Predigt am 12. So. nach Trinitatis - 10.9.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Apg. 3, 1 - 10

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde,

ich mußte bei dieser Geschichte sofort an unsere Kirchengemeinde denken. Der Vergleich mag sich ein bißchen hochtrabend anhören, aber in unserer Gemeinde haben wir doch auch schon oft Dinge erlebt, wie sie diese Verse beschreiben. Ja, es sind gleich einige Züge dieser Geschichte, mit denen wir auch im Leben unserer Gemeinde immer wieder einmal gute Erfahrungen machen durften:

Der Mann, der in unserer Geschichte heil wird, ist lahm von Mutterleib an. Täglich wird er zum Betteln an den Tempel gesetzt. Allein auf sich gestellt, könnte er sich nicht helfen und nicht durchs Leben bringen. - Nun, wirklich lahm sind vielleicht nicht viele bei uns. Aber es ist doch eine Tatsache, daß in unserer Kirchengemeinde viele Menschen leben und dazugehören, die vom Schicksal recht hart rangenommen wurden, deren Lebensumstände schwierig sind, die schon sehr schwere Zeiten hatten oder haben und die darum mindestens an seelischen Bürden tragen. Und dafür ist eine Christengemeinde ja auch besonders zuständig. So kann man einige von uns wohl durchaus "gelähmt" nennen, was ihre derzeitigen Möglichkeiten angeht, zu lachen, sich von bösen Bildern der Vergangenheit zu befreien, auf andere einzugehen und echte Lebensfreude zu empfinden. - Das ist einmal das erste.

Das zweite ist: Mit Silber und Gold können wir in unserer Gemeinde auch niemandem helfen, höchstens einmal übergangsweise - aber eben mit dem Wort dieses Jesus Christus von Nazareth! Das geht nun sicher nicht so, daß wir den Menschen Bibelsprüche um die Ohren schlagen oder daß wir es überhaupt nur beim Verkündigen, Predigen und Erzählen von diesem Jesus belassen. Es ist vielmehr der gute Geist, der in unserer Gemeinde herrscht. Es ist die Atmosphäre der Geborgenheit, das Gefühl, wir gehören zusammen. Es ist das Wissen, das jeder haben darf und hoffentlich hat: Hier bin ich gut aufgenommen. Hier bin ich ein unverzichtbarer Teil des Ganzen und werde gehört. Hier meint man es gut mit mir. Und das hat auch schon immer wieder vielen Menschen aus unserer Gemeinde geholfen. Und dieser Hilfe zum Leben soll im Grunde alles in der Gemeinde dienen. Auch die Predigt, auch die Verkündigung, die wir manchmal ja als die Hauptsache ansehen. Aber sie soll selbst immer nur zu dem einen führen: Daß Menschen geholfen wird, ihr Leben erfüllt, fröhlich und sinnvoll zu leben. Und ich glaube, heute sind auch Menschen hier, die solche Hilfe zum Leben in der Gemeinde schon erfahren haben, Menschen die - um mit der Geschichte zu reden - heil geworden sind:

Der eine ist vielleicht in der Mitarbeit beim Seniorennachmittag frei geworden von der Meinung, er wäre doch nicht wichtig. Eine andere hat im Frauenabend gespürt, wie gern man ihren Rat hört. Ein dritter konnte im Bibelkreis seine Geschichte erzählen und sie liegt ihm jetzt nicht mehr so schwer auf der Schulter. Und eine vierte durfte in der Leitung der Kindergruppe ihr Gefühl ablegen, sie wäre unansehnlich. Und noch so manches andere ist schon in unserer Gemeinde geschehen, was ich nur "Heilung" nennen kann. - Das ist das zweite.

Und das dritte ist dies: Nicht Jesus selbst tut die Wunder der Heilung! Menschen werden beauftragt. Menschen handeln in seinem Namen. Menschen bekommen soviel Macht und so viele gute Gaben, wie sie brauchen, um zu vollbringen, daß andere heil werden. In der biblischen Geschichte sind es Petrus und Johannes, die den Lahmen gesund machen. In einer Gemeinde sind es alle, die sich in Jesu Namen zur Gemeinschaft, zu gegenseitigem Dienst und Hilfe zusammentun. Dabei ist mal der eine Ohr und die andere darf reden, mal diese Helferin und jenem wird geholfen. Und beim nächsten Mal ist es umgekehrt. Wunderbar aber ist, daß der Herr, nach dem wir heißen, Menschen soviel von seiner guten Kraft anvertraut!

