Predigt zum 4. Sonntag n. Epiphanias - 28.1.2001

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Liebe Gemeinde!

Hören sie einmal den Text, der uns zu diesem Sonntag verordnet ist:

Textlesung: Jes. 51, 9 - 16

Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, daß die Erlösten hindurchgingen? So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen. Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen, und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben? Wo ist nun der Grimm des Bedrängers? Der Gefangene wird eilends losgegeben, daß er nicht sterbe und begraben werde und daß er keinen Mangel an Brot habe. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, daß seine Wellen wüten - sein Name heißt HERR Zebaoth - ; ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen, auf daß ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.

 

Zuerst sind uns diese Worte und Bilder sehr fern: "Ein durchbohrter Drachen", "ein Weg auf dem Grund des Meeres", "Grimm des Bedrängers und losgegebene Gefangene"... Aber es gibt auch Gedanken, die uns gleich nahekommen: "Ich bin euer Tröster!" - "Die Trauer wird fliehen", "unter dem Schatten von Gottes Händen geborgen", "Du bist mein Volk!"

Ganz offenbar halten hier Menschen ihrem Gott vor, daß er sich zurückgezogen hat von ihnen. Es sind die Verschleppten, die Gefangenen in Babylon, die sich danach sehnen, wieder heimzukehren in ihr Land, an den Berg Zion, zum Tempel Gottes in Jerusalem. Gott wird erinnert - und wir wissen woran: Hast du nicht einst das Meer trocken werden lassen, daß die Bedrängten hindurchziehen konnten? Hast du dein Volk nicht erlöst, als es von den ägyptischen Soldaten verfolgt wurde?

Und Gott gibt auch Antwort. Sein Prophet richtet sie aus: Die Erlösten des Herrn werden heimkehren. Sie werden zum Zion kommen mit Freude und Jauchzen, alle Trauer und alles Weinen wird vorbei sein. Die Gefangenen werden losgegeben und frei sein. Es wird kein Hunger und kein Mangel mehr herrschen. In meinen Händen wird mein Volk geborgen sein.

Wenn wir diese Worte so hören, sind die Verse nicht mehr so weit weg von uns. Das können wir nachfühlen! Ja, sie wecken auch in uns Sehnsucht und Hoffnung. Davon träumen auch wir: Frei sein, ohne Angst, nicht bedrängt von Sorge und Last, aufatmen ohne Schuld, neu anfangen... Aber gehen wir den Weg dorthin wie damals das Volk Gottes. Und gehen wir den Weg mit denselben Schritten.
In der Gefangenschaft gedenken sie der großen Taten Gottes. Zuerst also müssen auch wir uns erinnern: Hat Gott uns nicht auch geschaffen? Jede und jeden von uns ganz besonders, einmalig mit seiner Art und ihren Gaben. Alle sind wir auf der reichen Seite des Globus geboren. Wir leben im Wohlstand, können ohne Furcht vor wirtschaftlicher Not in die Zukunft blicken. Aber noch mehr, viel mehr ist uns geschenkt: Wir haben Kinder, Enkel. Wir leben im Kreise einer Familie, in der wir geliebt und geachtet, ja vielleicht sogar der Mittelpunkt sind. Wir können unsere Hände und unsere Sinne gebrauchen. Das gibt uns viele Möglichkeiten, uns sinnvoll zu beschäftigen, anderen und uns selbst, Freude zu bereiten. Und wir dürfen die Menschen lieben und wir bekommen auch viel Liebe und Anerkennung von anderen zurück! Und das ist noch nicht alles: Gott hat sich in uns bekannt gemacht! Schon früh - vielleicht schon in unserer Kindheit - hat er sich als unser Vater im Himmel vorgestellt und uns seinen Segen geschenkt. Und wir habe viele Erfahrungen mit ihm gemacht, auch solche, die unser Leben bewahrt haben und uns sagar wie ein Wunder vorkamen. Wir konnten seine Kraft spüren, wenn wir gebetet haben. Er ist uns in seinem Wort nahe gewesen und hat uns gezeigt, wie wir gehen müssen. Immer wieder hat er uns die Schuld erlassen, die uns gequält hat. Und er hat uns eine Hoffnung gegeben, die weiterführt als der Tod. Eine Ewigkeit voller Freude wartet auf uns!

