Predigt am 20. So. nach Trinitatis - 5.11.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

(Es gibt auch eine Predigt zum Reformationsfest!)

Textlesung: 1. Kor. 7, 29 - 31

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Liebe Gemeinde!

Der eine von ihnen hat schon vor Wochen seinen Urlaub für 2001 gebucht. Eine andere plant ein Klassentreffen im nächsten Frühjahr. Ein dritter überlegt gerade, ob er einen Wintergarten ans Haus anbauen soll. Eine vierte wünscht sich noch ein Kind oder endlich Enkel... Und ich selbst habe mir für das kommende Jahr vorgenommen, .............................

Und dann so ein Predigttext: Die Zeit ist kurz! Das Wesen dieser Welt vergeht! Gewiß, ich hätte heute auch ein paar andere, "schönere" Verse wählen können, aber ich habe es nicht getan. Ich wollte mich nicht drumherumdrücken, diese verordneten Verse auch zu predigen. Trotz der Zukunftspläne, Vorhaben und Gedanken, die uns, die mich in den letzten Tagen und manchmal schon viel länger beschäftigt haben. Und schließlich ist das ja auch einfach wahr: "Die Zeit ist kurz!" Und diese Worte sprechen mich auf der anderen Seite auch an: "Diese Welt vergeht!" - Wie geht es anderen damit?

Junge Leute haben einmal Antworten auf die Frage aufschreiben sollen: "Was würde ich tun, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?" Einer schrieb: Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, dann würde ich einen Banküberfall machen, mir mindestens 10.000,-- DM klauen, meine Freunde einladen und eine Riesenfète machen. Später wäre ich dann vom Alkohol bestimmt so voll, daß ich nicht merken würde, wenn ich sterbe. Ein anderer: Ich würde alle meine Freunde zu mir rufen, und dann würde ich mich bei allen entschuldigen, wo ich etwas verkehrt gemacht habe, und dann sollten sie alle bei mir bleiben. Ein dritter: Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, und wenn ich das wüßte, würde ich sofort Schlaftabletten nehmen. Aber eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen - ich bin ja noch viel zu jung!

Ja, natürlich. Er oder sie - ist ja noch viel zu jung. Und überhaupt, das ist doch auch für uns Erwachsene und selbst für ältere Menschen nur schwer vorstellbar: Nur noch kurze Zeit. Das geht uns, das geht mir persönlich irgendwie gegen den Strich. Wir haben doch noch so viel vor! Und nicht nur im nächsten Jahr - auch noch danach: Endlich ein Urlaub auf Teneriffa! Noch einmal die Heimat unserer Kindheit sehen. Unsere Lebensgeschichte aufschreiben - wenigstens für die Kinder. Ein Besuch bei einem Menschen, den wir seit 30 Jahren aus den Augen verloren haben...

Und die Chancen, daß diese Dinge auch Wirklichkeit werden, sind doch gut! Vielleicht steht der Ruhestand bevor. Oder unser Leben wird sonst bald eine Wendung nehmen, daß wir endlich mehr Zeit haben. Vielleicht können wir uns auch finanziell inzwischen mehr leisten als früher? Und dann das: Nur noch kurze Zeit?

Andererseits gibt es aber auch diese - erschreckend konkreten! - Gedanken: Einige Menschen aus unserem Jahrgang mußten schon gehen. Sie waren gar nicht so alt, aber sie waren krank und zuletzt ganz auf die Hilfe anderer angewiesen. Was hatten sie sich wohl noch vorgenommen für ihren Lebensabend? Aber auch schon die Jüngeren wissen ja nicht, was schon morgen für sie sein kann. Die mobile Gesellschaft, der Straßenverkehr hat auch viele Gefahren. Manchmal verändert sich ja in Sekunden ein ganzes Leben! Schlimm und schmerzlich, auch nur daran zu denken!

Aber auch, wenn wir den Blick ein wenig heben und unser Land und gar die Welt und ihre Probleme anschauen, müssen wir manches befürchten: Der Euro verliert immer mehr an Wert. Können wir den Politikern noch glauben, die uns einreden wollen, das wäre eher günstig? Und dann: Vor Wochen konnte man es in wieder in der Zeitung lesen: Das Ozonloch ist noch einmal dramatisch größer geworden, die Bäume sterben weiter, auch wenn im Augenblick keiner mehr davon spricht und hören will. Die Meere sind verdreckt, die Böden krank, das Wasser an vielen Orten kaum noch aufzubereiten, so daß man es trinken kann... Die Zeit ist kurz. Und uns wird Angst! Das Wesen dieser Welt vergeht. Wie lange haben wir noch?

Liebe Gemeinde, als Theologe weiß ich: Paulus - kaum ein paar Jahre nach dem Kreuzestod Christi - erwartete noch, daß Jesus bald leibhaftig wiederkommt und mit ihm das Ende der Welt. Diese Erwartung ist nicht eingetroffen. Also ist nicht Wirklichheit geworden, was er ankündigt, wenn er schreibt: Die Zeit ist kurz... Zumindest war sie nicht so kurz, wie gedacht. Aber tröstet uns das! Die Zeichen der Zeit, unserer Gegenwart, weisen doch - 2000 Jahre später - wieder ganz deutlich in diese Richtung: Die Welt ist alt und wird vergehen! Wir selbst spielen doch allenthalben mit dem Feuer der Vernichtung. Wir selbst zerstören unsere Umwelt und damit die Grundlage unserer Existenz. Wir selbst tun doch alles, daß es wahr wird, was Paulus schon vor 2000 Jahren erwartet hat: Die Zeit ist kurz. Gab es bei Paulus noch die bloße Erwartung - dann ist es heute Sicherheit: Das Wesen dieser Welt vergeht. - Was rät Paulus angesichts dieser Aussichten? Kann er uns helfen?

