Predigt zum 2. Christtag - 26.12.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Jes. 11, 1 - 9

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Liebe Gemeinde!

Das ist ihnen nicht anders gegangen als mir: Sofort meldet sich bei uns der prüfende Verstand! Und was sagt er?: "Ob das je wahr wird? Und wenn, dann doch sicher erst in Gottes neuer Welt!" Ja, wir sind da eher pessimistisch: Alles spricht doch dagegen, daß sich der "Geist des Herrn, die Furcht und die Erkenntnis Gottes" je noch durchsetzen in dieser Zeit. Und ein - wie wir meinen - gesundes Mißtrauen meldet sich auch: "Das soll doch gewiß nicht die Wirklichkeit beschreiben, die wir einmal erleben werden!" - "Kühe und Bären werden zusammen weiden", "Löwen Stroh fressen" und "ein Kind spielt mit einer giftigen Schlange"? Also wirklich, das ist doch wohl ein Märchen! - wenn auch ein schönes.

Liebe Gemeinde, hier spricht ein Prophet. Ein Seher, einer der Bilder vor unsere inneren Augen malt, der mit diesen Bildern Gottes Botschaft, sein Wort, seine Verheißung, seine Zukunft ansagt, einer, der unsere Sehnsucht wecken und ihre Erfüllung ankündigen will. Aber eben nicht für unseren Kopf, sondern für unsere Seele! Und darum ist, was er sagt, unserem Verstand nicht zugänglich. Wie wir in das Bild eines Malers nur hineingehen können, wenn wir uns von den Augen unseres Herzens leiten lassen, so ist es auch hier: Wir bleiben an der Oberfläche, wenn wir fragen, ob das denn möglich ist. Wir müssen draußen bleiben aus diesem Bild, wenn wir mit hochgezogenen Brauen abtun, was doch nicht sein kann, wie wir meinen. Wir verschließen uns selbst diese Zukunft, wenn wir ihr mißtrauen, noch bevor sie unsere Seele erreicht hat.

Gut, vielleicht sind es ja auch die Züge des Bildes, das Jesaja vor mehr als 2 ½ Tausend Jahren gemalt hat. Vielleicht ist unser Sehnen ja mit anderen Wünschen und Vorstellungen verbunden? Vielleicht müßte einer zu unserem Herzen einen anderen Weg suchen? Wir sind ja nicht umgeben von Wölfen und Panthern, von Ottern und Löwen. Und Worte wie Furcht, Geist und Erkenntnis des Herrn werden für uns auch nicht gleich plastisch.

Hören wir also auf die Worte des Jesaja für uns. Dieses Bild malte er uns vor das Herz. So will er uns erreichen, daß wir gern hineingehen in sein Bild, daß er unser Sehnen weckt, unsere Hoffnung anspornt:

Und es wird ein Kind geboren werden, ein Mensch in die Welt kommen, der seine Wurzeln im Geschlecht des König Davids hat. Was er sagen wird, sagt er, weil Gott es ihm eingibt; was wir von ihm hören, sagt Gott uns zu, und es wird sich kräftig erweisen, auch wenn die Menschen ihm zuerst nicht folgen. Er wird mit dem, was er sagt, nicht auf das schielen, was in der Menschenwelt ankommt, sondern er spricht Gottes Willen aus, so wie er ihn hört. Dieser Mensch wird Freude daran haben, Gott zu ehren und seinen Willen zu tun, auch wo ihm das schwerfällt. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteile sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird das Lebensrecht der Armen verteidigen und den Außenseitern im Lande zu ihrem Recht verhelfen und ihrer Sache seine Stimme geben. Sein Wort wird die Menschen, die Gewalt tun, zur Rechenschaft ziehen und es wird den Gottlosen das Gericht bringen. Mit Gottes Gerechtigkeit ist er angetan wie mit einem Mantel und die Treue zu Gottes Sache hält diesen Mantel zusammen wie ein Gürtel. Wenn er kommt, werden wunderbare Dinge geschehen: Die Unrecht getan haben, werden sich bei denen entschuldigen, die sie bedrücken. Feinde seit Jahren reichen sich die Hand. Alte und Junge, Starke und Schwache, Reiche und Arme haben in derselben Gemeinde Heimat. Nichts wird sie trennen, keine Mißgunst, kein Neid, kein Hochmut - alle haben gute Gemeinschaft miteinander. Niemand schadet seinem Mitmenschen bewußt. Keiner hat Freude daran, daß es einem anderen schlecht geht. Die Menschen tun nichts Böses mehr, sie achten Gottes Gebote und freuen sich, daß sie zu Gott und zueinander gehören. Überall in der Welt wird es Gottes Kinder geben und Gott wird aller Vater sein!

