Predigt zum Epiphaniastag - 6.1.2001

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(vielleicht als Alternative zum 4. So. n. Epiphanias?)

Textlesung: Jes. 60, 1 - 6

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

Liebe Gemeinde!

Bei diesen Versen bekommt man richtig Lust, über etwas Frohes, Helles zu sprechen, über Freude und Glück. Und das darf, das muß doch auch einmal sein! Ich glaube nämlich, daß es in unserer Kirche meist zu ernst zugeht. Dabei haben wir sicher viele Gründe zum Fröhlichsein und für die Dankbarkeit! Auch jede und jeder für sich selbst hat doch gewiß Schönes erlebt in den letzten Tagen, manchen Grund zur Freude und zum Lachen. Ich persönlich muß das jedenfalls dankbar bekennen. Immer wieder gibt es - neben aller Arbeit und Mühe - auch manche Anerkennung, Dinge und Erfahrungen, die mich erfreuen und glücklich machen.

Darum - bei aller Ernsthaftigkeit und manchen trüben Gedanken, die uns vielleicht auch bewegen - es muß auch hie und da einmal die Freude ihren Raum haben im Gottesdienst und in der Predigt!

Das paßt übrigens auch sehr gut zum Thema dieser Sonntage der Epiphaniaszeit. Wir feiern ja in diesen Wochen, daß es durch Jesus hell geworden ist in der Welt, daß sein Licht erschienen ist. Und davon sprechen eben auch viele Texte, wie sie zu dieser Zeit gehören: "Mache dich auf, werde Licht. Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn umgibt dich mit leuchtenden Strahlen."

Wie gesagt, wir haben wohl alle in letzter Zeit auch Freude erlebt. Wir können sagen: Für mich ist's hell geworden. Ich habe Licht erfahren. - Wie kann ich es jetzt aber ein wenig weitergeben? Wie kann man Licht, Freude, Glück überhaupt zu anderen Menschen weitertragen? Bei dieser Frage fällt mir jetzt eine Geschichte ein, die uns vielleicht zu einer Antwort führt: Ich will ihnen von einer Frau erzählen. Ich nenne sie Frau M.

Frau M. arbeitet in einem größeren Betrieb in - - -. Ihr Büro liegt im 7. Stock. Keine besonders einflußreiche Stellung, aber krisenfest und mit guter Altersversorgung. M. könnte zufrieden sein. Sie ist aber ein recht mürrischer Mensch, lächelt selten, Lachen ist schon gar nicht ihre Art. Die Kolleginnen und Kollegen wissen das und haben sich daran gewöhnt. Einmal aber ist das anders. Neulich morgens liegt etwas Ungewohntes in Frau M.'s Miene. Die anderen in ihrem Büro bemerken es sofort. M. strahlt so etwas aus. Freude? Ist da wirklich ein Lächeln auf ihren Lippen? Am Vorabend hat M. ein Erlebnis gehabt. Ihre Schwester, mit der sie lange im Streit gelegen hat, war zu ihr gekommen. Man hat sich ausgesprochen und versöhnt. Die Sache hatte Frau M. lange Jahre belastet. Jetzt war sie endlich aus der Welt. Ja, sie freute sich und sie fühlte sich heute morgen...sie wußte auch nicht wie, irgendwie frei und froh. Sie mußte einfach lächeln. Das ließ sich nicht unterdrücken. Dieses Lächeln hatte auch bei den Kollegen Folgen. Ein Mitarbeiter, mit dem Frau M. sonst allenfalls einmal dienstliche Dinge austauschte, wagte an diesem Morgen ein persönliches Wort, erkundigte sich nach Frau M.'s Familie. Die Sekretärin der Abteilung merkte es auch. Sie verweilte nach dem Diktat noch etwas in Frau M.'s Zimmer und ihr Lächeln gab ihr den Mut, ihr den neuesten Firmentratsch anzuvertrauen. Auch der Bürobote, als er gegen 11 die Post hereinreichte, spürte die Veränderung: M. hatte da etwas in ihrer Miene, so einen Glanz...

Die Geschichte ist aus - oder besser: Ich höre hier auf zu erzählen. Wichtiger als davon zu reden ist ja sowieso, das im Leben zu verwirklichen: Freude weitergeben - mit einem Lächeln, einem guten Wort, einer netten Geste. Mache dich auf, werde Licht!