Aber wir wollen nicht nur Gott, wir wollen auch uns selbst erinnern - auch wenn das schmerzlich ist und wir uns schämen müssen: Denn wir haben nicht dafür gedankt, jedenfalls nicht so, wie es recht gewesen wäre. Wir haben vieles - manche von uns eigentlich alles - immer nur uns selbst zugeschrieben, der eigenen Kraft, der eigenen Arbeit und Leistung. Dabei haben wir die Gedanken, die in uns aufstiegen, immer wieder verdrängt und betäubt. Solche Gedanken: Was wäre eigentlich, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere? Wie ginge das dann weiter, wenn ich krank würde? Wie könnte ich weiterleben, wenn sich meine liebsten Menschen von mir abkehren - unfreundlich, abweisend und wenig liebenswürdig bin ich ja schon oft genug zu ihnen gewesen! - Wie gesagt: Wir haben diese Fragen nicht allzu laut werden lassen in uns. Aber wenn wir heute einmal darüber nachdenken, dann kann es schon sein, daß wir uns auch hier wundern müssen und staunen: Selbst da, wo ich wirklich ganz undankbar war und böse, selbst da hat Gott noch zu mir gehalten!

Aber gehen wir den Weg weiter - wie damals schon das Volk, das sich besinnt und der Prophet, der sie zur Besinnung ruft: Sie waren in Gefangenschaft geraten. Sie mußten sehr harte Zeiten kennenlernen, Jahre des Leids und der Entbehrung, die sie auch als verdiente Strafe verstanden haben.

Und wir? Wenn wir uns der großen Taten Gottes in unserem persönlichen Leben erinnern, sehen wir dann nicht auch manches anders, was uns an Schwerem, an Leidvollem geschehen ist und geschieht? Da war ein Abschied... Wir meinten, wir müßten in Trauer vergehen, aber es kamen auch wieder Tage, an denen wir lachen konnten. Da waren Monate der Krankheit... Wir mochten zuerst kaum glauben, wieder gesund zu werden - und wir sind doch reifer und vielleicht nicht gesund an unserem Leib, aber doch heil an unserer Seele daraus hervorgegangen, gefestigter und stärker im Glauben. Seit längerem müssen wir mit einer Behinderung leben... Es war schlimm, besonders am Anfang, aber wir haben gelernt anzunehmen und haben eine Tiefe im Leben entdeckt, wo wir sie gar nicht vermutet und haben eine große Geborgenheit gefunden, wo wir sie nie gesucht hätten. Und noch manches andere haben wir erfahren, was wir selbst mit unserer verkehrten Art, unserem unangemessenen Umgang mit Gott, ja, mit unserem Undank ihm gegenüber verbunden haben. So waren auch wir in unserem Leben geschlagen, belastet, bedrückt und gefangen. So ahnen vielleicht jetzt auch wir, was hier gemeint ist: Grimm des Bedrängers, Mangel an Brot, Trauern und Seufzen...

Und heute sind wir nun hier und wir hören: Die Erlösten des HERRN werden heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein.

Die Gefangenen damals, der Rest des Volkes, das in die Verbannung geführt wurde, durfte wieder heimkehren. Sie haben auf dem Zion ihren Tempel wieder errichtet, Jerusalem wieder aufgebaut.

Das soll auch die Verheißung Gottes für uns sein! Wir werden unseren Weg zu Gott gehen. Unser Leben ist keine Irrfahrt, sondern eine Heimkehr. Alle Bosheit, alle Schuld, die wir im Laufe unserer Jahre auf uns geladen haben, sind uns vergeben. Aller Undank, alle Auflehnung und unser ganzes anmaßendes Wesen sollen uns nicht mehr belasten. Wir sind frei. Auch was wir an Schwerem in unserer Zeit bis heute erlebt haben, all die dunklen Stunden und Tage, die Trauer, die Krankheit, das Leid... Es sollte uns nicht von Gott trennen. Ja, vielleicht waren es gerade diese Erfahrungen, die uns nur noch näher an seine Hand oder zurück in seine Nähe gebracht haben? An allem sind wir nicht zerbrochen, sondern gewachsen. Alles Schwere hat uns nicht nur Angst und Sorge bereitet, es hat uns auch innerlich bereichert! So vieles, was wie ein Ende aussah, ist uns zu einem Anfang geworden.

Der Gefangene wird eilends losgegeben! Unter dem Schatten von Gottes Händen sind wir geborgen. Gott wird den Himmel von neuem über uns ausbreiten und die Erde neu für uns gründen und zu uns sprechen: Du bist mein Volk!

Liebe Gemeinde! Nein, jetzt sind uns diese Worte nicht mehr fern! Sie sind für Israel wahr geworden, sie werden auch in unserem Leben wahr. Die Erlösten des HERRN werden heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein.