Predigt zum Letzt. So. n. Epiphanias - 4.2.2001

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Textlesung: Joh. 12, 34 - 41

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, daß der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn, damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): "Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?" Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6,9-10): "Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe." Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm.

Liebe Gemeinde!

"Ich glaube nicht an Gott", so hat es einmal ein junger Mensch im Konfirmandenunterricht ganz deutlich ausgesprochen. Und mehr oder weniger offen sagen das viele Menschen unserer Zeit - auch hier in unserer Gemeinde. Sie sollen sich jetzt darüber auch nicht empören. Mir geht es darum, daß wir das einfach einmal wahrnehmen - und stehenlassen: Es gibt Menschen, die nicht an Gott glauben. Das sind Jugendliche, das sind Erwachsene, das sind Menschen an der Schwelle des Todes. Das hat wohl gar nicht viel damit zu tun, ob einer der Kirche angehört: Es sind sicher einige, die nicht an Gott glauben, deren Karteikarte auch in ihrem Pfarramt steht. Und umgekehrt gibt es auch viele Menschen, die von sich sagen: "Ich bin nicht gläubig!", und trotzdem gehen sie zur Kirche! Aber das nur nebenbei, daß sie nicht denken, "an Gott glauben" und "zum Gottesdienst gehen" wäre ein und dasselbe, oder daß sie meinen, eine "Karteileiche" müßte immer "ungläubig" sein. Das nicht! Einsatz in der Kirche und Glaube an Gott, das sind zwei Paar Schuhe! -

Worum es mir geht: Bei mir wecken die klaren Worte über den Glauben oder Unglauben immer wieder dieselbe Frage. Ich bin ganz sicher, es ist auch ihre Frage, in dieser oder ähnlicher Form: Ist ein Mensch selbst verantwortlich dafür, wenn er glaubt oder nicht glaubt? Davon hängt ja sehr viel ab: "Muß ich den bloßen Namenschristen schelten, wenn er keinen Glauben hat? Soll ich den Frommen loben, weil er seinen Herrn Jesus kennt? Darf ich als Pfarrer, dürfen wir als Christen von den Menschen erwarten, daß sie sich um den Glauben mühen?", um nur einige der damit verbundenen Fragen zu stellen.

Für sie, liebe Gemeinde, stellen sich diese Fragen vielleicht so: Hat sich mein Sohn zu wenig angestrengt, daß er nicht glauben kann? Ist meine Mutter selber schuld, wenn sie jetzt keinen Halt an Gott hat? Will meine Enkelin nicht glauben oder kann sie's nicht? Und bei diesen Gedanken kommt die Frage hinter allen Fragen ja wie von selbst: Ist es vielleicht Gottes Wille, daß manche Menschen glauben können und andere nicht? Ja, verstockt Gott wirklich einige, während er die Herzen anderer für sich auftut?

Manches spricht dafür, daß es so ist. Wie viele Menschen in der Gemeinde haben mir das schon versichert: "Herr Pfarrer, ich will ja glauben, aber ich kann es nicht!" Und auch das gibt es: Da ist ein Schicksalsschlag einfach zu hart - da geht einem der Glaube einfach aus oder einer wendet sich ab, noch bevor er Gott gefunden hat. Können wir's nicht nachfühlen?

Auf der anderen Seite: Darf das denn sein? Wie verträgt sich das denn mit unserem Bild von Gott? Ist er nicht gerecht und gut? Liebt er seine Menschenkinder nicht? Wie soll er dann einigen den Glauben so schwer machen oder gar unmöglich??? Es heißt ja auch - gerade in unserer evangelischen Kirche -, daß der Glaube ein Geschenk sei. Darf man dann einem vorwerfen, wenn er's nicht erhält? Oder kann ich einen wirklich loben, weil Gott ihm die Gabe des Glaubens gegeben hat?

Auch die Worte des Johannes machen die Sache nicht klarer: "Gott hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren..." Liegt es also doch an Gott selbst, wenn er Menschen den Glauben verweigert? Das kann doch aber nicht sein! Gott ist doch Liebe! Er ist doch gütig und gerecht! Das darf er doch nicht: Die Augen und die Herzen verstocken! -

Wie kommen wir hier heraus? Wie lösen sich diese Fragen?

Bisher sind wir nur mit unserem Kopf herangegangen: Wie ist das? Wie soll man das verstehen? Wer kann das begreifen? Machen wir's jetzt einmal anders: Benutzen wir unser Herz und vor allem - unsere Augen! Die Bibel ist ja voller Bilder, um uns begreiflich zu machen, was unser Kopf nicht begreifen kann. Sie malt uns das vor Augen, was wir nicht verstehen können. So auch hier: "Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet."