Ich höre den Einwand: "Worüber sollen wir uns freuen?" - "Sie, lieber Herr Pfarrer, mögen ja Grund haben, aber wir?'' Ich will sie, liebe Gemeinde, jetzt gar nicht krampfhaft zur Freude bringen. Aber denken sie doch einfach einmal mit, wenn ich jetzt ein paar Dinge aufzähle, über die mancher sich wohl freuen könnte - besonders, wenn er sie entbehren müßte:

Liebe... Wir alle haben Menschen, die uns gern haben. Die Jungen unter uns dürfen sagen: Es gibt Eltern für uns, die sich um uns sorgen, denen daran liegt, uns zu selbständigen und guten Menschen zu erziehen. Auch die älteren erfahren Liebe. Selbst wenn der Lebensgefährte schon hat gehen müssen, so sind da doch die Kinder, Enkel, Freunde und Bekannten, die uns das Gefühl geben, wir sind wichtig, wir würden den anderen fehlen, sie wollten ohne uns nicht sein.

Ein Auskommen... Wie wir seelisch nicht verhungern müssen, so haben wir alle auch an Nahrung genug. Gar nicht selbstverständlich in einer Welt, in der Millionen nichts zu essen haben und am Hunger sterben. Wir haben ein Haus, mehr als ein Dach über dem Kopf, ein Zuhause mit Wärme und Geborgenheit. Gar nicht selbstverständlich in einer Welt, in der Millionen in Betonröhren oder Pappkartons ihr Dasein fristen, in Wellblechbuden oder unter freiem Himmel und oft dazu noch auf der Flucht. Wir haben Kleidung, die wärmt und schützt, die schön aussieht und an der unser Auge Freude hat. Gar nicht selbstverständlich in einer Welt, in der Millionen in Lumpen gehen oder nackt.

Gesundheit - will ich noch erwähnen. Wir alle konnten heute aufstehen, konnten unser Bett verlassen, uns ankleiden, zur Kirche gehen... Jeder von uns hat heute Morgen hier aus eigenen Kräften herkommen können - vielleicht mancher am Stock, aber doch auf eigenen Füßen. Ich muß nicht sagen, was viele Menschen dafür geben würden, das zu können, nur einmal im Leben die eigenen Beine gebrauchen, noch einmal im Leben am Morgen schmerzfrei sein, aus dem Bett steigen können und gehen...

Ich könnte noch viele Dinge anführen. Eine lange, lange Liste: Das schöne Erlebnis neulich, der gute Ausgang der Sache, die so schlimm aussah, das Glück über unsere Kinder, wenn sie geraten sind ...und, und, und...

Setzen sie doch selbst fort. Sie kennen ihr eigenes Leben doch viel besser - und ihre ganz persönlichen Gründe zur Freude. Nur sagen sie bitte nicht mehr: "Worüber sollen wir uns freuen?" Der Grund - wenigstens zum Lächeln - liegt so nah. Und es ist auch nicht einzusehen, warum das bei uns bleiben soll: Das Lächeln, die Freude. Vielleicht sagt schon morgen jemand über uns: Der/die hat da etwas in seiner/ihrer Miene, so einen Glanz... Und vielleicht sagen wir sogar den vielen mürrischen, freudlosen Zeitgenossen, warum wir lächeln können und warum auch sie eigentlich Grund haben, einmal ihre angespannt-bitteren Mienen zu lockern???

Wenn uns nun gar kein Grund zur Freude einfallen will, wenn wir bei keinem der genannten Dinge haben sagen können: "Ja, darüber kann ich mich freuen", selbst dann noch könnte uns doch eines froh machen: Der Gott, dem wir in diesem Gottesdienst singen und den wir feiern, hat uns lieb. Er hat uns in seinem Sohn ein Licht gegeben, das uns den Weg durch dieses Leben weisen will - bis zur Tür des Vaters. Bis dahin aber wird es für jeden von uns noch genug Anlässe zur Freude, zum Lachen und zum Danken geben. Wir müssen nur wahrnehmen, was uns zu leicht selbstverständlich wird...was doch aber keinesfalls selbstverständlich ist!

2. Textlesung: Jes. 60, 1 - 6