Predigt am Trinitatisfest - 18.6.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Eph. 1, 3 - 14

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluß, den er zuvor in Christus gefaßt hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, daß alles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist. In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens; damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit - in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.

Liebe Gemeinde!

Ein bißchen schwer zu verstehen ist er ja schon, dieser Text! Und das ist nicht alles! Er enthält auch Gedanken und Worte, die uns einiges zu grübeln aufgeben! "Denn in Christus hat Gott uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war..." Das kann man ja noch begreifen. Aber das andere?: "...in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat..." Gehen sie da noch mit? Wenn wir wirklich "vorherbestimmt" wären, was könnten wir denn dann anderes tun, als wir tun und anderes glauben, als wir glauben? Ja, wäre denn dann nicht auch der Ausgang am Ende klar: Eben Gnade, die Gott für seine Kinder bereiten will!? Gibt es in diesem Fall denn überhaupt noch eine Entscheidung? Was hängt denn dann noch ab davon, ob ich mich etwa um Liebe, Treue, Verläßlichkeit und Gottvertrauen bemühe?

Dabei haben wir jetzt wie selbstverständlich angenommen, daß wir das sind: Erwählt, vorherbestimmt... Aber könnte es nicht auch anders sein? Wenn alles an Gottes Willen und Bestimmung liegt? Und wenn offenbar unser Glaube, unser Wollen und Vollbringen so gar nichts bedeuten! Und - sprechen wir es aus - wenn wir also gar nicht so frei sind, wie wir doch immer gedacht haben! Wobei wir uns die Unfreiheit ja noch gefallen lassen würden, wenn nur für uns am Ende die Gnade steht! - Und trotzdem: Recht und gerecht in unserem Sinn ist das auch den anderen Menschen gegenüber nicht, die sich vielleicht ein Leben lang nicht um Gott scheren und dann doch bei ihm Erbe und Kindschaft antreten. Und auch das paßt uns nicht: Wenn sie sich vielleicht ja auch mühen und ein gutes Leben führen, Glauben an Gott haben und in vielleicht schwieriger Zeit behalten - und dann heißt es schließlich doch über ihnen: Erwählt zur Ungnade, vorherbestimmt für den ewigen Tod? Kann das sein? Darf das sein?

Liebe Gemeinde, jetzt versuchen wir wirklich nach Kräften diesen schwierigen Text zu verstehen...und können es doch nicht! Und ich glaube, das liegt daran, daß wir schon seinen Ansatz, seine Voraussetzung nicht begriffen haben! Vielleicht will der Schreiber ja gar nicht in diese Klügelei eintreten, in die wir uns aber haben führen lassen? Vielleicht sind das ja gar nicht seine Fragen, die wir doch aber stellen: Ob wir denn erwählt sind oder gar vorherbestimmt? Vielleicht interessiert ihn ja gar nicht, ob der Mensch frei ist oder unfrei, ob er seinen Willen tun kann oder Gottes Willen tun muß! - Was aber könnte dann sein Interesse sein? Was will er sagen?

Ich glaube, das hat mit dem Lob zu tun, mit der Freude und der Dankbarkeit! Und ich will das festmachen an seinen Worten. So fangen sie ja gleich an: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus..." Und so gehen sie weiter: "...in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade..." - "In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden...damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit..." Und schließlich enden die Worte so: "...daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit."