Aber es gibt noch weitere Züge der Erzählung, die mit unseren Erfahrungen in der Gemeinde zu tun haben: Wie ist das hier in der Geschichte? Kaum daß der Lahme laufen und springen kann geht er mit den beiden Aposteln in den Tempel, um Gott zu loben! Auch das haben wir doch schon erlebt! Und nicht nur hin und wieder! Immer neu bekommen Menschen, die vielleicht gar nicht so gläubig oder kirchlich waren, einen guten Anstoß, daß sie den Kontakt zu Gott, das Gebet zu ihm und das Leben mit ihm neu oder erstmals aufnehmen. Und sie werden fröhlich darüber und gewiß dankbar! Das kann im Gottesdienst sein. Das geschieht im Frauenkreis und schon in der Jungschar. Und das kann geschehen, wenn wir uns als Christen gegenseitig besuchen. Wenn wir uns selbst dabei nur genügend zurücknehmen und mit unseren Worten und Taten nur Hinweis und Wegweiser sein wollen. Dann geschieht es immer wieder, daß die Suche nach Sinn und nach erfülltem Leben in Gott ihr Ziel findet. - Es ist schon wunderbar, das zu erleben und in der Gemeinde daran mitwirken zu dürfen!

Und noch ein wichtiger Gedanke - sicher noch lange nicht der letzte! - der diese Geschichte von Petrus und Johannes und unsere Kirchengemeinde verbindet: Was mag denn der Lahme gemacht haben, nachdem er nun gesund geworden war? Sicher hat er nicht weiter bettelnd an der Tempeltür gehockt. Ganz gewiß wird er mit den Gaben, die jetzt auf so wunderbare Weise von der Lähmung befreit waren, denen zu Diensten gewesen sein, die noch gebunden und belastet lebten. Und genauso werden auch wir, wenn wir in der Gemeinde Befreiung und Hilfe erfahren haben, sicher nichts von dem vergessen, was wir als heilsam, befreiend und vielleicht gar als kleines Wunder erleben durften. Wir werden uns und unsere Kraft denen schenken, die sie brauchen, weil wir selbst zuvor ja auch die Hilfe anderer erfahren haben.

Liebe Gemeinde!

Nun habe ich heute einmal von der Geschichte des Petrus und Johannes eine Brücke zu uns und unserer Gemeinde geschlagen. Sie könnten jetzt denken, daß ich sie alle zum Mitmachen in unserer Kirche einladen will. - Und das will ich auch! Aber ich glaube wirklich fest, es ist auch in unserem Gemeindeleben möglich, daß Wunder geschehen, Menschen von dem gelöst werden, was sie jahrelang gequält hat und sie freikommen und ihr Leben ganz neu entdecken. Es ist doch so: In unserer Gemeinde finden sich viele Menschen zusammen, deren Leben bis heute nicht so leicht und glatt verlaufen ist, die an ihrem Schicksal schwer zu tragen haben und an manchem Gebrechen und mancher seelischen oder auch körperlichen Krankheit leiden. Da ist es doch eine wirklich wunderbare Sache, jetzt in dieser Geschichte zu hören: Auch in der Gemeinde gibt es im Namen Jesu Christi Hilfe! Und diese Hilfe dürfen wir uns alle gegenseitig schenken, annehmen und dann weiterreichen. Und das allerschönste ist doch, wenn dieses Helfen und Geholfen-bekommen am Ende zu einem Lobpreis Gottes wird und zum fröhlichen Zeugnis für ihn und zur Mitarbeit in seiner Gemeinde!

Ja, dazu lade ich sie alle herzlich ein. Ob im Seniorennachmittag, ob als Mitarbeiterin und Mitarbeiter in anderen Kreisen unserer Gemeinde, ob als Teilnehmerin und Teilnehmer an Bibelkreis oder Frauenabend... Uns ist von unserem Herrn viel anvertraut! Nicht Gold und Silber - das brauchen wir ja auch nicht so sehr. Aber Glauben z.B., Vertrauen in Gott, gute Erfahrungen, schöne Ideen zur Gestaltung, Engagement für dies und das, und sogar Lust, es damit endlich einmal zu versuchen... Tun wir's Petrus und Johannes gleich:

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Wir haben alle schon solche Erfahrungen in unserer Gemeinde machen dürfen. Ich wünsche uns, daß wir sie dankbar empfangen und fröhlich weitergeben an andere, die sie für ihr Leben dringend brauchen.