Hier ist nichts unklar. Alles ist hell und deutlich: Jawohl: Wer im Dunkeln ist, der weiß nicht, wo er am Ende ankommt. Jawohl: Wir können das Licht nur ergreifen, solange es scheint. Und ja: Kinder des Lichts können nur die sein, die im Licht sind. So ist es. Da gibt's keine Fragen. Also: Wer im Dunkel ist, wende sich zum Licht! Wer das Licht sieht, der glaube an das Licht! Wer Kind Gottes sein möchte, der bleibe im Licht! So einfach ist das! Ist es so einfach? Für unsere Augen, ja! Für unser Herz auch. Aber eben nicht für unseren Verstand!

Ich glaube halt, daß es falsch ist, wie wir immer und immer wieder an diese Dinge herangehen: "Wenn der Glaube ein Geschenk ist, dann kann er nicht einigen vorenthalten werden. Wenn Gott das aber tut, dann kann er nicht die Liebe sein. Gott ist doch die Liebe, also muß er auch jedem den Glauben schenken. Wenn er also jedem den Glauben schenkt, dann kann es keine Ungläubigen geben. Wenn es aber doch Ungläubige gibt...", ja, was dann? Wir merken jetzt vielleicht, das ist alles falsch gefragt. Das ist Klügelei. Da ist nur der Kopf in Gebrauch. Die Bibel will unser Auge und unser Herz! "Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!"

Wir können also glauben! Jeder Mensch kann zum Glauben finden, wenn er es will! Wer sein Gesicht dem Licht zuwendet, wird hell! Wer es aber dem Dunkel zukehrt, wird dunkel sein. So ist das. So einfach, so klar. - Und das ist ja nicht nur hier so! Nehmen wir jede Geschichte Jesu, jedes Gleichnis, in dem er davon spricht, wie einer zum Glauben kommt. Immer sind die Bilder ganz klar und eindeutig; immer lassen sie keinen Zweifel daran, daß der Mensch - wenn er nur will - gläubig sein kann: Was hätte den Verlorenen Sohn denn daran hindern können, sich zum Vater aufzumachen? Doch nur sein Stolz oder seine Scham. Doch nur die eigene Meinung vom Vater, doch nur seine ängstliche Erwartung, der Vater könnte ihn nicht mehr bei sich aufnehmen! Es liegt doch nur an ihm selbst, wenn er zu sich spricht: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!" Es ist doch allein seine Sache, diesen Entschluß zu fassen! Er kann doch wohl nicht denken: Soll doch mein Vater zu mir kommen! Oder: Mein Vater hat doch Schuld, wenn er mich hier nicht herausholt! Wenigstens das muß der Sohn doch selbst aufbringen, daß er "sich aufmacht"! Wenigstens das! Aber - das müssen wir nun beachten! - dann nimmt der Vater ihn auch auf! Als er ihn von weitem kommen sieht, läuft er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen! Das tut der Vater schon! Aber "aufmachen" müssen wir uns! Aufmachen können wir uns!

Oder nehmen wir die Heilung des epileptischen Knaben: Der Vater des Jungen hat sich zu Jesus führen lassen. Die Jünger hatten nichts ausrichten können. Der Knabe wird immer wieder hin- und hergerissen vom Geist, der von ihm Besitz ergriffen hat. Jesus fragt den Vater des Jungen: Wie lange geht das schon so? Der Vater antwortet: Von Kindheit an, aber wenn du etwas vermagst, dann hilf uns! "Wenn du etwas vermagst..." Das ist ja nun wirklich nicht "Glaube" zu nennen, was der Vater hier herausbringt. Und das nimmt Jesus auch auf, wenn er sagt: "Wenn du etwas vermagst? Alles ist möglich dem, der glaubt!" Aber der Mann bleibt ehrlich: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Wichtig ist: Er bekommt geholfen! Schon dieses Fünklein Vertrauen hat ausgereicht; Jesus macht den Jungen gesund. Mir sagt das zweierlei: Einmal genügt offenbar schon der Versuch, in die Nähe Gottes und zum Glauben zu finden. Und dann: Auch hier hat sich der Vater des Jungen entschlossen, zu diesem Jesus zu gehen. Sei es, weil er sonst nichts mehr wußte, sei es, weil er gedacht hat, nützt es nichts, so schadet es doch auch nichts... Es ist gleich: Er kommt zu Jesus und gewinnt die Gesundheit seines Kindes - und den Glauben! Soviel wird auch von uns verlangt: Hingehen zu Jesus, von dem wir gehört haben, um Hilfe bitten und um den Glauben. Wir haben keinen Grund zu denken, daß er uns abweist. Hingehen müssen wir. Hingehen können wir! Und genauso ist es eben auch hier: "Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!"

Wenden wir unser Gesicht dem Licht zu und nicht dem Dunkel. So werden wir Kinder Gottes. So finden wir zum Glauben. So einfach ist das! Glaubt an das Licht! Wir können es!