Predigt am 18. So. nach Trinitatis - 22.10.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Jak. 2, 1 - 13

Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist's recht, daß ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn liebhaben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2. Mose 20,13-14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Liebe Gemeinde!

"Haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person." Gewiß haben sie hier wie ich gedacht: Das ist doch kein Problem für uns! An dieser Stelle werden wir bestimmt nicht zu "Übertretern des Gesetzes"... Bei einigem Besinnen sind mir dann aber doch Zweifel gekommen und viele mögliche und schon erlebte Situationen eingefallen. Da wäre oder da war es nicht weit her mit der Gleichbehandlung, der Güte und Freundlichkeit gegenüber allen Menschen - ohne Rücksicht darauf, ob sie reich sind oder arm, angesehen oder verachtet, ehrenwertes Mitglied der Gemeinschaft und der Gemeinde oder mehr vom Rand der Gesellschaft...

Nein, wir würden keinem den "Platz zu unseren Füßen" anweisen. Das nicht. Wir würden die Unterschiede feiner machen, unauffälliger auch, aber für die "Armen" selbst nicht minder deutlich und unbarmherzig. Wobei wir noch dies sagen müssen: Die "Armen" bei uns werden sich äußerlich kaum von den Reichen unterscheiden. Im materiellen Sinn ist bei uns keiner arm, jedenfalls nicht so, daß wir's seiner Kleidung ansehen müßten. Aber was wir von einem Menschen halten, wie wir ihn achten und wahrnehmen - das macht ihn arm oder reich und das läßt uns barmherzig sein oder eben abweisend, freundlich oder verächtlich, liebevoll oder kaltherzig. Aber ganz konkret gesprochen, vielleicht würde das im Leben so aussehen:

Da ist ein guter Nachbar krank geworden und liegt im Krankenhaus. Wohlgemerkt der Nachbar, der die gute Stellung im Beruf hat, dessen Kinder wohlgeraten und dessen Rasen im Vorgarten gepflegt ist. Wir werden uns also erkundigen, wie es ihm geht. Vielleicht sprechen wir seine Frau an, wenn wir ihr begegnen, oder wir greifen zum Telefon und fragen nach. Mancher wird sogar einen persönlichen Besuch planen oder ein Grußkärtchen senden. - Alles ganz selbstverständlich soweit..., was ist dagegen zu sagen?

Nun, machen wir die Probe. Alles ist genau so: Der Nachbar ist im Krankenhaus... Nur, es handelt sich jetzt nicht mehr um einen "guten" Nachbarn, sondern um den, der schon so lange arbeitslos ist, von dem in der Straße die Gerüchte gehen, dessen Kinder ziemlich verwahrlost scheinen und bei dem auch der Garten ins Kraut schießt. Würden wir es hier auch so halten? Sprechen wir die Frau an? Schicken wir eine Karte? Gehen wir sogar selbst in die Klinik, um einen Besuch abzustatten? - Warum nur, wenn wir doch die Person nicht ansehen, verhalten wir uns hier so anders?

Eine andere Sache. Diesmal ein "Fall" aus unseren - sagen wir - gesellschaftlichen Beziehungen: Wir haben Geburtstag. Einen "runden", einen jedenfalls, bei dem auch der Herr Bürgermeister gratulieren kommt. Wie wird es uns da gehen, bevor dieser "hohe Besuch" erscheint? Da mögen unsere Freunde und Bekannten ihre herzlichsten und ehrlichsten Segenswünsche aussprechen, da mag uns mancher liebe Mensch die Hand geschüttelt und ein Geschenk überreicht haben, und die Kinder unserer Familie, vielleicht unsere Enkel haben doch so herzige Bilder für uns gemalt und so nette Sprüchlein aufgesagt... Solange der Bürgermeister nicht da war, solange er nicht ein paar Worte an uns gerichtet hat, war das alles nichts. Da kann der Herr Bürgermeister noch so stammeln und sein bißchen Text von seinem Zettel hinter dem Blumengebinde ablesen - sein Glückwunsch ist der wichtigste, der uns am meisten erhebt, der am Ende das Gelingen unseres Ehrentages ausmacht. Und wenn dann gar ein Reporter vom Tagblatt noch ein Bild von uns nimmt, mit dem Herrn Bürgermeister an unserer Seite...

Und noch ein Beispiel, diesmal sogar aus unserer Kirchengemeinde: Stellen wir uns vor, nur einen Augenblick, diese oder jener aus unserer Gemeinde, die wir hier seit vielen Jahren nicht gesehen haben, finge auf einmal an, den Gottesdienst zu besuchen. "Das wäre doch wunderbar!", meinen sie. Ja, das meine ich auch. Bloß, wenn das nun Menschen wären, von denen wir wissen oder annehmen, daß sie keine großen Glaubenslichter sind, ja, sie gelten vielleicht sogar als mit Schuld beladen und verstrickt in böse Machenschaften... Würden wir da auch noch sagen: "Wunderbar"? Oder würde uns das nicht eher aus der Ruhe bringen, ja, aufregen und stören und uns einigen Stoff für Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand liefern? - Aber warum ist das so? Wenn wir doch keine Rücksichten nehmen auf die Person, auf äußerliche Dinge, auf Gerede über die Menschen und ihr Ansehen bei den Leuten?

Es ist schon so: Auch wir sind befangen in einem Denken, Reden und Urteilen nach dem, was unser Auge sieht oder unser Ohr hört. Und wir halten nicht einmal den Glauben frei von diesem Werten, Schätzen und Einordnen nach äußeren Dingen.

Liebe Gemeinde, was führt uns denn hier in die Freiheit hinaus? Wer oder was hilft uns, diese Sicht der Menschen, dieses Reden und Denken über sie abzulegen?

"Hört zu, meine lieben Schwestern und Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn liebhaben?"

Mir fällt die arme Witwe ein, die nur ein kleine Münze in den Opferkasten legen konnte, und doch hat Jesus sie mehr gelobt als die Reichen, die vielleicht ein Tausendfaches gespendet haben (Mk. 12,41-44). Und mir fällt die Rede ein, die Jesus vom Berg vor dem einfachen Volk gehalten hat, in der er gleich zu Beginn sagt: "Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich." (Mt. 5,3) Und schließlich denke ich auch an den kleinen Zöllner Zachäus (Lk. 19,1-10), der zwar reich war an Geld und Gütern, aber doch bettelarm in seiner Seele, an Liebe und Freundschaft der Menschen.

"Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter."

Es ist nicht recht, unsere Mitmenschen nach dem äußeren Schein zu beurteilen. Und wir wissen das. Unser Herr hat uns da ein anderes Vorbild gegeben! Der Nachbar, dessen Stellung im Leben und in der Gemeinschaft nicht so blendend ist, hat unsere Zuwendung besonders nötig. Die Kinder und die "einfachen" Gratulanten beim Geburtstag sind uns mit ihrem Herzen gewiß näher als der Herr Bürgermeister. Und schließlich sollte die Freude über einen Sünder, der Buße tut, nicht nur im Himmel größer sein, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lk. 15,7) Und einen Grund dazu, uns besser zu dünken als diese, haben wir gewiß auch nicht, denn wir sind alle Sünder und ermangeln des Ruhms vor Gott! (Röm. 3,23)

"Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht." So schließen die Verse, über die wir heute nachgedacht haben. Ich sage ihnen ganz offen: Mir ist dieser Schluß zu schroff, zu gesetzlich und selbst zu unbarmherzig! Denn es ist gar nicht so einfach, aus diesem Denken, Dünken und Verhalten nach dem äußeren Schein herauszukommen. So ist es uns doch so nah, so vertraut und es ist doch auch viele Jahre und Jahrzehnte eingeübt. Darum habe ich einen anderen Gedanken für den Schluß dieser Predigt aufgehoben:

Liebe Gemeinde, das macht Freude, die Menschen nicht nach ihrem Wert, ihrer Geltung, ihrem Reichtum an Geist, Geld, Macht oder Ansehen einzustufen und zu behandeln. Immer wieder in meinem Leben, habe ich gerade mit den einfachen Leuten, mit denen, die nicht überzeugt von sich und ihrer Geltung waren, die schönsten Erfahrungen gemacht. Und sie werden mir jetzt sicher glauben, daß ich nicht den Spaß oder die Genugtuung meine, die in uns aufsteigen, wenn wir uns so richtig erhaben über andere fühlen können. Ich meine diese Freude, daß wir uns ohne Maske begegnen können, daß wir spüren und wissen, wir sind einander nah, wir haben einander nichts voraus, wir sind vielmehr einer wie der andere des Erbarmens unseres Herrn bedürftig und eine wie die andere mit diesem Erbarmen beschenkt.

Ja, ich glaube, hier liegt die eigentliche Freude für Menschen, die an Gott und seinen Christus glauben, daß sie nicht Unterschiede im Ansehen, in der Kleidung, dem Bankkonto machen und sie nicht eine bloß eingebildete religiöse Leistung, ihre Schuld oder ihre Würdigkeit zur Vergebung trennen. Und wo nichts trennt, da wächst Liebe, Gemeinschaft und eben die Freude zwischen uns.

Noch einmal: Ich habe oft schon erfahren, daß alle Schranken des Ansehens, der vermeintlichen Ehre und des äußeren Scheins zwischen Menschen gefallen sind. Wir können selbst sehr viel dazu beitragen, indem wir einem Denken und Verhalten nach dem äußerlichen Schein bei uns auf die Spur kommen und es nach Kräften abstellen. Ich wünsche ihnen gute Erfahrungen damit und die Freude an und mit den Menschen, die daraus entsteht.