Predigt zum 2. Advent - 10.12.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Jes. 35, 3 - 10

Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: "Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen." Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Liebe Gemeinde!

Das sind schöne Bilder. So fern sie uns vielleicht auch scheinen, sie rühren uns an. Wir leben ja nicht in der Wüste und der Berg Zion ist nicht das Ziel unserer Wünsche - und doch: Die Worte des Propheten sprechen mit uns. Wir verstehen sie - nicht mit dem Kopf, aber sie lösen doch etwas in uns aus: Hoffnung, daß es einmal besser wird. Sehnsucht nach einem guten, erfüllten Leben. Zuversicht, daß einmal alles zu Ende geht, was uns beschwert und den Mut nimmt.

Und wie von selbst haben wir in unseren Träumen diese Welt verlassen. Wir denken an Gottes Ewigkeit, sagen uns, einmal wird sie anbrechen, trösten uns mit dem Blick nach drüben...

Aber so meint es der Prophet nicht! Er spricht von dieser Welt, von diesem Leben in dieser Spanne zwischen Geburt und Tod! Er will uns Mut machen - aber für unseren Alltag in dieser Zeit. Er will uns Kraft und Segen zusprechen - aber für die Aufgaben, die wir heute haben. Er will trösten - aber nicht vertrösten auf Gottes Reich. Hier und heute gelten seine Prophezeiungen. Er richtet Gottes Worte für diese Welt aus. - Ob es hilft, wenn wir seine Bilder und Gedanken in unsere Zeit und unsere Welt übersetzen und wenn wir dabei auch an die frohe Botschaft denken, die wir kennen, seit Jesus Christus in der Welt ist?:

Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: "Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt gerade zu uns kleinen Leuten; Gott, der die Schwachen liebt, kommt und wird euch helfen." Dann werden unsere Augen sehen, was für Wunder Gott in unserem Leben tut und unsere Ohren werden hören, was seine Stimme uns heißt. Menschen die müde und kraftlos waren, werden stark sein und etwas fertigbringen, und die in Kummer und Resignation verstummt sind, werden Gottes Lob singen. Denn wir werden gute Erfahrungen machen, wo wir's nie gedacht haben und schöne Erlebnisse geschenkt bekommen, wo wir's nie erwartet hätten. Und was wir nicht zu können glaubten, geht uns leicht von der Hand; wozu wir meinten, kein Talent zu haben, gelingt uns. Was vielleicht all unser Leben lang brach gelegen hat, wird nun fruchtbar für uns und andere. Und wir werden den Weg, den Gott selbst uns durchs Leben zeigen will, erkennen und finden. Wenn wir die Hoffnungslosigkeit abtun und alle Furcht dem Gottvertrauen weicht; dann werden wir auf diesem Weg mutig voranschreiten. Nichts Böses wird uns begegnen, niemand wird uns schrecken oder ängsten, sondern wie erlöst werden wir sein. Voll Freude werden wir in Gottes Nähe leben - schon heute; und einmal wird unsere Freude ewig sein und alles Leid, alle Not, alle Krankheit und aller Schmerz wird für immer weichen müssen.

Hat das besser mit uns gesprochen? Kam uns das noch näher?

Wenn wir nur aufhören, immer nach drüben zu schauen und alles, was hier nicht sein kann, sein soll, wie wir meinen, in Gottes Ewigkeit erwarten! Gott will keine Menschen, die bedrückt sind und traurig, die nicht lachen können und dann auch noch denken, es wäre ihnen so bestimmt! Gott will fröhliche Leute, er will das Lächeln auf unserem Gesicht und die heiteren, leichten Herzen!

Denke nur einmal: Wenn das alles gar nicht so sein soll, womit du dich doch abgefunden hast. Wenn Gott vielleicht schon lange darauf wartet, daß du endlich den Mut faßt, etwas anzupacken, was du dich nie anzufassen getraut hast. Und wenn dir das dann gelingt! -

Und denke doch nur: Wenn dein Leben noch gar nicht am Ende wäre und alles immer so weitergehen muß, wie es schon immer ging. Wenn vielmehr das beste noch ausstünde und die schönsten Stunden deines Lebens noch auf dich warten!

