Predigt am 9. So. nach Trinitatis - 20.8.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Liebe Gemeinde!
Sie kennen das Sprichwort: Schuster bleib bei deinem Leisten!? Und dieses Wort hat ja wohl auch seine Richtigkeit. Man soll sich lieber nicht an Dinge wagen, die einem zu hoch sind. Wie heißt es in einem Schlagertext: "Steige niemals auf ein Pferd, wenn du vom Reiten nichts verstehst..."

Aber solche Ratschläge haben auch eine andere, schlechte Seite: Wer immer bei dem bleibt, was er gelernt hat, kommt auch nicht weiter. Wer immer um das schon Bekannte kreist, entwickelt sich nicht mehr. Wer nicht auch einmal auf ein Pferd steigt, wird nicht Reiten lernen.

"Schuster, bleib bei deinem Leisten", wenn das Motto unserer Gemeinde wäre, könnten wir einpacken. Entwicklung, Wachstum und Leben innerhalb der Kirche gibt es nur, wo Menschen Aufgaben angehen und Verantwortung übernehmen - wo sie sozusagen den "alten Leisten verlassen" - wo sie Neues wagen.
Da gibt es freilich viele Widerstände - auch in unserer Gemeinde! Wir haben ja unsere festen Vorstellungen, wer was machen darf und wer auf welchen Platz gehört: Frauen mit erwachsenen Kindern in den Frauenverein. Junge Menschen in die Kinder- und Jugendkreise, gestandene Männer in den Kirchenvorstand, besonders fromme Leute in den Bibelkreis...Und es scheint doch so, als liefe alles bestens mit dieser Einteilung, dieser Rollenzuweisung. - Ja, es scheint so, wenn nur die vielen nicht wären, die außen stehen, untätig (nicht uninteressiert!), weil sie ihren Platz in der Gemeinde nicht finden, weil sie sich nichts zutrauen und weil unser Rollendenken ihnen jeglichen Schneid nimmt: Wie schwer wird es z.B. dem jungen Mann werden, seinen Interessen an biblischen Fragen zu folgen und in den Bibelkreis der Gemeinde zu gehen. Dort verkehren ja, wie jeder zu wissen glaubt, nur besonders fromme Menschen, die an Gottesdienst und Predigt "nicht genug kriegen"... Oder: Wie soll die 30jährige in den Frauenabend finden, weiß doch jeder, daß hier nur ältere Frauen verkehren...dürfen...

In einer Gemeinde unserer Kirche konnte man vor einiger Zeit sehen, daß es auch anders geht. Hinreißend, mitreißend anders! Dort leitet eine 60jährige Frau einen Kinderkreis. Es ist der lebendigste Kinderkreis, den wir uns vorstellen können! Zwei Mädchen aus diesem Kreis haben erzählt, sie freuen sich die ganze Woche über auf den Nachmittag mit dieser Frau, die doch auf den ersten Blick viel zu alt ist für die Leitung einer Kinderstunde!: Keiner kann so toll werken, töpfern, spielen, basteln, haben sie gesagt. Keiner hat so ausgefallene Ideen, keiner läßt sie so "selbst machen" wie sie und keiner kann so gut zuhören... Als diese Frau vor Jahren anfing mit dem Kinderkreis, hätte sie von einem solchen Erfolg nicht zu träumen gewagt. Auch sie hat davon erzählt, wie alles anfing: Sie glaubte zuerst, das kann ich nie. Gewiß, sie hatte einmal künstlerisch gearbeitet, auch eigne Kinder gehabt - aber das war nun doch schon 30, 40 Jahre her. Das war ja schon bald nicht mehr wahr! Und dann hatte sie sich auch gefragt: Wer würde denn von den Kindern mit einer "Oma" arbeiten wollen? "Der Zug ist abgefahren! Ich bin zu alt", so dachte sie. Hätte ihr nicht ein Mitarbeiter der Gemeinde den herrlichen Raum für die Kinderstunde gezeigt, der meist leerstand, hätte nicht ein Mädchen aus der Nachbarschaft gedrängelt... Die Frau wäre heute um eine beglückende Erfahrung ärmer. Und die Gemeinde auch. Und wenn da auch immer wieder Leute aus der Kirchengemeinde über die "jugendbewegte Alte" reden und spotten, die sich mit Kindern am Lagerfeuer ein Würstchen brät - was soll's? Vielleicht reden solche Spötter in Wahrheit ja von der eigenen Angst - über ihren Schatten zu springen, ihren "alten Leisten" aufzugeben, Neues zu versuchen...

Das ist nur ein Beispiel. Aber diese Ängste sind häufig und vielfältig: Da ist die Hausfrau, die sich keine verantwortliche Aufgabe zutraut. Da ist der Arbeiter, der im Bibelkreis gewiß nicht wagte, den Mund aufzumachen, weil er's halt nicht so sagen kann. Da ist einer, der mit den eigenen Problemen zu tun hat und sich nicht mehr auf andere einlassen kann, weil er fürchtet, ihnen lästig zu fallen.

