darin sind die Juden damals "von unten", von "dieser Welt": Sie haben keinen Glauben. Sie tun zwar viele fromme Dinge, lesen die heiligen Schriften, geben Almosen, beten und fasten... aber wer vor ihnen steht, erkennen sie nicht. - Woher sind wir? Von "unten" oder von "oben", aus "seiner" oder aus "dieser Welt"? Haben wir ihn als den Sohn Gottes erkannt?

Liebe Gemeinde, daher kam meine Frage: "Was soll meine Predigt ausrichten?" Denn es wird wohl einen Unterschied machen, ob ich Leuten "von unten" oder "von oben" predige. Sie müssen schon entschuldigen, liebe Gemeinde, aber es ist nicht dasselbe, ob sie "aus dieser" oder "aus seiner Welt" sind. Ich will das einmal deutlich machen. Ich predige ihnen jetzt einmal als Menschen "von unten", "von dieser Welt". Das hört sich so an:

"Liebe Gemeinde, liebe Freunde in der Erinnerung an Jesus! Wir sind hier wie jeden Sonntag zusammengekommen, um unseres Herrn und Meisters zu gedenken. Wir beugen uns in Ehrfurcht vor seiner Lehre und seiner Art zu leben. Wir müssen auch heute noch - 2000 Jahre nachdem er über diese Erde ging - staunen, wie selbstlos, wie friedliebend, wie gut und freundlich er sein konnte. Darin wird er uns immer ein Vorbild bleiben. Doch wir sehen auch, wohin ihn seine Art zu leben führte: In Leiden und Sterben, in Verfolgung und den schändlichen Tod am Kreuz. Das kann, ja, das muß uns, seinen Nachfolgern zur Warnung dienen! Laßt uns darum in allem ihm nachleben, solange es uns nützlich ist, denn an ihm sehen wir ja, wohin es führt, wenn man die Selbstlosigkeit und die Nächstenliebe übertreibt. Wir haben nur dieses Leben, darum laßt uns gut sein, solange auch die Mitmenschen gut sind, laßt uns Frieden halten, solange uns keiner bedroht, laßt uns unsere Tage nach Kräften genießen, solange wir Zeit dazu haben. Denn das hat uns Jesu Beispiel gelehrt: Unsere Liebe und Freundlichkeit muß da eine Grenze haben, wo wir uns selbst damit schaden. Wenn uns erst der Tod packt, ist es zu spät. Darum laßt uns unsere Zeit nutzen, um zu leben, Freude zu haben und all unsere Stunden auszukosten. Ihm, dem Meister Jesus, wollen wir für sein gutes Beispiel danken, uns seinen Tod eine Lehre sein lassen und seiner immerdar gedenken."

Den Menschen "aus dieser Welt" müßte diese Predigt gefallen haben. So reden und denken die Leute, die Jesus "von unten" nennt. Jetzt aber spreche ich für die Menschen "aus seiner Welt":

"Liebe Gemeinde, liebe Freunde im Herrn Jesus Christus! Wir sind hier wie jeden Sonntag zusammengekommen, um uns von unserem auferstandenen Herrn Kraft für die kommende Woche schenken zu lassen. Wir bedenken seine Art zu leben und beugen uns unter den Auftrag, den er uns in dieser Welt gegeben hat: Freundlich zu den Mitmenschen zu sein in allem, Frieden zu machen und zu halten, auch da, wo es schwerfällt, Liebe zu verschenken, auch da, wo der Haß nach unserem Herzen greift, mit einem Wort: So zu leben und zu wirken, wie der Herr es uns vorgemacht hat, selbst wenn es den Tod kostet! Denn wir wissen ja: Auch der Tod kann uns nicht von diesem Herrn trennen. Vielmehr: Dann erst sehen wir ihn ganz, in Herrlichkeit und ewiger Freude seines Reiches. Dann beginnt erst das eigentliche Leben. Laßt uns das nie vergessen! Und auch das soll uns immer vor Augen sein: Wir, die wir an ihn glauben, sind schon durch den Tod hindurch, sind mitten in dieser Welt schon auferstanden, denn sein Reich beginnt hier und heute - durch uns! Weil uns - welcher Tod auch immer auf uns wartet - nichts mehr vom Herrn trennen kann, haben wir nun Herz und Hände frei für die Nächsten, für andere, die noch suchen und den Sinn und den Meister ihres Lebens noch finden wollen. Helfen wir ihnen zu dem Glauben, der uns frei und froh gemacht hat. Er selbst schenke uns heute die Kraft dazu!"

Welche Predigt war richtig für uns? Von wo sind wir? Aus "dieser" oder aus "seiner" Welt? Und ich selbst frage mich immer noch: Was will ich mit meiner Predigt - jeden Sonntag - erreichen? Woher sind wir? Woher sind die Menschen, denen ich predige? Woher bin ich selbst? Mein Auftrag von diesem Herrn her, der nicht aus dieser Welt war, lautet ja wohl: Predige ihnen so, daß sie mich als ihren Herrn annehmen, mir in allem folgen und an mich glauben können.

Andererseits: Wie soll das gehen bei "Menschen von unten her", bei Leuten "aus dieser Welt"? Immerhin: Er selbst hat ja damals resigniert, wenn er zu den frommen Juden sagt: "Was rede ich überhaupt noch zu euch?" Müssen wir, die Prediger dieser Tage nicht auch resignieren und aufgeben? - Nein, noch nicht. Denn keiner weiß, woher der und die ist, denen wir predigen! Ob von oben oder von unten, aus seiner oder aus dieser Welt. Und solange wir das nicht wissen, wollen wir Jesu Auftrag befolgen und predigen... Und dann: Der Weg eines rechtgläubigen Juden zu einem Anhänger Jesu war wohl doch gewaltig viel weiter als unserer, wenn wir heute noch "von unten" sind, noch nicht ganz überwunden sind von Jesus Christus. Bei manchem von uns fehlt vielleicht nur noch ein allerletzter Schritt zu ihm hin, ein winziger Anstoß, das kleine Wagnis, der Sprung ins Ungewisse, bei dem er uns auffängt...und es fehlt vielleicht nur ein kleines Wort: "Ja, Herr, ich glaube..."

Doch, ich weiß jetzt, was ich mit meiner Verkündigung erreichen will: Glauben und Veränderung bewirken, bei denen "aus dieser Welt" und Glauben und Veränderung bestärken bei denen "aus seiner Welt". Es macht mir Mut und Hoffnung, wenn ich im letzten Satz der Bibelverse zu diesem Sonntag lese: "Als er dies redete, glaubten viele an ihn."
Darf ich die Predigt mit einer Frage schließen, die jede und jeder so persönlich nehmen mag, wie sie, wie er sie erträgt: Glaubst du an ihn? Bist du von "oben" oder von "unten"?