Predigt am 10. So. nach Trinitatis - 27.8.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

(Durch eine Email habe ich erfahren, daß in Baden am 10. So. n. Trin. ein anderer Text vorgesehen ist als in Hessen. Bei uns in der EKHN ist der dort vorgeschlagene Jesajatext am Reformationsfest dran. Unter http://www.predigt-eichendorf.de/Texte/DBArchiv04/44610_sontrinBaden.html
stehen zwei Predigten über den Jesajatext, eine überall und von jedem verwendbar, die zweite mehr persönlich und daher anpassungsbedürftig!)

Textlesung: Röm. 9, 1 - 5.31 - 10,4

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für sie, daß sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, daß sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.

Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

 

Liebe Gemeinde!

Zwar ist heute Israelsonntag und die Worte des Paulus sprechen über das Volk, dem auch er entstammt, aber ich glaube, es tut uns gut, heute bei uns zu bleiben und uns selbst und unseren Glauben an dem zu überprüfen, was Paulus sagt. Denn in dem Spiegel, der hier Israel vorgehalten wird, können wir auch unser Gesicht sehen. Was den Juden vorgeworfen wird, ist auch unter uns Christen verbreitet - bis heute. Was sind das für Vorwürfe?

"Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht", sagt Paulus. Da muß ich an so viele Menschen unserer Tage denken, die sich Christen nennen, die doch die Mitte und den innersten Kern unseres Glaubens nie verstanden haben. Sicher trachten sie in unserer Zeit nicht wissentlich nach dem "Gesetz der Gerechtigkeit"! Aber man kann das ja tun, ohne es so zu nennen und sogar, ohne daß man es merkt!

Unsere Sprache etwa verrät dieses "Trachten nach Gerechtigkeit": "Herr Pfarrer, mich sehen sie zwar nicht so oft in ihrer Kirche, aber ich bete morgens und abends und ich habe die Bibel schon zweimal von vorne bis hinten durchgelesen", so meinte einmal ein Mann aus der Gemeinde. Wenn wir da ganz genau hinhören, müssen wir sagen: Dieser Mann sucht "Gerechtigkeit vor Gott" darin, daß er betet und Bibel liest. Daß Gott ihn annimmt, daß Gott ihm seine Liebe schenkt, seine Fürsorge und Treue, scheint für ihn darin seinen Grund zu haben, daß er ja auch morgens und abends die Hände faltet und immer einmal die Heilige Schrift aufschlägt.

Ein zweites Beispiel - sozusagen von der anderen Seite: "Ich weiß", so hat einmal eine ältere Frau gesprochen, "Gott schickt mir jetzt so viel Leid, weil ich mein Leben lang keine Zeit für ihn hatte. Zuerst die Arbeit mit den Kindern, da konnte ich es einfach nicht schaffen, mal zum Gottesdienst zu gehen. Später dann das große Haus und der Garten. Ich war immer beschäftigt und hatte keine freie Minute für Besinnung und Andacht. Und das Beten - irgendwie habe ich das auch verlernt in diesen Jahren. Ja und heute muß ich nun dafür büßen! Meinen Mann habe ich so früh verloren. Die Kinder haben ihr eigenes Leben, ich bin viel allein. Und krank bin ich auch und manchmal wünsche ich mir, es wäre endlich vorbei...mit mir und diesem Elend!" Diese Frau denkt, sie würde bestraft für ihre Taten, ihre Versäumnisse in jüngeren Jahren. Wenn man sie hört, möchte man glauben, Gott sehe nur unser Wohlverhalten an und belohnte uns, wenn wir tun, was er will und schickte uns Leid und Krankheit, wenn wir seinem Willen nicht nachkommen.

Liebe Gemeinde, der Mann und diese Frau stehen für ein Verhältnis zu Gott, das "die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken".

Aber bevor wir uns jetzt einbilden, da wären wir doch ganz andere Leute... Es gibt noch andere Hinweise darauf, daß Christen dem Denken anhängen, Gott belohne unser gutes Tun und er bestrafe uns, wenn wir ihm die sichtbaren Glaubensfrüchte verweigern. Und da könnte dem einen oder der anderen unter uns jetzt vielleicht aufgehen, daß wir auch nicht frei sind von diesem gesetzlichen Denken!

Wie war das bei uns, als wir vielleicht vor Jahren - nach längerer Pause - wieder häufiger den Weg zu unserer Kirche gegangen sind? War da kein Gedanke beteiligt, daß es für uns doch auch langsam wieder Zeit würde, den Kontakt mit Gottes Kirche, seinem Wort und seiner Gemeinde zu suchen?

Oder warum denken wir in letzter Zeit so viel darüber nach, ob wir mit Gott eigentlich im Reinen sind, ob uns nicht manches an Wissen über seine Sache, an Frömmigkeit oder einfach Praxis im Glauben fehlen könnte? Ob sich da nicht auch zeigt, daß wir die Beziehung zu Gott, den Glauben und das Christsein immer zuerst mit "etwas tun" und mit "etwas leisten" verbinden?

