Predigt zum Sonntag "Sexagesimä" - 18.2.2001

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Textlesung: Jes. 55, 6 - 12

Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen.

Liebe Gemeinde!

Ein Pfarrer hat mir einmal erzählt, diese Verse wären der Grabtext gewesen, über den er bei seiner allerersten Beerdigung hätte sprechen sollen. Er hatte auch noch den ehemaligen Bürgermeister des Ortes zu beerdigen, in dem er erst seit einigen Wochen Pfarrer war. So viele Menschen in der Kirche waren, so viele standen auch noch einmal davor. Aber der Grund seiner Befangenheit damals wäre nicht so sehr die neue, noch ungewohnten Aufgabe oder die Größe der Gemeinde bei der Beerdigung gewesen, sondern eben dieses Wort: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR.

Wir können das sicher nachfühlen: Da soll einer den Menschen die Worte Gottes auslegen und er will das ja auch. Er hat dazu viele Jahre studiert und sich ausgebildet. Sicher hat er auch oft schon mit dem Wort Gottes gekämpft und gerungen, wenn er etwas nicht gleich verstehen konnte oder seinem innersten Glauben große Mühe machte. Aber er wollte doch predigen, wollte doch von Gott reden und zeugen und den Menschen die gute Sache nahebringen... Und dann so etwas: So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Da fragt man sich doch wirklich: Was kann ein Mensch eigentlich verbindlich und gültig von Gott reden? Was verstehst du und ich denn schon von Gottes Gedanken? Ja, wie kommt einer dazu, sich anzumaßen, er wüßte irgend etwas von den Wegen Gottes oder auch nur irgend etwas mehr, als jeder andere? Warum soll denn ein Mensch, und hätte er Theologie studiert, hinaufreichen an das, was Gott uns sagen will? Wer ist denn so verständig oder auch nur verständiger als irgend ein anderer?

Liebe Gemeinde, diese Fragen und Bedenken haben mich damals sehr beschäftigt. Und sie beschäftigen mich noch heute - immer wieder und gerade jetzt, da ich ihnen diese Worte nahebringen soll: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken... Ja, und ich glaube, ich werde diese Fragen niemals los, solange ich predigen und anderen von Gottes Sache erzählen und verkündigen soll. Und ich denke fast, daß es gut so ist. Dann werde ich mich auch nicht überheben und nicht meinen, ich wüßte irgend etwas mehr oder besser als andere.

Aber auch schon der Anfang dieser Verse ist ja gewaltig: Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN... Wer gibt mir denn das Recht, sie heute so anzusprechen? Und wer könnte denn einem Menschenwort - und das ist es ja zunächst, wenn es aus meinem Mund kommt - die Bedeutung und Verbindlichkeit geben, daß sie oder irgend jemand darauf hören möchten?

Bevor ich sie nun ganz und gar verwirre, worauf will ich hinaus? Ich habe ja anscheinend doch einen Grund gefunden, der mich berechtigt, zu predigen, zu verkündigen, von Gott zu reden...auch wenn das nach diesem Prophetenwort ja eigentlich kein Mensch kann.

Liebe Gemeinde, es ist nicht nur ein Grund! Es sind einige! Vielleicht der erste und wichtigste ist dabei dies - und schon das gilt nicht nur für mich: Wir müssen ja davon reden, was Gott sagt und in dieser Welt tut! Nicht weil ich Pfarrer bin und damit "meine Brötchen verdiene", und nicht weil sie doch KirchgängerIn sind oder sich zur Gemeinde halten, sondern weil wir einfach von dem weitersagen müssen, was wir selbst mit Gott erlebt haben und täglich erleben. Vielleicht reicht es auch, wenn ich es so ausdrücke: Von Gott zu reden und von dem, was wir mit ihm erfahren haben, macht doch ganz große Freude und schenkt das unbeschreibliche Gefühl, wirklich wesentliche Gedanken mitzuteilen und zu den Menschen zu bringen, dazu Trost, Kraft, Erkenntnis, Wahrheit und Hilfe...

Und daß ich heute und immer wieder predige und verkündige und sie zuhören, erhebt mich nicht über sie. Ich glaube vielmehr, sie verkündigen auch ihre Erfahrungen mit Gott. Sie stehen dazu nicht auf der Kanzel. Aber sie sprechen doch auch von dem, was sie mit ihrem Glauben erleben. Sie erzählen vielleicht ihren Kindern oder Enkeln von der Hilfe, die für sie immer wieder in ihrem Leben darin lag, daß sie ihre Sorgen und Nöte im Gebet vor Gott gebracht haben. Vielleicht haben sie ja auch schon manchmal - auch vor denen, die in ihrer Nähe nicht in die Kirche gehen - vom Trost gesprochen, der für sie in einem Gottesdienst gelegen hat? Oder - das muß ja auch immer wieder einmal sein - sie haben einem Menschen ihrer Umgebung darüber die Meinung gesagt, warum sie ihrer Kirche angehören und in ihr bleiben, auch wenn das Kirchensteuer kostet.