Hier ist ein Mensch ganz und gar begeistert von Gott! Wie Gott in Jesus Christus an seinen Kindern handelt, hat ihn überwältigt! Vielleicht kam er ja aus einem Leben her, das arm war und elend, ohne Aussicht auf Veränderung, schon gar nicht auf Zukunft und Erlösung. Nun aber hat er Gott gefunden, hat gehört, daß er seinen Sohn für die Menschen geopfert hat - und eben auch für ihn ganz persönlich! - das erfüllt ihn mit unbeschreiblicher Freude, darüber ist er so dankbar, das hat ihn völlig verändert und umgekrempelt! Wundert es uns da, wenn dieser Mensch so überschwänglich spricht? Wenn er sogar Gedanken äußert, die fragwürdig und umstritten sind, ohne daß ihm das selbst überhaupt aufgeht!? "Gott hat uns erwählt, vorherbestimmt, versiegelt für sein Heil!" Wird er denn dabei darüber nachgedacht haben, ob "Bestimmung" noch Platz für unsere "Freiheit" läßt? Fragt dieser Mensch sich wohl ernsthaft, ob wir unserer "Erwählung" oder "Versiegelung" denn auch zuwider handeln können? Ist das diesem Menschen nicht vielmehr absolut gleichgültig und käme ihm denn wohl je in den Kopf, über unsere "Willensfreiheit" zu sinnieren? - Ein Begeisterter ist er, kein Grübler! Einer der durchdrungen ist von Freude! So einer wird doch nicht die tiefsten theologischen Fragen bewegen, sondern jubeln und Gott loben - und das tut er ja auch reichlich! Und gewiß wird er keine Zeit mit solchen Überlegungen verschwenden: Ob wir frei sind vor Gott, ob wir tun können, was wir wollen oder tun müssen, was wir sollen. Das kann er sich schlicht nicht vorstellen, daß einer wirklich solche Gnade von Gott erfährt und sich dann gegen sie stellt, daß er von seiner Rettung durch Jesus Christus hört und sie dann gar nicht haben will, weil er auf seiner Willensfreiheit beharrt. Nein, das ist absolut außerhalb aller seiner Vorstellungskraft!

Was machen wir nun aber mit seinen Gedanken, mit seiner Freude, seinem Loben und Preisen Gottes? - Ist das wirklich noch eine Frage? Kann es auch für uns etwas anderes geben, als daß wir einstimmen mit ihm, daß wir auch wahrnehmen, was Gott für uns getan hat, auch staunen und uns wie er darüber freuen und mit unserem Mund davon singen und darüber jubeln?

Ja, das Wahrnehmen ist das erste! - Nehmen wir also wahr! Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat uns gesegnet mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Gott fragt nicht, ob wir dessen wert und würdig sind, er tut das einfach! Er gibt unserem Leben einen Inhalt, eine Richtung und ein Ziel, er begleitet uns und macht, daß wir ihm vertrauen können und im Glauben an ihn inneren Halt finden. "...in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein..." Kinder - wir sollen also erben, was uns eigentlich gar nicht gehört! Wir haben ja bei ihm, unserem Vater, nichts vorzuweisen, nichts verdient, nicht das kleinste Recht...und doch sollen wir ewig bei Gott bleiben dürfen! "In ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen..." Alles was gewesen ist in unserem Leben, zählt nicht mehr, woher wir kommen, unwichtig! Bei ihm fangen wir neu an, bei ihm bekommt unser Leben Sinn und Erfüllung - keiner darf uns mehr auf das verhaften, was gestern oder gar vor Jahren gewesen ist. Wir sind neue Menschen bei ihm, Kinder, Erben... Und vielleicht ist jetzt ja wirklich das Staunen und die Freude für uns das zweite, was wie von selbst aus aller Gnade und Liebe Gottes zu uns entsteht.

Und warum tut Gott das alles an uns? Doch ganz gewiß nicht, daß wir jetzt so zu denken anfangen: "Bin ich nicht unfrei, wenn Gott mich zu seinem Kind macht? Ist das noch mein Wille, wenn er mir das Leben und die Ewigkeit schenken will!?"

Nein, Gott tut es, wenn wir überhaupt noch nach einem Zweck seiner unverdienten Barmherzigkeit fragen wollen, darum: "...damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit" und "daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit." Und so soll unser Loben und Rühmen, unser Preis und Dank das dritte sein, zu dem uns das Wahrnehmen, das Staunen und Freuen führen will! Denn das ist, bei aller Schwierigkeit der Wörter und Gedanken, das eigentliche Anliegen des Schreibers dieser Zeilen: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten."

Wollen wir nicht einstimmen in das Lob Gottes? Wollen wir nicht den rühmen und ihm danken, der uns so begnadet hat - und nicht nur mit unserem Mund und unserem Denken - mit unserem ganzen Leben!?