Und noch einen Bereich unseres Lebens will ich uns vor Augen stellen, in dem wir sicher zuletzt einen Hinweis darauf vermutet hätten, daß wir gesetzlich denken und unsere Gerechtigkeit aus den Werken suchen: Wie haben wir neulich gesprochen? "Ich habe im Augenblick wenig Zeit für Gemeinde und Gottesdienst!" - Ich glaube, es ist uns dabei entgangen, daß wir damit etwa unsere Arbeit in der Firma, unsere beruflichen oder sonstigen Aktivitäten auf eine Stufe mit dem gestellt haben, was bei uns doch Äußerung des Glaubens ist und mit Leistung, Werk und Tun gar nichts zu schaffen hat! - Es hat uns allerdings gewiß auch keiner darauf aufmerksam gemacht, daß wir geradezu so getan haben, als könnten wir bei der vielen anderen Beschäftigung die Zeit für die "Arbeit im Glauben" nicht aufbringen. Und schon gar keiner wird uns gesagt haben, daß unser Beruf schließlich ein Muß und eine Leistung ist, für die wir bezahlt werden, unser Glaube aber ein Geschenk und eine Hilfe zum Leben, die doch rein gar nichts kostet, für die wir daher immer - wenigstens ein Stündchen in der Woche - erübrigen können. Wer wird denn heute nach diesem Gottesdienst zum Beispiel nach Hause gehen in dem Gefühl, er hätte hier wunder was gearbeitet und geleistet? Das wäre jedenfalls traurig. - Und trotzdem reden wir immer wieder so, als wäre unser Glaube an Gott nur Last und Aufgabe, nicht Entlastung, Hilfe und Gabe Gottes! Und damit tun eben auch wir so, als hinge unsere "Gerechtigkeit", also daß Gott uns liebt, uns vergibt und uns treu ist, daran, daß wir eine Arbeit, eine Leistung, irgendwelche Werke erbringen. - Und da sind wir bei der anderen Seite - woran hängt sie denn aber, unsere "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt"?

Paulus gibt die Antwort: Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht. Und irgendwie meinen wir doch jetzt, wir hätten das schon immer gewußt! Und so ist es auch. Mir scheint das so, als würde diese Wahrheit ähnlich wie ein schöner Konfirmationsspruch unser Leben begleiten. Aber wie bei einem solchen Spruch, müssen wir auch auf diese Wahrheit hören, ihr vertrauen und unseren Glauben auf sie setzen! Sonst kann sie nicht wirksam werden. Buchstabieren wir diese Wahrheit einmal vor dieser Frage durch: Woran hängt unsere Gerechtigkeit?

An "Christus", so hören wir. Er hat uns gezeigt, daß Gesetz und Gesetzlichkeit dem Menschen nicht dient, sondern nur die Liebe. Das Gesetz führt - das haben wir an Jesu Ende am Kreuz gesehen - zum Tod. Die Liebe Gottes aber - das wissen wir seit Ostern - macht lebendig!

"Wer an ihn glaubt", so geht es weiter, "der ist gerecht". Hier wird der Glaube mehr als ein Ja zu einer Frage, mehr als die Antwort auf: "Bedeutet dir dieser Jesus etwas?" Glauben heißt jetzt: Willst du die Lebensart dieses Jesus Christus annehmen. Willst du darauf verzichten, jeden Tag und immer wieder Gott gefallen zu wollen mit dem was du denkst, sprichst und tust. Willst du endlich aufgeben, damit seine Liebe, sein Wohlwollen zu verdienen oder Strafe damit von dir abzuwenden. Seine Lebensart annehmen, das heißt auch, Gottes Gaben in unserem Leben wieder größer zu sehen, von Gottes Hand in den Mund leben, gewahr werden, daß wir ja eigentlich gar nichts uns selbst verdanken, vielmehr alles von Gott haben. Darum können wir auch ganz gelassen sein oder werden, denn wenn Gott bis heute so überaus gütig für uns gesorgt hat, warum soll er denn nicht auch in aller Zukunft für uns sorgen? Und schließlich wird Christi Lebensart bei uns am Ende doch auch nach außen wirksam, zu sehen, zu erleben und zu spüren sein. Denn wer an ihn glaubt, wer durch ihn gerecht geworden ist, der wird ein neuer, ein anderer Mensch. Ein solcher neuer Mensch kann dann auch all das tun, was wir oft getan haben, weil wir meinten, Gott damit für uns einzunehmen. Einen solchen anderen Menschen werden wir wohl auch beim Kirchgang, bei der Bibellese oder bei der Morgenandacht sehen. Und er wird sich ganz gewiß um Liebe zu seinen Mitmenschen und um Treue und Verläßlichkeit in allen Dingen bemühen. Aber ein solcher Mensch tut das alles nicht mehr, um etwas bei Gott zu erreichen, sondern weil er durch Jesus Christus bei Gott schon alles erreicht hat. Wer schon mit allem beschenkt ist, dem bleibt ja nichts mehr zu verdienen - nur zu danken! So wird also unser Tun aus Glauben und Gerechtigkeit immer nur Dank sein. "Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht."

Wie gesagt: Irgendwie wußten wir das schon immer! Aber - wie einen Konfirmationsvers - vergißt man das auch leicht im Fluge der Jahre. Wir sollten es aber nicht vergessen, denn es liegt viel daran, ja, für uns alles, denn wir sind Christen!

Wenn uns demnächst die eigene Sprache wieder verrät, daß wir im Grunde gesetzlich denken, so als müßten wir Gott besänftigen, für uns einnehmen, günstig stimmen oder von seinem Zorn gegen uns abbringen, dann wollen wir uns erinnern: "Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht." Und dann wollen wir auf Gottes Güte über uns schauen, über all seine Gaben an uns staunen und still und dankbar werden und bleiben.