Wie viele gute Ansätze in unserer Gemeinde mögen so einen frühen Tod sterben, noch bevor sie zu leben beginnen. Immer wieder heißt es doch: Dazu bin ich zu alt, zu krank, zu jung, zu angespannt, zu ungeübt... Ich bin doch nur Laie, nur eine Frau... Und wie viele gute Erfahrungen für die Gemeindeglieder, für sie und uns alle, werden da doch vorschnell vereitelt - durch die Angst: "Was werden wohl die Leute dazu sagen, was wird wohl geredet, wenn ich als Alter mich um Kinder kümmere, wenn ich als Hausfrau mich um fremde Sorgen schere, wenn ich als junger Mensch in der Altenbetreuung mitarbeite..." Denn wir haben alle Angst vor Sätzen, die uns in die angestammten Rollen zurückverweisen: "Was will nun ausgerechnet der da? Auf die haben die sicher gerade gewartet! Hat der das denn überhaupt gelernt!? Die hat wohl nichts besseres zu tun!?"

Das sind unsere Ängste. Auch in unserer Gemeinde. Wie bewundern wir da die anderen, die großen Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, Albert Schweitzer, Mutter Teresa... Was haben die aufgebaut, wie waren die mutig und unerschrocken. Und wie beharrlich sind die um der Sache Christi willen bei ihrer Aufgabe geblieben - wir könnten das nie! Und erst die alten Propheten: Amos, Jesaja, Jeremia... Haben den Leuten angekündigt und ausgerichtet, daß sie ins Verderben gehen, daß sie verschleppt und vernichtet werden, haben ihnen das Unheil gepredigt! Was für ein Auftrag! Welcher Mut, denn wer hat das hören wollen?

Liebe Gemeinde, ob all diese Leute nicht auch mit ihren Ängsten und Schwächen zu kämpfen hatten? Hören wir auf den Predigttext zum heutigen Sonntag:

Textlesung: Jer. 1, 4 - 10

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Ob uns das Beispiel Jeremias nicht über die eigenen Ängste hinausbringen will - und kann?! Er möchte sich selbst und Gott davon überzeugen, daß er doch nicht der rechte Mann für die Aufgabe ist, die Gott für ihn hat: "Ich bin zu jung. Ich kann das nicht! Suche dir einen andern."

Gott aber kennt Jeremia besser, als der sich selbst. Von Mutterleib an, ja, noch ehe er geboren war, ist das sein Auftrag gewesen: Prophet zu sein, zu predigen! Wie kann er also sagen: Ich kann das nicht? Will er Gott Lügen strafen, der ihn doch gemacht und ihm diese Aufgabe gegeben hat?

Liebe Gemeinde, sind Jeremias Ausflüchte nicht auch unsere? - Was ist dein Auftrag? Was möchte Gott von dir? Darfst du dem, der dich kennt - besser als jeder Mensch - sagen: Ich kann das nicht, ich bin zu alt, zu unerfahren, zu beschäftigt...? Dürfen wir Gott vorhalten: "Was werden die Leute sagen, wie werden sie über mich tratschen und mit Fingern auf mich zeigen?"

Was hat Jeremia denn Mut gemacht, über seine Angst hinauszuwachsen? Ob es wohl das war: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir, spricht der Herr? Ob uns das auch Mut machen kann? Fürchte dich nicht... Gott ist dabei, wenn wir vorwärts gehen. Er ist dabei, wenn wir den "alten Leisten" endlich aufgeben. Er will nicht, daß wir uns in Rollen pressen lassen: Zu alt, zu jung, zu unerfahren...

Was denken sie, wie das immer wieder war bei unseren MitarbeiterInnen oder denen, die sich für die Wahl zum Kirchenvorstand haben aufstellen lassen? Meinen sie, da sind immer alle gleich Feuer und Flamme? Glauben sie, alle haben "hier!" gerufen, als es darum ging, jemanden für die eine oder andere Aufgabe oder das Kirchevorsteheramt zu finden? Denken sie, diese Menschen sind immer begierig darauf gewesen, vor anderen zu stehen, zu sprechen und gar Verantwortung für sie zu übernehmen?

Aber überwunden haben sie sich, alle, oder besser: überwinden lassen! Wohl hieß es zuerst bei ihnen auch oft und immer wieder: "Kann ich nicht, nicht mein Fall, zu ängstlich, zu schüchtern, was werden die Leute sagen?" Aber wenn es dabei geblieben wäre! Viele Menschen in unserer Gemeinde - und auch die Betroffenen selbst - wären um viele gute Erfahrungen ärmer; unsere ganze Gemeinde wäre nicht dieselbe!

Es ist schon so: Wir sollen wachsen - das ganze Leben hindurch. Wir sollen die Aufträge Gottes an uns hören, wahrnehmen und erfüllen. Wir werden immer wieder sehen und beglückend erleben: Gott gibt die Kraft, die stärker ist als die Angst.

Ich glaube, es muß so heißen: "Schuster, verlaß' auch einmal deinen Leisten! Laß dich nicht in eine Rolle zwängen, du bringst dich sonst um die besten Erfahrungen. Steig auch einmal auf ein Pferd, du wirst sonst nicht reiten lernen.Der Gott Jeremias, der auch unser Gott ist, will uns heute Mut machen: "Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir!"