2. Textverlesung: 1. Korinther 7, 29 - 31

Liebe Gemeinde, wer eine Frau hat, der sei, als hätte er keine. Wer besitzt, der benehme sich, als hätte er nichts. - Schwer zu verstehen, nicht wahr? Und noch schwerer, daraus Hilfe zu ziehen.

Aber sagt das nicht vielleicht: Hängt euch nicht an die Dinge dieser Welt, denn sie werden vergehen?! Will uns das vielleicht wieder einmal in Erinnerung rufen, daß für uns Menschen - und auch und gerade für uns Christen! - noch etwas aussteht? Wie haben wir vorhin im Glaubensbekenntnis gesprochen: "...von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten..." Und wahrhaftig: Vor der Zukunft, die wir erwarten - erwarten müssen! - wird alles unwichtig, was wir haben und besitzen.

Aber - keine Angst - jetzt kommt gar nicht der Aufruf, den wir von Paulus (und vom Prediger auf dieser Kanzel) erwarten: Laßt die Dinge fahren, die euch vom Wesentlichen ablenken. Verschenkt, was ihr zuviel habt. Teilt aus von dem, was euch abhält, der Sache Christi zu dienen. Für Paulus ist es selbst dazu zu spät. Der Herr wird bald kommen. Er ist schon unterwegs. Die Zeit ist kurz! Und mehr als Paulus will und darf auch ich nicht verlangen! Aber was er sagt, das will auch ich sagen - für uns: Behaltet, was euer ist, aber prüft euer Verhältnis zu den Sachen! Hängt euer Herz an nichts, was zu dieser Welt gehört, denn es wird mit ihr vergehen! Denkt einmal (wieder!), daß es wahr ist, denn es ist wahr: Die Zeit ist kurz!, und fragt euch selbst, was für euch wirklich wichtig ist. Laßt einmal den Gedanken zu - nur einen Augenblick: Das Wesen dieser Welt vergeht!, denn das stimmt! Schmutz, Ausbeutung der Rohstoffe, Rüstung (nach wie vor!), Kriegsgefahr, Umweltzerstörung, Ozonloch, Waldsterben... Muß ich mehr ansprechen? Die Zeit ist kurz! Und es ist höchste Zeit, nachzudenken, sich auf das Wesentliche zu besinnen, sein Herz nicht mehr an das zu hängen, was verfällt, wie die Sachen, wie diese ganze Welt...

Wirklich: Hochaktuell diese Worte aus dem Brief des Paulus. Ein entscheidender Unterschied aber fällt auf: Wir sind jetzt in Furcht. Uns hat das doch mitgenommen heute; diese Gedanken lösen Ängste aus. Dagegen Paulus: Keine Spur von Angst... Und nicht, weil er alle die Gefahren und Gefährdungen - wie Euroschwäche, globale Klimaveränderung oder Umweltverschmutzung - noch nicht gekannt hätte. Nein, er blickt über diese Welt hinaus. Er schaut dem ins Gesicht, der da kommt: Jesus Christus. Er weiß: All unser Leben ist vor-läufig. Nichts von dem, was wir besitzen (oft auch: was uns besitzt!) ist unvergänglich... Und dennoch: Paulus fürchtet sich nicht! Er flüchtet sich nicht in Alkohol oder Schlaftabletten; er muß sein Leben nicht krampfhaft festhalten; er fühlt sich nicht zu jung. Er weiß um eine Zukunft hinter diesem Leben. Er weiß von Jesus Christus. Darum kann er sich lösen von dieser vergehenden Welt und ihren Sachen. Darum kann er - in aller Ruhe - Briefe schreiben und auch solche Sätze gelassen aussprechen: "Die Zeit ist kurz. Das Wesen dieser Welt vergeht." 

Liebe Gemeinde, die Zeit ist kurz. Noch ein paar Jahre? Monate nur? Bis heute abend? Wir wissen es nicht. Und darauf kommt es auch gar nicht an. Wichtig ist, daß wir uns lösen können und den Blick über diese Welt hinausbekommen. Denn dort liegt die Zukunft für uns, wann immer sie anbricht. Und sie heißt Jesus Christus. Von daher kommt es darauf an, daß die Zeit, die wir noch haben, erfüllte Zeit ist oder endlich wird: Erfüllt mit Liebe zu allen Menschen. Erfüllt mit Freude, die wir ausstrahlen und anderen machen. Erfüllt mit Hoffnung, die man uns ansieht und die wir bei anderen wecken. So nämlich wird bedeutungslos, wann die Zeit endet. So weicht die Angst. So geben wir Zeugnis, an wen wir glauben: Jesus Christus.

Und noch eins: Das ist nicht Weltflucht! Mit diesem Blick nach drüben verweigern wir nicht, das Unsere hier und heute zu tun. Im Gegenteil! Erst wer hinüberblickt und weiß, daß er allemal nicht tiefer fallen kann als in die Hände Gottes, erst der kann mutig und gelassen an die Probleme dieser Zeit gehen und möglicherweise schlimme Erwartungen abwenden und mit seinen Kräften - wenn Gott will - sogar retten und heilen. Die Zeit ist kurz. Aber die Zukunft unserer Welt und auch unseres kleinen Lebens gehört Gott. Vergessen wir das nicht. Prüfen wir unser Handeln und Denken vor dieser Aussicht. Verstehen wir endlich, was wir sind und haben, vor dem Hintergrund dieser Zukunft. Dann werden Mut und Kraft in uns sein und Furcht und Resignation weichen.