Und denke nur einmal: Wenn doch noch geschähe, worauf du lange nicht mehr hoffst, und wenn das wahr würde, was du schon gar nicht mehr für möglich hältst. Vielleicht kommt für dich doch noch die Zeit, in der Träume, Sehnsucht und Wünsche sich erfüllen!

Ich weiß schon, da schleicht sich wieder das alte, hoffnungslose Denken ein: "Das kann ja nicht sein. So wird es nie und mir ist das einfach anders beschieden!"

Mir fallen dazu viele Gestalten aus der Bibel ein: Hätte denn Sarah gedacht, daß sie auf ihre alten Tage noch Mutter wird? Hätte Mose sich träumen lassen, daß er zum Führer seines Volkes wird, er, der doch gar nicht gut reden konnte? Hätte der kleine Hirtenjunge David für möglich gehalten, daß er König von Israel werden soll? Konnte ein Zachäus auch nur ahnen, daß der Herr ihn auf seinem Baum sieht und schließlich gar mit ihm essen würde? Und gewiß war kein einziger unter den Jüngern, die sich, bevor Jesus sie rief, hätten vorstellen können, daß sie einmal mit dem Messias durch Palästina wandern. Und Petrus? - Durfte er nach seiner Verleugnung noch damit rechnen, daß Jesus ihm sein Versagen vergibt?

Aber mir kommen auch Menschen unserer Tage in den Sinn, die es erlebt haben, daß Gott selbst ihr Leben herumreißt, wenn sie ihn nur lassen: Ich denke an die alte Frau, die ihr Herz für die Schlüsselkinder im Ort entdeckt und ihnen täglich nach der Schule für ein paar Stunden ihr Haus öffnet, daß sie ihre Aufgaben machen und zusammen spielen können. Und der Mann fällt mir ein, der mit 62 aus bloßer Freude am Helfen die kleine Firma aufmacht, in der er mit drei anderen Rentnern Renovierungsarbeiten, Gartengestaltung und sonstige Arbeiten übernimmt, gegen ganz geringe Bezahlung, die sich auch die ärmeren Leute leisten können. Und schließlich denke ich an viele von uns, die das doch auch schon erfahren haben: Auf einmal wurde es wieder hell nach einer langen Zeit des Dunkels und der bösen Erwartungen. Die Lösung eines Problems, das uns schlaflose Nächte verursacht hat, kam wie von selbst und wir konnten nur staunen. Oder es ist etwas geschehen, was wir nur Wunder nennen konnten: Wir wurden bei einem Unfall bewahrt, wir haben eine schlimme Krankheit doch überwunden oder eine Last, die uns lange Sorgen gemacht hat, war auf einmal über Nacht von uns gewichen. - Das gibt es. Wir haben es alle schon erlebt. Nur beachtet haben wir es nicht, nicht so jedenfalls, wie es recht gewesen wäre.

Dabei lebt doch all unsere Hoffnung aus dem, was wir erfahren haben. Und die Zuversicht kommt doch von dem her, was wir früher erleben durften. Darum ist es gut, alles festzuhalten, was Gott uns an guten Erfahrungen, an kleinen und großen Wundern schenkt. Das Geheimnis des Vertrauens ist die Erinnerung: Wenn die Not heute eintritt, soll ich mir sagen, daß mir Gott doch damals so geholfen hat. Wenn ich heute Angst habe, soll ich an die Zeit denken, in der schon einmal alle Furcht von mir gewichen ist. Und wenn ich mir heute die größten Sorgen mache, soll ich mich erinnern, wie oft Gott schon alle Sorge von mir genommen hat.

Alles ist noch möglich, was Gott uns geben kann. Kein Dunkel, in das er nicht Licht bringen könnte. Niemand kann uns schaden, wenn Gott auf unserer Seite ist. Nirgendwo und vor nichts müssen wir uns fürchten - Gott ist mit uns. Er wird uns nicht verlassen und uns immer wieder die Kraft geben, die wir brauchen. Er reißt noch das aussichtsloseste Leben heraus aus dem Immer-so-weiter, und er kann aus dem tiefsten Schmerz die schönste Freude wachsen lassen.

Darum: Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: "Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! - Nicht erst drüben in der Ewigkeit! Hier und heute ist Gott da, hier und heute hilft er uns, hier und heute kann mit ihm an der Seite alles anders werden.