Und sie predigen auch ohne Worte! Ich meine übrigens, daß eine solche wortlose Verkündigung mindestens ebenso wichtig ist, wie die mit den Lippen! Dabei denke ich an das, was sie tun: Ja, zum Beispiel der Kirchgang. Wenn sie heute morgen den Weg in Richtung Gotteshaus gegangen sind, dann sagt das doch denen, die sie gesehen haben: Der oder die geht auch heute zur Kirche. Der oder dem muß das doch wichtig sein, diese Stunde am Sonntag! Und wenn sie gar ein treuer Kirchgänger sind, den es nicht nur alle Jahre einmal umstände- oder gewissenshalber in seine Kirche verschlägt, dann ist ihre Verkündigung der Taten noch viel wirksamer! Und sie stellt auch - genau wie jede rechte Verkündigung - immer wieder Fragen an alle, die es sehen. Solche Fragen: Warum gehe ich da nur so selten hin? Warum ist mir eigentlich Gott abhanden gekommen? Und: Sollte ich vielleicht nicht auch wieder einmal...

Und wenn sie ihrem Nachbarn diesen oder jenen Dienst tun, ihn pflegen, für ihn waschen, ihm vielleicht putzen oder einkaufen, dann gibt das auch jedem, der es sieht und davon weiß ein Zeugnis ab, daß für sie, christlich gesinnt sein, mehr ist, als eine Karteikarte im Pfarramt stehen zu haben. Davon mag auch schon manchesmal ein Anstoß ausgegangen sein, sich selbst auch ein wenig mehr im tätigen Christentum zu üben. - Sie sehen, wie wichtig auch die wortlose Predigt ist!

Aber ich will einen zweiten Grund nennen, warum ich meine, daß wir doch auch dieses gewaltige Wort Gottes, an das wir nicht mit unserem ganzen Herzen und Verstand heranreichen, in den Mund nehmen und aussprechen dürfen: "...das Wort, das aus meinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende." In Gottes Wort selbst liegt die Verheißung, daß es tut, wozu Gott es gesandt hat! Es soll gesagt werden! Es muß unter die Menschen! Gott aber will sein Wort selbst stark machen, daß es ausrichtet, wozu er es schickt.

Das kann uns nun ein wenig entlasten von dem bangen Gedanken, ob wir denn würdig und geeignet sind, von Gottes Sache zu sprechen, zu zeugen und zu predigen. Das Wort Gottes wird schon selbst tun, was es tun soll - wenn wir es nur aussprechen, wenn wir nur bereit sind, Bote, Botin dieses Wortes zu sein. Und darin - eben Bote zu sein, das Wort nicht zu verschweigen, sondern es in dieser Zeit und an die Menschen zu richten und so weiterzugeben, was ich von Gott weiß - darin liegt unsere Aufgabe und unsere Verantwortung!

Ein dritter Grund - und sicher noch nicht der letzte - dafür, beherzt und mutig das alles überragende Wort Gottes zu predigen, ist für mich die eigene Demut. Ich will erklären, was ich meine: Ich muß immer davon ausgehen, wenn ich Gottes Wort in dieser Welt zur Sprache bringe, daß auch ich selbst gemeint bin mit dem, was es sagt. Noch deutlicher: Ich soll das zuerst so hören und verstehen, als wäre das nur und gerade mir gesagt! Da ist ja gar nicht dieser oder jene gemeint, dem oder der Gott genau dieses oder jenes Wort zugedacht hat, für die das "paßt", deren "Predigt das doch wieder einmal war", die "der Pfarrer heute aufs Korn genommen hat"... Nein: Ich bin angesprochen! Gott spricht mit mir nicht über andere. Er spricht zu mir, über mich - sehr persönlich! Und dann - erst dann! - wenn ich gehört und beherzigt habe, dann darf ich auch anderen das Gehörte weitersagen. Aber immer so, daß sie das spüren können, daß ich das Wort zuerst gehört und als Gottes Wort an mich verstanden habe.

Liebe Gemeinde, aus diesen Gründen und aus diesem Geist darf ich und dürfen sie das große Wort Gottes aussprechen und zu den Menschen bringen:

Weil wir ja gar nicht schweigen können, wenn wir so viel Gutes mit diesem Gott erfahren haben und täglich neu erfahren.

Weil, wenn unser Herz voll ist, unser Mund einfach übergehen wird!

Weil Gottes Wort ja eigentlich nicht uns braucht und nicht fragt, ob wir würdig oder fähig sind, es weiterzusagen. Es wird vielmehr selbst tun, wozu Gott es sendet!

Und schließlich darum: Weil wir in rechter Demut zuerst hören und beherzigen, was Gott doch an uns persönlich gerichtet hat, bevor wir es anderen weitersagen. Aus solchen Herzen und aus solchem Geist dürfen wir sogar solche Worte Gottes sprechen: Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN...