Predigt am 13. So. nach Trinitatis - 17.9.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: 1. Mose 4, 1 - 16a

Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, daß mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Liebe Gemeinde,

welche Empfindungen weckt diese Geschichte bei ihnen? Bei mir sind es sehr unterschiedliche Gefühle und überwiegend leider schlechte! Zuerst kann ich nicht verstehen, warum Gott das Opfer des Kain nicht auch gnädig ansehen kann; was hat Kain denn nur getan? Daß der nun seinen Bruder totschlägt, macht mich unendlich traurig, aber auch zornig! Das ist ungeheuerlich! Soweit kann und darf es niemals kommen - schon gar nicht zwischen Brüdern, den Kindern einer Mutter!

Wenn sich Kain nun aber auch noch dumm stellt, dann packt mich die Wut! Damit kann er doch vor Gott nicht durchkommen! Und darum empfinde ich Genugtuung, wenn Gott diesen Mörder nun verflucht und ihm ein schweres, arbeitsreiches Leben verheißt. Schließlich packt mich die Verachtung, daß Kain nun um Gnade winselt: "Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie tragen könnte." Das hätte er sich vorher überlegen müssen, nicht wahr!? Verwundert, ja empört bin ich am Ende, wenn Gott sich vor den Brudermörder stellt, ihn "siebenfältig rächen" will und ein Zeichen an ihm macht, daß ihm - der den eigenen Bruder nicht schonte! - keiner etwas zuleide tut.

Ich bin bei alledem ganz sicher, daß sie das meiste von meinen Empfindungen nachfühlen können. Wie gehen wir aber damit um? Kann die Geschichte nicht auch etwas anderes auslösen als Ärger, Wut, Zorn und böse Gedanken?

Ich glaube, alles hängt daran, ob wir bereit sind, die Geschichte auch einmal von der anderen Seite her zu sehen. Denn was haben wir völlig selbstredend getan? Wir haben uns gegen Kain gestellt, haben vielleicht gedacht, wie dem Abel geht es in dieser Welt vielen, vielleicht haben wir sogar uns selbst in seiner Rolle gesehen? Und dann haben wir von Gott selbstverständlich Vergeltung gefordert und Strafe für den, der das Blut seines Bruders vergossen hat. - Aber daß wir vielleicht Ähnlichkeit mit Kain haben könnten, das haben wir nicht gedacht!

Aber könnten wir nicht auch ein wenig die Züge eines Kain tragen? - "Wir sind doch keine Mörder und Verbrecher!", meinen sie? Andererseits wissen wir doch, daß die Bibel ein sehr drastisches Buch ist. Uns ist ja auch noch keine sprechende Schlange begegnet, die uns dazu bewegen wollte, gegen Gottes Gebot zu verstoßen. Deswegen sind wir aber doch verführbar und oft genug im Leben den Einflüsterungen des Bösen schon erlegen. Und keine und keiner von uns wird wohl je aus dem Trog der Schweine gegessen haben, und doch haben wir uns alle schon so weit weg von Gott gefühlt, wie der verlorene Sohn und doch ahnen wir, daß wir alle einmal so sprechen müssen wie er: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!"

Vielleicht - auch wenn wir gewiß keine Mörder sind - liegt unsere "Verwandtschaft" mit Kain darin: Daß wir schon gespürt haben, daß Gott unser "Opfer" auch nicht gnädig angesehen hat. Vielleicht haben auch wir schon sehr schmerzhaft empfunden, daß wir Gott gefallen wollten mit unserem Tun, unserer Leistung oder mit dem, worauf wir "für ihn" verzichtet haben - aber er hat es nicht gewollt und schon gar nicht angemessen gewürdigt! Er hat uns nach ganz anderen Dingen gefragt, etwa nach unserer Liebe zu ihm und den Menschen, unserer Treue zu dem, was wir versprochen haben, nach unserer Festigkeit im Glauben an seine Güte und der Wahrhaftigkeit dessen, was unsere Lippen bekennen.

Und vielleicht war dann auch das bei uns so, wie bei Kain, daß wir nämlich ergrimmt sind darüber, daß Gott einfach nicht haben will, was wir ihm doch geben möchten? Daß er sich unser nämlich erbarmen will, uns beschenken will und nicht darum gnädig ist, weil wir irgendetwas leisten und ihm Opfer darbringen?

Und ich will noch weiter gehen: War nicht auch das bei uns so, wie bei Kain, daß wir dann insgeheim oder ganz offen zornig geworden sind über unsere Brüder und Schwestern, die mit Gott mehr im Reinen, von ihm sichtlich begünstigt und wie wir glaubten, mehr geliebt sind? Wie gesagt, wir haben sie nicht totgeschlagen deshalb, aber mit Gott gehadert haben wir, und uns abgewandt von den anderen, lange Zeit oder bis heute geschwiegen haben wir und keinen Versuch mehr unternommen, den Kontakt wieder aufzunehmen und keine Gelegenheit gegeben, mit uns wieder in Beziehung zu kommen.

Aber mal ganz praktisch: Wer hat sich noch nicht darüber geärgert, daß der Nachbar, die Kollegin oder der Vereinskamerad immer solch ein Glück hat, daß ihm alles gerät und es das Schicksal mit ihnen so ganz offensichtlich viel besser meint als mit uns? Und wer könnte wirklich behaupten, daß er diesen Ärger dann noch nie an diesen Mitmenschen ausgelassen hat? Vielleicht hat man ihnen bei passender Gelegenheit einmal eine ausgewischt. Oder man hat schlecht über sie geredet oder sonst an ihrem Lack gekratzt. Sehr beliebt ist es auch, sie links liegen zu lassen, nicht oder nur das nötigste mit ihnen zu reden, daß sie so richtig spüren müssen, wie schlimm wir sie finden... Aber was finden wir eigentlich schlimm an ihnen? Ist es nicht Gott, der sie - wenn es überhaupt stimmt! - gnädiger ansieht als uns? Ist es nicht sein Erbarmen, das sie - wie wir oft auch nur glauben! - besser wegkommen läßt als uns?

Liebe Gemeinde, vielleicht konnten sie ja bis jetzt mitdenken und mitgehen? Von hierher jedenfalls ist es nun zu auch guten Gefühlen und Gedanken vor dieser Geschichte gar nicht mehr so weit:

Ist das nicht doch auch sehr tröstlich, wenn wir hören, daß Gott den Kain schützen will, daß niemand ihm das zurückzahlt, was er seinem Bruder angetan hat? Könnte uns das nicht Mut, ja Freude daran machen, nun endlich auch den anderen Menschen nicht mehr vorzuhalten, wenn sie ein besseres, glücklicheres Leben haben, als es uns beschert ist? Ob wir nicht auch von daher unser eigenes Tun und Denken durchschauen könnten, daß wir ja im Grunde nur neidisch sind auf die Gunst Gottes, die er anderen in reicherem Maße schenkt - wie wir meinen. Und ob wir nicht sogar wieder Schritte auf die Mitmenschen zugehen könnten, die uns doch eigentlich überhaupt nichts getan haben, ja, die doch für die Liebe Gottes und die Geschenke, die er ihnen gibt, gar nichts können. Und noch ein bißchen weiter kämen wir, wenn wir dann begreifen, daß wir einfach immer von einer falschen Vorstellung ausgegangen sind: So als müßten wir bei Gott um Anerkennung und Zuwendung buhlen, als ginge es um die Mühe, die wir uns machen, um die religiösen Leistungen, die wir erbringen und um die Werke oder die Zeit, die wir für Gott und seine Sache erübrigen.

Ganz sicher bin ich, daß wir über diesem Nachdenken und vielleicht Begreifen auch noch zu einer ganz unerwarteten Entdeckung kommen: Daß wir nämlich gar nicht so schlecht abschneiden, wenn wir uns und die Gaben, die Gott uns schenkt, an anderen messen. Oft - ich glaube, meistens! - entspringt es nur unserer (mißgünstigen und falschen) Meinung, die anderen hätten so viel mehr, und wären so viel begnadeter und ihr Geschick so viel besser. Warum suchen wir uns nicht auch einmal solche Menschen aus, um uns mit ihnen zu vergleichen, die ganz offensichtlich weniger haben als wir, in deren Leben ein Schicksalsschlag den anderen jagt und die wirklich sehr viel Leid und Dunkel in ihren Tagen haben? Müßten wir da nicht zu einem anderen Urteil kommen, vielleicht zu diesem: Was haben diese Menschen eigentlich Böses getan oder was zeichnet mich ihnen gegenüber so aus, daß es mir so gut geht?

Am besten aber wäre es, wir würden endlich dieses Denken ganz ablegen: Als wollte Gott von uns Mühe, Werke, Leistung... Gott möchte sich aller Menschen erbarmen, eines Kain genauso wie eines Abel, derer, die wir für zu gut weggekommen halten und derer, die wir immer gern vergessen, weil sie vermeintlich von Gott vergessen sind - und unser will Gott auch barmherzig sein!

Es bleibt ein Rätsel, warum Gott dem einen gnädig, dem anderen weniger gnädig erscheint. Es ist aber seit Kains und Abels Tagen kein Rätsel für uns, daß Gott sich nicht durch Taten und Mühe beeindrucken läßt, sondern sich aller Menschen erbarmen will.

Selbst einem Kain gegenüber läßt Gott noch Gnade vor Recht ergehen. Selbst uns gegenüber, die doch immer wieder auf Werke und Leistung weisen und vertrauen wollen, erbarmt sich Gott.

Warum wollen wir nicht endlich dieses schon seit Kain überholte Denken ablegen? Warum freuen wir uns nicht, daß Gott nicht so ist, wie wir immer meinten, sondern gnädig, barmherzig, gütig...? Auch gegen uns!