Haben diese Worte ihr Herz gefunden? Sind sie jetzt drinnen in diesem Bild? - Dann schauen wir uns um... Da sind wir mit unserer Sehnsucht, daß sich einmal alle Rätsel lösen, die unser Leben uns aufgegeben hat. - Und das wird geschehen! Da sind wir mit unserem Leid, unserer Krankheit, unserer Trauer und unserer Angst - und wir sind umgeben von Gottes Nähe, seiner Wärme und von seiner Liebe, die alles wunderbar einhüllt, alles aufhebt, alles überragt. - Nichts davon quält uns mehr. Und da ist unser Leben, wie es verlaufen ist, was wir erreicht haben, erreichen wollten und was wir wohl endgültig abschreiben müssen. - Und es ist keiner, der uns dafür zurechtweist, der uns vorhält, was wir versäumt haben, wie wir es besser und wie wir mehr aus uns gemacht hätten.

Da sind wir...geliebt von Gott, nah beim Vater, haben einen neuen Anfang, nichts, was so bleiben muß, alles ist möglich und offen... Und da sind die anderen, unsere Mitmenschen, unsere Nächsten: Auch ihr Leben ist noch nicht am Ende. Auch bei ihnen kann sich noch alles ändern. Wir werden dem nicht im Wege stehen. Wir helfen ihnen, daß sie sich entwickeln, ablegen können, was sie beengt und bedrückt, daß sie wachsen und so werden, wie Gott sie gemeint hat.

Und hier - drinnen in diesem Bild von Gottes neuer Welt - wird auch zurückkommen, was wir anderen entgegenbringen: Wie wir sie nicht mehr verhaften auf das, was wir von ihnen wußten, dachten und erwartet haben, so legen auch sie uns nicht mehr fest auf die Meinung, die sie von uns hatten, die Rolle, die wir immer spielten, und aus der wir nie herausgekommen sind. Sie trauen uns Wandel zu, Veränderung, Neues... Und so geschehen die Wunder in diesem Bild: Ein Reicher entdeckt sein Herz für die Zukurz-Gekommenen. Einer, der nur sich selbst kannte, kümmert sich um seinen Nächsten, der Hilfe braucht. Eine, die mit allen in Zank und Streit lebte, reicht ihren Nachbarn die Hand. Einer, auf den andere hören, nutzt seinen Einfluß, der Gemeinschaft zu dienen. Das fängt hier und da an, setzt sich fort in allen Häusern unseres Dorfes, wird zur Bewegung in der ganzen Gegend, unter den Christen unseres Landes und verwandelt am Ende die Welt. - Ja, es würde uns bald nicht mehr wundern, wenn wir Löwen auf den Weiden neben den Rindern grasen sähen und wenn die Wölfe und Lämmer Freunde würden. Und warum soll in Gottes neuer Welt nicht auch ein Kind mit einer Giftschlange spielen? Wir werden - mit Gottes Hilfe! - noch viel Größeres erleben! -

Liebe Gemeinde, nein, ich will sie nun nicht wieder zurückholen aus dem Bild, das wir zusammen betrachtet und begangen haben. Im Gegenteil. Bleiben wir darin, so lange wir nur können! Die sogenannte Wirklichkeit wird uns schon schnell genug wieder einholen. Aber ist das dann die Wirklichkeit? Und ist das, was wir kennen und was unser Leben bis heute meist ausgemacht und schwergemacht hat, wirklich das, was Gott will?

Vergessen wir es nicht mehr: In Gottes Reich ist alles möglich, selbst daß einer sein Kreisen um den eigenen Bauch aufgibt. In Gottes neuer Welt kann sich noch der Älteste verändern wie ein Junger. Niemand und nichts muß bleiben, wie es immer war und wir es immer kannten... Und das alles ist nur soweit entfernt wie unser Mut, es zu versuchen. Und es ist uns so nah wie der Entschluß, einen neuen Anfang zu wagen und zu gewähren. Und das kann hier und heute geschehen!

Gottes Beistand haben wir, seine Verheißung auch: Die Unrecht getan haben, werden sich bei denen entschuldigen, die sie bedrücken. Feinde seit Jahren reichen sich die Hand. Alte und Junge, Starke und Schwache, Reiche und Arme haben in derselben Gemeinde Heimat. Nichts wird sie trennen, keine Mißgunst, kein Neid, kein Hochmut - alle haben gute Gemeinschaft miteinander. Niemand schadet seinem Mitmenschen bewußt. Keiner hat Freude daran, daß es einem anderen schlecht geht. Die Menschen tun nichts Böses mehr, sie achten Gottes Gebote und freuen sich, daß sie zu Gott und zueinander gehören. Überall in der Welt wird es Gottes Kinder geben und Gott wird aller Vater sein!

Bleiben wir in diesem wunderbaren Bild! Lassen wir uns von unserem Herzen, unserer Sehnsucht leiten.